Ausgabe 
5.6.1913
 
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Wein soll der erste Dank erschallen? Dem Gott, der grob und wunderbar. Aus langer Schande Nacht uns allen In Flammen aufgegangen war;

Der unsrer Feinde Trotz zerblitzet. Der unsre Kraft uns schön erneut llnd auf den Sternen waltend sitzet Bon Ewigkeit zu Ewigkeit!

Dem Gott der Dank! Zu ihm zuvor das Heiße Flehen! Uber so einfach, wie es klingt, ist das nicht. So auf der Oberfläche, nur eben eine willkommene Zugabe zu anderen Kräften, die sich als nicht ausreichend erweisen, läßt sich Gebet und Frömmigkeit in schwerer Stunde nicht als Wahrheit, darum, auch nicht als wirkliche Kraft erweisen. Es ist ein gemeines Sprichwort: Not lehrt beten. Halbwahr, wie dieses, ist auch das andere: Not bricht Eisen wenn sie das tut, so wird es nur geschehen in starken Seelen, die gerade, wenn alle Stützen wanken, auf sich selber vertrauen lernen. Wenn diese, die freien Herzen, nach göttlicher Hilfe, nach ewigen Kräften ausschauen, dann können sie es nicht tun in äußerlicher Weise, in der auch zwei Türkenheere, wie Luther spottet, jedes für sich, den Höchsten um den Sieg ihrer Waffen anflehen können. Es must hier anders begründet kein und es ist hier anders begründet. Fichte spricht 1808 von den Grundzügen deutschen Wesens in der Geschichte. Er nennt nicht viele Namen. Einer rückt ihm in den Mittelpunkt deutscher Geschichte. Die Seele des deutschen Mannes Martin Luther ergriff ein allmächtiger Trieb, er wurde das Leben seines Lebens und setzte in ihm immerfort das letzte auf die Wage. Es Ivar die Angst um das ewige Heil. Er glaubte int Ernst, es gebe eine Seligkeit, und hatte den festen Willen, selig zu werden. Und wie mit dem eigenen das Heil aller unsterblichen Seelen ihm auf dem Spiele stand, ging er allen Ernstes allen Teufeln in der Hölle furchtlos entgegen. Natürlich und durchaus kein Wunder nennt das Fichte. Und deutsches Volk vernahm die Stimme dieses von der Ewigkeit begeisterten Anführers. Um den Himmel und die ewige Seligkeit vergost es in langen furchtbaren Stiegen sein Blut. Denn diese Angst um die Seligkeit und die Hoffnung auf sie sollte Kindern und Enkeln bleiben, ungeborene Nachkommen­schaft sollte die Früchte dieser Ewigkeitsmühen bis auf diesen Tag geniesten.Dies nun ist ein Beleg von deutschem Ernst und Gemüt."

Bis auf diesen Tag soll das wirken. Durch die Briefe Friedrich Schleiermachers aus diesen Jahren, erschütternde, aber tapfere Briefe, zieht sich wie ein roter Faden die Ueberzeugung: Napo­leon haßt deutschen Glauben wie deutsche Spekulation. Darum wird es noch wieder Märtyrer geben, wissenschaftliche wie reli­giöse. Ein Religionskrieg nach alter deutscher Art wird aus- vrechen. Denn nicht um äußere Freiheit und äußere Güter wird der Kampf gekämpft werden, unsere Gesinnung, unsere Religion, un­sere Geistesbildung wird sein Gegenstand sein. Wenn das auf dem Spiele steht, dann werden die Könige nicht mehr mit ge­dungenen Heeren, dann werden die Völker mit ihren Königen gemeinsam kämpfen, dann werden Volk und Fürsten auf schönere Weise, als es seit Jahrhunderten der Fall gewesen, vereinigt werden.Wohl, denen, die es erleben; die aber sterben, daß sie im Glauben sterben". Die Universalmonarchie scheint die Uni- versalreligion nach sich zu ziehen, eine Verwischung aller geschicht­lichen Gegensätze in ihr, einen erzwungenen Ausgleich ihrer tiefen Verschiedenheiten zumal auf deutschem Boden. Auch das wird er durchsetzen wollen, der Mächtigste dieser Erde, wie ibm ja alles ein Spiel ist. Schleiermacher will ihm dazu einräumen alle Kraft und alle List. Aber er weissagt ihm und läßt die Weissagung drucken 1806: es wird ihm mißlingen, er wird mit Schanden bestehen. Denn gerade, wenn in ihrem Tiefsten die deutsche Seele erregt wird, wird Deutschlands unsichtbare Kraft sich erheben mit nicht geahnter Gewalt, würdig seiner alten Heroen, seiner vielgepriesenen Stammeskraft! Wenn das Wunder ge­schieht, ruft er den gebildeten Verächtern der Religion zu, daun werdet ehr vielleicht glauben wollen an die lebendige Kraft der Reli­gion und des Christentums.Aber, selig sind die, durch welche es geschieht, die, welche nicht sehen und doch glauben." Nicht daraus kommt es an, ob Napoleonische Absichten von dem protestantischen Theologen richtig gedeutet sind darauf allein, daß er die Ge­fühle der Besten aus den Jahren der Schmach genau auszudrücken gewußt hat: sie sahen das Tiefste, Innerste, was jemals deutsche Seele bewegt hat, in Gefahr. Mit deutschenr Land, mit Sirte und Recht, mit Dichtung und Wissenschaft wäre ihnen auch das Letzte zuiammengebrvchen, woran in vergangenen Tagen der Verwüstung dies Volk sich gehalten, woran es sich immer wieder aufgerichtet hatte, sein Gott und sein Glaube. Aber die konnten ja nicht zu- sammenbrechen. Sie waren der Herzpunkt im Herzen der freien Manner. <sie waren das heiligste Heiligtum, das ihnen unent- wecht bleiben mußte in aller zeitlichen Zerstörung, die unsichtbare ewige Welt, au die keine sichtbare Gewalt und List zu rühren vermochte hier war der letzte Anker der Hoffnung, hier die demütig-stolze Zuversicht auf die Kräfte des Alls, die'mit freien Herzen sich verbinden werden: sie sahen nicht fremde Waffen nur aut deutschem Boden, sie spürten ahnungsvoll ihn selbst, den Ewigen, tnmitten der Weliempörung kämpfend: der deutsche Gott

im deutschen Glauben. Lassen Sie mich mit Fichte sagen:die- nun ist ein Beleg von deutschem Ernst und Gemüt". Und mit Goethe rückschauend auf das große Jahr klinge es auch durch unsere Seele:

Nun töne laut: der Herr ist dal

Von Sternen glänzt die Nacht. Er hat, damit uns Heil geschah. Gestritten und gewacht.

Für alle, die ihm angestammt. Für uns war es getan.

Und wie's von Berg zu Bergen flammt Entzücken flamm heran!

Hochgeehrte Anwesende! Ich habe bei dem Versuch, 1813 uns verständlich zu machen, weite Zusammenhänge deutschen Geisteslebens vor Jhiien aufrolten müssen. Diese Zusammen­hänge sind bis heut noch unzerrissen. Trotz allem, was seitdem deutscher Gedanke, deutsche Tatkraft, deutscher Staatswille Großes, Herrliches auf deutschen! Boden geleistet haben wir können die tiefen Quellen der Kraft nicht entbehren, die damals lebendig sprudelten. Nein, meine deutschen Freunde, kein leichtes Lächeln soll über unsere Lippen ziehen, wenn wir deutscher Ideologie, deutschen Pflichtbewußtseins, deutschen Glaubens gedenken. Sie sollen bleiben und wirken, wie 1813, so heut und immer, die unsichtbaren Kräfte im sichtbar herrlichen Vaterland!

Vermischte».

* Eine alte hessische V o l ks e r z ä hl u n g. Ter brave Müllergeselle des Rodenbacher Mühlä>ens hatte sich durch Fleiß und Nüchternheit ein schönes Stückchen Geld gespart. Er war noch jung und freute sich, wenn er nächstens in die Heimat zurückkehren und seinen Lieben die schönen harten Taler auf den Tisch legen könnte. Das Schicksal aber hatte es anders beschlossen. In der Nachbarschast sollte am Sonntag Kirmes gefeiert werden. Es war zu verlockend für unfern Mahlburschen. Er kämpfte einen schweren Kamps. Eine Stimme rief ihm zu:Geh' hin und feiere mit: denn du bist noch jung." Eine andere Stimme sprach:Bleibe hier und spare dein Geld." Und immer näher rückte das Fest und immer mehr tobte der Widerstreit in seiner Brust. Die Lust aber nach dem Vergnügen behielt die Oberhand, und schon früh am Sonntag verließ er die Mühle. Da geschah etwas Merkwürdiges. Das Mühlrad sang ein Lied und er ver­nahm deutlich die Weise und hörte deutlich die Worte heraus: Juckt dich dein Buckel, juckt dich dein Buckel?" Laut und lange klangen sie ihm nach. Doch vergeblich! Die Kirmes war ja auch zu schön. Es ging hoch her; es ward getanzt und getrunken, kurzum Kirmes gefeiert, wie es sich gehörte. Zuletzt aber gab's Streit. Mau raufte tüchtig, und wer die meisten Prügel bekam und die Zeche bezahlen mußte, das war unser Müllergeselle. Schon graut der Morgen, da strebt er in arg gedrückter Stimmung seinem Mühlcheii wieder zu. llnd wieder sang das Mühlrad, aber nicht warnend und mahnend wie gestern, sondern höhnisch und spöttisch klang es diesmal:Hat dich dein Buckel gejuckt, hat dich deiu Buckel gejuckt?" Von der Rodenbacher Mühle ist heute nur noch die Scheuer da. Das Mühlrad ist verschwunden, der Müller­geselle von ehedem lebt nicht mehr. Aber die Geschichte von: Juckt dich deiil Buckel?" undHat dich dein Buckel gejuckt?" ist noch nicht vergessen und sogar in einem Gedichte behandelt worden. Vielleicht kann uns ein Leser verraten, wo es zu finden ist.

* Schonuu g. Arzt:Ich bin, denk' ich, heute das letzte Mal gekommen und habe gleich die Rechnung mitgebracht." Patient:Oh, so kräftig fühl' ich mich noch nicht, um die be­zahlen zu können."

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Auslösung in nächster Nummer.

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Auflößmg des Kapselrätsels in voriger Nummert Was man am Sonntage erwirbt, man am Montage verdirbt.

Redaktion: K. Neurath. Noiationsdrnck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R, Lange, Gießen.