Ausgabe 
5.6.1913
 
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Donnerstag, den 5. Juni

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Die Mmmenzrichrn rauchen.

Romcm aus dem Jahre 1813

von Micsx Karl B ö t t ch e r - Chemnitz.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Der Bote ging mit John, der soeben den Schlussel zur Kassette überbrachte, zum Pavillon. Der Schauspieler Ferdinand Brinck zog sich voll Anstand zurück uud betrach­tete hier und da die ersten knospenden Blumen des Gartens. Liuthardt öffnete die Kassette uud entnahm ihr ein Schreiben mit dem Siegel seines Vaters vermährt. Er er­brach das Schriftstück und las und las, und mit wachsendem Erstaunen vernahm er, was in der Heimat geschehen war. Schließlich ballte er zornig das Schreiben zusammen und warf den Knäuel auf den Tisch und ries:Es ist, doch ein Skandal! Die Menschen haben den Verstand ver­loren!"

Brinck trat näher und sagte:So erregt, lieber Junker. Hoffentlich keine unangenehme Nachricht aus der Heimat?" Mehr als das! Da, lesen Sie, wenn Sie Lust haben!" Uni) Brinck nahm den Papierknäuel, entfaltete und glättete ihn und las halblaut, so daß Liuthardt den In­halt des Briefes noch einmal vernahm. Der Vater schrieb:

Mein teurer Junge!

Schon aus der Wahl des Kuriers wirst Du er­kannt haben, daß ich Dir Wichtiges zu übersenden habe. Und in der Tat ist das hentige Ereignis, das sich begeben, wohl das Wichtigste, das sich je in unsrer Familie zuge­tragen : Wir sind von heute ab nicht mehr Herren von Hei'dehorst, wir sind nicht mehr eine der reichsten Familien des Landes, wohl aber der ärmsten eine. Die Ursache ist Dir, der Du als Erbjunker unsre Familiengesetze kennst und wohl auch die politischen Ereignisse der letzten Woche nbln Tage verfolgt'hast, ohne weiteres klar. Unser Werner ist mit in den heiligen Kamps gezogen und mit ihm die gesamte wehrhafte Jugend nnsers Dorfes, ja sogar ein Dutzend Männer gereiften Alters, unser Schirr­meister Elan an der Spitze. Ich und Gisela, obgleich dadurch an den Bettelstab gebracht, haben Werner vollkom­men zugestimmt und tragen gern und willig das traurige Los, von der Mildtätigkeit der Dorfbewohner, zu leben. Was Du zu tun und zu lasse» hast, wird Dir Dein deut­scher Sinn fügen in dem Augenblick, da Du dieses liesest, wenn Du uicht schon mit dem Schwerte nmgür- tet und zum heiligen Kampfe gerüstet, den Kurier ent», pfängst. Nimm meinen Segen zu Deinem ersten Waf- lfengang, und sollte das Schicksal Dein Mut fordern, so wird zwar mein Herz vor tiefster Trauer brechen wollen, aber der Gedanke: Mein Erstgeborener starb den Heldentod für die große, heilige Sache, dieser Ge­

danke wird meines Schmerzes Tröster sein. Nun lebe wohl mein Junge, und gedenke immer Deines alten Vaters und Deiner Schwester Gisela.

Dien Vater Eberhardt von Altenlohe..

Brinck faltete das Schriftstück wieder zusammen und legte es sorgsam auf den Tisch und Körners Schrift oben darauf und dann schaute er den.Junker an.Nun, .bester Brinck, was sagen Sie zu diesem Brief?"

Ein großer ein herrlicher Brief!"

Was? Sind Sie toll?! Oder wissen Sie nicht, daß ich in diesem Augenblick zum Bettler wurde?"

Arm an äußern Gütern, Junker, ja, aber reich an göttlichem Bewußtsein, daß Ihre Famiue eine große Tat getan und Sie können sich glücklich preisen, durch ihre Mitwirkung am heiligen Kriege diese Tat der Selbstverleug­nung und Aufopferung der Ihrigen zu einer herrlichen zu krönen. Und nun leben Sie wohl, Junker! Ich will zu meinem Freunde und beraten, wie wir der großen Sache helfen Wimen, denn der Brief Ihres Vaters hat mächtige Gefühle in mir erweckt und mich ausgerüttelt. Ich denke, unser König braucht Männer, die treu zu ihm halten und helfen, den Säubern deutscher Zunge die alte Freiheit wiederzugeben." Er schüttelte dem verblüfft dastehenden! Liuthardt die Hand und schritt durch den Garten davou<

Ja, ist denn der auch verrückt geworden," rief Lint­igs rdt uud befahl seinem Diener John, ihm den Kurjetz herbeizurufen.

Sofort, gnädiger Herr. Zugleich möchte ich bitten, ntid) aus meinem Dienste zn entlassen!"

Was fällt dir ein, John? Bist du nicht zufrieden mit deiner Stellung?"

O, sehr, gnädiger Herr, aber ich darf und kann nicht länger bleiben. Heinrich, der Kurier, erzählte mir soeben, daß in der Heimat alles in den Krieg gezogen^ sei, und da kann ich doch unmöglich allein....."

Deinen Heinrich soll der Teufel holen, wenn er meinen Leuten den Kopf verdreht. Rufe ihn her!"

Und nun erfuhr der Erbjunker alle zu Anfang dieser Erzählung geschilderten Vorgänge bis dahin, wo die Män­ner Heidehorsts die Heimat verließen, um sich in die Scharen der Freiheitskämpfer einzureihen. Der Bote schloß seinen Bericht mit den Worten: Und nun halten Sie mich nicht länger auf, gnädiger Junker. Ich muß heim, dem alten, gnädigen Herrn Nachricht zu bringen, und dann will ich selbst mich zum Kampfe stellen und John mitt mit mir ziehen!"

Da ke.hrte sich Liuthardt ab und schritt ins Haus', und auf der Türschwelle blieb er stehen und ries zurück: Saget, wenn Ihr heimkommet, dem alten Freiherr», er würde von mir hören. Und jetzt seid Ihr beide frei itnb könnt gehen, weuws Euch beliebt!"

Am Abend zog ein seltsames Paar durch die Tore Prags: Ein abgetriebener Gaul, einen Mantelsack auf