Ausgabe 
5.7.1913
 
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ständnis dafür. Gerade was ihm in Bvsbolvitz Mm Verkaufe vvn Anstiößbörteln, Knöpfen, Resormhafteln fo nützlich gewesen war, seine znvorlio m m end - mimtcre, scherzgeneigtc Art, galt bei den KäisekiÄgcrn für unmilitärisch. Namentlich war es ein italie­nischer Zugführer, der Jelinek große Schwierigkeiten machte. Er­nannte ihn gerneporco tebegto" und so geschah cs dem.Jelinek, was ihm früher nie geschehen war, daß er für einen Tcutsche-n gelten durfte. Auch zu den Kameraden wollte sich lein rcclchds Verhältnis Herstellen und was die Mädchen vvn Riva betraf, fo waren sie entweder überhaupt unzugänglich oder nur gerade für den Jäger Jelinek. Um die Weihnachtszeit erbat Jelinik beim Rapport einen achttägigen Urlaub nach Hause, erhielt aber statt dessen wegen feiner schlechten Haltung einen ebenso langen Kasernen­arrest. Während der Feiertage, da er beschäftigungslos und einsam auf seinem Strohsache herumlungerte selbst der Besuch der Kantine tottr dem Arrestanten verboten beschloß er kurzerhand, seinen Abschied zu nehmen. @r- wartete nur mehr das Ende seiner Arreststrafe ab, dann schlenderte er an einem sonnenwarmen Machmittag zum Kasernentor hinaus und nahm in einem Wirts­haus weit draußen eine große Schachtel in Empfang. Dieser. Kostkarton fand sich einige Tage später auf geheimnisvolle Weise vor dem Kasernentor und enthielt alsdann Ignaz Jelineks ge­samte dürftige Montur. Der aber früher diese schlotternden Hosen, diesen allznweiten Waffenroch nnd die faltige Kappe ge- tragen hatte, fuhr uni dieselbe Zeit seelenvergnügt mit L-odeu- onzug, Gemsbart und Touristenabzeichen, behaglich rauchend und schmunzelnd von Mailand nach Genna.

Tort sand Ignaz Jelinek, kurz bevor er seinen letzten Fünf- lireschein wechseln mußte, ein bescheidenes Unterkommen als deut­scher Korrespondent beiFratelli Ascoli, merci coloniali". All- mühlig lernte er italienisch und erwies sich seinen Brotherren so nützlich, daß sie ihn mit der Vertretung des Hauses an der Waren­börse betrauten, was wiederum von ungemeinem Nutzen für die Erweiterung seiner kaufmännischen Bildung und seines ganzen Gesichtskreises war. Ganz besonders interessierte ihn die Be- wegung auf dem Kautschuliuarkte, er lernte die Ware und ihre Kreise kennen und wagte sich hier und da schon an ein klcinejs Spekulationsgeschäft auf eigene Rechnung. Und als er auf solche Art, vier oder fünf Jahre seit seiner Desertion mochten wohl vergangen sein, seine paar Tausend Lire beimCreditö mvbiliare" liegen hatte, da beschloß er, in das Ursprungsland des Gummi­baumes an die Westafrikanische Küste zu gehen und dort teilweise für eigene Rechnung, teilweise für die der Brüder Ascoli, von' denen er mit namhaften Mitteln versehen war, das kostbare Pro­dukt gegen Glasperlen, Messingringe, bedruckten Kattun einzu­tauschen.

Schon lange hatte Ignaz Jelinek schwer darunter gelitten, daß er in sein Vaterland nicht znrüchkehren konnte. Darum wäre er gern italienischer Staatsbürger geworden. Aber da hätte ihm wiederum zumindest ein halbes Militärjahr geblüht, darum ge­dachte er denn irgendwohin soll der Mensch doch gehören Engländer zu werden. Und in der Kolonie Grapetown war sein erster Gang zum britischen Gouverneur, dem er seine Absicht kundgab, ein Angehöriger des Königreichs Großbritannien zu werden. Der Kanzler nahm Jelineks Gesuch mit großer Jnteressen- losigkeit entgegen, vielleicht legte England nicht allzuviel Wert auf diesen neuen Staatsbürger, vielleicht war der Beamte auch ein wenig ungehalten über die viele Schreiberei, die ein solches Anliegen mit sich bringt. Kurz, in den Wochen, die Jelinek zur Ausrustüng seiner Karawane brauchte, war die Erledigung nicht gekommen. Indessen hatte er mit großem Eifer die Kamele und Träger ausgeivählt, die den Kautschuk cs durfte schließlich auch Elfenbein oder gediegenes Gold sein auf ihrem Rücken atcs dem Innern nach Grapetown schaffen sollten, und die kleine.Truppe eingeborener Soldaten, die mit ihren Winchestergewehr'en die Sicherheit der Karawane verbürgen mußten. Und als Ignaz Je­linek im schlohweißen Tropestanzuge, die Browning Pistole in gelben Leibgurt, quer über dem Rücken das kurzläufige Magazingewehr, auf seinem Dromedar an der Spitze des' Zuges landeinwärts' ritt, da konnte er sich eines' Lächelns nicht erwehren, wenn er gedachte, daß niemand anders' als er, der gewesene Kaiserjäger Ignaz Jelinek aus Boskowitz, Mähren, jetzt als eine 'Art Feldoberst an der Spitze seiner Getreuen unbekannten Abenteuern, Gefahren und Reichtümern entgegenritt.

Die Karatvane war von Glück begünstigt. Mit Hilfe not­dürftiger Landkarten Und eines geschickten Dolmetschers fanden sie den Weg gerade zu den Stämmen, die am meisten Kautschuk ge­erntet, und den größten Bedarf au Messingringen, Glasperlen und bedruckten Kattunen hatten. Und hier kam dem Karawanm- Käuptling wiederum seine gefällige und entgegenkommende Natur- aiilage zu statten. Es machte ihm gar nichts aus, ob in einem Dorf wehrhafte Männer oder bloß Frauen und Kinder waren; niemals ließ er die Besitzer reicher Kautschukvorräte, wie dies e zu jener Zeit wohl üblich war, vor Beginn der geschäftlichen rredung ausknüpfeu, sondern er kaufte genau so ein,, wie er es in Italien gemacht hätte: Er besah sich die Ware und gab dann un­gefähr ein Viertel dessen, was recht und billig war. So ging ihm schon viele Tagereisen weit her Ruf eines gerechten, weißen Und gütigen Gebieters voraus. Vier Monate war die Karawane unterwegs, da gelangte sie zu einer Missioiiärstation, genannt

Niamba, wo sie einige Tage Rast machte. Diese Station, tfe an der gewöhnlichen Karawanenstraße lag, hatte Ignaz Jelinek auscrscheu, um dort Nachrichten in Empfang zu nehmen. Als er den Postbeutel öffnete, fiel ihm zunächst ein Brief mit der Schrift seiner Mutter in die Hande. Zitternd riß er ihn auf und da stand, daß es dem Vater gar nicht gut ginge und wie traurig es sei, wenn ein Kind iiicht mehr in der Sterbestunde des Vaters da sein dürfe. Mer wenn Ignaz Jelinek wollte, S> Hebe es noch ein Mittel. In seiner großen Güte hätte der Kaper allen Deserteuren, die sich selber meldeten, Straflosigkeit zugesichert. Und wenn Jelinek ein Herz für seine armen alten Eltern hatte, sollte er gleich zurückkommen und seinen Jugend­streich gut machen.

In der Nacht, die darauf folgte, tat Ignaz Jelinek kein Auge zu und am Morgen gab er seinen Scutcn den Befehl, sich reife» fertig, »u machen. Während die letzten Ballen verschnürt, die Proviantbeutel, die Futtersacke und Wasserschläuche gefüllt wur­den, zog Jelinek mit dem Bleistifte auf der Karte einen geraden Strich, der führte von Njamba nach dem nächsten Hafenplatz. Freilich, das mar nicht Grapetown, aber ivas kümmerten ihn nun die Weisungen seines Genueser Hauses, was die Entscheidung des britischen Gouverneurs 'über feilt Gesuch, er wollte heim. Unwillig murrten Trager und Soldaten, als von der Straße m den Busch abgeschwcnkt wurde, aber das Versprechen dreifacher Löhnung besänftigte sie. Hielt man sich unterwegs nicht länger auf, so konnte die Karawane in vierzehn Tagen an der Küste sein.

Eines freilich hatte der Herr der Karawane übersehen: Daß es auch in jenen wilden und von andern europäischen Einrich­tungen ganz unberührten Landstrichen etwas gibt, wie eine Staats­gewalt. Die Gegend, die er bisher durchstreift, war englischer Schutzhohcit untertan gewesen und England gibt den Kautschuk­handel frei, weil es bei der Ausfuhr eine ansehnliche Abgabe, erhebt. Der Kongostaat aber hat sich die Ausbeutung des Gummi­baumes das 'Monopol Vorbehalten und verfolgt aufs grausamste jeden, der sich dagegen vergeht. Die Linie nun, die. Jelineks Bleistift zur Küste gezogen hafte, kreuzte einen wenige Meilen breiten Streifen kongolesischen Gebietes, der wie eine lange und schmale Ziiiige in das britische Gebiet hineinragte. Freilich, die Grenzen waren nicht abgesteckt und viel umstritten. Kein Schlag­baum warnte, kein Zollwächter schreckte Jelinek, als er drei englische Meilen nach dem Eintritt in jene Landzunge feilt Lager aufschlug. Um das Morgengrauen nun begannen die Kamele unruhig zu schiiauben. Mit einem Male fielen Schüsse und als dic schlaftrunkeiien Träger und Soldaten sahen, wie die Wacht­posten am Lagereingang zusammenbrachen, warfen sie sich auf "bic Knie. Den Browning in der erhobenen Hand trat Jelinek vor sein Zelt, doch ließ er die Waffe sinken, als er sich nicht wilden Neger- Horden, sondern einer Truppe uniformierter Schwarzer mit einem weißen Sergeanten an der Spitze gegenüber sah. Der Sergeant fragte mit drohender Stimme im Namen des Königs Leopold, Be­herrschers des unabhängigen Kongostaates, ob sich die Karawane ergeben wolle. Das aber war um diese Zeit schon geschehen. Und jetzt waren die Soldaten nicht mehr Jelineks Soldaten, sondern die des Sergeanten und die Träger und die Kamele, die sein und der Firma Ascoli Gut, es mochte an die zehntausend Pfund wert sein, aus ihren Rücken getragen hatten, gehörten dein Sergeanten des unabhängigen Kongostaates. Und nun band der Sergeant dein Verbrecher, denn das war nun Ignaz Jelinek, die Hände hinter dem Rücken, schwang sich auf sein Kamel und schleppte den Ge­fangenen an einem Seile nach.

Wps weiter Ignaz Jelineks Schicksal gewesen, ist nie so recht ans Tageslicht gekommen. Denn die Verhandlung vor dem Militärgerichtshofe in Borna mußte in Abwesenheit des auf dem Transport verstorbenen Delinquciiteii durchgeführt werden. Doch ergab sie mit großer Gewißheit, daß die Konfiskation der Waren zu Recht bestehe, und daß den Sergeanten keinerlei Verschulden an dem Tode des Ignaz Jelinek treffe. Einige Wochen später kam die Nachricht von dem Schicksal der Karawane nach Grapctown und es ergab sich, daß mit einem Male das Gesuch des ehemals österreichischen Staatsbürgers Ignaz Jelinek um Ausnahme in den Verband des Königreichs Großbritannien in günstigem Sinne erledigt worden war. Da erhoben die. englischen Zeitungen einen großen Lärm und im Unterhause gab es eine erregte Debatte über diesen unerhörten Fall der Vergewaltigung britischer Inter­essen durch den kleinen Kongostaat. Drei englische Panzerkreuzer erschienen vor der Koitgomündiing und sechs Torpedoboote schickten sich an, stromaufwärts zu fahren. So hielt es die königlich kongolesische Regierung für das klügste, nachzugeben, ihr Be- bauern über den Vorfall auszusprechcu und ienen schmalen, lang­gestreckten Streifen Land, dessen Grenzverhältnisse ohnedies nie ganz klar gewesen waren, in gütlichem Wege an den mächtigen Nachbarn abzutreten.

Aus den Berichten über die englische Parlamentsdebatte er­fuhr endlich auch Frau Jelinek ihr Gatte war längst schon gestorben von dem traurigen Ende ihres Ignaz.und von den großen Reichtümern, die er, freilich nur sehr vorübergehend, besessen hatte. Freunde rieten ihr, in Brüssel Ansprüche geltend zu machen und gewiß wird sie irgenbeinmal irgendetwas be­kommen, denn die österreichisch-ungarische Diplomatie hat sich der Sache angenommen und cs gibt in irgend einem Archiv ans