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seinem Rücken, und rechts und links schritten zwei Männer, denen heilige Begeisterung aus beit Augen glühte. Der eine erzählte unb erzählte, unb ber andere lauschte.
Just zur selben Stunde wurde der slawischen Gräfin zu Storsch-Pisek von einem in rot-goldener Livree steckenden Heiducken der Erbjunker Linthardt von Altenlohe gemelbet.
Die Gräfin, eine der reichsten Grundherrinnen Böhmens, mar schön oder bemühte sich wenigstens, ihre fliehende Schönheit zu halten. Schon stark über die Dreißig und seit vier Jahren Witwe, hatte sie dank ihres Reichtums und ihres altadligen Namens, und nicht z-uletzt durch ihren sprtihenden Geist, der sich mehr durch Witz als durch Schärfe auszeichnete, einen großen Kreis Verehrer erworben, der sich allabendlich in ihren Salons einfand.
Als Linthardt von Altenlohe gemeldet wurde, saßssn im Rokokozimmer der Gräfin ein polnischer Offizier, zwei mährische Grundbesitzer und Erwin Sommer, ein von her Prager Bevöll'erung vergötterter Musiker. Er saß am Spinett und trug eben eins der damals gern gesungenen ungarischen Liebeslieder vor, dessen Text die Gräfin verfaßt, und das er in Musik gesetzt hatte. Mit leiser Begleitung sang sie gerade das Ende dieses Liedes:
Und sie schieden beide
Boll Herzeleide.
Denn der Kaiser rief nach dem Knaben,
Den Sarazen zu verjagen,
Da half kein Jammern kein Klagen, Nun liegt er draußen begraben.
Bei diesen letzten Worten war Linthardt in das Gemach getreten, und die Gräfin nickte ihm zu. Als das Hieb beendet war, begrüßte ber Junker die anwesend«- Herren, die ihm bis auf Erwin Sommer eisig mhl flir feinen Gruß dankten. Es war ein offenes Geheimnis in der Gesellschaft der böhmischen Hauptstadt, daß die Gräfin den vornehmen deutschen Erbjunker merklich auszeichnete, und das hatte Linthardt unter den Edelleuten, die der reichen Witwe den Hof machten, manchen Feind zu- gezogen.
Linthardt war täglich Gast bei der Gräfin und genoß' den Vorzug, zu jeder Zett vorsprechen zu dürfen, und er konnte sich mit Recht zu dem engsten Freundeskreis der schönen Witwe rechnen. Daß sein deutsches Empfinden, das ja ohnehin schon auf recht schwachen Füßen stand, jm Kreise vond Tschechen, Ungarn und Polen nicht besonders gestärkt wurde, erhellt wohl ohne weiteres.
„Mein lieber Altenlohe," rief die Gräfin, „Sie haben den Schluß des Ungarlieds gerade noch gehört. Meinen ,(§ae nicht auch, daß wir Gott banken können, daß es keinen Sarazenen mehr zu verjagen gibt. Sonst würde der Kaiser manchen Knaben rufen, von dem wir nur mit Herzeleide scheiden würden."
Und Baron Bohnslav, der Mähre, sagte spitz : „Jubeln Sie nicht zu früh, Gräfin. Ob Sarazen, ob Franzos', ob Kaiser, ojb König, der ruftf verjagt werden mußs ich kenne einen König, der gerade in diesen Tagen schmerzlich nach, seinen Knaben ruft!"
„Und wir wundern uns fürbaß, daß Leute, die dieser Rus angeht, noch aus der Bärenhaut liegen und tändeln, Mit zu kämpfen. Aber ein gewisses, trauliches Herdfeuer einer schönen Frau hält sie zurück," sagt Writzin Vos Dobrzin, der Pole. ,
Linthardt richtete sich auf und sagte kalt: „Ich denke, Manns genug zu 'sein, beit Zeitpunkt selbst wählen zu Wunen, an welchem ich zum Schwerte greife, und lch verzichte gern und offen auf! die Ratschläge gewisser Herren, denen ich an dem bewußten trauten Herdfener einer schönen Frau int Wege bin!"
Die Herren fuhren auf, aber die Gräfin sagte lächelnd: „Bitte, Ihr Herren, vergeßt nicht unser Uebereinkommen: Hier ist neutraler Boden/ und alle Nationalitäten genießen gleiche Rechte und Freiheiten. Sie aber, lieber Bärost Bohnslav, der Sie die Mißstimmung hervorriefen, werden heute abend zur Strafe den Mundschenk machen. Bitte, gießen Sie unferm Freunde Altenlohe etwas von dem geeisten Bürgunoer ein!"
Mit sauerm Lächeln folgte der Mähre den Worten der schönen Fran, die so den Frieden hergestellt und ihrem Freunde Altenlohe dazu noch eine Genugtuung gewährt hatte. (Fortsetzung folgt.)
1813.
Jahrhundertfeier von Stadt und Universität.
Festrede des Rektors D. Eck.
(Schluß.)
Tas Volk, das ganze Volk! Noch vor der Schlacht bei Jena schreibt der Literat Johannes Falk in Weimar ein phantastisches Gespräch nieder. Auf einem Fußwege im Elysium begegnet Friedrich seinen Generalen. Er hat Kunde erhalten von bcm1 kläglichen Ende des heiligen römischen Reiches deutscher Nation.
Zieten fragt: Friedrich, was würdest du wohl tun, wenn du jetzt lvieder auf die Oberwelt zurückkehren müßtest?
Friedrich: Vor allen Dingen würde ich Frankreich mit seinen eigenen Waffen zu schlagen suchen. Man muß mit dem Zeitalter Schritt halten.
Zieten: Marsch! Vorwärts!
Friedrich: Zuvörderst also müßten wir den Versuch machen- durch Aufhebung gehässiger Privilegien, Exemtionen des Adels usw. die ganze Nation in unser Interesse zu ziehen.
Winterfeld: Aber die Folgen! Die Folgen!
Friedrich: Daran sind wir. Erstens: ich würde die Franzosen mit einer kräftigen, aus dem Kern deutscher Bürgerschaft unb Landleute zusammengesetzten Armee augreisen, sie in einer tüchtigen Bataille zu schlagen suchen. Zweitens: man würde mich sodann —■ und wohl mit einigem Recht — den Befreier von Deutschland nennen. Drittens: ich würde mich ohne Umstände noch ans dem champ de bataille zum Kaiser von Teutschland erklären und mir die Krone selbst aufs Haupt setzen.
Tie ganze Nation! Eine Armee aus dem Kern deutscher Bürgerschaft und Landleute! Ich denke, wir hören aus den Worten des damals noch recht leichtherzigen Literaten die großen Reformgedanken Steins und Scharnhorsts uns entgegenklingen. Aber der Literat ahnte gar nicht, welche Riesenarbeit mit diesem Programm vorgezeichnet war. Es galt nicht mehr und nicht weniger, als, wie Schleiermacher sagte, den Geist Friedrichs in der ganzen Nation bis in ihre kleinen und . kleinsten Glieder hinein einheimisch machen. Das aber hieß, ein tiefstes Problem der Weltgeschichte an einem Punkte lösen, wie Geist und Wille der einsamen Großen zu Besitz und Kraft der Massen zu werden vermögen. Sie bewundern ist leicht, ihr Heldentum staunend anschauen ist wie heller Sonuenblick in trübem Alltagsleben — aber ihr Leben nachleben, ihre Schmerzen nachempfinden, ihre Taten nachtun — wie sollen die Kleinen das erlangen?
Allein der Literat wußte noch ein anderes nicht. Er wußte uicht, daß diese Arbeit längst schon in Angriff genommen war. Wie sollte er es auch wissen? An einer Stelle im Vaterland war das gefchehen, von der man damals wenig redete. 1780 war der Freiherr vom Stein in preußische Dienste getreten, 1784 war er Direktor der westfälischen Bergwerke geworden. Ein verlottertes Wesen hatte er vorgefnnden, mit kräftiger Hand griff er ein, für den Staat die Schätze zu heben, die in der Tiefe lagen. Etn harter Wille zwang die Bergleute zu Fleiß und Ordnung, unerbittlich forderte er von ihnen die höchste Arbeits- unb ^Ertragsleistnng. Das war ganz der Geist des großen Königs. Aber die Denkschriften Steins aus dieser Zeit betonen vielmehr bett Gegensatz zur inneren Politik feines Herrn. Ein Geist bes Vertrauens und der Freiheit soll an die Stelle des absolutistisch-bureaukratischeit Regierens treten. Nichts soll verloren gehen von der rücksichtslosen Anspannung aller Kräfte. Aber diese Kräfte sollen sich selbst von innen heraus regen und lenken. Die Knappschaft wählt ihre Aeltesten selbst, sie werden ihr nicht mehr Von der Regierung gesetzt. Sie nimmt die Ordnung ihrer Angelegenheiten selbst in die Hand. Das ist „die erste Selbstverwaltung, die Stein ins Leben gerufen hat." Ewig denkwürdig wird dieser Beginn seiner Laufbahn bleiben. Seine Reform im Kohlen- und Eisengebiet int Westen hat den Grnnd gelegt zur kühnsten Entfaltung deutscher Arbeitskraft, die wir heute kennen, sie hat die fast ntärcheuhafte Möglichkeit geschaffen, daß der schwerste Schlag, der deutsche Industrie und deutscheu Handel damals traf, das Kontinentalsystem, zum Segen des Vaterlandes ausschlug: Steins Geist schwebt über den zahllosen Essen und Schloten der Kruppschen Werte an ber Ruhr. Aber denkwürdig noch mehr, baß bie Reform ber Jahre 1807/8 fünf Jahre vor ber Revolution von 1789 eingesetzt hat. Falk meinte, man müsse Frankreich schlagen mit ben eigenen Waffen. Und gewiß, so ist es geschehen: die ganze Nation, die gleiche, freie- brüderlich geeinte, sie allein konnte das große Werk vollbringen. Aber wie nahe sich die Reforrngedanken Steins und die Ideen der Revolution berühren: an zwei Zügen wird der tiefe Gegensatz handgreiflich.
In Paris beginnt 'mim Mit großen weithin schallenden Worten, und sie haben sofort das Ganze, Allgemeine, — ja in wenig Sahren die Welt im Auge: Fraukreichs neue Ideale für alle öfter, sie alle mit gleicher Freiheit und Gleichheit, mit gleicher Verwaltung und Gesetzgebung beglückt — Stein sängt in engstem' kleinem Kreise an: nur diesem Kreise ist seine Reform angepaßt. Und dabei bleibt er: es hebt ihn auf die Höhen der Weltgeschichte seiner Zeit, ihn haßt der Jinperator mit ganz persönlichem Haß, ein Geächteter Muß et fliehen über die Grenzen seines Vaterlandes, in Prag und Petersburg wie zuvor in Königsberg arbeitet jein leidenschaftlich-universaler Äeiit an dem Werk der Rache und Be«


