Ausgabe 
5.11.1913
 
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lief)en Einsegnung wird sieh Peter Dechner uimnierinehr be­quemen !"

Und ohne eine solche werde ich nimmermehr deine Frau werden!" Mit derselben Entschiedenheit hatte sie es gesagt, o, sie konnte auch ihr Köpfchen aufsetzen, und Peter sollte sehen, daß sie keine willenlose Puppe war.

Das Blut war ihr in die Wangen geschossen; der Schein der dunklen Ampel floß wie ein Zauberduft um ihren schlan­ken, graziösen Wuchs und malte einen Rosenschimmer auf den Marmor ihrer entblößten Schultern.

Peter staunte die Wunder jungfräulicher Schönheit be­troffen au, aber nur einen Augenblick, dann schwoll ihm die Zornader, da ihm der Trotz des Mädchens zu unerwartet kam. Er packte sie am Handgelenk und fragte tu verhaltener Wut:Ist das dein letzets Wort? Ueberlege dir wohl, was du mir antworten willst! Ich frage dich noch einmal: Willst du heute noch mir als mein Weib in mein Haus folgen? Wenn du Liebe, wirkliche Liebe für mich empfindest, dann kann dir die Antwort nicht schwer werden."

Ich liebe dich, Peter, heiß und wahr, wie nur ein Weib den Mann ihrer Wahl lieben kann; aber wenn du mich so fragst, wie du eben tust, so -gewaltsam, so rücksichtslos, so hart und verletzend, dann ich weiß nicht, dann scheint es mir, als ob meine Liebe zu dir erkalten könnte."

Sabine!" mit diesem einen Rufe faßte er sie jäh um die Taille und zog sie wild und leidenschaftlich an sich.Du süßer Trotzkopf! Du weißt ja gar nicht, was du redest! Tu kannst ohne mich ja doch nicht leben!" Und weiter bedeckte er ihr Gesicht mit glühenden Küssen.

Einen Augenblick lang überließ sie sich wie gelähmt, nnt halbgeschlossenen Angen, diesen stürmischen Liebkosun­gen, doch plötzlich stieß sie ihn heftig von sich und fuhr ent­rüstet aus:Das sind Judasküsse! Komm' mir nicht zu nahe! Ich sage dir, rühre mich nicht mehr an! Ich rufe um Hilfe!"

Sei doch still, du Törin! Man hört uns sonst wirklich noch!" Zornig stand er vor ihr und flammte sie ans seinen unheimlich glühenden Augen an.Komm du heute mit mir? Ich frage es znm letzten Male, willst du mein werden?"

Aus diese Weise niemals, so wahr mir Gott helfen möge!"

So suche dir einen anderen, der zu der Narrenrolle besser paßt!" stieß er brutal hervor;du bist meiner nicht wert!"

Sie war blaß wie der Tod geworden.

Ich habe es verdient!" murmelte sie vernichtet; warum habe ich mich vou Adolf abgewandt?" Dann hob sie stolz ihr Haupt und sah ihn kalt und fremd an.Verlassen Sie mich!"

Peter gab ihr den Blick geringschätzig zurück.

Adieu, Fräulein Meerholt!" tönte es höhnisch von seinen Lippen. Er machte Kehrt und verließ das Zimmer.

Die Alleingebliebene preßte die Rechte gegen die .Herz­gegend und starrte mit leeren Augen auf die Kotillou- strauße.

Wo bleibst du, Kind? Kannst du sie nicht finden?" fragte Frau Julie, deren erhitztes Antlitz sich durch beit Spalt der halbgeöffneten Tür geschoben hatte.

Ich komme schon, Frau Lampert; ich mußte mein Kleid in Ordnung bringen, man hat es mir beim Tanz zerrissen."

Mit beiden Blumenkörbe!» in den Händen trat sie tu den Gang hinaus; sie hatte sich schnell gefaßt und wenn ihr das Herz auch schmerzhaft zuckte, so fand sie sich doch in den Gedanken, daß sie mit einem Manne wie Peter nie­mals hätte glücklich werden können.

Der Kotillon hatte begonnen und Sabine saß unter den Zuschauern, denn Peter, mit dem sie getanzt haben würde, hatte ,ohue Abschied zu nehmen, die Lampertsche Wohnung verlassen.

Sie tanzen nicht, Fräulein Meerholt?" fragte der Staatsanwalt das ernst dreinschauende Mädchen.Wo ist denn Ihr Bräutigam?"

Sie schaute zu dem Fragenden auf und erwiderte: Ich habe keinen Bräutigam, .Herr Staatsanwalt." Ein feines Lächeln lag jetzt um ihren Mund; sie war ein

Mädchen, das sich nicht so leicht durch irgend ein Ereignis ans dem Gleichgewicht bringen ließ.

Teil zog einen Stuhl neben den ihrigen, setzte sich zu ihr und fragte verwundert:Ich denke, Sie sind die Braut des Maurermeisters Dechner?"

Das glaubt alle Welt ich habe zu dieser Annahme nie Veranlassung gegeben ich bin nur befreundet mit den beiden Dechnerschen Brüdern."

Tell schaut der kühl und gleichmütig Sprechenden in die Augen; sie ertrug ohne Zwang seinen sorschenden Blick. Sonderbar! dachte er, was mag hier nur vorgefallen sein? Er würde die Unterhaltung vielleicht haben fallen lassen, wenn er nicht gerade jetzt bemerkt hätte, daß Sabine in der Tat ein Mädchen von ganz aiifsallendem Liebreiz war, und da die weibliche Schönheit fast aus jeden Mann wie der Magnet auf Eisen wirkt, so rückte er seinen Stuhl noch näher an sie heran und sagte mit gedämpfter Stimme: Dann habe ich mich tu einem Irrtum befunden; verzeihen Sie, Fräulein Meerholt!" Und nach einer kleinen Pause fuhr er verbindlich fort:Ich würde Sie um den Kotillon bitten, wenn ich kein zu ungeübter Tänzer wäre; vielleicht aber schenken Sie mir die Gunst Ihrer Nachbarschaft, so daß ich diesen Tanz mit Ihnen gewissermaßen absitzen darf."

Sie erwiderte belustigt:Eine ganz neue Art von Engagement es wird mir ein Vergnügen sein, Hern Staatsanwalt."

So blieb er denn neben ihr und weidete sich int ge­heimen an ihrer lieblichen Erscheinung.

Als die Sträußchen ausgetauscht wurden, holte der Staatsanwalt ein solches aus duftigen Maiblumen und überreichte es Sabine mit der Frage:Wollen wir nicht auch einmal herumwalzen?"

Auch zweimal, Herr Staatsanwalt." Sie lächelte schel­misch, stand auf und überließ sich ihm zum Tanze.

Wie er ihre schlanke Taille umfaßt hielt, durchströmte ihn eilt eigentümliches Behagen. Er trank ihren reinen Odem, und er fühlte, wie die Atmosphäre, die dieser warme, schwellende Körper aushauchte, ihn iu einen Glücksrausch versetzte, wie er ihn lange nicht mehr kennen gelernt hatte. Sie ist noch schöner als Ellen! Unwillkürlich hatte er diesen Vergleich ang-estellt, aber schon verdroß ihn derselbe, wie kam ihm jetzt die Erinnerung an Ellen? Er hatte den ganzen Abend nicht nn sie gedacht! Seine Beziehungen zu Giesdorf waren endgültig abgebrochen; was ging ihn das hochmütige Landfräulein an, das ihn längst aus ihrer Erinnerung ausgetilgt haben mochte? Das Mädchen hier, das er im Tanze drehte, das war wahrscheinlich anderer Art; es wurde sich sicher geehrt fühlen, wenn er um ihre Gunst würbe; sie war ja nur die Tochter eines kleinen Sub- alternbeamten, sie sah zu ihm, dem studierten Manne,i gewiß wie zu einem Halbgott empor. War er ein Halbgott? Er hätte bitter auflachen mögen, er, der Sohn eines umher- ziehenden Gauklers und einer etwas anrüchigen Schönen! Teufel! Wie gut er zu dieser Sabine passen würde! Oder vielleicht paßte er noch nicht einmal zu ihr; vielleicht würde ihm auch dieses anspruchslose Mädchen einen Korb geben, wie sie einen solchen doch wohl auch feinem Stief­bruder Peter gegeben haben mußte?

Er schaute mißmutig drein, als er wieder Platz ge­nommen hatte, und ein leiser Seufzer entrang sich seiner! Brust.

Sind Sie unzufrieden, Herr Staatsanwalt?" fragte seine Nachbarin in sorgender Anteilnahme.

Wie berückend ihm diese Worte ins Ohr klangen, wie weich und wohlig sich diese Silberstimme in sein Herz schmeichelte!

Wer ist heute nicht unzufrieden, Fräulein Meerholt? Oder sind- Sie ein Sonntagskind, dem das Leben noch nie ein ernstes Antlitz zeigte?"

O, auch ich weiß, daß wir nicht znm bloßen Vergnügen aus der Welt sind- aber ein Mädchen hat schweigend zu dulden. Wie beneide ich Sie, Herr Staatsanwalt! Als Mann dürfen Sie känipfen und ringen, um das Glück beim Schopfe zu fassen!"

(Fortsetzung folgt.)