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romantischen Zeiten noch ein freundliches Echo eingenistet hatte. .
War der Mittagstisch beendet, dann setzten sich dre Zungen Leute gewöhnlich zu einem Kaffeeskat zusammen oder spielten eine Partie Billard. Jetzt hatte der Pikkolo seichten Dienst, denn Herr Wenzel suchte seine Privatgemächer auf, um ein Schläfchen zu machen. Erich war dann der lästigen Aufsicht enthoben. Er benützte diese goldenen Minuten gewöhnlich dazu, um auch seinerseits ein kleines „Nickerchen" im Stehen zu machen, denn setzen durfte es sich in Anwesenheit der vornehmen Stammgäste nicht, das wäre ihm schlecht bekommen. Der ewig nörgelnde, grämliche, sich um alles kümmernde Postsekretär wäre bald mit einem Donnerwetter dazwischengefahren.
Ueberhaupt der Herr Sekretär. Der war des armen Pikkolos geschworener Feind. Nichts konnte er ihm recht machen. Daß sich jeden Mittag ein Unwetter über des Schuldlosen Haupt entlud, weil der Teller angeblich die Weißheit ves frisch gefallenen Schnees vermissen ließ, war noch zu ertragen. Daß der Sekretär aber auch dem Pikkolo die Schuld beimaß, wenu die dicke Köchin in ihrer ewig wechselnden Verliebtheit die Suppe oder den Braten versalzen Hütte, das war entschieden ungerecht. Auch für abgestandenes Bier hätte er allein Herrn Wenzel verantwortlich machen müssen, denn der Pikkolo hatte auf den Wechsel des Fasses nicht den mindesten Einfluß. Aber der cholerische Postsekretär fluchte auch für diese Verbrechen alle zeitlichen und ewigen Höllenstrafen auf das schuldlose Haupt des Pikkolos hernieder.
Es war ein Glück, daß die gütige Vorsehung in ihrer allesumsassenden Weisheit diesen Fall vorgesehen und für ein entsprechendes Aequivalent gesorgt hatte. Sonst wäre der arme Pikkolo sicher vor Kummer und Gram eines frühen Todes gestorben. Zu diesem Ausgleich im Leben des kleinen, mageren, kaum achtzig Pfund schweren Pikkolos — Erich hatte ohne Zweifel vergessen, daß seine Hauptbestimmung Vorerst im Wachsen bestand, vielleicht ließen ihm aber auch seine vielen anderen Pflichten hierzu keine Zeit — bediente sich die Vorsehung der dicken Köchin, welche unter Schwestern ihre zweihundert Pfund oder sogar noch mehr wog. Die Vorsehung liebt solche Scherze, als ob sie damit über das viele Bittere, das sie den Menschen in den Weg legen muß, ein wenig hinweghelfen will.
Trotz ihrer zweihundert Pfund hatte die Köchin ein schwaches Herz. Sie konnte das ewig Männliche zu gut leiden. Da sie nie Gegenliebe fand — wer hätte wohl auch den Mut gehabt, diesem Koloß eine Liebeserklärung zu machen? — so wechselte Fräulein Maus auch ständig den Gegenstand ihrer einseitigen Neigung.
Als Erich in den „Goldenen Schwan" eintrat, war Fräulein Maus mit sämtlichen Gästen und Freunden des Hotels zerfallen. Sie hatte alle der Reihe nach geliebt, selbst den griesgrämigen Postsekretär, doch ohne die erwärmende Gegenliebe zu fmden. Gerade als sich eine gähnende Leere im Herzen der noch gar nicht so alten Köchin breit machen wollte, trat der kleine Pikkolo als rettender Engel in das Dasein der bisher immer nur einseitig verliebt gewesenen guten Seele.
Maus war zwar nicht der wirkliche Name der Küchenfee, aber seitdem vor etlichen Jahren ein schlanker, kecker lunger Kaufmann, ein Berliner, die Zweihundertpfunddame immer schmachtend: „Meine kleine Maus!" gerufen hatte, war der Köchin dieser Name geblieben. Ihr Familienname war vergessen, selbst Herr und Frau Menzel nannte sie Maus.
Fräulein Maus war die einzige im ganzen Haus, welche Erich nicht schimpfte und knuffte; war es da ein Wunder, wenn sich Erich zu dem dicken Fräulein hingezogen fühlte? Ihr wiederum tat der arme kleine Schelm leid, der sich sy ängstlich bemühte, es allen recht zu machen und der dafür doch nichts weiter als Schelte und Püffe erntete. Dann erinnerten seine klugen braunen Augen sie auch noch an eine alte, nie vergessene Jugendliebe aus der Zeit, wo sie noch nrcht zweihundert Pfund wog, sondern ein hübsches und stattliches Fräulein war.
So entwickelte sich denn ganz von selbst zwischen diesen beiden, vom Schicksal nicht übermäßig Begünstigten ein zartes Verhältnis, das sich bei der Köchin in realer Weise zeigte, wofür der Pikkolo aber durchaus nicht unempfänglich blieb. Fräulein Maus steckte dem kleinen Kerl, so oft es nur gehen wollte, kleine, besonders gut geratene Produkte ihrer schönen Kunst zu. Erich revanchierte sich wiederum, indem er dem
dicken Fräulein Dienste und Gefälligkeiten erwies, die er ihr an den Augen abzulesen suchte.
Beide standen sich gut dabei; die Köchin hatte etwas, an dem sie ihren Trieb zur Liebe und Güte nutzbringend verwerten konnte, Erich dagegen fing unter den kulinarischen Liebesbeweisen der Köchin langsam an, sich zu entfalten und zu entwickeln.
Der Köchin hatte Erich es auch zu dauken, daß ihm nachmittags ein Stündchen für sich blieb, zum Ausruhen oder Lernen; wie er diese freie Stunde verwandte, stand in seinem Belieben. Für gewöhnlich vertrieb er sich die Zeit damit, in dem großen, ausgedehnten Garten des Hotels, in den selten ein Mensch kam, da die Frohwinkler lieber in der düstern Gaststube saßen, herumzutollen, sich mit Friedrich im Pferdestall zu necken, oder den Hühnern einen schüchternen Besuch zu machen, um zu sehen, ob sich unter den gelegten Eiern vielleicht ein solches befand, welches seiner Kleinheit zufolge schon äußerlich bewies, daß es die Henne für ihn bestimmt hatte.
Um drei Uhr mußte Erich wieder antreten. Bei schönem Wetter veranstaltete er noch eine kleine Wagenpartie mit seinem Freund und Gönner, dem einjährigen Hotelierspröß- ling, war das Wetter zu Ausfahrten nicht geeignet, so machte sich Erich in der Wohnung nützlich, da Herr Wenzel jetzt den Dienst im Hotel ohne Anstrengung allein besorgen konnte.
Nach fünf Uhr stellten sich die Honoratioren langsam ein, die den runden Stammtisch in der Ecke des größeren der beiden Gastzimmer als ihr Eigentum betrachteten, an den sich kein anderer Gast niederlassen durfte. Wagte dies ein mit den Verhältnissen Unbekannter doch einmal, so wurde er so lange mit dolchscharfen Blicken, giftigen Sticheleien, boshaften Wortspielen und wohl gar auch mit allgemeinen, aber sichtlich an feine Adresse gerichteten guten Lehren über Sitte und Anstand in fremden Lokalen, verfolgt, daß er das Feld gewöhnlich nach kurzer Zeit räumte. Mit der Ankunft der Honoratioren begann wieder ein schwerer Dienst für dest Pikkolo. Nun hieß es genau aufpassen, denn die Herren hattest alle ihre besonderen Eigenheiten, denen ohne vieles Fragen Rechnung getragen werden mußte.
Zuerst hatte der Pikkolo darauf zu achten, daß jeder der Herren sein richtiges Glas erhielt. Das war schließlich nicht so schwer, denn Erich brauchte sich nur die Namen der Herren zu merken, da der einschcnkende Hotelier ihm bei Nennung des Namens schon das richtige Glas gab. Dann kamen aber die anderen wichtigen Dinge.
Herrn Müller, dem dürren Schneidermeister, mußte stets der Bierwärmer mitgebracht werden. Mußte der Meister dieses in Sachsen so heimische Möbel erst verlangen, dann schmeckte ihm gleich das Bier nicht, und er trank statt der gewohnten sechs Schnitt nur einen oder höchstens zwei, was dem Wirt natürlich nicht gleichgültig war. Pikkolo mußte den Ausfall büßen.
Der dicke Schmiedemeister dagegen brauchte für jedes Glas Bier ein Stückchen Eis. Er schimpfte fortwährend über das warme Bier, nannte den Schneidermeister grob ein Ferkel, weil er das Bier nach seiner Ansicht kochend trank, mtb angelte mit seiner riesigen Hand in nie versagender Geschick-, lichkeit nach Erichs Ohr, wenn dieser das Eis einmal vergaß.
Der Barbier konnte keinen Schaum leiden.
„Davon habe ich genug in meutern Beruf", zeterte er mit seiner schrillen Stimme, wenn auf seinem Seidel ein hübsches, weißes Häubchen stand. „Bier will ich haben, Pikkolo, verstehst du mich! Deinen Schaum kannst du dir selbst um den Bart schmieren. Ich mag die Matzerei nicht, als ob man in der Varbierstube sitzt und eingeseist werden soll. Wenn ich Schaum will, kann ich auch zu Hause bleiben, du schaumgeborener Einfaltspinsel."
Der Stammtisch brach stets in ein wieherndes Gelächter aus, wenn der wohlhabende Barbier den unschuldigen Pikkolo in dieser Weise apostrophierte.
Herr Rose, der Kaufmann und Erichs Pate, verachtete wieder das Bier.
„Bier macht plebejisch und bringt auf gewöhnliche Gedanken", sagte Rose einst in seiner gezierten Art. „Habt ihr schon mal gehört, daß ein Weintrinker Verbrecher geworden ist? Die trinken alle Bier oder Schnaps. Ich ziehe den Wein vor. Nur im Wein liegen die guten, edlen Gedanken, und unsere großen, berühmten Dichter und Geistesheroen habest alle lieber Wein als Bier getrunken."
„Und Bismarck?" fiel der etwas händelsüchtige Schmiedemeister ein. „Ich habe gehört, daß der Alte eist


