Donnerstag, den 4. Dezcmder
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„ ßaurrnblut
taoman von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Ich tue alles, ivas Du wünschest, Papa," sagte der Staatsanwalt; „beunruhige Dich doch nicht! Ich weiß, Du wirst nichts Unerfüllbares von mir verlangen."
Herr Wilhelm schaute die Gattin an und wiederholte hartnäckig und unverkennbar schon ungeduldig: „So sag es ihm doch!"
„Nun wohlan, mein Sohn," nahni Frau Julie das Wort, „wenn es der Baler diirchaus will, so wisse denn, daß es sein Wunsch ist. Du mögest Doben übernehmen und verwal- len, für den Fall, daß ich ihn überlebe. Du sollst mir dann auf Doben ein Stückchen als mein Altenteil gönnen. Willst Du das tun?"
„Gern, Papa, von Herzen gern! Dil kommst mit dieser Anordnung meinen eigenen Wünschen nur zuvor — ich bin des Staatsdienstes müde und sehne mich nach Freiheit und Selbständigkeit."
„Aber William!" fiel Frau Julie vorivurfsvoll ein, „Du wirst doch Deine glänzende Laufbahn nicht aufgeben wollen? Denke doch nur, der Kronprinz kennt Dich und will Dir wohl! Wir müssen Dich noch einmal als Präsidenten oder Minister sehen!"
Herr Lampert gab sich vergebliche Mühe, den kranken Kopf zu schütteln, grollend murmelte er: „So laß ihn doch! Er kann tun, ivas er will, die Mittel dazu werden ■■— ihm nicht fehlen. Sage ihm das andere!"
„Der Vater hat über sein Vermögen derartig verfügt," fuhr nun Frau Julie gehorsam fort, „daß das Barvermögen, das er hinterläßt, für den Fall, daß ivir ihn überleben, zwi- schen mir und Dir und Adolf zu gleichen Teilen geteilt wer- den soll; Doben sollst Du außerdem bekommen und bewirtschaften unter der schon erwähnten Bedingung, daß mir dort ein Absteigestübchen verbleibt. Das Haus hier in Berlin, das der Vater besitzt, soll mir und Deinem Stiefbruder gehören; wenn ich aber sterbe, sollst Du meinen Anteil davon erben. So, nun weißt Du es; aber wozu wir das heute besprechen, sehe ich nicht ein. Wünschest Du noch etwas, Wilhelm?"
Herr Wilhelm hatte mehrere Lippenbewegungen gemacht und wiederholte leise unbeholfen: „Frag ihn, ob er tauch will."
„Freilich Null ich, mein guter Pflegevater," sagte Tell und bückte sich, um die Hand des Goldschmiedes zu küssen, „Du bist immer so gut und lieb gegen mich gewesen, abev Mama hat recht, wir können das wirklich ein andermal besprechen."
Teil stockte und sah erschrocken nach dem Kranken, der aufs neue von Brechreiz angewandelt wurde und sich stöhnend und würgend znsammenkrümmte.
Friedrich Just, der bisher stillschweigend ait der Tür gestanden hatte und von den anderen kaum beachtet worden war, sprang hinzu und unterstützte den von krampfhaften Zuckungen Erschütterten.
Als der Anfall vorüber war, erschien der Gesichtsausdruck Herrn Lamperts noch stärker verändert: die Pupillen waren vollständig verglast, die Wangen bläulichfahl und eingefallen, kein Muskelspiel verriet, daß in diesem Wesen noch Sinne und Nerven tätig waren — es war ein hippokratisches Gesicht.
Der erfahrene Friedrich Just hatte es sofort erkannt. Er zupfte den Staatsanwalt heimlich am Aermel, führte ihn vom Bette, wo Frau Julie allein sitzen blieb, nach einer Fensternische und flüsterte ihm ins Ohr: „Es geht mit ihm zu Ende, er erlebt den Morgen nicht mehr. Wollen wir's der Frau sagen?"
„Um Gottes willen nicht! Lassen wir ihr noch die Hoff- nung! Sie wird es zeitig genug erfahren. Aber wollen Sie mir einen Gefallen tun? Gehen Sie zu Adolf und holen Sie ihn; wir sind ihm dies schuldig."
, „Gern, sehr gern, Herr Staatsanwalt. Gott segne Sie? Sie haben ein gutes Herz und denken an alles!"
Es war in der Morgenstunde an seinem Geburtstage, als der Goldschmied Wilhelm Lampert, umgeben von seinem treuen Weibe, seinen beiden Pflegesöhnen, Herrn Friedrich Just und den Dienstboten des Hauses, seinen letzten Seufzer, anshauchte.
„Er hat ausgerungen," verkündete Tell mit ernster, feierliche rStimme.
Frau Julie fing laut zu weinen an, es war ein unbändi- der, wild tobender Schmerzensausbruch, dem sie sich überließ. ‘
„ Als der Arzt da gewesen war und Tod und Todesursache bestätigt hatte, stieg Frau Lampert, die sich in aller Eile schwarz gekleidet hatte, und nunmehr, wo es die Besorgung des Begräbnisses in einer des Toten würdigen Weise galt, keine Träne mehr vergoß, in eine Droschke, um die Besorgungen zu erledigen, die sie sich selber aufgebürdet hatte, Adolf Dechner war nach seiner Fabrik zurückgekehrt. Tell begab sich, von Just begleitet, nach dem Standesamt, um von dem Ableben seines Pflegevaters pflichtgemäße Anzeige zu machen.
„Eine merkwürdige Frau, Ihre Pflegemutter," sagte Just unterwegs und sah dabei seinen Begleiter von der Seite an.
„Nennen Sie sie nicht meine Pflegemutter, sie ist nur meine Pflegemama."
„Den Unterschied verstehe ich nicht recht."
„Und doch liegt er auf der Hand. Mama ist niehr ein Kosename, den man, wenigstens meiner Ansicht nach, jeder beliebigen älteren Frau geben könnte; aber Mutter, das ist für mich ein heiliger Name, den man nur einem einzigen Wesen auf dieser Erde geben kann — ach, ich habe niemals dieses Wort bewußt aüssvrechen dürfen!"


