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ßöman von Gerhart ü. A m yntor (Dagobert v. Gerhardt).
, (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Der dicke Lohndiener Müller hinkte mit einem Riesen- vrett herein, auf dem ein Gebirge von Lachs- und Kaviarbrötchen. aufgestapelt war; er sah gar nicht mehr verdrießlich aus; den Aerger über seine Knieverletzung hatte er längst im Champagner ersäuft, den er hinten in der Küche reichlich zu sich genommen hatte, und in seiner weinseligen Stimmung vergaß er sich so weit, die Wirtin nachzuahmen und seine Delikatessen mit den Worten anzubieten: „Langen Sie nur feste zu! Es ist noch viel mehr draußen; nachher bringe ich noch Gänseleber!"
Völker stand wieder neben seinem Freunde Tell und meinte verwundert: „Das ist ja eine Abfütterung, als wenn wir sechs Wochen Fasten im Leibe hätten!"
„Ich fürchtete dies Uebermaß", versetzte Teil etwas verschämt; „die gute Fran Lampert denkt; je mehr materielle Genüsse, um so angenehmer."
„Lassen wir ihr den frommen Wahn. Ich amüsiere mich köstlich! Sehen Sie nur diese unvergleichliche Mieseke; ob sie nicht"einige Kaviarbrötchen einstecken wird? Das Proviantmagazin, das sie auf ihrem Teller angelegt hat, kann sie doch unmöglich vertilgen wollen."
„Bitte, zum Contre zu engagieren!" donnerte Knoblauchs Stimme durch den Saal.
„Was? Noch immer nicht der Kotillon?" fuhr der enttäuschte Hausherr auf. Er eilte zum Bortänzer, um ihm seine Bedenken vorzutragen.
„Bedauere, Herr Lampert, es wird noch ein Contre eiu- geschoben, Ihre Frau Gemahlin wünscht, daß der Kotillon nicht vor zwei Uhr beginnen soll, und es fehlen noch zwanzig Minuten."
Mit einem Seufzer der Ergebung zog sich der Hausherr zurück: „Wenn das nur gut geht", brummte er vor sich hin, „meine Frau mutet sich heute zu viel zu!"
Die Francaise begann. Der erschöpfte Klavierspieler hämmerte mit schon halb gelähmten Händen, auf die Tasten: wenn er auch noch krampfhaft Takt hielt, so griff er gelegentlich doch grausam fehl; auf eine Hand voll falscher Töne kam es ihm gar nicht mehr an. Knoblauch, der des Komman- dierens-einer Francaise unkundig war, hatte dieses Amt einen', der jüngeren Herren übertragen, und dieser entwickelte eine Kraft und Fülle der Stimme, die eines Bataillons- Kommandeurs auf dem Exerzierplätze würdig gewesen wäre.
Nach der Francaise erschien der hinkende Müller mit der in Aussicht gestellten Gänseleber. Dazu präsentierte ein anderer dienender Geist deutschen Schaumwein in Punschgläsern.
Frau Juliens Blicke suchten Sabine, die mit ihrem Bräutigam in einer Ecke zusanunensaß und plauderte.
„Kind, Du mußt mir einen Gefallen tun. Die Kotillon- sträuße sind in der Eckstube, hinten im Gange, Du weißt ja, hole sie und laß sie von Herrn Knoblauch bereit halten."
Sabine war aufgesprungen und huschte leichtfüßig durch die nach dem Hofflügel führende Tür.
Peter, der den ihr gewordenen Auftrag vernommen hatte, schlich ihr nach einer Weile nach; kein Mensch bemerkte seine Entfernung aus dem Tanzsaale.
Der nach der Küche führende Gang war erleuchtet; unschwer fand der verliebte Bräutigam die Tür zu der Eckstube. Geräuschlos öffnete er, trat schnell über die Schwelle und drückte ebenso schnell die Tür wieder hinter sich ins Schloß.
Auf dein Tische in deur Von einer Ampel matt erleuchteten Raume lagen zwei flache Körbe mit frischen Sträußchen, die einen starken Flieder- und Maiblumenduft Verbreiteten. Sabine hatte einen der Körbe erfaßt, als ihr Peter den Arm um die Taille schlang.
„Mein Gott. Wo kommst Du denn her?" fragte sie erschrocken und ließ den Korb auf den Tisch zurückfallen.
„Ich mußte Dich endlich einmal unter vier Augen sprechen, Geliebte! Da vorn ist man vor den zudringlichen Blicken der anderen teilte Minute sicher."
Er zog sie auf das Sofa nieder, preßte sie fest an sich und berauschte sich in flammenden Küssen.
„Peter, hör' auf, ich will das nicht — verstehst Du?"
Sie war über die Glut seiner Liebkosungen erschrocken, und sich heftig wehrend, suchte sie sich loszureißen.
Mit überlegener Kraft hielt er sie fest: „Sträube Dich doch nicht so. Du Närrchen! Ich tue Dir ja nichts."
„Du läßt mich gehen, Peter, auf der Stelle! Wenn jemand hier hereinkommt?!"
„Dann sähe er, wie ei» Mann und eine Frau zmam- mensitzen; das wäre auch kein Unglück."
„Ich bin nicht Deine Frau; ich bin nur Deine Braut."
„Das ist genau dasselbe, oder meinst Du, Du wirst eine andere, wenn Du mit mir auf dem Staudesainte gewesen bist?"
Sie sah ihn befremdet an; ihre fein gezeichneten Brauen zogen sich leicht zusammen.
„Ich verstehe Dich nicht." . . .
„Du sollst mich gleich verstehen. Sieh, mein süßes Herz, ich bin so toll in dich verliebt, daß ich nicht länger die Rolle des bloßen Bewunderers spielen will; wir schicken nachher deine Mutter unter Adolfs Schutz nach Hanse, und du ziehst gleich heute zu mir."
Sie gab ihm einen leisen Schlag auf die Hand, in i ich er er die Wange streicheln wollte, und sagte ungeduldig: „Jetzt laß' mich gehen, auf solchen Unsinn gebe ich keine Antwort." „Es' ist Teilt Unsinn, es ist mein voller Ernst, und wenn du mich wirklich lieb hast, so wirst du tun, was ich begehre. Und das schwöre ich dir: Zn dem Unsinn einer kirch-


