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Machen Sie auch morgen Feiertag; den Lohn werde ich ^zhnen in diesem Falle ersetzen." ,
Ein beifälliges Murmeln lauft durch die Rechen der
„Nun, Müller, bedankt Euch bei dem guädigen Fräulein'" sagt der Parlier, und indem er sich gegen Ellen wendet, fährt er leise flüskernd fort: „Dem einen hier haben Sie auf vierundzwanzig Stunden helfen können; wer hilft aber den Tausenden, die wegen zunehmender Jahre und Schwächlichkeit brotlos sind, den Tausenden, die beim redlichsten Willen keine Arbeit finden?" _ .
Er blickt die so Angeredete mit seinen großen feurigen Augen fast feindselig an.
Ellen erschrickt über den Ton dieser Frage, und doch kann sie dem dreisten Fragesteller nicht eigentlich zürnen, da er mit seinem ansprechenden, hübschen Gesicht ut Haltung und Gebärde durchaus nichts an Ehrerbietung fehlen läßt, wenngleich diese Ehrerbietung nicht ganz aufrichtig, vielmehr ein wenig erheuchelt und ironisch gefärbt erscheint.
„Sie haben Recht, Herr Dechner," sagt sie gezwungen, „es gibt unendlich viel Elend, dem wir leider machtlos gegenüberstehen."
Dabei schaute sie sich nach dem Assessor um, wie um sich seiner Schutz gewährenden Gegenwart zu versichern; der aber ist mehrere Schritte zurückgetreten Und befindet BH auf der iin Schatten liegenden Giebelseite des nahen rchideenhauses, wo -er einen der Gärtner ins Gespräch gezogen hat. Sie hat das blasse Entsetzen nicht bemerkt, das den Assessor ergriff, als er die Stimme des Maurer- parliers erkannte; sie hat das nur halb unterdrückte, wie einen Fluch gemurmelte Wort: „Mein Stiefbruder!" von seinen zuckenden Lippen nicht vernommen. Wie von einem Skorpion gebissen, war Teil zurückgeprallt und dann pfeilgeschwind ins Dunkel -geflüchtet, um von dem Manne nicht erkannt zu werden, dem er überall anders noch lieber begegnet wäre, als gerade hier in Giesdorf, in Gesellschaft der Tochter des Hauses. Wenn seine Verwandtschaft mit diesem Maurerparlier nun Ellen bekannt würde? Wenn sie erführe, daß Peter Dechner, der Hetzer und Verführer, sein Stiefbruder sei? Wäre es dann nicht für immer und ewig vorbei mit allen den angenehmen Beziehungen, die er bisher im Brankschen Hause gepflegt hatte? Nur ein Moment war es gewesen, daß ihm diese Frage durch den Kopf schoß, aber dieser Moment hatte genügt, ihm alle Fassung zu rauben und ihn auf die Gefahr hin, durch sein auffälliges Benehmen das Befremden Ellens zu erregen, in die Flucht zu schlagen.
Der Parlier Dechner hatte seinen Stiefbruder trotz dessen jähen Zurückweichens sehr Wohl erkannt, und nicht ohne geheime Schadenfreude sagte er zu Ellen, deren suchenden Blick er bemerkte: „Der Herr, der mit Ihnen war, gnädiges Fräulein, steht dort; soll ich ihn rufen?"
„Ich danke, Herr Dechner, ich gehe nach Hause und muß ja dort vorbei meinen Weg nehmen. Gute Besserung, mein lieber Herr Müller! Lassen Sie sich führen, wenn es allein noch nicht gehen will. Gute Nacht, allerseits!"
„Gute Nacht!" scholl es im Chor zurück. Die Maurer und Steinträger rückten an ihren Kappen. Wenngleich der größere Teil derselben die Reichen und Vornehmen haßten so schauten doch alle ohne Ausnahme mit freudigem Schmunzeln dem davonschreitendeu jungen Freifräulein nach; so unfehlbar ist die Gewalt, die auch auf das Herz des Ver-l bissensten der Zauber der Jugend und der Schönheit ausübt.
„Wo bleiben Sie denn?" fragt arg- und ahnungslos Ellen den Assessor, der ihr am Orchideenhause entgegentrat.
Er hatte sich inzwischen gesammelt und raunte ihr vertraulich zu: „Ich will's Ihnen ehrlich gestehen, Fräulein: Ich habe kein Kleingeld bei mir, und es ist mir unerträglich, die Not eines so armen Teufels zu sehen, ohne durch eine Spende helfen zu können."
„Ich habe e§. für uns beide besorgt," versetzte Ellen, schon wieder schalkhaft.
„O, das war lieb von Ihnen, das werde ich Ihnen nie vergessen!" versicherte der andere mit Wärme.
Als sie an einem Heliotropbeete vorüberkamen, pflückte Ellen eine Blüte und gab sie ihrem Begleiter: „Da, riechen Sie einmal — duftet es nicht köstlich?"
Beglückt nahm der Assessor die Blume, um sie an seine Nase zu führen, und Ellen rief lustig: „J’y pense, j’y pense! Ich habe mein Vielliebchen gewonnen!"
„Wem ranbt eine so reiche Gegenwart nicht die Erinnerung au das Vergangene?" bemerkte galant der Assessor, „ich habe verloren."
Er tröstete sich über den Verlust mit dem Gedanken, daß die Gefahr, als naher Verwandter eines Maurerparliers erkannt zu werden, noch glücklich vorübergegangen war, aber seine Stimmung blieb gedrückt und ziemlich wortkarg kehrte er mit Ellen nach dem Schlosse zurück.
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Im Flur des Erdgeschosses eines ziemlich neuen Hauses in der Genthiner Straße drückte Friedrich Just auf den Knopf der elektrischen Klingel. Er hatte sein Reisejackett mit einem schlichten schwarzen Rock vertauscht und trug den Sommerüberzieher über beit linken Arm gehangen, denn es wär eilt warmer Tag. Der weiche Filzhut mit der breiten Krempe, den er immer noch auf hatte, wollte nicht recht zu dem schwarzen Besuchsrocke passen; ein Zylinderhut wäre besser am Platze gewesen; aber Friedrich Just war nicht der Mann, der nach Europas übertünchter Höflichkeit viel fragte, und wenn er sich auch nicht, wie Seumes „Wilder", einen Kanadier nennen durfte, so wär er doch so viel zwischen Kanada und Mexiko hin und hergezogen, daß er sich von der Beobachtung der in Berlin W gebräuchlichen Gesellschaftsformen glaubte entbinden zu dürfen.
Der Assessor Williaut Teil öffnete eigenhändig die Flurtür, da die Aufwartefrau, die ihm die Instandhaltung der freundlichen Junggesellenwohnnng besorgte, nicht anwesend war. Die Nachmittagssonne sandte gerade ihre Strahlen durch das hohe Fenster des Treppenhauses, imb Jo wurde der Oeffueude von dem auffallend grellen Licht überflutet. Seine großen runden Augen richteten sich, ein wenig blinzelnd, auf den unbekannten Besucher; der strenge, selbstbewußte Ausdruck seines Antlitzes schien nicht gerade zum Nähertreten einzuladen.
Scheu und doch mit einer unverkennbaren Neugier schaute Just an dem stattlichen jungen Manne empor und sein Blick blieb fragend an dem glatt verheilten Mensurschmiß hängen, der die linke Wange des Assessors zeichnete und vom Ohr bis unter das blonde, leicht gekräuselte Schnurrbärtchen reichte. _ „„.
„Habe ich die Ehre, Herrn Assessor William Teil zu sprechen?"
„Was wünschen Sie von mir?" klang die kurze, gemessene Gegenfrage.
„Ich glaubte, Frau Lampert hätte Ihnen schon von meinem Kommen gesagt."
„Frau Julie Lampert? Nein! Ich war gestern über Land und habe die Dame nicht gesehen."
Friedrich Just schwieg einen Moment, ohne sich übrigens im gewissermaßen staunenden Anstarren seines Gegenübers auch nur einen Augenblick stören zu lassen; dann sagte er plötzlich sanft und schonend: „Ich bringe Ihnen die letzten Grüße Ihrer Eltern."
„Meiner Eltern? So leben sie nicht mehr? Kommen Sie denn aus Amerika, mein Herr? Bitte, treten Sie näher!"
Er machte eine dringlich einladende Handbewegung und schritt nun eilfertig dem Gast als Führer voran. Das Aufleuchten in Jufts sonst meist verschleierten Augen konnte er nicht sehen; der Fremde schien in der Tat in hohem Grade befriedigt, daß der junge Mann durch die Aussicht, etwas Näheres über seine Eltern zu erfahren, so unverkennbar aufgeregt wurde.
Der Assessor stieß die Tür zu seinem Arbeitszimmer auf, ließ den Gast zuerst eintreten und fragte erst jetzt, indem' er auf einen der mit grünem Wollrips bezogenen Polstersessel deutete: „Mit wem habe ich die Ehre —?"
„Ich heiße Friedrich Just und bin fast ein Vierteljahrhundert lang der Genosse, Reisebegleiter, Geschäftsteilhaber, wenn Sie wollen, auch der Freund Ihrer Eltern gewesen; hätten die Aermsten ihr jähes und gewaltsames Ende voraussehen können, ich würde Ihnen wahrscheinlich beider Segen überbringen; Ihre Frau Mutter hat mir wenigstens oft genug antiertraut, wie ihr von unstillbarer Sehnsucht nach dem Sohne das Herz zerrissen wurde." Den Sprecher schien eine gewisse Rührung zu übermannen; seine Stimme zitterte ein wenig und seine Augen schimmerten fenchß
(Fortsetzung folgt.)


