Ausgabe 
4.12.1913
 
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Just nidte schmerzlich zustimmend uud ergriff des an­deren Hand in stummer Teilnahme; er hatte sich soweit vor- gebeugt, daß die Hutkrempe sein Antlitz beschattete und fern Gesichtsansdruck unerkennbar blieb. ,

Wir sind am Ziele," sagte Dell, da die Droschke an­hielt.Gott sei Dank! Bon hier fahre ich direkt nach Hause uud lege mich zu Bett." .

Der gestrige anstrengende Tag und die am Kranten,- bett dnrchgewachte Nacht ich bin todmüde und bewundere Sie, mein alter Freund, daß Sie noch immer frisch aur den Beinen sind."

Ich stamme vom Lande", sagte Just, der hinter den, Staatsanwalt ausstieg;Bauernblut ermüdet nicht so leicht, und für Sie würde ich so wie sso- dse letzte Faser meiner' Kraft mit Freuden hergeben."

Bauernblut!" wiederholte Tell nachdenklich er war stehen geblieben uud schaute den anderen mit warmem Blick an .dann sind Sie vornehmer Abstammung und mir doppelt wert."---- ' '

Bier Wochen später trat der Staatsanwalt Tell seinen Urlaub an, der ihm bis zur Erledigung seines Abschiedsgesuches bewilligt worden war; er zog hin­aus nach Doben, um die Bewirtschaftung eines kleinen Gütchens zu übernehmen, uud Friedrich Just, der sich drin­gend als Inspektor angeboten hatte, durfte ihn begleiten.

Tie Witwe Lampert wollte erst im Sommer auf ein paar Wochen hinanstomrnen, vorerst könnte sie sich von Ber­lin Noch nicht trennen, denn sie müßte doch täglich den Watthäi-Kirchhof besuchen um sich zu überzeugen, daß die Anlagen aus der Grabstätte ihres Seligen auch gehörig ge­pflegt würden.

Als Tell mit Just seinen Einzug in Toben hielt, zog er das Taschentuch und klopfte den Staub der Residenz von seinen Stiefeln, dann faßte er seinen Genossen an der Hand Und sagte feierlich:Vergessen sei, was hinter uns liegt! Helsen Sie mir, das zu werden, was ich von Geburt an; war und was ich nie aufgeben soll: ein deutscher Bauer, der nur vor Gott und seinem Könige den Racken beugt."

Wenn Sie hier in der Einsamkeit glücklich zu werden gedenken, Herr Staatsanwalt--"

Nennen Sie mich nicht mehr so, nennen Sie mich kurz­weg Tell, ich bedarf keines Titels, der mir Würde gibt, ich denke, ich gebe sie mir selber."

Wohl, Herr Tell, wenn Sie hier in der Einsamkeit glücklich zu werden vermögen, so lassen Sie mich den Zeugen Ihres Glückes sein; es heißt ja, die beste Einsamkeit sei die zu zweien."

Tell nickte und drückte dem treuen Gefährten die Hand.

Sie standen beide vor der Tür des Wohnhauses, und Just warf einen Blick aus das winterliche Landschaftsbild, das sie umgab, mau war noch im Anfänge des März. Seine -Augen schweiften über den See und blieben drüben am Gies­dorfer Schlosse haften.

Ja, Herr Tell," hob er endlich sinnend an, Sie könn­ten sich in der Tat hier eine recht schöne und herzliche Weih­nachtsstube einrichten, wenn Sie sich -eine Dobener Herrin von da drüben aus dem Schlosse holen wollten."

Das ist begraben und vergessen und Stolz gegen Stolz! Bon jetzt äb bin ich; ein Bauer und will denen da drüben zeigen, daß der Bauer den Kopf ebenso hoch und steif tragen kann wie der Junker!"

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Herr Justiz rat! Herr JUstizrat! Frau Lampert läßt bitten, Sie möchten doch nach Hause kommen. es ist Be­such da."

Ein mittelgroßes, gemütlich; dreinschauendes Männchen in schlichtem Arbeitsanzuge, das ziemlich hastig über die glattgemähte Wiese gehumpelt war, rief es einem hochge­wachsenen Manne zu, der in Hemdsärmeln, leinener Hose und hohen Stiefeln, mit einem breitkrempigen Strohhut auf dem Kopfe, neben einem Heuwagen stand und mit langge­stielter Forke das letzte Bündel Grummet kräftig auf das schon hochgepackte Fuder hinauf beförderte.

Der Angeredete sah den krummbeinigen, aber dienst­eifrigen Boten gutmütig lächelnd an und strich sich dabei mit der Hand über den blonden, welligen Vollbart, der ihm fast bis auf die halbnackte Brust herniederfloß.

Können Sie sich denn nicht daran gewöhnen, mich kurz­weg Herr Tell anzureden, wie?"

Aber, Herr Justizrat, das würde sich für mich doch nicht schicken. Seine Majestät der König haben Ihnen bei

Ihrer Verabschiedung nun einmal denJuftizrat" aller- gnädigst zu verleihen geruht . . . und Ehre, dem; Ehre ge>» bührt. Ich glaube, ich würde mir lieber die Zunge abreißen, als daß ich Sie, Herr Justizrat, kurzweg nur beim Namen nennen sollte der Herr Justizrat wolkeüs mir gütigst verzeihen!" c «

Sie sind ein Narr," sagte Tell, gutmütig lachend,und wenn Sie trotzdem nicht eine so ehrliche Haut wären, so würde ich Sie° jetzt zur Straße da oben hinaufschicken (er deutete ans das Heufuder) und freit Wagen durch Sie nach Hause kutschieren lassen. Aber nun sagen Sie, wer ist denn! gekommen?" nl

Der Herr Hoflieferant Adolf Dechner nut Frau Ge­mahlin ich sage Ihnen, Herr Justizrat, Sie werden die junge Frau kaum wieder erkennen, sie lvird stark, wahrhaftig sehr stark, aber immer noch so hübsch und frisch, tote sie als Bräutchen war."

Und wer ist benn sonst noch da?"

Der Herr Maurermeister Knoblauch iinb bic olle Mieseke, die Hoffouriers-Witwe." ,

Das fehlte noch!" dachte Dell im stillen;das wird ja ein allerliebster Abend tverden." Dann sagte er läut: Ich danke Ihnen, Gebauer, melden Sie nur, daß-, ich mich vorläufig zu entschuldigen bitte."

Zu Befehl, Herr Justizrat!"

Der Invalide hatte die Kappe gezogen und militärisch Kehrt gemacht. Jetzt humpelte -er wie eine an geschossene Krähe über die Wiese nach dem Fahrwege', der nach bem Dobener Gehöft führte.

Tell schaute ihm eine Weile nach und lächelte:ne alte treue Seele! Sucht sich auf seine Weise immer noch nützlich zu machen, obgleich er weder ordentlich gehen, noch ordent­lich zugreifen 'kann. Aber ich habe ein gutes Werk getan, ihn hier herauszunehmen, er hat den unglücklichen Peter kurz vor dessen Tode noch beherbergt, so soll er auch frei mir ein Obdach finden, bis ihm die Parze den Levensfaden durch-, schneidet."

Er schob sich den Strohhut aus der feuchten Stirn, warf die Forke auf die Heulast, ergriff Zügel und Peitsche ujlH ermunterte die Brannen durch einen Zungenschlag zum An­ziehen. Die wohlgenährten Pferde -gehorchten begierig, bald schwankte der Wagen über den tUrzgeschorenen Wiesenteppich nach bei- Straße, und Tell schritt leitend nebenher itnbl zügelte die lebhaften Tiere zu ruhigem Tempo.

Der zum Bauer gewandelte Justizrat ivar eine stattliche Erscheinung; die wettergebräunten Wangen strotzten ihm vör Gesundheit, seine großen, blauen Augen leuchteten wie Ede-k- steine. Sein Aussehen verriet, daß er kein gewöhnlicher Bauer war; er führte das Gespann aber mit so viel lässiger Sicherheit, daß ihm die Arbeiter, die- auf der Wiese jenseits der Straße noch mit dem Umwenden des Grummets beschäf­tigt waren, anerkennend nachschauten und Fine einzige spöt­tische Bemerkung über den feinen Stadtherrn wagten, der freiwillig zum Bauern geworden war.

Freilich-, Klarheit und Friede war Delk noch nicht ge­worden, wenn er sich auch bei seinen bäuerlichen Verrich­tungen unendlich freier und wohler fühlte^ als einst am Schreibtische vor dem aufgeschlagenen Strafgesetzfruche.

Auch heute wurde er sich des Fehlens des von ihm so heißersehnten inneren Friedens wieder bewußt und, einen ungeduldigen Seufzer ausstoßend, geleitete er den Wagen in den Wrrtschaftshof, wo er vor einer Scheune still hält, in die er abladen will, i

(Fortsetzung folgt.)

Im Vogelsberg.

Bon Th. C c llari » s.

(Fortsetzung.)

Mein Kiuderland.

In meutern Gedächtnis berge ich wohlbehütet meine irülüten Kindheitserinnerungen, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts! an beginnen, aus dem dämmernden Bewußtsein meiner selbst ber- einzelt aufznlcnchten, als die großen Momente im Leben eines kleinen Menschen. Mein Herz hat davor Wache gehalten, sonst wären sie längst von den dunkelen Wogen des Schicksals, von den kleinen Wellen täglichen Erlebens eine nach der anderen himoeg- gespütt worden.

Druck und Not des Lebens, die in und nach den Brausejahren; von 184849 nicht weniger als sonst auf der Menschheit lasteten, haben mich damals nicht bekümmert, nnd die Stürme der Zeit