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er niemals Mensch sein?! Und ich will es fein, ein Mensch, ein Mann, ein deutscher Mann will ich sein! Und der drüben im Schloß, der die Wut der braven Burschen bis aufs äußerste reizt, er hat mich auch geschlagen mit seiner Verräterseele! Wer befreit mich von der Schuld, daß ich seinetwegen schwach wurde und die Unwahrheit sagte! — Hilft mir der Verräter?"
Da fiel des Pfarrers Mick auf das Bild des gekreuzigten Heilands, das zu seinen Häupteu hing. — Es war ein altes Gemälde von hohem, künstlerischem Wert. Aus den Augen des Erlösers blickte unendliche Liebe, aber auch Unendliches Weh, und Tempel, der schon hundert- und tausendmal zu diesem Heiland auf geblickt, schaute jetzt wie gebannt in die Augen des Gottessohnes. Und er stand, Ivie von unwiderstehlicher, unsichtbarer Kraft getrieben, auf, nahm Hut und Stock unb sagte weich und ergebungsvoll: „Er hals allen, die ihtn weh getan!" Dann schritt er in den Abend hinaus. 1
Die kühle Luft tat ihm wohl. Schon hing die Dämmerung in den Fluren, die jetzt weit und breit int Unkraut wucherten. Schwache Mendröte zog sich in langen, schimmernden Streifen über bcn Himmel, und von den Wiesen stieg kräftiger Heuduft auf, und die Grille zirpte im Grase. Ein Bild reinsten, unendlichen Friedens.
Als er au den Busch saunt kant, der am Wege lag, da sah er, nicht zweihundert Schritt von ihm, bett Zug der Krüppel kommen. Langsam wie ein Leichenzug schritten sie vorwärts. Es war ein ergreifendes Bild: Vorn Etzinger, der junge, und neben ihm der Windmüller, beide das Kreuz auf der Brust, und I) in ter ihnen alle die andern, gebückt Und schlottrig, mit alten Zügen im jungen Antlitz. Gebrochene Jugend, junges Alter. Opfer des Krieges nnb Märtyrer der Freiheit waren sie bisher gewesen, und nun: ein Chor der Rache, nicht der ungestümen, wilden, stürmischen Rache, nein, der kalten, steten, uneniriunbaretl Und um so furchtbarem Rache.
Immer näher kamen sie, imnier näher, wie eilt schleichendes', mordlustiges Raubtier. Man hörte keinen Laut aus ihrem Munde, nur das Stelzen der vielen Krücken, das Klappern der Stöcke aus dem steinigen Feldwege klang herüber. Jetzt kamen sie au den Buschsaum, hinter dem Pfarrer Tempel stand, und der Pfarrer trat hervor und stand nun plötzlich seitlich von ihnen. Alle, alle hatten ihn gesehen, mit einem Male. Seine hohe, hünenhafte Gestalt, seitt großes, blondes Haupt schien noch gewachsen zu sein. Scharf und gewaltig hob er sich in seinem schwarzen Ueber- rock in der klaren Abendlust vom Weiß des Grundes ab. Er stand mitten in einer Insel weißer Margaretenblumen.
Er hob seinen Stock ein wenig, und da standen Fridolin Etzinger und der Windmüller still und die andern desgleichen. Und von Pfarrer Tempels Haupt ging ein Leuchten ans, ein ernstes Fragen brach aus seinen Augen, und! Fridolin Etzinger schlug vor diesem machtvollen Blick seine Augen nieder. Wie der Heiland selbst stand Tempel vor ihnen, in fürstlicher Hoheit, edel und unnahbar. Kein Wort sprachen seine Lippen, und kein Wort siel aus den Reihen der Krüppel.
Nur einen Augenblick verhielt Fridolin seine Schritte, dann bog er ein, den Weg, den Pfarrer Tempel gekommen war, das Schloß im Rücken lassend. Und alle, alle schritten stumm und schweigsam am Pfarrer vorüber, alle sahen' feinen Blick und senkten schuldbewußt den ihren. Als der letzte au ihm vorbeigeschritten war, blickte er ihnen noch lange nach, und keiner schaute sich um, als fürchte er diesen Blick des Pfarrers.
Nun griff sich Tempel mit beiden Händen ans Herz, das sich beim Anblick dieser vernichteten, zerstörten Jugend krampfte, und Tränen rollten ihm über die Wangen. Alle, alle kannte er, alle hatten zu seinen Füßen gesessen und aus seiner reichen Seele geschöpft. Das waren also seine Jungen, die die Lehren Jesu von ihm empfangen, uuld denen er den Samen für alles Gute in die ©eefe gelegt, das waren sie, die noch vor wenigen Monden als junge, übermütige Burschen verschämt und schüchtern zu ihm kamen, Ivcnit sie in Herzensnot waren. Nie war einer un- getröstet und unberaten von ihm gegangen. — Und nun waren sie Krüppel, Hilflose, Sieche, Schwache! — Ein namenloser Jammer packte ihn an, und mit stillen Tränen ging, er den Weg, beit er ben Burschen verlegt hatte: nach Schloß Heidehorst.
Ms er an die große Straße kam, bie die Dörfer mit der Kreisstadt verbindet, ritt ein Bote auf müdem Pferde daher. Als er den Pfarrer sah, hielt er fein Roß an. „Wißt Ihr, Herr, ob hier im Schlosse ein Erbjiinker zu Altenlohe wohnt?"
„Ja, es wohnt ein Mensch hier dieses Namens!"
„Ich habe, einen Brief, groß und schwer, an ihn, möchte aber vor Dunkelheit noch zurück sein. "MM Ihr Euch einen Batzen verdienen, Manu? Ich teile gern meinen Botenlohn mit Euch, wenn Ihr dem Junker den Brief bestellt. Die Nacht ist finster, und allerhand Gesindel treibt sich umher, ja, man munkelt sogar, daß französische Heerscharen von Westen her im Anzuge feien!"
„Behaltet Euer Geld, Freund, und reitet ruhig heim. Den Brief will ich Euch gern besorgen, denn ich wollte so- eben selbst zum Junker von Altenlohe!" Der Pfarrer nahm den großen Brief, schob ihn in seine Tasche und wünschte dem Reiter eine gute Nacht und eine glückliche Heimkehr.
„Halt, Herr, wer seid Ihr? Ich muß dem Postmeister in Wessel Bescheid sagen, wem ich den Brief übergeben habe!"
„Ich bin Emanuel Tempel, der Pfarrer dieses Ortes," gab Tempel zurück und schritt weiter. Der Bote wandte feilt Pferd und ritt die Straße, die er 'gekommen war, zurück. Der Pfarrer aber ging nachdenklich und gesenkten Hauptes dem Schloßt zu.
Durch eine kleine Pforte, die er kannte, trat der Pfarrer in das große, Haus. Tausendmal war er in den vielen Jahren hier gewesen, kannte jeden Gang, jede Stufe, jede Tür. Er wußte auch, wo Liutharbl wohnte, imb mit ruhigem, sicherm Schritte, der hohl von beit Wänden widerklang> ging er nach des Erbjunkers Tür. Ehe er die Hand auf die Klinke legte, lauschte er einen Augenblick, aber brinneit schien alles still zu fein. Ganz, ganz schwacher Lichtschimmer stahl sich durch die Ritzen des Holzes, ein Zeichen, baß der Junker noch wach war. llnb nun tat er bie Tür auf und staub auf ber Schwelle. Drinnen aber saß vor dem Fenster im Sessel LinlHardt, ber Junker, und zu seinen Füßen kniete die Französin, bie der Pfarrer von feinen Krankenbesuchen her kannte, als das Schloß noch Lazarett war. Ein jäher, heißer Zorn stieg in ihm hoch, wie er bie beiden fo vor sich sah. Hatte er nicht soeben den JUnker vor der Rache der Veteranen errettet, ihn, bcn Ehrlosen? Und zur selben Stunde koste dieser mit jener jungen Französin, bie er seine Feinbin wähnte! Aks er aber in bie Augen und in das Antlitz ber beibeit sah, wußte er, baß es nicht minniglich Minuten gewefeit waren, die sie mit- einanber verlebt hatten, beim Gram und Sorge, bitterste Mutlosigkeit sprach aus ihren Zügen.
(Fortsetzung folgt.)
Ignaz IeUneiZ unfreiwilliger Heldentod.
Von Richard W c n g r a f.
Diese ganze Geschichte hat sich nur begeben, weil der Professor Wemola an der Realschule in Boskvwitz, Mähren, dem Ignaz Jelinek nicht gewogen war und ihn bei der Nachprüfung in Naturgeschichte durchfallen ließ. Also, weil Ignaz Jelinek kein Tetraeder samt Achsen zeichnen konnte, mußte er im entscheidenden Augenblick der wissenschaftlichen Laufbahn entsagen und in das Knrzwareu- geschäst der Brüder Fischl eintreten. Damit war nun sein Frei- ivilligenrecht verwirkt und er mußte in seinem cinundzwanzigsteu Lebensjahre aus einer für Boslowitzcr Verhältnisse sowohl gesellschaftlich als materiell nicht ungünstigen Stellung ansscheiden, um für drei Jahre seinem Kaiser zu dienen.
Als er erfuhr, daß er zum Kaiserjäger in der südtirolischen Garnison Riva auscrsehen sei, hatte er noch ganz unklare Vorstellungen von den Dingen, die seiner harrten. Darum freute er sich nicht wenig, durch die Gunst des Schicksals zü einer io ritterlichen und wohlangesehenen Truppe und in eine so romantische Gegend inmitten wilder Bergriesen und am llfor eines tiefblauen sanftplätschernden Sees zu gelangen. Frohgemut trat er int Besitze des schwarzen Holzloffers mit den sogenannten Proprietäten, einer Stiefelbürste, Kleiderbürste, Putzlappen und was sonst da hiuciiigchört, mit den elterlichen Segenswünschen und mit zwanzig Kronen in Silber wohlversehen die weite Reise an.
Indessen erfüllten Riva und die vierte Kompägnie des! dritten Kaiserjägerbätaillons keineswegs die Hoffnungen, die Ignaz Jelinek in sie gesetzt hatte. Schon die Abrichtungszeit brachte seinem nicht schwächlichen, aber an keinerlei Anstrengungen gewöhntÄt Körper viel Mühsal und Unannehmlichkeiten. Bei den Brüdern Fischl war er wegen seines gefchMen und gewandten Benehmens besonders beliebt gewesen. Hier in Riva hatte, mau kein Per-


