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9t oman Ms tietn Jahre 1813 von Miaix Karl Böttcher-Chemnitz.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
10. Teil.
Gegen Abend des gleichen Tgges ivar draußen am Bruch, wo sich die Kriegsinvaliden alltäglich versammelten, eine erregte Unterhaltung geführt ioorden. Fridolin Etzinger, der nun heil und wohlgemut gleich seinem Vater auf seinem Stelzfuß daherhinkte, war der lauteste und erregteste. „Er ist ein FeigliW, Kameraden, ein elender Feigling! Nicht um Erhaltung des Gutes, um Errettung! seines Erbes bleibt er zurück, nein, er weiß genau, denn er ist ja Student der Rechte, er weiß genau, daß die Enteignung von Heidehorst zu Recht geschieht unb nicht geändert werden rann. — Und wenn nach dem Kriege die Sache vor das preußische Kammergericht kommt, wird und muß dies auch zu Linthardts von Altenlohe Ungunsten entscheiden. — Also das ist es nicht. Seine feige Seele ist es, die ihn hinter Schloß Und Riegel hält, er fürchtet für Leib und Leben — und, Kinder, hört mich doch an: Ist er denn nicht ein Schandfleck für unser Dorf und unsre Heimat? Wenn wir zu unfern Nachbarn kommen, nach Hohenlichtenau, nach Tichenow, nach Altblumenau oder sonst wohin, sie verlachen und verhöhnen uns, sie zeigen mit den Fingern auf uns: Das find die Heidehorster, die einen Feigling, die einen Verräter unter sich dulden. — Es ist eine Schande! — Wir alle hier haben gefochten, haben uns in Schmerzen gewunden, haben unser Blut und unfern gesunden Leib für den Kstnig dahingegeben und haben gehungert und gefroren und gedurstet und geblutet und' krüppeln nun umher bis an unser Lebensende. Und er, er lebt wie ein Fürst üppig -drüben in seinem Schloß, als ob ihn die ganze Sache gar nichts anginge. — Zum Kuckuck, Kameraden, seit ihr Memmen geworden? Ausräuchern müssen wir ihn! Auf, den roten Hahn auf die Bude!"
„Nee, Kameraden, das tun tvir nicht! Zwar hat Etzinger recht, wenn er den Erbjunker Linthardt einen Feigling nennt, aber solange der alte Freiherr noch lebt, und solange die Baroneß noch im Dorfe ist, können wir dem Verräter nicht an den Kragen. Es wäre undankbar und roh von uns, wollten wir dem Erbjunker Gewalt antun! Mir hat der alte Freiherr viel Gutes erwiesen, und Gisela hat meine Mutter gepflegt, als sie damals in die Sense gefallen war!" So sagte ein andrer.
Und ein dritter: „Was kümmert ihr euch um den alten Baron. Er hat nichts mehr gemein mit seinem Sohne und haßt ihn, gerade wie wir. Jawohl, Pfarrer Tempel hat es meinem Vater erzählt, daß der Baron nie von Mhardt spricht!" ■
„Seid nicht albern, Kinder! Denkt ihr wirklich, daß ein Vater mit einem Malle alle Liehe, die seit drei Jahrzehnten im Herzen sitzt, herausreißen kann? Das versteht ihr nicht!" warf der WindmMer ein.
„Kameraden, laßt das Streiten! Also wenn wir dem Erbjunker nicht an den Kragen können, des Alten wegen, na, dann wollen wir ihn wenigstens vom Schloß jagen. Wer raus muß er aus Heidehorst, mag er sich eine andre Heimat suchen!"
„Aber wie?! Gutwillig geht der nicht!"
„Holz vor die Fenster — Pech drauf und angeb rannte Ausräuchern hat noch immer geholfen!"
„Geht nicht, Kinder — geht nicht! Denkt an FraUi von Bourgee und ihre Tochter! Sie könnten zu Schaden kommen, und wir würden es büßen müssen. Der Anschlag auf dem Schultheißenamt, den das preußische Zentral- kommando gestern geschickt hat, sagt deutlich: „Die französische Herrschaften wohnen nach vorläufiger Feststellung und nach 'Aussage des Freiherrn von Altenlohe zu Recht im Schloß zu Heidehorst. Jede Belästigung oder gar Schädigung der Damen o der ihrer Dienerschaft ivird streng bestraft."
„Sie soll ja gar nicht belästigt werden. Wir wollen nichts weiter, als den Junker zwingen, Schloß und Ort zu. verlassen!"
„'Ja, das wollen wir, das ist unser gutes Recht! Wir sind Veteranen und Ordensträger und brauchen keinen Verräter unter uns zu dulden. Auf, Kameraden! Sogleich wollen wir uns aufmachcn nnb vor das Schloß ziehen. Du, Etzinger, und du, der Windmiiller, ihr geht ins Schloß, ihr habt das beste Mundwerk. Ihr fordert den Junker in aller Ruhe auf, sofort Schloß und Dorf zu verlassen, und wenn er sich weigert, ruft ihr uns, imb wir packen urld schleppen ihn mit Gewalt fort bis über die Dorfgrenze!"
Alle waren jetzt einverstanden, und der lange Zug von Krüppeln und Verwundeten, wohl zwanzig au der . Zähl, bewegte sich nach dem Schloß. Stumm und schweigend stelzten sie durch die Fluren, kein Wort fiel, und jeder schien überzeugt zu sein, daß er jetzo einen hohen und heiligen Auftrag zu erfüllen habe. Doch eine sah den Zug, das war Pfarrer Tempels Luise. Das kluge Mädchen fach staunend dem Zuge nach und bald schien ihr klar, wohin die Invaliden wollten. Eine wilde Angst packte sie, und sie hastete zum Vater. „Vater, Vater! Die Burschen — die Invaliden, sie ziehen alle zum Schloß — sie wollen vielleicht dem Erbjunker ..."
„'Schweig, Kind! Ich mag nichts hören, und rch kann dem Junker uicht helfen. Er ist ein Verräter!"
„Aber Vater, vielleicht ivollen sie ihm ans Leben!" „Das ist der Verräter Los!"
„Aber Vater, du bist der Pfarrer!"
Da brauste er auf: „Ja, Kind, ich bin der Pfarrer! Und ich wollte, ich wäre der Schäfer oder der Nachtwächter Muß denn der Pfarrer seine Gefühle verleugnen, und darf


