Ausgabe 
4.1.1913
 
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sessel, unb Fräulein von Kummer, die Hofdame, stand neben rhr. Sie erzählte ihrer Herrin offenbar etwas Trauriges, ihre guten Zügen hatten einen bekümmerten Ausdruck, und die Herzogin, die mit etwas geneigtem Haupte zuhörte, führte mit einer hastigen Bewegung das Spitzentaschentuch an die Augen.Aber Fifichen," rief der Herzog, dem die Szene nicht entging, hinüber,was gibt es denn nur?"Ach, Albrecht," sagte die Herzogin halb­laut, indem sie sich erhob,denke doch nur, mit der armen Franziska geht es zn Ende, Kummerchen sagt mir eben, sie winde sich in Krämpfen, die Aermste, und Doktor Mantius steht dabei und weiß sich auch keinen Rat. Es ist traurig, wirklich sehr traurig."

Franziska war die erste Kammerfrau der Herzogin, eine ältliche unscheinbare Person, die Tochter eines Geistlichen, die durch irgend einen Zufall an den Hof gekommen war. lieber ihre Ver­gangenheit wußte man seltsamerweise nichts Näheres. Sie war von ungewöhnlicher Verschlossenheit, und es siel allgemein aus, daß sie sich trotz ihres sehr reichlich bemessenen Gehaltes weder dm kleinlten Luxus in Lebensführung oder Kleidung gönnte, noch irgendetwas zu ersparm schien. Wl ihre Einkünfte wanderten offenbar fort. Niemand ahnte, wohin, und das gab natürlich viel heiniliches Gerede. Aber Franziska war trotzdem' beliebt: sie war wohl streng und nicht selten böse, aber man brachte ihr doch allgemeines Verträum entgegen, denn sie war rechtlich bis zur Peinlichkeit, und wenn ein junges Mädchen unter dm An­gestellten des Hofes nicht aus noch ein wußte, so stand Franziska ihr, soweit sie es vermochte, mit Rat unb Tat bei. In ihr Leben aber ließ sie keine Mmschenseele hineinblicken. Nur wer in den Herzen zu lesen wußte, der hatte unwillkürlich das Emp- Einben, als drücke sie irgendeine alte schwere Schuld, die sie sich >urch krampfhafte Bemühungen von der Seele zu wälzm suchte.

Der gutmütige Herzog war des Bedauerns voll.Tas arme alte Fränzchen," meinte er kopfschüttelnd.Seit wann ist sie denn eigentlich krank?"

Kummerchen berichtete. Vor ein paar Tagen war sie plötzlich, auf dem Vorplatz der Herzogin, zusammenbebvochen: gekränkelt mochte sie wohl schon lange haben, aber sre hatte sich mit der ihr eigenen Energie aufrechtgehalten. Wann sie dm Ohnmachtsanfall gehabt hatte? Ja, wann war es doch noch gewesen? Ja, richtig, gerade an dem Tage, an dem das Kommen des Herrn Professors gemeldet worden war also vorgestern. Der Adjutant beivegte zustimmend dm Kopf.

Wenn Hoheit gnädigst gestattm," mischte sich der Professor, der bisher still bei Seite geftanvm hatte, plötzlich ein,und wenn der hiesige Kollege keine Einwendungen hat, könnte ich ja einmal die Patientin ansehm."

Der Herzog klopfte dem Sprecher jovial ans die Schulter. Das ist wirklich eine gute Idee, liebster Professor. Fvänzchm ist ein gutes altes Ting, und die Sache geht der Herzogin in der Tat nahe. Mso wenn Sie mit dm Damm den Samariter spielen wollm Bitte!"

Die Herzogin zupfte nervös' an ihrem Taschentuch. 'Eigentlich war ihr die Sache höchst peinlich. Mein Gott, man konnte doch den Professor nicht gut bemühen. Es war unangenehm. Mer schließlich siegte, ein natürliches Mitgefühl mit der treuen alten Dienerin in ihr, und sie sagte sich, daß samaritische Rücksichten sogar von der Etikette des Hofes bis zu einem gewissen Grade entbänden.Gehen Sie voran, Kummerchm," befahl sie, und ging mit dem Professor langsam über die Korridore und Treppen bis M dem Seitenflügel, der der Dienerschaft als Wohugelaß diente. Sie trippelte ein wmig, denn unbehaglich und fremd war die Situation auf alle Fälle.

Die alte Kammerfrau war bereits von dem ihr bevorstehenden hohen Besuche unterrichtet worden, aber es verschlug ihr nichts mehr, denn sie lag schon im Sterben. Tie kurzsichtige Herzogin hob beim Betretm des dämmerigen Gemaches die Lorgnette an die Augen, dann ging sie mit etwas unbeholfenen Schritten auf das Bett zu, aus beni ihr ein wächsernes Antlitz und eine spitze Nase entgegensahen. Der Professor hielt sich ehrerbietig ein paar Schritte hinter der hohen Fran. Ms die Kranke die Nähe fremder Menschen bemerkte, begann sie sich unruhig hin und her 'zu werfen: Kummerchen faßte beschwichtigend ihre Hand, und Doktor Mantius stand ratlos und die Achseln zuckmd im Hinter- flrmtbe. Die Herzogin beugte sich freundlich über chre alte Dienerin, aber Kränzchen erkannte niemanden mehr, das Fieber schüttelte ihren armen Körver, und ihre Zähne schlugen laut aufeinander. Sie stöhnte wirre Laute, ihre Hände griffen angst­voll in die Luft. Tie Fürstin trat zurück: sie ängstigte sich, Kranke waren ihr unheimlich, und die landesmütterlichen Spital- gänge gehörten zu ihren unangenehmsten Berufspflichten. Der Professor begann, vom Leibarzt unterstützt, die, Patientin zu untersuchen; aber mit einemMale fuhr diese aus ihren Delirien in die Höhe, starrte den fremden Mann in halbsitzender Stellung an, und ein fürchterlicher Schrei erschütterte das Zimmer.

Der Professor erblaßte, und eine grauenvolle Ahnung stieg in ihm auf. Eine schlecht gebundene Bibel fiel von dem kleinen Tische neben dem Bett herab, und eine bekannte Schrift schim dem Prosessor, der sich nach deut Buche bückte, von der ersten Sette entgegen: Franziska Kirchmann, las er, unb nun wußte er: feie Frau, bie dort mit dein Tode rang, war leine Mutter.

Der berühmte Mann war dafür bekannt, daß er seinen Weg

über Leichen nahm. Unb in bet Tat: es war eine Leiche, die vor ihm lag, und es war gewiß die, über die er am! unbekümmertsten hinweggeschritten war.

Franziska Kirchmann war die Tochter eines angesehenm Geistlichen und hatte sich, wie üblich, ihr Brot als Erzieherin verdient. Zuletzt auf dem Schlosse des Grafen Arnberg. Die Gräfin war kränklich und wunderlich, der noch junge Graf ver­liebte sich in das damals blühende und srische Mädchen, und ob- lvohl er durchaus fein gewissenloser Verführer war, kam alles doch, wie es nun einmal kommen mußte. Ms Franziska mit ihrem Kind an die Tür des Vaterhauses klopfte, fluchte ihr der strenge Vater und jagte sie von bannen. Es gelang ihr, den Jungen in Pflege zu geben, und da niemand etwas von ihrem Fehltritt wußte, die Stellung einer Kammerfrau bei einer Fürst­lichkeit, die dem Grafen befreundet war, zu erhalten. Sie nahm von diesem, der überdies bald darauf starb, niemals eine Unter­stützung an und sparte sich jeden Pfennig vom Munde, um dem Kinde eine gute Erziehung zu geben und ihm späterhin sogar das Studium zu ermöglichen. Aber als der Junge, ein begabtes Kind, dessen Ehrgeiz früh erwachte, feine Herkunft begriff unb unter gelegentlichen Sticheleien seiner Kameradm zu leiden be­gann, da wandte er sich innerlich von der Mutter, bie er ohne­hin fast niemals sah, ab, und schämte sich ihrer schämte sich ihrer mit einem gewissen Hasse, denn er wollte ein großer, ein angesehener Mann werden, und die mit einem unauslöschlichen Makel behaftete Mutter war ihm dabei das stärkste Hindernis'. Er brach allmählich die Verbindung so völlig mit ihr ab und ihr eiserner Stolz verbot es ihr, sich ihrem Kinde anfzu- brangen, daß er nicht einmal ihren jetzigen Aufenthaltsort wußte. Seinen Namen, der wie ein Bleigewicht an dem ehr­geizigen Manne hing, hatte er durch die Gunst eines fürstlichen Patienten längst mit einem anderen vertauscht, und niemand konnte ahnen, daß der sehr berühmte Professor und Geheimrat Bernhard ein Sohn der herzoglichen Kammerfrau Franziska Kirch- manu war, der in ihrer Todesstunde die Ehre widerfuhr, von fürstlichen Herrschaften und ersten Autoritäten der Wissenschaft besucht zn werden.

Die Kranke fiel röchelnd zurück, während der Professor regungs­los vor ihr stand. Sie hatte den Sohn erkannt, und in ihrem verwirrten Gehirn, ihrem verwüsteten Herzen quoll ein tödlicher Haß, empor.Fort, fort," ächzte sie,was willst du? Ich hab auf dich gewartet, Bub, ein Jahr und noch ein Jahr und immer gewartet, gewartet und du bist nicht gekommen hast nichts von der Mutter wissen wollen Oh, meine Sünde meine Sünde Herrgott, vergieb mir meine Sünde aber ich hab ihn doch so lieb gehabt. Geh fort, weg mit dir willst mich wohl sterben sehen Ja, ja, ja ich sterb noch lang nicht dir zum Trotz nicht."

Tas gellende Lachen ging in dumpfes Stöhnen über. Unb als der Sohn sich über sie neigte, um ihr der Form' halber den Puls zu fühlen, griff sie nach seinen Händen unb begann zu betteln:Gelt, Bub, du bist nicht bös mit mir bleibst bei der alten Mutter ja, hörst du, Bub? Hab dir ja allweil nur Liebes getan Liebes"

Die Stimme ward schwach unb schwächer. Ter Professor wußte, daß es nur noch wenige Minuten dauern könnte. Ihn schwindelte. Ein Rest von Scham und Mttleid mischte sich seltsam mit der Angst, daß, die Zuhörer den Sachverhalt begreifen könnten. Aber er konnte ruhig sein. Die Herzogin hörte nicht zum besten- und hatte sich überdies schon, auf Kummerchens Arm gestützt, mehr und mehr auf den Ausgang des Zimmers hin zurückgezogen. Und Doktor Mantius, der nie ein besonderer Seelenkenner ge­wesen war, stand ziemlich mißgelaunt und gelangweilt am Fuß­ende des Bettes. Er fand es höchst unpassend, daß wegen einer Kammerfrau ein derartiges Aufheben gemacht wurde. Einzig Kummerchen, über deren grauen Kopf manches Leid dahingegangen war, begann etwas zu ahnen. Mer an Höfen wird man still und ergeben und läßt die Dinge gehen wie sie wollen: und hier war ja doch alle menschliche Hilfe am Ende.

Franziska streckte sich mit einem letzten Seufzer unb war tot. Der Professor prüfte mit dem Spiegel, ob noch Atem vorhanden fei, und wandte sich dann mit wiedergewonnener Sicherheit zur Herzogin, die sich wie eine Dulderin vorkam.Ich schließe mich ganz dem Herrn Kollegen an," sagte er, mit etwas belegtest Stimme,derartige Fälle von Abdominal-Typhus verlaufen immer letal." Und Doktor Mantius verbeugte sich erfreut: um so mehr, als er niemals eine solche Diagnose gestellt hatte unb nun nachträglich von der Autorität belobigt wurde. Tie Herzogin führte wieder ihr Tuck) an bie Augen.Traurig, sehr traurig," sagte sie flüsternd. Der Profosser ging neben ihr und setzte ihr- während sie durch die dumpfen Korridore dahingingen,, aus­einander, daß, die Ursachen des Typhus durchaus nicht immer in der Mangelhaftigkeit des Trinkwassers und ähnlichen Uebel- ständen, sondern in tieferliegenden und im allgemeinen noch un­bekannten Faktoren zu suchen seien.Unb bei so ungünstigem! allgemeinen Kräftezustande," so kam seine Stimme gedämpft von den Wänden zurück,ist der Patient int allgemeinen natürlich nicht

mehr zu retten." ,

Retten," klang die sonore Stimmst des berühmten Mannes leise als Echo wieder.