Ausgabe 
4.12.1913
 
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find liber uteinem Kops verbraiist und haben meinen Frieden so wenig gestört als der Kanonendonner den der Ameise, denn ich lebte ja noch im Kinderland, das inmitten der Welt eine wohl­umhegte Welt für sich ist. Wohl empfinden auch seine Bewohner Schmerzen würden sie sonst so ost schmerzlich schreien und so dicke Tränen weinen? aber ihre Leiden werden durch keine Reflexion verschärft! Mit beut Schmerzgefühl versiegen auch die Tränen, und wie der April Regen und Sonnenschein, so haben die kleinen Menschen Lachen und Weinen in einem Sack. Bald, ach nur zu bald, wachsen sie aus diesenr glücklichen Lande heraus! Manche mit dem Kopf voran während ihre Füße noch tief drinnen stecken oder auch umgekehrt. Aber wenn sich seine Pforten ge­schlossen haben, ist es für immer geschehen. Dann naht nur noch zuweilen in stillen Stunden die blasse Frau Erinnerung und läßt uns zurückblicken; und von ihrer Hand geführt, schaue auch ich noch heute tief in mein verlassenes Kinderland.

Erst seitdem ich das Stückchen Welt und Leben, das sich aM Beginn meines Daseins in meiner Seele gespiegelt hat, aus weiter Ferne ansehe: ihm gleichsam objektiv gegenüberstehe, habe ich den Gesichtspunkt gewonnen, der es mir in seiner Schlichtheit, in seiner Gebundenheit an ursprüngliche Verhältnisse und an eine ebenso ursprüngliche Gebirgsnatur rührend und reizvoll erscheinen läßt; und wie der Maler zum! Pinsel greift, um darzustellen, was zu seiner Seele gesprochen hat, so zwingt mir die Erinnerung an mein Kinderland die Feder in die Hand. Zudem: die Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts war eine von der heutigen so ver­schiedene, als ob nicht eine stattliche Anzahl von Jahrzehnten son­dern mindestens hundert Jahre dazwischen lägen. Wie aus grauen Fernen taucht ein Bild, vor mir auf, und von deut Gewesenen er­zählt man gerne.

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Die Heimat meiner Kindheit und Jugend war der Vogelsberg, der erst spät durch Eisenbahnen erschlossen wurde. Weit ab vom Fuße des Gebirges, da wo die Main-Weserbahn durch die Wet- teran zieht, liegen die Bahnstationen, die in den fünfziger und sechziger Jahren die bem Vogelsberg zunächstgelegenen waren, aber die meisten seiner Bewohner, besonbers die Frauen, lebten und starben, ohne je eine Eisenbahn benutzt zu haben. Nur zweimal wöchentlich kam der Postbote vom nächsten Städtchen in die Dörfer, um Briefe und bett Geistlichen unb Bürgermeistern dieDarm­städter Zeitung" und das Kreisblatt zu bringen. Damit war die regelmäßige Verbindung mit der Außenwelt her gestellt.

Bon den Hilfsmitteln, die jetzt mit Blitzesschnelle Nachrichten von Ort zu Ort bringen, stand dem Vogelsberg noch keines zu Gebot, und wichtige Nachrichten wurden vielfach durch Extraboten befördert. In einfachen Familienkreisen waren es meistens Trauer­nachrichten, die derart ankainen. lind ich erinnere mich noch gut des Seplembertages und der Stunde, wo ich, die Elfjährige, nachdem meinen Eltern eine solche überbracht worden Ivar, vom kindlichen' Spiel auf der Wiese abgerufen und unvermittelt vor das tiefe Rätsel vom Leben und Sterben gestellt wurde, wodurch ich derart erschüttert wurde, daß ich tagelang traurig und in ver­geblichem Grübeln einsame Wege aufsuchte.

Wenn heute ein zu jener Zeit verstorbener Gebirgsbewohner seine Augen in einer modernen Großstadt noch einmal aufschlagen könnte, würde er sich auf einen anderen Stern versetzt wähnen; und nur inmitten der ursprünglichsten Natur wäre es ihm ntöglich, die Züge der alten Mutter Erde wieder zu erkennen. Doch nein, auch in der entlegensten Gegend, sobald sie nur von einer Straße durchzogen wird, könnte ihn ein ungewohnter Anblick daran zwei- seln lassen, ob er sich aus Erden befindet; es dürfte nur ein Automobil an ihm vorübersausen! und ein Luftschiff, das auch ferne von den Verkehrsstraßen über seinem Haupt dahinziehen könnte, müßte ihm erst recht unirdisch erscheinen.

Und wie mühte es ihm am Fernsprechapparat zumute sein, bei der Bemerkung, daß derselbe wie durch ZauVer räumliche Schwierigkeiten überwindet, indem er Menschen in ganz versön- licher Weise mit fernen Menschen in Verbindung .und in ihre Umgebung mit hinein versetzt, deren Geräusche er nebst den Stim- ineit der Sprechenden dem Gehör vermittelt! Wir alle haben uns nach und nach viel zu sehr an die neuzeitlichen Einrichtungen ge­wöhnt, als daß wir das Erstaunen eines Naturmenschen über dies alles ermessen könnten. 1 l

Die großen Erstndungen des 19. Jahrhunderts aus technischem Gebiet haben die äußere Lebensführung der Kulturmenschen mit» gestaltet, und neue Erkenntnisse ihrem' Streben weite Ziele gesteckt. Nur das Menschenherz mit seinem Sehnen, Hoffen unb Bangen ist baSselbe geblieben. ,

Stille und Ursprünglichkeit lagerten wahrend meiner Kindheit noch über dem ganzen Gebirge uitb aut meisten über dem seine höchsten Erhebungen meilenweit deckenden Oberwald. Seit 1908 versucht der Pfiff zweier Lokomotiven, die eine Kleinbahn über die Höhe und durch einen Teil dieses Waldes schleppen, den letz­teren aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. Vergeblich! Der Pfiff verhallt, und wie die durch einen Steinwurf entstandenen: Kreise int stillen Wasserspiegel verlaufen, dehnt sich das Waldes- schweigen aufs neue aus, nur unterbrochen durch Naturlaute, hier und da vom Büchsenknall eines Jägers und zuweilen voit frischen Stimmen wandernder Touristen. Dicht am Oberwald unb, zehn Minuten von ber Bahnstation Ilbeshausen hat bie Sommerfrische Hochwaldhansen ihre Pforten aufgetan. Nie aber wird der Vogels­berg eilt Anziehungspunkt für den großen Strom der Reisenden.

werden, die nur sinnfällige Schönheit und starke Kontraste in der Natur suchen. Dazu ist er in seinen Hauptzügcn zu ernst und zn schlicht. i

Aus den lieblichen, von Bächen durchzogenen Wald- , und Wiesentälern, in welchen fein Fuß wurzelt, erhebt er sich allmählich von Westen nach Osten einen Reiz des Daseins nach dem andern hinter sich lassend als ein Bild des Lebens um zerklüftet oder mit Oedland bedeckt zn seiner letzten Vollendung aufzusteigen. Schwermut und'Ernst breitet sich über diesen, nur von grasenden Herden belebten Oedlandstrichen aus, aber daneben liegen grüne Täler, durch welche die Quellen ihren Weg suchen, an bereit Hängen! sich die mit bunten Blumen überwucherten Bergwiesen ansbreiteit; unb bicht hinter ben kahlen, aussichtsreichen Höhen des Hoherods- kopfs, ber Hercheithainer Höhe, und ber Burgruine über Ulrichstein öffnet sich dem Wanderer das weite Waldgebiet des Oberwaldes mit seinen Märchengründen. Ich gebe gerne zu, daß ich dem Vogelsberg mit zn subjektivent Empfinden gegenüberstehe, um bei der Beur­teilung seiner landschaftlichen Seite maßgebend sein zu können, Allein ich finde, daß auch die unparteiisch an ihn Heraittretenden, ihn alsbald durchaus subjektiv, b. h. so verschieden wie möglich be­urteilen; und zwar in so hohem Grad wie es nur solchen Land» schäften gegenüber der Fall ist, bereit Reiz nicht nur in sinnfälliger Schönheit, fonbern vielleicht noch mehr im Stimmungsgehalt: in der Art wie sie zur Seele zu sprechen vermögen, liegt.

Ich brauche nur an bas Meer zu erinnern, das gleich einem1 stolzen, großen Menschen feine besondere Art auch nicht jedermann offenbart: dessen Macht bie Einen hinreißt, unb Andere kalt läßt oder schreckt. Wer aber zu den Ersteren gehört, wird nicht ach! üppigen Gestade am tiefsten von des! Meeres Größe ergriffen werden/ sondern auf ber weltverlorenen Insel, die allen Glanz von dem' großen Elemeitt empfängt, dem sie mit dürstigem Reiz als demütige Magd zugesellt ist.

Ein Zug von Weltferne und stimmungsvoller Dürftigkeit an den mit Oedland bedeckten, weiten Strecken des Bogelsberges er­wecken mir ähnliche Stimmungen, als ob ich mich auf einer Insel int Meer befände: Verklungen sind die Stimmen des vielgefchäs- tigen, vielgestaltigen und, ach, so nitruhevollen Lebens; unb bie Berge, bie ernst und in ruhigen Linien zu ihrem letzten Höhepunkt emporsteigen, lenken die Blicke znM Himmel, der sich darüber aus- spannt, und die Seele vom Nichtigen zum Bleibenden; so wie das Meer in seiner scheinbaren UnerMeßlichkeit der Empfindung Dinge nahe bringt, die menschlicher Verstand nie ergründen kann. Das Gebirge würde monoton wirken, wenn es nur solche Partien hätte, doch wie Tut Menschenleben die Empfindungen, so wechseln auch hier die ernsten und lieblichen Bilder miteinander ab. Uni) wenn ich durch die Täler des Vogelsbergs gehe, zur Zeit, wo dt<! Wiesen im sommerlichen Blumenschmiick stehen oder im Oberwald, wo frisch grüne Waldwiesen, umrahmt vom Schatten alter Bäume, mich wie freundliche Augen anlachen, und von den Halden ans schwanken Stengeln SoMmerblumen der außerordentlich schönen, reichhaltigen Oberwaldflora mir zunicken; wo reine Berglnft und Vogelsang mich umschmeicheln, und meine Seele, losgelöst von de« Welt, die hinter den Bäumen liegt, in der Bergeinsamkeit wie ich einem Gesundbrunnen untertaucht, dann frage ich mich immer wie­der, ob Heimatgefühl dazu gehört, um den keuschen Liebreiz dieses Gebirges zit empfinden! * I

In einem Dörflern des Vogelsberges Da, wo er fich nach Westen abzndachen beginnt lebten um Die Mitte des vorigen Jahrhunderts meine Eltern als junge Pfarrersleute, bereu Haus­stand sich zuweilen um ein Glied vermehrte, bis sechs Kinder Glück und Sorge ihres Lebens ausmachten.

Mein Vater hatte neben feinem geistlichen Amt noch das des Dorfschulmeisters zu verwalten, aber sein Gehalt war nicht der doppelten Bürde entsprechend benteffen; es nötigte ihn vielmehr dazu, um auf bet Stelle mitEselsarbeit und Vogelfutter" wie einmal jemand die mit 500 Gulden dotierte Pfarr- und Schule stelle von B n s e n b o r ii genannt hat leben zu können, auch das kleine Psarrgut selbst zu bewirtschaften, das heißt: dlckerban und Viehzucht zu treiben wie alle übrigen Bewohner des Dorfes. Dabei konnte es ihm keineswegs erspart bleiben, gleich, diesen Viehmärkte zn besuchen oder mit Juden, die zu ihm auf den Hof kamen, Geschäfte zu machen. r

Das Dörflein, das sich Schutz suchund vor dem rauhen An­prall des Nordwindes an den südlichen Abhang eines Bergrückens anlehnt, bestand aus zwei parallel laufenden, durch zwei außer­ordentlich steinige Zwischenwege miteinander verbundenen Gassen. Das Psarr- und Schnlhaus stand in der Mitte der oberen. Wenige Schritte davon hat das Kirchlein mit zwei hohen, dnnkelen Tannen davor, inmitten der Gasse seinen Platz gefunben, die nach rechts und links ausbiegend, geteilt zu Ende geht.

Das kleine Gotteshaus von dem in den sechziger Jahren eine Abbildung imDaheim" zu sehen war, als Zugabe zn einem Aufsatz über Land und Leute aus ber Feber des damaligen Geist­lichen' hatte nur eine Glocke unb keine Orgel. Ein biederer, während meiner frühen Kindheit schon verwittert ausfehender Bauersmann leitete, indem er mit durchaus umnelvdischer Stimme und allerlei Schnörkeln verziert, den Choral anstiminte, den Kirchengesang. Er hatte auch zu läuten unb den Klingelbeutel zu tragen; unb indem er sich derart mit seinem jungen Pfarrer in ben Kirchenbienst teilte, liebte er es auch, zuweilen feine Ge­danken über Welt und Leben, Zeit unb Ewigkeit mit ihm auszu-