Ausgabe 
5.5.1913
 
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ich hab so oft auf.einer harten Bank, auf einer Matratze gelegen!" >

.Grönberg entging der ängstliche Blick nicht, mit dem Hildegard den Divan betrachtete, dieses baufällige, recht we- ittg einladende alte Möbel mit den schmutzigen Teppichen und Kissen. Er bemerkte ihre Bestürzung, er sah', daß sie dem Weinen nahe war.

Unwillkürlich dachte Hildegard an ihr' lichtes, hübsches Zimmer, an all Len kleinen eigenen Besitz, an die An­denken und Erinnerungen, die ein Teil ihres Lebens ge­wesen.

Sollte sie all das nie mehr Wiedersehen?

Das geht nicht, Holst! Sie müssen nicht glauben, daß ihre Tochter auch so ein Zigeunerleben führen mag, wie Sie!" mahnte Grönberg.Am besten gehen Sie fort mit dem- Fräulein, in eine hübsche Gegend, mieten sich da in einem Gasthaus ein paar hübsche Zimmer. Jetzt ist ja 11:0cf) alles 'frei. Ich bin 'gern bereit, Ihnen dann einstweilen hier loder in der Nähe eine kleine Wohnung zu besorgen."

»Ja, ja, wir gehen fort!" rief' Holst voll jugendlichem Uebermnt.Das ist ein gescheiter Einfall von Ihnen. Mraußen in der Natur wird das Mädel auch wieder fröh­licher. Wohin magst du, Hildegard? In die Berge? An einen See? Nach Tirol?"

Er rieb sich die Hände in freudiger Aufregung.

Wir packen! Wir packen! Ich fasse es ja nicht, dieses Glück! Eine Frühlingsrcise mit meinem Kind!"

Auch Hildegard schien wie neu belebt.

^,Wohin Pu willst! Ja, ja, ich freue mich! Ich will Hern .fortreisen! Mir ist alles gleich! Ich bin ja kaum aus München herausgekommen!"

Grönberg war vor die Tür getreten, er horchte.

>,,Nun ist ein Wagen angefahren!" rief er fortstürzend in kaum verborgener Erregung. .

Hildegard öffnete die Tür. Sie horte das Rauschen tzines seidenen Gewandes. Einen Moment zögerte sie noch. Wann trat sie auf die Treppe und warf ft cf). Marianne in die Arme. ,

^Mt weißt, was geschehen, nicht wahr? Aber du, du ziirnst mir ntcht? Du. bist mir nicht böse?"

j,'Nicht böse, nein," sagte Marianne traurig.Be­sorgt bin ich um dich, mein Kind! Sie werden dir deinen Schritt nie verzeihen. Du warst! immer das fremde Ele­ment. Nun schließt die Familie sich zusammen, noch enger als zuvor, nnd stößt dich aus!st

Und die gute Mama?" fragte Hildegard mit zittern- der Stimme.Darf ich nie mehr zu ihr?"

Wir Frauen in der Familie fügen uns ja immer. Sie fügt sich in das, was ihr Mann tut," sagte Marianne mit Zucken um die Lippen.Sie hat weinend deine Sachen zu- fammengepackt, sie glaubt an die Trennung."

/Ich habe ja nicht anders gekonnt, Tante," eitischul- 'digte sich Hildegard gegen den BorwUrf, den sie zu. hören meinte.

Holst war seiner Tochter gefolgt.

Nun trat er aus dem Dunkel hervor, schlang' die Arme UM sein Kind und sagte demütig:

Sie hat sich für ihren Vater geopfert!"

Marianne blickte auf in das ernste, liebevolle Gesicht mit den treuen guten Augen und, unwillkürlich von einem' tiefen Vertrauen erfaßt, nickte sie Holst zu mit den leisen, herz­lichen Worten:

Sie hat wohl das Rechte getan!"

Sie war noch ganz bewegt, als sie dann in Grimbergs Atelier den Mantel ablegte und in dem schwarzen Samt- gewan.de, das weich und schlank an ihrer vornehmen Ge­stalt herabiloß, auf das Podium. trat, das er bereitgestellt und mit den Teppichen und Fellen belegt hatte.

Grönberg rang so mühsam um Ruhe und- Beherrschung bei diesem lang erwarteten, lang ersehnten Zusammensein mit ihr, daß er dankbar war für eine Gedankenablenküng.

Armes Fräulein," bemerkte er,sie ahnt kaum, was sie tuj!"

Aber der Vater macht einen so gewinnenden Ein­druck. Er mutz ein prächtiger, warmherziger Mensch sein!"

'^Getviß, das ist er Wohl. Gr ist ja auch' ganz erwacht, ganz verjüngt durch die Nähe der Tochter. Man kennt ihn nicht wieder. Mer ein unpraktischer Mensch bleibt er

doch. Und von den Anforderungen, hie eine junge DamV ans Leben stellt, hat er keine Ahnung. So etwas von Gleichgültigkeit gegen alles Behagen ist mir noch nicht vorgekommen. Wieviel er verdient, was er besitzt, weiß ich nicht. Bisher hat er gelebt, wie ein Auachoret. In einer Garküche hat er ein miserables Essen hinunterge­schlungen, sich am Abend ein Stiick Käse gekauft, ich glaube, er wußte gar nicht, was er. Und feine Tochter kommt von den Fleischtöpfen Aegyptens!"

Wir Frauen sind stärkere Idealisten als Sie glauben," erwiderte Marianne.Wenn nur das Herz! nicht darben muß. Wenn sie nur Freude, Schönheit, Liebe in ihrem. Leben hat. Sie 'ist so jung, und sie hat in ihrer Umgebung immer nach Anregung, nach geistigem, künstlerischem In­teresse gehungert."

O, gnädige Frau, wer wie Sie immer auf den Höhen der Menschheit gewohnt hat"

Auf den Höhen der Menschheit," wiederholte sie bitter.

Es klang ihr wie Ironie.

/Ja, gnädige Frau, Sie ahnen doch/ nichts von den Schrecken der Tiefe. Und ich muß gestehen, ich werde Fräulein Hildegard wie eine Heldin bewundern, wenn sie durchhält bei ihrem Vater, wenn sie den Entschluß einer raschen Stunde nicht mehr rückgängig macht. Aber ich'glaube, sie wird zu Kreuze kriechen und eines Tages wieder de­mütig heimkehren in den Schoß der Familie Bernhobler, und sie wird sich verheiraten lassen an den Mann, den ihr reicher Adoptivvater ihr aussucht.

Nein, nein!" rief Marianne mit ungewohnter Lebhaf­tigkeit.Davor soll Gott sie bewahren!"

Wollen wir weiten?"

Ich wette nicht über ein Menschenschicksal!"

Sie haben recht; verzeihen Sie! "

Er fühlte, daß die übermütige Bemerkung sie verstimmt hatte. Er hätte sich selber schlagen mögen für das alberne Wort.

Er wußte ja kaum, wo ihm der Verstand blieb in ihrer Gegenwart, und redete Sinnloses, nur nm nicht das eine zu sagen, was ihm' auf der Zunge brannte:

Sie sind so wunderbar schön, Marianne! Und ich liebe Sie!"

12.

Als Hildegard am nächsten Morgen aus einem tiefen Schlaf erwachte, müßte sie sich erst eine- Weile besinnen, wo sie eigentlich fei, wie sie in diese fremde Umgebung komme. .

Sie lag in einem gelbgetünchten, höchst bescheidenen Zimmerchen in einem Bauernhause.

Zu dem kleinen Fenster herein strömte eine solche Licht­fülle, daß sie wie geblendet die Augen schließen müßte.

Und wie es draußen zwitscherte und jubelt«, wie die Hähne krähten und die Hühner gackerten das klang un- gemein lustig.

Sie mußte über sich selbst lachen, denn sie war plötzlich erschrocken über dasMuh" einer Kuh, das sie in solcher Nähe nie vernommen hatte.

Sie war ja eigentlich nie auf dem Lande gewesen. Papa Bernhobler wollte nicht in seinen Lebensgewohuhditen gestört werden. Einmal hatte er eine Reise in die Schweiz/ mit ihnen gemacht, war dabei aber so übellaunig gewesen, daß sie gerne wieder heimgingen. Sie erinnerte sich wohl an mächtige Eindrücke auf dem Pierlvaldstätterses, aber sie waren immer nur auf der Heerstraße geblieben, immer unter Menschen, und die Natur hatte sie auch! dort mit mächtiger .Sehnsucht gelockt, wie ein fernes, süßes Wunder/ gerade wie an den Sonntagen, wenn sie an den Starnderg- fee fuhren, sich unter einem! Troß! von Ausflüglern auf, dem 'Dampfschiff dahintragen ließen und dann gelang­weilt aus der Terrasse des Hotels in Feldaffing oder Leonie saßen.

Als sie nun aufgestanden, au das Fenster getreten ivar, als sie in das lichte, fonntoe Blau hinäusblickte, da wußte sie nicht, sollte sie lachen oder weinen vor 'Entzücken.

Wie schön das war, wie wunderbar schön!

Sie kam sich einfach! wie verzaubert vor! Wie in ein Pa* ra/dies versetzt! '

(Fortfthnng folgt.)