Ausgabe 
4.12.1913
 
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tauschen, denn er war ein nachdenklicher Mann, der alte Vorsänger, wie überhaupt die Art der Vogelsberger eine beschauliche, dem Ewigen zugewendete war. Ihr Dasein war kein leichtes! Nicht allzuviel des Verlockenden bot ihnen die Welt! Aber in einer Zeit, ivo schon die kalte Luftströmung des Zweifels an allem, woran sich das Menschenherz in seiner Not klammert, durch die Welt zu wehen begann, lebten und starben sie im Schutz ihrer Weltab­geschiedenheit unangefochten ihres alten Glaubens, der ihnen des Lebens Lasten tragen half, und sie auch dem Tod gefaßt in's Auge sehen ließ. Zu letzterem verhalf ihnen auch die Weltanschauung, die sie sich im steten Umgang mit der Natur erwarbcu: Sie wußten sich gleich den nachdenklichen Bauersleuten aller Orten und Zeiten hineingestellt in die Unabwendbarkeit ihrer Gesetze, in welcher sich gleichwohl der Wille Gottes, der ihnen endlich alle Dinge zum Besten dienen lassen würde, auswirkt. Es wäre ihnen kindisch erschienen, wenn sie sich nicht ergeben in den Willen dieser beiden ewigen Grundmächte des Lebens hätten fügen wollen! Und weil sie dasselbe bei jedem gereiften Menschen voraussetzten, scheuten sie sich nicht, kranke und alte Leute an die Wahrschein­lichkeit ihres baldigen Hinscheidens zu mahnen. Es ist eine alte Wahrheit, daß kleine Leute oft so groß zu sterben wissen: wie es Rosegger in der kleinen Erzählung:Wie der Meifensepp ge­storben ist", tief ergreifend dargestellt hat. Des Lebens letzte Prüfung bestehen die Mühseligen und Armen um so viel leichter, als es leichter ist, vom karg besetzten Tisch des Lebens aufzusteheu als vom vollen, und wären es auch nur ideale Lebenswerte, die die den Reichtum des letzteren ausmachen! Auch das Interesse au der Entwicklung des Lebens, an einer Wissenschaft, oder unaus­geführte Pläne, können hochbegabten Menschen noch am Lebens­abend das Einschlafen erschweren. Im Vogelsberg aber fand ich, als mir das Verständnis des Lebens anfing aufzugeheu, schlichte Leute, die nach einem mühevollen Lebenstag der Nacht mit ihrer Ruhe gefaßt oder sehnsüchtig entgegensahen.

Eine Seite des bäuerlichen Berufes des Bogelsberges ist es besonders, die seinen Hang zur Nachdenklichkeit fördert: Während die Anstrengung, die ihn die Bebauung seines rauhen Heimat­bodens kostet, ihm keine Zeit läßt, über das Nächstliegende hiu- anszudcnken, findet er dazu umsomehr Gelegenheit beim Weiden der Herden. Nirgends im Hessenland wird das uralte Hirtenamt soviel ausgeübt, als im Vogelsberg, dessen Haupterwerbsquelle die Viehzucht ist., Nicht ein Hirte führt die Herde des ganzen Dorfes, sondern jeder Bauer schickt sein Vieh, wohin er will, und ivenn die Feldarbeit nicht drängt, weidet er es selbst, wie er tzls Knabe schon getan, nnd^dort, in der grossen Einsamkeit des Gebirges, kommt ihm dasSinnieren". Nehmt dem Vogelsberger das Recht der Einzelweide auf dem Oedlandstreifeu, und seine Eigenart, wie sie sich feit alten Zeiten geprägt hat, wird viel von ihrer Innerlichkeit verlieren.

(Fortsetzung folgt.)

Vermischtes.

D ie Stadt auf dem Berge.ES mag die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein." Sehnsüchtig blicken mit, in Staub und Hitze des TaleS dahinwandernd, zu ihr empor. Wie schmiegen sich die roten Dächer in das Grün der Gärten, wie leuchten die Türme im Sonneuglauze, wie lockend schimmern die Fenster im Abendrot! O, schöne Welt, o sreundliche Bergstadt! Und nun sind wir oben wie wacker deine Wimmer und Frauen, rote groß und stärkend der Blick in die Weile, ivie voll und erhebend der Abendglockeuklang! O liebe deutsche Blutter- spräche, ivie gleichst du doch der Stadt aus dein Berge! Wie herrschest du, eilte rechte Bergkönigin, über dein weites Reich: machtvoll erstreckt sich dein Zepter,' nicht nur über dein nächstes Herrschastsgebiet, das Deutsche Reich, nein, weit über seine Grenzen hinaus bis ties in die Nachbarlande hinein: nach der Schweiz, nach Oesterreich und Ungarn, nach Rußland. In deinem Zeichen wandern deine Söhne in die weitesten Fernen, nach bunten, iremd- artigen Ländern und erobern dir neue Gebiete: in Nord- und Südamerika, in Afrika und China, in Ländern jeglicher Zunge, wo deine Kinder sich ein Heim gegründet, von dessen Giebel dem Banner weht! Nein, du magst, weil du auf einem Berge thronst, nicht verborgen sein, und du brauchst dich vor der Welt nicht zu verstecken; lockt nicht deiner Schönheit Glanz die Fremden in Scharen herbei, dir ihre Huldigung darzubringen? Sehl, wie sie nach mühevoller Wanderung durch dürre Strecken sich laben an dem ewig frischen Quell deutscher Sprache, deutscher Dichtung. Ja, trinkt nur in vollen Zügen, ihr Männer der Ferne die Quellen sind unerschöpflich und sprudeln für Einheimische und Fremde. Nur e i it Mangel stört die volle Freude an deinem 2(11- blick, du Stadt auf dem Berge, du deutsche Sprache: laß besser noch als bisher kehren deine Straßen und Gafsen; laß himveg- räunien den Schutt häßlichen Fremdkrams, den vergangene Jahr- hunderte des Elends und der Schmach darin ansgehäust haben; laß ausjäten das Unkraut, das einst in Tagen des Unverstandes deine Rinder in falschem Wahne, als seien es Zierpflanzen, in deuien Gärten und Anlagen angesiedelt haben. Begnüge dich nicht mit dein, was durch die Fürsorge deiner Behörden bereits erreicht

ist; höre auf die Stimmen des Unwillens und des Spottes der fremden Besucher über deine Schönheitsfehler und laß dir gerne gefallen die Mitarbeit wohlmeinender Bürger, die dich in Hellem Glanze vor der Welt prangen sehen möchten; iveise sie nicht zurück, auch wo sie tadeln statt loben müssen. Einst wirst du ja wieder zn voller Herrlichkeit erstehen, die Krone des Landes, die schönste von allen Städten und mögen wir Lebenden diese Zeit auch nicht mehr schauen, wir haben mit an dem großen Werk arbeiten dürfen, wir haben nicht vergebens gelebt.

R. Palleske (Landeshut i. Schl.)

Viichertisch.

NeueWeihna ch ts b ü ch e r sind im Verlage von Levy Und Müller in Stuttgart erschienen. Joli. Ein lustiges Buch von Menschen- und Affenkinderu. Bon Josephine Siebe. Sehr reich illustriert. Eleg. geb. 4 Mark. Joli ist ein allerliebster kleiner Affe,- der verwundet zum Entzücken der Kinder int Hause des Gärtners Hesse Aufnahme findet. In der Weihnachtsnacht brennt die Gärtnerei ab, und die Familie Hesse zieht mit Joli nach Südamerika auf eine verlassene kleine Farm mitten im Ur­walde. Den kleinen Joli überfällt eine unbezwingliche Sehnsucht nach seinen freien Genossen int Walde. Er wird deshalb freige­lassen und unternimmt es, den Affen alles das beizubringen, was er unter den Menschen gelernt hat. Aber Joli sehnt sich zu den Menschen zurück, und als die Familie Hesse nach Deutschland heini- kehrt, schließt er sich zur Freude der Kinder wieder an. Josephine Siebe weiß genau, was und wie es die Kinder mögen, und hat diesem Bedürfnis in jeder Beziehung Rechnung getragen. So ist ein Buch entstanden, das sich im Fluge die Herzen der Kleinen erobern wird, und die zahlreichen Illustrationen werden die Freude an dem Gebotenen nur noch erhöhen. Die Steinbergs.- Eine Erzählung ans der Zeit her Befreiungskriege von Josephine Siebe. Mit sechs farbigen Vollbildern. Eleg. geb. 4 Mark. Das von glühender Vaterlandsliebe und Treue durchdrungene Buch versetzt die jungen Leser in die schweren Zeiten vor hundert Jah­ren und schildert in hinreißenden Bildern die damaligen traurigen Verhältnisse in Deutschland. Es bezweckt, der Jugend das Ver­ständnis für die Vergangenheit zu erleichtern und deutsches Be­wußtsein und deutsche Tatkraft ins Herz zu pflanzen. Der vielen Vorzüge wegen ist das Buch als eine anregende und gemütvolle Lektüre Knaben und Mädchen aufs wärmste zu empfehlen.< Fräulein Wildkatz. Erzählung für junge Mädchen von Käthe van Beeker. Mit sechs Vollbildern. Eleg. geb. 4,50 Mark. Die in Mädchenkreisen so beliebte Schriftstellerin führt in dieser frischen, kunstvoll anfgebauten Erzählung einen Backfisch vor, der aus Südamerika zu seinen Verwandten nach Deutschland kommt, um hier nach deutschem Muster erzogen zn werden. Bei der ur­sprünglichen Natürlichkeit der Heldin der Erzählung kommt es zu den drolligsten Situationen, und die Verfasserin hat es ver­standen, gerade diese Szenen mit so viel überschäumendem Humor auszustatten, daß den Leserinnen vor Lachen die Tränen in die Augen treten werden. Hanneles Opfer. Eine Erzählung für die Jugend von Tony Schumacher. Mit drei Vollbildern, Eleg. geb. 3 Mark. In der langen Reihe von Jahren, während der Tony Schumacher für die Jugend geschrieben hat, ist ihr Erzählungstalent jung geblieben und schmückt sie mit einem immergrünen Kranze. Dies zeigt wieder recht deutlich diese ihre neueste Erzählung. Das ganze Milieu der Erzählung ist fv ge­wandt und anschaulich gezeichnet, daß das Buch als ei;te außer­gewöhnliche Gabe die wärmste Empfehlung verdient.

§kai-Ausgadr.

Mittelhand spielt Piqne'Solo mit folgenden Karten:

Vorhand hat 25, Hinterhand 42 Augen. Das loren, obgleich im Skat noch ein Trumpf liegt. Karten verteilt und wie würbe gespielt?

Spiel geht uer- Wie waren die

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer; Eines Ändern Pein empfinden, Heißet nicht barmherzig sein;

Liecht barmherzig sein will heißen:

Wenden eines Anderen Pein. Logau.

Redaktion: K- N e u r a t h. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Langtz. Gieße»