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Donnerstag, den 4. September
ö^ren. Allerdings saß nicht er im Wagen, sondern der kleine, einjährige Sprößling seines Lehrherrn, der nunmehr eine stunde lang im Kinderwagen Erichs Schutz anvertraut wurde. Frau Wenzel hatte entdeckt, daß ihr Kleiner sehr gern bei Erich war, er spielte bei ihm immer viel ruhiger und artiger als sonst, daher wurden Minna die täglichen Äus- sahrten abgenommen und dieses Ehrenamt Erich übertragen.
Um halb zwölf Uhr mußte Erich mit seinem Schützling wieder tnt Hotel, sein, denn nun galt es, allerlei Vorbereitungen für die Mittagstafel zu treffen. Unter anderem
<< lange Tafel für die Abonnenten zu decken, denn im „Goldenen Schwan" speisten die Honoratioren unter den jungen Leuten, welche das böse Geschick in dieses Nest verschla- gen hatte. Es waren dies zwei Herren von der Post und die höheren ledigen Beamten der Stadt. Ein Gericht gab es in Frohwinkel noch nicht, die Leute, welche sich oder andere ver- urteilen lassen wollten, mußten dazu in die nahe Kreisstadt fahren. Dann aßen ein paar junge Kaufleute im „Schwan", Angestellte der wenigen kaufmännischen Geschäfte des Städtchens, sowie ein paar gutsituierte Handwerker, die Gott Hh-- nicht in seine Fesseln geschlagen hatte, trotzdem fast sämtliche Mütter mit heiratsfähigen Töchtern ihnen auf der Fährte waren.
Von diesen Tischgästen hatte jeder seinen festen, angestammten Platz, den Erich genau kennen mußte. Denn ein falsches Auflegen der von dem eigenen Serviettenring gehaltenen Serviette hätte für den Pikkolo die fürchterlichsten Folgen gehabt. Wenigstens bei den cholerischen Naturen, und von diesen gab es einige Exemplare unter den Mittagsgästen. Der Herr Postsekretär, der bereits in das Hagestol- zenalter rangierte, und sogar von den Müttern aufgegeben war, wurde dem armen Pikkolo sicher „Eine gewinkt" haben, wie der Fachausdruck in Frohwinkel lautete, wenn er seine Serviette nicht auf seinem Eckplatz vorgefunden hätte. Das wäre ja schließlich nicht so schlimm gewesen, wenn die Backpfeifen im „Goldenen Schwan" nicht ein so wunderbares Echo gehabt hätten. Denn, wenn der Pikkolo von einem gereizten Stamnigast vorn im Gastzimmer eine Ohrfeige erhielt, so schallte der klatschende Schlag selbst nach Minuten noch am Buffet oder in der Küche wieder. Lästermäuler behaupteten allerdings, das seltsame Echo sei in persona in dem, nervösen, groben Hotelier zu finden, der dem Pikkolo für jede, ihm von einem Gast applizierte Ohrfeige noch ein heilsames Senfpflaster in Form einer zweiten Backpfeife gab. Das war aber nur ein Gerücht, dessen Wahrheit unbewiesen blieb, da der Einzige, der es hätte aufklären können, wie das Grab schwieg. Erich ließ die Leute bei dem frommen Glauben an das Echo, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß dies seiner Reputation nur nütze.
Uebrigens hatte der Glaube an das Echo nichts so unnatürliches, an sich, denn der „Goldene Schwan" war ein altes Patrizierhaus, mit kolossal dicken Mauern, großen aber dunklen Zimmern und vielen Gängen und wirklichen Korridoren. Da war es nicht unmöglich, daß sich aus früheren
Vom Pikkolo zum Millionär.
Heitere Erzählung von Harry Nitsch.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
dauerte einige Wochen, bis Erich sich in seine neue Umgebung und Tätigkeit eingewöhnt hatte. Der Unterschied war aber auch gar zu groß. Zu Hause die sanfte Mutter, welche ihrem braven und folgsamen Sohn selten ein böses Wort wurde er dagegen von allen Seiten als Ablage- rungsstatte für Kraftworte gebraucht, die im Komplimentier- buch nicht enthalten sind. Und dabei konnte er nicht einmal wie früher Erholung von den Schattenseiten seines Daseins im traumreichen Schlaf suchen und finden. Früher mußte er zwar auch um sechs Uhr früh aufstehen, dafür wurde die weiche Schlummerstatte aber um neun Uhr abends aufge- Mcht. Da konnte man bis um sechs prächtig ausgcschlafen
Jetzt hieß es auch schon früh morgens um sechs Uhr heraus; dagegen wurde es abends zwölf, ia oft sogar ein und zwei Uhr nachts, bis der müde Pikkolo sich in Morpheus Arme betten konnte. Dann war der arme kleine Kerl immer so übermüdet, daß ihn statt der früheren sonnigen, fröhlichen Traume finstere und drohende Schreckgespenster verfolgten, so daß Erich gar oft in Schweiß gebadet erwachte. Das war sehr, sehr bitter, und die hellen, brauneil Augen Erich s wollten sich frühmorgeiis gewöhnlich gar nicht öffnen, wenn der alte Friedrich, das Faktotum des Hauses, der schon unter drei Besitzern seine Funktionen als Hausknecht ausgeübt, weckte. Wenn sich Erich auch an alles Neue Mit der Zeit gewöhnte, an die kurze Schlafenszeit konnte er sich doch nicht gewöhnen. Der kleine Pikkolo war fast immer müde, und spät abends, wenn nur noch die alten Stammgäste un Lokal waren, die lange Zeit bei ihrem Glas Bier oder Schoppen Wein saßen, schlief er gern in einenl Winkel auf hartem Stuhl ein.
Erichs Lehre war nicht gerade schlecht, sie war auch nicht gerade gut; vor allem aber war sie sehr „gründlich"! Im ersten Jahr war der kleine Schelm so eine Art Mädchen für alles. Ein älterer Lehrkollege, der bald ausgelernt hatte, betrachtete den Eintritt des neuen Pikkolos als genügen- den Grund, nunmehr so wenig wie möglich zu arbeiten. Es ruhte fast alles auf Erich.
Am frühen Morgen half er Friedrich beim Ausfegen. Dann beteiligte er sich beim Staubwischen, wobei er Minna, dem etwas faulen Dienstmädchen, die Hauptarbeit ab nah m. Dann gab es Gläser zu putzen, Untersetzer und Aschenbecher zu reinigen, sowie die vier Zeitungen in die dafür bestimmten Halter einzuspannen. Zwischendurch hatte er den Hotelgästen — es gab nicht viele davon, — das Frühstück zu servieren.
Waren diese Arbeiten erledigt, dann trat er seinen Dienst bei der Frau des Hauses an. Jetzt fuhr er stolz spa-


