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Mine Geschichtsbilder aus Oberhessen.
(Nachdruck verboten.)
Ein Berschen, besonders in der Wetterau Und int südlichen! Teile der Provinz Oberhessen verbreitet, (erntet -folgendermaßen,;
„Echzell, Bingenheim und Gettenau, Das sind die Blumen der Wetterau!"
So ganz Unrecht hat dieses Berschen nicht, beim die drei Dörfer Echzell, Bingenheim, Gettenau liegen in einer fruchtbaren, lieblichen Gegend, wie man sie nicht grade häufig findet. Daher kommt es, daß, diese Dörfer schon vor vielen, vielen Jahren und Jahrhunderten, vielleicht schon vor zwei Jahrtausenden, wenn auch nur in kleinen Anfängen, vorhanden waren, und darum haben sie eine interessante Borgeschichte. Das hat den Schreiber dieser Zeilen angereizt, sich mit dieser Geschichte etwas näher zu befassen. Das Meiste davon — besonders die alte Geschichte — ist ausgiebig durch Gelehrte und Geistliche, vorzugsweise durch den verstorbenen Herrn Kirchenrat und Pfarrer Hoffmann zu
„Ja. Im Fasching heiratet sie einen Herrn Burkhardt ans Wien — ich glaube, er ist bei einer Bank angestellt."
„Das Heiraten scheint ja auf einmal epidemisch aufzu- treten! Aber nun kommt, Kinder, setzt euch, wir wollen den Teo trinken, damit ihr euch ein wenig, erwärmt."
„O deshalb! Mir ist gar nicht kalt." sagte Isa Renner und Herta lächelte: „Wundert mich — sonst bist du doch der reine Eiszapfen — in Bezug auf Gefühle nämlich!"
Meta goß den Tee ein und schob ihren Freundinnen allerlei gute Dinge hin.
„Wieso Eiszapfen?" fragte sie zerstreut.
„Ach, du mußt nämlich wissen. Meta, daß Isa nicht ein bißchen, verliebt ist. Sie und Rudolf zu sehen, ist eigentlich komisch." . „ ,
„Entschuldige, wir haben uns sehr lieb! Nur so narrisch sind wir nicht wie du und Adolf!"
Meta blickte überrascht auf Isa.
„Wie — du warmherziges Ding gehst eine Vernunft- ehe ein?"
„Wenn du's so verstehen, willst, wie man's gewöhnlich versteht — nein! Rudolf und ich find aber der Ansicht, daß die Liebe durchaus nicht die Hauptsache ist bei der Ehe."
„Nicht? Ja, was denn?" .
„Vernunft, Treue, Achtung und der gegenseitige Wille, das Leben unter allen Umstünden — mag's gut oder böse kommen — miteinander zu tragen."
„Aber das ist ja Liebe!"
„Nein, das ist mehr als Liebe. Liebe ist ein flüchtiges Element — wenigstens das, was man gewöhnlich unter Liebe versteht — sie ist ein Uebergangsstadium, in dem der Mensch zum Teil der klaren Vernunft beraubt ist. Eine Art Fegefeuer, aus dem man. ebensogut in die Hölle als in den Himmel kommen kann. Die Ehe ist der Himmel."
Meta stand auf und trat an den Kamin, um dort das Feuer aufzustöbern. Ein hartes Lachen kam über ihre Lippen.
„Kind — man sieht, du bist noch nicht verheiratet! Lerne erst diesen „Himmel" kennen!"
„Ich hoffe es. Natürlich meine ich die wahre Ehe. Verheiratet sind ja so viele."
„Es gibt eben glückliche Ehen und unglückliche und solche, welche keines von beiden, find."
„Entschuldige: es gibt nur eine Ehe und diese ist immer glücklich! Die anderen, welche du meinst, sind eben keine Ehen."
„Du bist wirklich außerordentlich! gescheit geworden, seit wir uns nicht gesehen haben!" spöttelte Meta kühl. „So gescheit, daß mir deine Worte etwas dunkel bleiben... Du meinst also, daß man ohne Liebe heiraten soll?"
„Durchaus nicht. Liebe ist ja die Basis aller vernünftigen Dinge. Nur verliebt braucht man nicht zu sein; denn Verliebtheit macht blind. Und dann — nicht jede Liebe befähigt den Menschen zur Ehe."
„Wie soll er denn dies vorher wissen? Da bist du schon ad absurdum geführt, siehst du?"
„O nein. Mit mathematischer Sicherheit wissen kann es allerdings kein Mensch. Aber soweit seine Vernunft reicht, kann er das seinige tun, indem er sich den Ernst der Ehe recht klar vor Augen führt und sich! daraufhin selbst prüft. Vor allem muß er die Illusion abtun, daß dte Ehe ein Freudentempel ist mit ewigem Sonnenschein, in dem es lustig zugeht. Sie ist vielmehr ein ernstes Heiligtum, dem sich der Gläubige schweigend und demütig naht und dessen würdig zu werden, sein Wille ist."
Herta lachte hell auf.
„Da siehst du's nun selber, wie Isa geworden, ist! Komisch, nicht wahr? Adolf sagt immer, wer mit so viel Gedanken in die Ehe geht, sollte lieber draußen bleiben. Herzhaft verliebt sein und hineinspringen — das ist das Beste!"
Isa schwieg. In ihren Augen war ein stilles Leuchten, das ihr sonst nicht besonders schönes Gesicht eigentümlich verllärte.
Meta dachte an ihre Mutter. Daun warf sie den Kopf zurück und strich sich über die Stirn.
„Ja, Isa, du redest wirklich wie ein eisgrauer Professor und rein theoretisch dazu. Warte mal erst die Praxis ab — dann reden wir wieder über die Ehe. Und nun, Kinder, seid mal ein bißchen lustig — ich hab' mich närrisch gefreut auf diesen Nachmittag, Wir wollen ganz vergessen, daß
inzwischen Männer in unser Leben getreten sind, und harmlos plaudern wie einst — ja?"
Herta und Isa waren einverstanden. Aber es ging doch nicht recht. Unvermerkt kau: man doch bei allen Dingen schließlich au. einen Punkt, der die Existenz des einen oder andern Mannes berührte.
Etwas fiel den Rennermädchen aus: Meta war sehr zugeknöpft in Bezug auf ihre Ehe.
Bereitwillig zeigte sie den Freundinnen ihre Wohnung und allerhand hübsche Dinge, welche sie von ihrer Hochzeitsreise mitgebracht hatte, ließ ihre Toiletten und den Schmuck, den ihr Petermann gekauft hatte, anstaunen, schilderte ihnen die Schwiegereltern, die genau so kühl und reserviert waren, wie am ersten Tage ihrer Bekanntschaft und mit welchen sie.trotz der räumlichen Nähe kaum in Berührung kam, und zählte die Häuser auf, in welchen man Besuch machen wollte. — Aber von Niki Petermann sprach sie kaum ein Wort.
Er sei sehr viel in der Fabrik — auch heute — erwähnte sie, als Herta um ihn fragte. Dann ging sie rasch auf die Winterpläne über.
„Auf dem Konkordiaball werde ich wahrscheinlich Patro- nesse sein," sagte sie. „Und beim Statthalter sind wir auch zu den Jours geladen. Meine Schwiegermutter legt großes Gewicht darauf, daß ich dort viel verkehre. ..."
Meta sagte es ganz ohne Prahlerei, völlig gleichgültig.
„Dann wirst du ja dort auch mit Prinz Joachim, zu- sammentrefsen, der kürzlich als Kommandierender hierher versetzt wurde!"
„Wahrscheinlich. Habt ihr den Prinzen schon gesehen?"
„Ich nicht," sagte Isa, „aber Herta ist ganz entzückt von ihm."
„Das heißt, weniger von ihm als von seinem Adjutanten, Hauptmann v. Münster. Ich sage dir, Meta, nimm dich in acht! Ganz G. ist vernarrt in diesen Michael von Münster! Er ist aber auch ein Prachtmensch ! Der schönste Mann, den ich je sah."
„Na — na — was sagt denn Adolf Helmer zu dieser begeisterten Schwärmerei?"
„Er lacht siegessicher und hat natürlich ganz recht. Es ist ein völlig platonisches Schönheitsgefühl, welches mich für Münster begeistert."
„Nun, ich habe nie für „schöne" Männer geschwärmt. Sie sind meistens langweilig. Was ist denn sonst los in G.? Ich muß erst Fühlung bekommen mit allem . . ."
„Viel los ist in G. ja nie. Der neue Kommandierende hat natürlich das Hauptinteresse. Nach ihm kommt das Theater. Der neue Direktor soll vorzügliche Kräfte engagiert haben. Besonders für die Oper."
Meta spielte mit einem der kleinen goldenen Teelöffel.
„Und das Schauspiel? Die Torloui ist ja weg, wie ich hörte . . . Hat man schon einen Ersatz?" fragte sie langsam.
„Ja, ein Fräulein Eva Lüders, llebrigeus ist die Torlvni nur vom Theater weg. Sie bewohnt nach wie vor ihre Ringstraßenwohnung und macht durch ihren Toilettenluxus von sich reden."
„So?" Meta sagte es völlig gleichgültig. Aber Isa, welche zufällig aufsah, bemerkte, wie sie einen Schatten blässer wurde und wie in ihre Augen ein seltsames Flimmern trat.
In diesem Moment ging die Tür aus und Niki Petermann trat ein.
(Fortsetzung folgt.)


