Ausgabe 
5.6.1913
 
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freiuttg. Aber er denkt nicht daran, die Reform, die ihm in Preußen die Grundlage zu diesem Werk schaffen soll, aus andere Völker zu übertragen. Mit schärfstem Blick beobachtet er die Lebcnsverschiedenheiten der Völker. Eines schickt sich nicht für alle. Böhmen und Ungarn, Polen und Rußland bedürfen anderer Ver­waltung, anderer Gesetzgebung als die heißgeliebte deutsche Heimat. Und seine Denkschriften darum halten sich meilenfern von aller ggalite, sie bauen gerade auf das Zusammenwirken individuell verschiedenster Kräfte, die nur durch peinlichste Sorge um ihre individuelle Sonderart in ihrer Wirksamkeit erhalten und ge­fördert werden können: der Universalmonarchie stellten sich in Steins Geist die Jndividualstaaten entgegen; der" Gedanke des Individuellen, in der Philosophie der Zeit am klarsten von Schleiermacher und Wilhelm V. Humboldt herausgearbeitet und alsbald auf die Staatsgebilde bezogen, ist die treibende Kraft in der Seele des großen deutschen Staatsmannes.

Und dazu das Andere, noch Bedeutsamere: in Paris verkündet man der Nation Rechte, Menschenrechte. Und man ist überzeugt, diese Rechte aus einem Füllhorn des Glücks über alle Welt aus­schütten zu können. Freilich, es zeigte sich auch hier, daß das Glück und das Recht den Menschen nie ohne Opfer zuteil wird. Und die Glückbringer forderten Opfer von den Beglückten. Bis mtm Wahnwitz steigerten sie ihre rücksichtslosen Opferforderungen: Menschenleben, ungezählt, für diese Menschenrechte. Aber die diese Opfer bringen müssen, die wissen gar nicht, was sie tun. Ein Rausch hat sw ergriffen, int Rausch der liberte und der gloire werden sie festgehalten, bis sie wie in Fieberparoxismen zu- saMmeiibrechcn, die blutende Welt, die bis zur Ohnmacht ent­kräftete Ration, die Idole des Glücks von sich wirft, einer kläg­lichen Reaktion und Restauration in die Arme fällt. Wie anders Stein! Freiheit und Gleichheit ist auch in seinen Reformgedanken zn lesen. Beschränkung des persönlichen Regiments des Königs, Aushebung der Leibcigenschast, der Zehnten und Frohuden, der Patrimonialgerichte, des Zunftzwanges, Selbstverwaltung der Städte, der Provinzen, bis zu dem kühnsten, noch undurchführbaren, Gedanken der Reichsstände das alles ist wie ans dem Geist von 1789 geboren. Aber ein zertrümmerter Staat wagt es denen, die.ihm angehören, diese Güter der Freiheit zu verheißen. Sie müssen wissen, jeder Bürger der Stadt und jeder Bauer im Dorf, daß von diesen Gütern schlechterdings keines ihnen zu wirklichem Gebrauch bereit stehen wird, lvenn sie nicht zuvor für den Staat Gut und Leben dranzusctzen gewillt sind. Das Opfer lvird hier nicht int Rausch geleistet, die Pflicht wird in nüchterner Erkenntnis härtester Notwendigkeit getan. Ja, mehr als das: nicht dazu bietet der Staat seinen Bürgern und Bauern die Freiheit an, damit sie in diesem hohen einzigen Worte träumend schwelgen, er bietet sie, um für sich das Recht zu gewinnen, die befreiten freien Kräfte bis zum äußersten anspännen zu können; er rechnet von vornherein auf das harte Pflichtbewußtsein seiner Glieder. Darum wenn der Berliner Prediger als Interpret Steinscher Reform zu der Gemeinde redet, nichts von schallenden Worten hören wir aus seinem Munde. Fast hausbacken fordert er zuerst Arbeitsamkeit und Sparsamkeit als herrschende Tugenden seines Volkes, recht­liches Wesen und Biederkeit als die Zeugen wahren Gemeinsinns, find das hohe Wort der,Freiheit klingt erst an, wenn er es mit zwei anderen tiefinncrlichsten in feste Verbindung zu bringen weiß: FreiMit des Glaubens und des Gewissens.

Wirklich bas war, um es kurz zu sagen, in Paris und Königs­berg ein Weg mit fast gleichen Endpunkten, aber in entgegen­gesetzter Richtung: dort von der Freiheit zn den Opfern, hier voir der Pflicht zur Freiheit. War die Nation gerüstet, diesen Weg in dieser Richtung zu betreten? Man predigt tauben Ohren, wenn die Herzen nicht willig sind zu hören. In Ostpreußen, in Königsberg werden die Reformgedankeu in Wirklchkeit umgesctzt. Dort lassen die Januar- und Februartage 1813 das wundervolle Schauspiel sehen, wie der eiserne Work, der Adlige von echtem Schrot und Korn, sich widerstrebend in den Dienst Steinscher Volks­erhebung stellt. Ist es Zufall, daß wir auf diesem Boden stehen und daß auf diesem Boden das Ungeheure gelingt? Dort hatte Kant, der Alte von Königsberg, sein überreiches Leben gelebt. Dort hatte er seine praktische Vernunft wie einen Eisenguß in Sie Seelen seiner Schüler hiueinaebildet. Und die führenden ost­preußischen Männer von 1813 sind fast ausnahmslos seine Schüler- gewesen. Wie viel stolze Ueberliefernng dieser Grenzmark deutschen Lebens daran beteiligt war, zuletzt hatte Kants Moral die Geister gestählt und den Weg gewiesen, der allein zur Rettung führen konnte: Pflicht, du großer erhabener Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, aber auch nickst drohst, sondern bloß ein Gesetz aufstellst, welches von selbst Ein­gang.ins Gemüte findet, welches ist der deiner würdige Ursprung? Mo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft? Von der Pflicht zur Autonomie und Freiheit. Sie allein hält den Schlüssel in der Hand, der die Tore einer intelligiblen, einer ewigen Welt zu öffnen vermag,, sie allein führt zu Menschenwürde und Per­sönlichkeit! Ja, sie allein nötigt die Seele, die sich ihr beugt, den unnennbaren Namen der Gottheit auf die sterblichen Lippen zu nehmen.

Das ist noch einmal deutsche J-deologie, beinahe in über­schwänglichster Form. Und die Ideologen wahrhaftig haben Kant gehört und verstanden, sie haben es vermocht, diese furchtbar Rrnsten Gedanken in unvergleichltch melodischen Klängen in Gemüt

und Willen dieses Volkes hineinzusingcu. Vom fernen Südwcstcn reicht Friedrich Schiller dem Denker int äußersten Nordosten che Hand zum unlöslichen Bunde. Wirklich, auch der Süden darf mcht fehlen im großen Jahr. Neben Tyrol der eine Mann Frie­drich schiller, der ja wohl ein Heer zu wiegen vermag. Wie jchwer er wiegt, das zeigt kein anderer so handgreiflich, wie der größere Freund, der zaudernd in Weimar diesem Schauspiel der ^zahre folgt, bis Schiller, der Tote, erwacht in seiner Seele und er sich zurufen läßt:

Komm, wir wollen dir versprechen Rettung aus beut tiefsten Schmerz, Pfeiler, Säulen kann man brechen. Aber nicht ein freies Herz.

Denn es lebt ein ewig Leben, Es ist selbst der ganze Mann, In ihm wirken Lust unb Streben, Die man nicht zermalmen kann.

Wirklich,sticht zermalmen. Von 1807 bis 1813 ich will die Zeit der Schmach aufs kürzeste bemessen welch eine namen­lose Fülle von Leid umschließen diese Jahre! Wissen wir nicht, wie in eine kurze Stunde sich eine Ewigkeit von Schmerz zu sammeln vermag? Nun aber schließt sich eine Stunde an die andere; flüchtige Sonnenblicke durchbrechen die Wolken: Throl, Spanien, Aspern erinnern daran, daß es immer noch blauen Him­mel über dem Dunkel gibt; aber es erinnert nur daran: ivirk- lich hell wird es nicht. An den Siegeswagen des genialen Un­ersättlichen gespannt, ziehen Deutschlands Krieger dem furcht­baren Schicksal auf Rußlands Eisgefilden entgegen. Die freien Herzen dennoch brechen nicht. Statt aller lassen Sie mich wieder den einen nennen: den Reichsfreiherrn vom Stein. Der Zar hat den Geächteten zu sich gerufen. Er hat sich geweigert, in russische Dienste zu treten. Aber als freier Mann, ein Pilger fern von der Heimat, lebt er grausige Wintermonate aM Hofe des Zaren. Und dieser Fremde, der ein Fremder bleiben will, lenkt die Geschicke des Laiches. Seine offene Denkschrift führt den Sturz des leitenden Staatsministers herbei. Unter feinen Augen entwerfen und erzwingen deutsche Offiziere, die Clausewitz, Chazot, Stülpnagel, Dörnberg, Banekow den einzig möglichen, aber russisch-nationalem Empfinden aufs tiefste widerstrebenden Feldzugsplan. Der volle Mut und die tapfere Wahrhaftigkeit des deutschen Ritters üben einen unwiderstehlichen Zauber auf die Gesellschaft, Damen wie Herren des Zarenhofes. Aber der bedeutende Anhang, den er in den Salons der Residenz geroanit, diente nur einem Ziel: Auf der weichen Seele Alexanders! hämmerte sein festes Wort wie einer der Eisenhämmer von der Ruhr, bis daß sie hart genug >var, dem Ungeheueren zu begegnen. Und wenn die FlamMen von Moskau auf andere wie die letzten Schrecken eines Weltbrandes wirken Stein ist unbeschreiblich froh: wir werden die Fahrt nach Orel, nach Orenburg antreten müssen; ich habe mein Gepäck int Leben schon zwei-, dreimal Verloren, was tut's!" Das freie Herz kann leben auch ohne Gepäck.

Aber freilich, auch wenn sie in sich fest bleiben, unerschütterlich dem genialen Dämonischen die Stirne bietend das Vaterland zu befreien ans eigner Kraft scheint ihnen nicht gegeben. Sie suchen nach Hilfe allum. Eine stolze Erinnerung bleibt es freilich, wie die festen Herzen es sind, die die Welt in Bewegung setzen, für 1813: Stein in Rußland, Gueiseuau in England, Scharn­horst sterbend, den tragischsten Tod dieses Jahres auf dem Wege nach Wien. Und eine stolze Erinnerung bleibt es, nicht nur wie auf den Schlachtfeldern überall preußische Linie und Landwehr voran stürmt in die Reihen des Feindes, noch mehr wie Bülow in der Mark, Blücher in Schlesien Kampf und Sieg, Schlag um Schlag ertrotzen von bett fremden Oberfeldherren, die eine kläg­liche Diplomatie ihnen gesetzt hat. Dennoch, es gelingt nur mit fremder Hilfe.

Von Osten rollt Lawineit gleich herüber

Der Schnee- und Eisball, wälzt sich groß und größer!.-..

Vom Ozean, vom Belt her, kommt uns Rettung,

So wirkt das All in glücklicher Verkettung!

Fremde Hilfe. Ein Stachel, scheint es, bleibt damit doch int deutschen Gemüt! Wir haben es nicht selbst vermocht. Aber die Männer jener Tage, auch wenn der 'Zorn sie tatter wieder saßt, daß Diplomaten- und Fürsteuschwäche sich aus die Höhe ihrer Kraft nicht will heben lassen, sie haben int Tiefsten dennoch anderes empfunden.

So wirkt das A l l in glücklicher Verkettung". Goethe hat in diesen Jahren dem ungeheuren Spruch nachgedacht:nemo contra deum nisi deus ipse. Gegen den Allgewaltigen, der wirklich wie das Schicksal mit schwerem Tritt über die Schaubühne Europas gewandelt war sind menschliche Kräfte zu gering. Wohlan, so ruft matt höhere herbei. Wer wüßte es nicht, wir brauchen mir an diesen einen Zug uns zu erinnern wie durch die Lieder unserer Freiheitssänger ein tieffrommer Ton h-indurch- kliugt ein Ton sehr verschieden moduliert; weich, fast jung­fräulich zart bei Schenckendorf oder Körner hart, das Eisen in Melodie gegossen, bei Friedrich Rückert oder Ernst Moritz Arndt. Aber wie verschieden, er fehlt bei keinem: Und wie mächtig er das Empfinden beherrscht, das spüren wir bis auf diesen Tag, wenn das Weihelied deutscher Studetttenkommerse uns vott jtigcttdlichcn Kehlen jm die Seele klingt: