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hatte sich also heimlich photographieren lassen und eigen- händig einen geschmackvollen Rahmen zu dem Bilde gemalt.
Das wollte sie heute in aller Stille auf seinen Schreibtisch stellen drüben in seiner Wohnung, damit er es morgens früh am Tage ihrer Vermählung fände.
Leise stahl sie sich hinaus, holte das Bild aus der I Garderobe und huschte den langen Korridor hinüber in | den anderen Flügel. , , |
Dort war es dunkel und still. Nur ein einziges e(ei» I irisches Licht, durch grünes Glas gedämpft, glühte im Flur | vor dem Arbeitszimmer, an welches sich der Schlafraum I an schloß. m |
Rasch trat Meta ein. Aus dem Park fielen Helle Reflexe herein, so daß das Gemach im Halbdunkel lag. I
Dort war der Schreibtisch — so, hier in der Mitte I mußte er es morgen friih sogleich sehen.
Meta schreckte plötzlich zusammen und stieß einen leisen Schreckensruf aus. Dort am zweiten Fenster hatte sich etwas bewegt 1— eine dunkle Gestalt erhob sich von der Ottomane, auf der sie gesessen.
Ein Dieb?
Nein, es war eine Frau.
Ohne daß sie begriff warum, begann Metas Herz I wild zu klopfen. Auch die andere stand regungslos. So blickten sie einander einen Augenblick stumm an.
Dann erkannten Metas sich an das Halbdunkel gewöhnenden Augen plötzlich die Frau.
Es war Edith Torloni, die neue Heldin vom Stadttheater in G. Meta hatte sie des öfteren aus der Bühne gesehen und für ihr herrliches Spiel geschwärmt.
Ihr fiel ein, was Herta und- Isa ihr zugetragen hatten über angebliche Beziehungen Nikis zur Torloni . . .
Gelacht hatte sie darüber.
Die Torloni war erst zwei Monate in G. und seit einem halben Jahre machte Mki Petcrmann ihr — Meta — den Hof. . .
Und nun stand sie da an seinem Polterabend ohne Hut üüd Handschuhe, ganz wie zu Hause in seinem Zimmer.
Meta griff sich an die Stirn. Dann sagte sie langsam und schwer: „Was tun Sie hier?"
„Ich warte. . ." antwortete die andere sehr selbstbewußt, „ich . . . habe mit Herrn Petermann zu sprechen. Und Sie? Wer sind Sie?"
„Seine Braut."
„Ah . . ."
Eine schwüle Pause trat ein. Meta wollte etwas sagen, Wollte fragen . . . eine wilde Gier ergriff sie, zu wissen. Alles zu wissen, was . . . aber es war, als ob eine eiserne Faust ihr die Kehle zusammeupreßte. Sie brachte keinen Laut heraus.
Die Schauspielerin griff nach ihrem Hut und setzte ihn aus.
„Pardon —!" murmelte Sie und wollte sich entfernen, als Schritte draußen hörbar wurden.
Gleich darauf öffnete sich die Tür und Nikis Gestalt hob sich scharf von dem lichten Hintergrund des Flurs ab.
„Meta — bist Du hier? Ein Diener sagte mir, baß Du" —
Er verstummte. Er hatte die beiden Frauen erblickt.
Edith Torloni schlüpfte an ihm vorüber an den Flur hinaus.
„Verzeihe," flüsterte sie ihm im Vorübergehen ms Ohr, „ich kam etwas früher und wollte mir das Fest von hier ansehen ... ich konnte nicht ahnen . . ."
Er warf ihr einen wütenden Blick nach. Dann trat er hastig auf Meta zu, die noch immer regungslos neben dem Schreibtisch stand-.
„Meta — Liebste — verzeih' — ich kann wirklich Nichts dafür —"
Ihre dunklen Augen leuchteten ihn brennend an.
„Du — liebst diese — Person? Warum heiratest Du wich, Mki Petermann?"
Er wollte sie in die Arme schließen, aber sie wich zurück vor ihm.
„Gott, sei doch nicht kindisch, Meta! So etwas „liebt" man weder, noch heiratet man es. Man vertreibt sich eben ein wenig die Zeit, so gut es in diesem Vrovinznest geht . . . in Zukunft wird Las natürlich ganz anders fern ... da habe ich. Dich, Meta, sei vernünftig- vergiß, was Du sahst, denke nur an mich!, daß ich Dich' liebe. —. Dischs—> hörst Du?"
Schluchzend warf sie sich an seine Brust und umklammerte seinen Nacken krampfhaft.
„Niki — liebst Du mich denn wirklich? Mir setzt keine Luge! Nur jetzt nicht, ehe es zu spät ist . . . Liebst Du mich ?"
„Aber kleines Dummchen — weshalb wollte ich Dich sonst zur Frau? Habe ich Dir nicht gesagt, Du bist die Allerschönste, die ich je gesehen habe?"
„O schön — das ist nicht genug — ob Du mich, meine Seele, liebst, das sage mir!"
Er wurde ein wenig ungeduldig.
„Daß ihr doch alle überspannt sein müßt! Ja, Meta — natürlich liebe ich Dich!"
Es war etwas in seinem Ton, das sie verletzte und unbefriedigt ließ. Langsam löste sie die Anne von seinem Hals und sagte: „Komm — gehen wir! —"
„Und du willst vergessen? Du wirst es mir nicht nachtragen?"
„Ich will es versuchen . . .
Er atmete befriedigt aus.
„Es ist mir ja furchtbar peinlich. Diese Mädchen vom' Theater sind so indiskret ... es fehlt ihnen der Takt..."
Er sagte noch vielerlei, aber Meta hörte nicht darauf. Stumm ging sie an seiner Seite den Korridor entlang.
Sollte sie zurücktreten in -elfter Stunde? Sie fühlte es ja mit einem Male völlig klar; das war der Mann nicht- den sie gesucht hatte. ®er wußte nichts von wahrer Liebe. Der würde nie Opfer bringen können, nie um das Beste in ihr fragen. Und auch sie — nein, wie ein Kartenhaus stürzte alles zusammen, was sie sich -eingeredet hatte, für il)it zu empfinden.
Aber das Aufsehen! Herta — Isa — die Eltern — diese glänzende Gesellschaft drin — würde ihn jemand groß verdammen? Nein. Sie würde den Spott haben. Im besten Fall Mitleid. . . Denn so war die Welt: für den Mann -gibt es immer eine Entschuldigung. Nein — zurück- treteu durfte sie nicht. Und am Ende würden sie sich auch aneinander gewöhnen wie so viele Eheleute. Daß, so etwas nicht wieder passierte, dafür wollte sie schon sorgen.
(Fortsetzung folgt.)
Die Kammerfrau.
Skizze von Herbert Stegemanu (Berlin).
Der Herzog war sehr befiiedigt. Auf die Bitte der besorgten Herzogin hatte er den berühmten Spezialisten für Nierenleiden konsultiert, da die beiden Leibärzte sich in der Diagnose widersprachen. Der Professor, ein verhältnismäßig junger Mann, hatte eine völlige Gesundheit des beargwöhnten Organes fest- gestellt, und war von den dankbaren und erfreuten Herrschaften daraufhin zur Tafel befohlen worden. Man war in so animierter Stimmung, wie es die Etikette des kleinen Hofes und die An- wesenheit eines fremden Elementes nur zuließ, und der Herzog, ein behäbiger, gutmütiger Herr, dem' ein gutes Diner eine Lebensfrage war itnb der einen geheimen Haß, auf die Leibärzte ihrer strengen Diätvorschriften halber geworfen hatte, schwelgte im Genüsse all der guten Sachen, die ihm jetzt wieder erlaubt waren.
Der Professor wußte ausgezeichnet zu erzählen, aber im allgemeinen war er ein bißchen zu geistreich, und das wirtte immcr- hin einigermaßen störend: tiefergehende Gespräche mit blendenden Tendenzen waren nichts für diesen Kreis, der aus den Herrschaften selbst, einer unscheinbaren ältlichen Hofdame und dem völlig militärisch geschulten Adjutanten bestand, dessen ganzes Dasein ein einziges „Zu Befehl" zu sein schien. Gewöhnlich wurde das Gespräch nur mit halblauter Stimme geführt und drehte sich um Personalangelegenheiten. Hin und wieder machte der Herzog einen Witz,, den er zuerst selbst belachte — dann fiel die Gesellschaft pflichtschuldigst ein, und bald herrschte wieder die gewohnte gedämpfte Stille. Heute war es anders. Ter Gast regte Themen an, die sonst ganz undenkbar gewesen wären, aber er wußte die Rolle des Anregenden mit Geschick dem Herz!vg selbst zuzuschieben, so daß dieser sich einigemale dariiber wunderte, wie viel Geist er doch eigentlich habe. Er hatte das fiüher nie bemertt, und im Grunde war es ja recht interessant. Wer ein bißchen deplaciert, ein bißchen sonderbar war es immerhin, und man wurde das Gefühl nicht los, als bewege man sich statt auf den: gewohnten Boden auf Glatteis. Der Professor war zu weltgewandt, um das nicht zu merken: so lenkte er mehr und mehr in den gewohnten Ton und nahm mit viel Interesse an adligen Familiengeschichten teil, die er dank feiner überall verbreiteten Praxis' vortrefflich "beherrschte.
Man saß beim Kaffee auf der Terrasse. Der Herzog sprach lebhaft mit dem Professor, der Adjutant hielt sich daneben, die Herzogin, eine kleine unscheinbare Dame mit einem grauen Gesicht und ganz in unauffälliges Grau gekleidet, saß in einem Lehn-


