WZ - Ur. 155
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Lauernblut.
Wo man von Gerhart v. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Warum so ernst und schweigsam, Herr Assessor? Sie haben doch keinen Kummer?" schmeichelte die süße Stimme der Begleiterin.
Allmächtiger Gott! Wie zart und innig kann dieses Mädchen fragen! Diese unverkennbare, aufrichtige, nicht nur geheuchelte Teilnahme legt sich wie eine weiche, lindernde Hand auf die Wunde, die verborgen in seiner Brust blutet.
„Keinen Kummer," wiederholt er, trübe lächelnd. „Wer hätte nicht Kummer auch in den Minuten des höchsten Glückes, die uns-das karge Dasein beschert? Ja, wenn wir den Augenblick festhalten könnten, wenn es kein morgen gäbe und keine Enttäuschung und keine Ernüchterung — dann wäre man nicht nur kummerfrei, sondern auch wunschlos und beseligt."
Fast freut sich Ellen dieses Ausbruches, der, wenn er ihr auch den inneren Zwiespalt ihres Begleiters verrät, doch auch den frohen Beweis erbringt, daß der Assessor diesen in ihrer Nähe verbrachten Augenblick für keinen verlorenen erachtet.
Das Secufer ist erreicht. Die Wandelnden stehen still und schauen schweigend hinaus auf das mondlichtübergossene Wasser. Zur Linken ragen die schwarzen, regungslosen Massen des träumenden Parkes; zur Rechten leuchtet es plötzlich hell und grell auf uud wirft einen gelbrötlichen Feuerschein auf die silberflimmernde Flut.
„Mein Gott!" ruft Tell überrascht aus, „das ist doch kein Brand?"
„Nein, Herr Assessor. Diese Illumination haben wir jetzt alle Abende, schon seit einer Woche."
( „Was ist es denn?"
: , „Papa läßt da drüben ein neues Treibhaus bauen, nach einem nagelneuen System, das einer seiner Freunde aus England mitgebracht hat. Eine einzige Drehung an einer Kurbel, und alle Fenster des Hauses öfiten oder schließen sich wie durch einen Zauberschlag — dreht man an einer anderen Kurbel, dann bedecken sich die Scheiben mit Holzjalousien zum Schutze gegen den Nachtfrost. Da der Bau noch vor Eintritt der rauhen Jahreszeit fix und fertig sein soll, so werden die Maurerarbeiten möglichst gefördert; sie werden jetzt immer bis zehn Uhr abends bei künstlicher Beleuchtung fortgesetzt. Wollen wir's uns einmal ansehen?"
Der Assessor nickt uud beide wenden sich rechts und schreiten unter den hier das Seegestade umsäumenden Linden entlang, bis sie den unfernen Obst- und Gemüsegarten erreichen. Nachdem die ziemlich weitläufige Anlage durchquert ist, betreten sie das eigentliche Revier der Giesdorfer Treibereien. Weit über ein Dutzend niedriger, langgestreckter. Mit schrägen Glasfenstern abgedeckter Häuser erheben sich in
drei schnurgeraden Reihen nebeneinander und verkünden schon von weitem, daß hier eine umfangreiche Kultur von allerlei Warmhauspflanzen und edlen Fruchtarten getrieben wird, mit denen der herrschaftliche Olergärtner den Berliner Markt zu versorgen hat. Neben diesen drei Gebäudereihen, gewissermaßen den Anfang einer vierten Reihe bildend, ragt das Fundament eines neuen Baues schon mannshoch zwischen zahlreichen Gerüststangen empor. Aus eisernen, naphthagefüllten Gefäßen, die auf feuerfesten Dreifüßen stehen, züngeln lange, flackernde Spitzflammen, die das Arbeitsfeld rötlich erhellen und ihren gespenstigen Schein weit hinaus in die Nacht werfen. Ein Teil der Arbeitsleute steht dicht gedrängt um einen nicht genügend erkennbaren Gegenstand, der auf dem Fußboden liegt, und ein besser gekleideter Arbeiter scheint auf die Leute einzureden oder ihnen Befehle zu erteilen.
„Was gibt es denn da?" sagt Tell und tritt mit Ellen näher an die Gruppe heran.
Das, was auf der Erde liegt, ist ein Mensch, ein schwach oder krank gewordener Arbeiter, an den der Bessergekleidete eben die Worte richtet: „Ich hab's Euch doch gleich gesagt, Müller, daß Sie zu der Ueberstuudeurackerei nicht mehr jung genug sind. Nun haben wir die Bescherung. Schiebt ihm doch seine Jacke unter den Kopf (der Zuruf gilt seinen Kameraden), damit er etwas bequemer liegt! So! Und hier — hier ist meine Pulle — er soll einen Schluck nehmen — echter Kognak!"
„Mein Gott!" sagt Ellen, die an den Sprecher herangetreten ist, „der Aermfte hat doch keinen Schaden erlitten?"
„Einen Schaden wohl, gnädiges Fräulein," tönt die leicht spöttische Antwort, „er hat sich überarbeitet; mit seinen zweiundfünfzig Jahren hätte er keine Ueberstunden machen sollen."
„Aber warum tat er es denn?"
„Weil er Geld gebraucht für sein krankes Weib!" lacht der Parlier (Polier), der den Bau leitet. „Die vierundzwanzig Mark, die er wöchentlich zusammenschindet, wollen nicht reichen, und da hat er sich freiwillig zu den Ueberstunden verdungen. Ich hätte ihn gar nicht dazu genommen — es ist ja die reine Tierquälerei; jedesmal fünfunddreißig Steine, jeder sechseinhalb Pfund, das sind über zweihundertsieben- undzwanzig Pfund, aufzubuckeln und aufs Gerüst zu schleppen, aber er bat und flehte so eindringlich, und da tat es mir leid und ich wollte ihn für sein Alter, für das er ja nichts kann, nicht büßen lassen. — Ach! da richtet er sich wieder auf, die Schwäche scheint vorüber zu gehen. Nun, Müller, geht es wieder besser?"
Ellen beugt sich zu dem nun aufrecht auf dem Erdboden Sitzenden hinab und sagt im Tone wärmster Anteilnahme: „Sie dürfen heute keine Hand mehr rühren, lieber Freund. Sie machen jetzt Feierabend und suchen bei uns im Gesindehause die Ruhe. Und dies hier ist für Ihre kranke Frau." Sie drückt ihm ein Zehnmarkstück, das sie schnell aus ihrem Geldtäschchen hervorgesucht hat, in die schwielige Hand. „Wenn Sie sich morgen noch nicht ganz wohl fühlen, dann


