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Der Kampf um die Farm.
(Einem Mitkämpfer nacherzählt.)
Wir ritten durch Steppe und Dorn. Durchs Sonnenglnt, die das Blut in den Adern austrocknete. Wie lange schon? Immer weiter stumpf und dumpf. Nur an der Spitze der Leutnant, Blutjung und so braungebrannt wie Leder, schien nichts davon zu werten. Mein Nebenmann, ein allzeit lustiger Kamerad, den Meutenersinn und Freude an Ringen und Kampf hierher gelockt hatten, war auch schon länge verstummt. Ich weiß nicht, was er Heute chatte. Er, der sonst eine unverwüstliche Laune und Daseinslust besaß, der mit seinen Augen, in.denen der Schalk saß, überall eine lachende Welt fach und schpf, heute war er ungewöhnliche ernst. Wohin wohl seine Gedanken wanderten? Dachte er an ein Mädchsen in blonden Haaren unb Blanaugen, das seiner in Sehnsucht harrte dort droben im Norden? Dachte er an seinen Bruder, der vor 3 Tagen den Heldentod gefunden bei dem nächtlichen Ueberfall? Dachte er selbst an einen frühen Reitertod?
Doch sein Schweigen hatte alle angesteckt. Nur das Knirschen der Sättel, das Klappern und Sichreiben der Karabiner, wenn sie gegen die Stiefel schlugen, das gleichmäßige Hufschlagen von trabenden Pferdehufen war zu vernehmen.
So weit das Ange reichte: Steppe und Einsamkeit.
Jetzt hielt mit einem Ruck der Gaul des Führers. Stille hält die- kleine Kolonne. Der begleitende schwarze Führer, ein treuer Bastard, zeigt mit der Hand nach- vorn. Ter Leutnant blickt durchs Glas. Jetzt steckt er es schweigend wieder ein, hebt die Hand und die Patrouille fällt in Galopp.
Und wieder Schweigen und Steppe und Sonnenbrand.
Eine halbe Stunde hatten wir so zurückgelegt, da lag plötzlich eine 2rattn vor uns.
Verlassen, leer., Ein wüstes Bild der Zerstörung bot sich uns. Hier hatten diese schwarzen Schufte gründliche Arbeit gemacht. HeruUrgestrenter Hausrat, eingeschlagene Türen, verkohlte Balken. Als ich aus dem Lättel sprang, stieß mein Fuß an etwas Klirrendes. Es war ein kleines, ganz unversehrtes Medaillon, das ein herziges Mädchenköpfchen zeigte. Wohl das Kind der Farmersleute, wahrscheinlich erschlagen von diesen schwarzen Bestien, irgendwo verscharrt mr Land. O Krieg, du grausame Bestie!
Hier sollten wir rasten.
Tie Pferde wurden getränkt und gesattelt angepflöckt hinten im Hof an ein Fenster der Farm. Tie Wache bei ihnen übernahm der Schwarze. Dann setzten wir das Gebäude, so gut es ging, in Verteidigungszustand: verbarrikadierten die Fenster, verrammelten die Türen. Und dann tat! die Nacht, eine afrikanische Tropen- nacht. Fern am Himmel stand groß das Kreuz des Südens. Wir saßen im' Wohnzimmer der Farin beisammen auf der Erde. Ein kleines Oellämpchen, das sich irgendwo gesunden hatte, schwelte trübselig uitb erhellte mätt den Raum. Der Leutnant war in Halbschlummer versunken. Dieses ewige Aufderhutsein, dies höllische Aufpassen gegen den schleichenden, heimtückischen Gegner, der fitie zu fassen war, es fiel auf die Nerven. Wie anders hatte er sich diesen Krieg gedacht! Ein srischfröhliches Treiben und dann nach Hause reich an Rühm' Und Ehre.
Jetzt war er eingeschlafen.
Wir änderen hingen ein jeder seinen Gedanken nach. Stumin blickten 'wir wie aiigezogen in das schwelende Oellämpchen. Unb die Gedanken wanderten hinüber nach Deutschland. Daheim! saßen wohl Vater und Mutter auch bei der Lampe und dachten unb bangten um ihren Jungen, bei hier in der Wüste in Nacht und Stille auf cinfament Vorposten stand.
Und ein Heimverlangen, eine Heimbegehr zog durch die Seelen.
Ach ja, daheim! O Heimat, o friedlich tränt Dörslein, wann werde ich dich wieder grüßen? Vielleicht bald, vielleicht nimwer- m'ehr?
Werde ich dir noch! einmal ins Auge schauen, blonder Schatz, werde ich tM je wieder- im Arme halten?
So zogen die Bilder, so kaMen die Gedanken.
Bon Zeit zu Zeit erklang draußen der Schrei eines Vogels. Sonst Stille, tiefe unheimliche Stille.
Plötzlich lachte ein Bayer, ein Kamerad, laut auf. Es wär ein Bachen, das lief an den Wänden entlang wie ein Vogel, der ftch verflogen und ängstlich! einen Ausweg sucht aus dew Zimmer. Woran er wohl gebadjit? Tann versanken wir alle wieder in Sinnen unb Halb'schlnminer.
Ta kracht ein Schuß. Rrrrrrt! prasselts gegen bett Laden. Im Nn sind wir in der Höhe. Ich spring auf das Licht zu. Ein Schlag — es verlöscht. Ein Satz — und der Leutnant und ich sind ans dem Gang. Da Quellen sie herein, springen an wie Panther, die Katzen. Nur das Weiße funkelt in ihren Augen, die vor Mordlust glühen. Ein Schlag, ein Knall. Zwei taumeln und stürzen. Einer zerrt mich an der Schulter. Ein Tritt Mit dem Fuß unb er fliegt krachend über die Tür, die in Splitter liegt, hinaus. Ein scharfer Schnckrz geht mir plötzlich wie ein Nadelstich durch! Mein linkes Ange. Ich achte es nickst.
«Einen Augenblick haben ivir Luft.
Wir springen an die Tür. Nieder! keucht der Leutnant. Und dann feuern wir, feuern hinaus in den Knäuel. GebrüU, Schreie, Mordlust, RgchLgier. Wartet ihr Bestien! Noch sollen rinige von euch Mr Hölle, ehe ihr uns abWachtet. Mein Ge
wehr ist heiß. Tie Hautfetzen kleben mir daran. Nur schießen, schießen, ste mcht herankomMen lassen. Der Leutnant hat auch mnen Karabiner; wo er ihn her hatte, ich weiß es nicht. Wo die Holle nup all diese Furien so Plötzlich ausgespien hat? Jetzt verschwinden fie so lautlos, !vie sie aufgetaucht sind.
Wieder Stille, unheimliche, lautlose Stille. Was sie Nun Vorhaben? Wild pocht das Herz gegen die Rippen. Auge und Ohr und fieberhaft gespannt und lauschen hinaus in die Nacht, «une Angst, schnürt an der Kehle. Der Gaumen ist wie aus- gedörrt. so jung, und sich abschlachten lassen wie ein Tier! Isnte raube Verzweiflung, eine dumpfe Wut umnebelt toie ein Rausch den Sinn. Nur an sie können, nur iiiedermacheil köniten diese Bestien!
Unheimliche Stille.
Tie Minuten schleichen, werden zu Ewigkeiten. Wann kommen sie wieder?
Vor uns wiMmert es leise.
, „Haben Sie noch Patronen?" Der Leutnant fragt es flüsternd mit heißerer Stimme. Ich taste unb zähle: 10! „So viel wie ich!"
Wieder, Stille.
Noch ein Ansturm, noch ein Ringen, Mann gegen Mann, was uns bann bevorsteht! Ein Grauen schauert durchs Herzt Fahr wohl, junges Leben, fahr wohl, du sonnige Welt!
Tann wieder diese ohnmächtige Wut.
„Warum sie nickst wiederkontmeit?" flüstert der Leutnant neben mir. Noch eine halbe Stunde, die endlos, endlos dünkt, da dämmerts.
Ta vermeint das fieberhaft lauschende Ohr Galopp von Pferden zu vernehmen. Jetzt ein Knattern vieler Schüsse, ein wildes, wütendes: Hurra! Wir springen auf. Hinaus. Herrgott, da koMmt Hilfe, Rettung.
lEs war die Hauptkolonne. Wir erstatten Bericht.
Unterdessen ist es Tag geworden.
Ich wende mich um. Vor der Tür liegen zwei tote Schwärze. Warum! sie die nicht mitgenommen wie die anderen, ich weiß es nicht. Ich trete die Körper mit dem Fuß beiseite. Unter ihften liegt der Bastard. Wimmernd! Bon unzählichen Stich!en den Leib ausgeschlitzt, die GedärMe hängen heraus.
Wir anderen sind alle heil davongekommen. Nur der Nhein- länder fehlt. Ich finde ihn im Wohnzimmer, auf dem 'Gesicht liegend. Als ich ihn u'mdrehe, ist er tot. Die Kugel sitzt im Herz. Sine breite Blutlache bezeichnend den Platz, wo er gelegen. Auf seinem Gesicht liegt noch der Ernst, das schwermütige Sinnen von heute. Reiterlos.
Ta ist er wieder in Meinem Auge der bohrende, stechende Schmerz. Ich binde eilt wassergetränktes Tuch um' den Kopf; das lindert etwas.
Nach einer halben Stunde hatte der treue Bastard ausgelitten.
Wir gruben ein Grab bei einem Dornbusch und senkten beide Tote Hinein. Schlaf wohl in afrikanischer Erde, du sonniger Kamerad! Starbst den Reitertod, beit Heldentod für dein Vaterland und deinen Kaiser. Heute du unb morgen vielleicht ich.
Tann ging es weiter. Dort drüben in den Bergen saß och: Feind.
Jetzt fangen sie in der Kolonne das Afrikanerlied. Und als es über die Steppe klang:
„Doch oft so Mancher Kamerad
In voller Lebenskraft, Bei todeskühner Reitertat Ward er dahingerafft.
Für seinen Kaiser, für das Reich
> Gab er dahin sein Blut,
Auf sein Gesicht so todesbleich! Ta legten tvir den.Hut",
da dachst ich an eine Mutter daheim in Deutschland, die vergebens harrt auf die Wiederkehr ihres blonden Jungen.
R. Weber.
Schwarz und Blond auf der Bühne.
Es ist in der Bühnenwelt zur geheiligten Tradition geworden, daß alle Menschen, die hoch singen.(vorzugsweise Helden- tenor), eo ipso sympathischen Charakters sind, und alle solche Mit ebensolcher Konscguenz blonde Haare haben. Wohingegen der Charakter der Person sich in beut1 Maße der Schlechtigkeit aussetzt, als die Stimmlage seines Trmjers sich der Tiefe zu- neigt, wobei wieder die Schwärze der Seele mit der der Haarp und die Tiefe der Stimmlage mit der des ethischen Niveaus einig geht. Nun ist eS gewiß, daß die Farbe bei der Vorstellung gewisser menschlicher Charaktere eine Rolle spielt, und daß man finstere Gemüter /sich leicht schwarz zu denken, sowie sanfte blond wohl ein Recht hat. Und ebenso gewiß ist es, daß es ein heiliger Grundsatz auf der Bühne sein Muß, alles sinnfällig äustzuprägen. Aber als oberster Grundsatz mitß doch immer die Vernünftigkeit gelten und das Kunstwerk befragt werden. Hans! Pfitzner, bet bekannte Straßburger Komponist unb Opernbirektor, bringt niüt iM Maihefte der „Süddeutschen Monatshefte" zu der Saar- und Bartsrage auf der Bühne einen interessanten Kommentar. Geralde bet der Frage nach Schwärz! unb Blond darf die Rassenfrage keineswegs übergangen werden. Feder weiß von der Schule


