— 211 —
vielfach als einfachere Schrift die „Schwabacher Schrift", die ftch ans der italienischen „Lettera form'ata" oder „Lettern tonda" gebildet hat. In Deutschland fügte nian diesevsSchrift noch einige .Ecken hinzu und nannte sie Schwabacher oder alte Rotundschrist. Wie verschnörkelt und kompliziert Fraktur und Schwabacher Schrift find neben der Antiqua, zeigt ein Vergleich. Wahrend die Fraktur aus 66 und die Schwabacher Schrift aus' ,67 Elementen besteht, fetzt sich die Antiqua aus nur wenigen Grundformen zusammen. Ws der Buchdruck aufkam!, benutzte man auch in den westlichen Ländern allgemein solche Typen, die nach den geschriebenen Buchx- staben geschnitten waren. 'Diese Länder erkannten bald die Un- zweckmäßigkeit solcher Schrifttypen und kehrten zu den einfachen vorgotischen Buchstaben, den. lateinischen, zurück. Nur Deutschland verharrte in dein Schristirrtum und wurde darin von seinen führenden Schreibin'eifiern, wie Johann und Anton Neudorffer, Michael Baurenfeind und Ehr. Gottlob Rostberg, Nur noch bestärkt. Vielfach wird Albrecht Dürer als Mitschöpfer der Fraktur betrachtet, „er war aber weit entfernt von dem' Jrrwahne, als seien diese altmodischen gotischen Lettern deutschen Ursprungs oder- deutschen Charakters", wie Thausing schreibt. Während in Deutschsland drei Jahrhunderte hindurch eilte Verbesserung der Fraktur — trotz mannigfacher Versuche — nicht erzielt worden war, hat sich die Antiqua in den westlichen Ländern Europas in derselben Zeit zu einer Schrift von hervorragender Einfachheit, Deutlichkeit und Schönheit entwickelt.
Wie die Fraktur, so ist auch die spitze Schreibschrift weder verbesserungs- noch verschönerungsfähig. Das habe ich in meiner Schrift „Das deutsche Schri'ftwesen und die Notwendigkeit seiner Reform" früher schon ausführlich nachgewieseu. Es sei nur wiederholt, daß Deutschland in dem Uebergange zur lateinischen Schrift ein Jahrhundert aufgehalten worden ist durch eine geschickte Fälschung des Krefelder Kalligraphen und Kupferstechers Heinrigs' S. Dieser kannte von London her die herrlichen englischen r der lateinischen Schrift, die mit spitzer Feder geschrieben wurde. Ohne das ziu bedenken, stellte Henrigs die Schreibvorlagen so her, wie man ste wohl mit spitzem Stahl in die Kupferplatte für den Druck eingravieren, nicht aber mit nur einer spitzen oder nur einer breitspitzigen Feder schreiben konnte. Nur auf dem! Gebiete der Zierschriften war im' letzten Viertel' des vorigen Jahrhunderts das Aufkommen einer leicht schreibbaren Schrift, der Rundschrift, als Neubelebung des Schreibens zu verzeichnen. In neuerer Zeit versucht Man, die vor 100 Jahren verworfene Schreibschrift unter dem Namen „Renqissauee" wieder aufzufrischen. Diese für den Unterricht sowohl wie für diqAusführung gleich schwierige Schrift wieder einzuführen, hieße die Pferde hinter den Wagen spannen. Eine andere wunderliehe Schriftrichtung unserer Zeit erstrebt schon für Abc-Schützen künstlerische Ziele int Schreib- uuterricht und sogar die Ausbildung einer „persönlichen" Handschrift bei jedem einzelnen .Schüler, ohne zn bedenken, daß sich die charakteristische, ost mir zur Undeutlichkeit führende Verschiedenheit der Schrift im späteren Lehen noch früh genug einstellt. In der Mit der Tagung der Hilfsschullehrer verbundenen Ausstellung sind einige Originalblätter von den besten Schreibmieistern Italiens, Spaniens, Frankreichs, der Niederlande, Englands und Deutschlands aus dem 16. bis 19. Jahrhundert''von mir ausgestellt. Ein Vergleich lehrt, daß eS irrig ist, die spitze Schreibschrift für spezifisch deutsch zu halten, da auch Frankreich, die Niederlande und England früher eine spitze Schreibschrift hatten und Deutschland gegenüber den andern Ländern noch sehr rückständig und einer Neugestaltung seines Schriftwesens. sehr bedürftig ist.
Da die Antiqua die einfachere und leichtere, die Fraktur die zusammengesetztere nnd schwerere Schrift ist, Muß der erste Unterricht nach Pädagogischen nnd psychologischen Grundsätzen mit der Antiqua beginnen. Auch hygienisch erhält die Antiqua vor der Fraktur den Vorzug, denn durch Verwendung der Antiqua wird der Ueberbürdung vorgebeugt, Auge und Gehirn der Kinder werden mehr geschont. Wie der Schreib- und Lese-Unterricht am zweckmäßigsten eiirzurichteu ist, habe ich am Schlüsse der von mir 1881 herausgegebenen Schrift „'Das deutsche Schriftwesen Usw." bereits angekündigt. !Tieser Versuch) einer wissenschaftlichen Gestaltung des Schreib- und Lese-Unterrichts ist hervorgegangen aus der Erfahrung mit meiner Rundschrifimethode, der bekanntlich ganz einfache Begriffe zugrunde liegen. Ein gerader Strich und ein Halbkreis, beide in vier verschiedenen Größen, sind die Elemente, aus denen die Schrift entsteht. Diese bis dahin ganz neue Art der Schriftbildnng steht in krassem Gegensätze zu der äuster- lichen, systemlosen und verwirrenden Darstellung der Schrift in früheren Jahrhunderten. Nach demselben Grundprinzip des Aufbaues der B'uchstabenforMeit stach einheitlicher, bestimmter Regel konstruierte ich eilt System' für die Antiqua, nach dem alle Buchstaben aus nur wenigen Elementen aufgebaut werden können, nämlich aus vier Maden Strichen von verschiedener Größe, einem Halb- und einem Biertelkreis.
Eine Schrift, die sich aus so wenigen Elementen vollständig zusammen setzen läßt, eignet sich ganz besonders zpr manuellen Betätigung für trie Schüler, Die einfachen Forchen der Antiqua lassen sich ohne irgendwelche Schwierigkeit vom Schüler spielend nachbilden, und zwär in mannigfacher Weise. Pie manuelle Betätigung pflegte fitait bisher im Unterricht durch den Gebrauch von Lesekasten mit ganzen Buchstaben. Um bei dieser Arbeit mehr geistige Betätigung des Kindes anzustreben, mußten Lesekasten
tn Gebrauch genommen werden, die nur Buchstabenelemente bieten, um- das Verständnis für die Buchstäbensormen dadurch mehr zu unterstützen und das ANeignen der Buchstabenvorstellungeii ivesent- ltch zu erleichtern. 'Tas Verständnis für die Buchstaben so rMe n kann also durch boz Werküntrrricho Wit bestem Erfolge vorbereitet werden, wenn im ersten Schreib- und Lese-Unterricht Antiqua verwandt wird.
Welcher methodische Weg nun bei dem Erlernen der Antiqua im ersten Schreib- und Lese-Unterricht einzuschlagen ist, zeigt ihr natürlicher geschichtlicher Entwicklungsgang. Danach soll ber Unter» ruht mit den Großbuchstaben Beginnen, weit sie die einfachsten Formen zeigen. Selbst Erwachsene sind nicht imstande, Frakturgroßbuchstaben aus dem Gedächtnis nachzubilden, die Großbuchstaben der Antiqua hingegen kann schon ein Kind ans dem. Gedächtnis schreiben. Die weitgehende UebereinstimMung der lateinischen Großj- und Kleinbuchstaben erleichtert dem' Kinde das an zweiter Stelle folgende Erlernen der Kleinbuchstaben außerordentlich. Darauf folgt die Behandlung der schrägen Druckschrift als. Vorübung für die Schreibschrift, denn die Schreibschrift entsteht, wenn man die schräge Druckschrift in geläufigem Federzuge und die Buchstaben eines Wortes zusammenhängend schreibt. Solch logische Schreibmethode ist mit der Fraktur nickst auszustellen; denn sie entbehrt ber erkennbaren Verwandtschaft ber Schreibschrift mit ber Druckschrift.
Abgesehen von ber manuellen Betätigung durch den Gebrauch der losen SchriftelSm'ente des Schreibkastens wird in Volksschulen die Schrift, die das geläufige Schreiben vorbereitet, in Uebungs- schristen mit Vordrucken durch das Schreib-Zeichnen aüs'geführt. Neben beit ganzen Buchstaben sind auch bereit Teile, neben den großen, bie entsprechenden kleinen Buchstaben vorgedruckt, so daß Anschauen, Denken und lieben als 'FundaMentalsätze alles Unter» richts vereinigt sind.
Sprechen solch zwingende Gründe für die Verwendung der Antiqua im' ersten Schreibunterricht, so ist die nächste logische Folgerung für den ersten Leseunterricht die Forderung von solchen Fibeln, bie mit der Antiqua Beginnen.
Henry van de Velde und das moderne rrunftgewerbe.
ZUM 50. Geburtstag des Künstlers. (3, April.)
Von Paul Westheim (Berlin).
Es scheint fast, als müßte Män bent deutschen Publikum den Manu erst toi eher vorstellen, dessen 50. Geburtstag jetzt von ihm gefeiert werden soll. In der ganz großen'Oesfentlichkeit scheint er nicht mehr zu stehen, und wenn die Renommiernamen ber neuen deutschen Knnstgewerbebeweguug genannt werden, dann ist gewöhnlich der van de Veldes nicht darunter.
Wieso das? Vor 10 und 15 Jahren, znv Zeit der Gewerbe- reforin in Deutschland, stand doch gerade dieser Name int Mittelpunkt all der leidenschaftlich geführten Erörtermtgen. Kein anderer ist wie er beschimpft, verhöhnt und verlacht worden. Und das aus keinem andern Grunde, als weil er damals schon eilt paar Kunst- gewerbe-Maximen predigte, bie heute als Selbstverständlichkeiten dem jüngsten Kunstgewerbeschüler geläufig find. Oder sind wir uns etwa nicht alle darüber einig, daß ein Zweckgerät so gebaut sein soll, daß es seinen Zweck aufs beste erfüllt, daß es eben seine Schönheit durch die Herausarbeitung dieser Zweckbestim- MUng erhält? Haben unsere Sinne nicht gelernt, ,daß auch die Stoffe eilte Seele haben und daß es.Aufgabe des Handwerkers ist, durch die richtige, die mäterialgerechte Bearbeitung diese innere Schönheit der Stoffe zu enthüllen? Ist esmicht eine Gassenweisheit, daß auch die Maschine einer künstlerischen Produktion fähig sei? Wenn man heute wieder einmal die „Laienpredigten" durchliest, ist man erstaunt, Ivie Grundsätze, die uns so selbstverständlich eingeben, damals Sturm. und Aufruhr erregen konnten. Tas Apostolische und Revolutionäre au diesen Predigten wird uns erst begreiflich, wenn wir auf einen Augenblick an den Makartplunder zurückdenken, ber damals das deutsche Heim erfüllte.
In den letzten Jahren scheint es ein bißchen in Vergessenheit geraten zu sein, daß ber Anstoß dazu, daß dieser Plunder aus unseren Häusern toeggefegt wurde, von diesem Belgier ausgegangen ist. Er hat bie Lehren ber Morris und Ruskin zu uns nach Deutschland herübergebracht, er hat durch seine Weckrufe in den 90er Jahren die ersten Maler-Architekten aus ihren Ateliers 6er» ausgelockt und zuerst eine Jntellektuellenschicht aufgerüttelt zum Kampf gegen eine architektonische und kunstgewerbliche Phraseologie^ die mit dem frischen Geist unserer Zeit so gar, gar nichts zu tun hatte.
Van de Velde wollte es nicht in den Sinn, daß mau, um wieder zu künstlerischen Gewerbeleistungeir zu gelangen, sich außerhalb der Gegenwart zu stellen hätte. Er wär auch zu sehr Sozialist, um eine Gewerbekunst zu erstreben, die auf eine ganz dünne Oberschicht beschränkt bleiben mußte. „Es wurde meine aufrichtige Absicht", bekennt er, „durch mein Werk auf eine große Anzahl von Menschen zu wirken, ttnb hierdurch wurde ich auf industrielle Verfahren ljingeroiefen. Ich gewann die Ueberzcugung, daß ein Mensch umso mehr gälte, auf je mehr Menschen er wirke. Mein Geist fand es wahrhaft unmoralisch, noch ferner Werke herzustellen, bie nur in einem einzigen Exemplar vorhaitden sein konnten . . ." Gedankengänge, bie in der Folge zu dem slihrkn


