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Ursprung und Bedeutung der Namens der Hessen.
Von Professor Dr. K- Stuhl-Würzburg'.
Wie ibie Namen der meisten deutschen Volksstämme, der Friesen, Schwaben, Bayern, Thüringer u. a , so ist auch die Benennung der Hessen trotz allen gelehrten Scharfsinns, mit dem man versucht hat das Rätsel zu lösen, bis heute in Dunkel gehüllt geblieben. Ist doch sogar die Gleichheit der beiden Namensformen, der aus der Römerzeit überlieferten der Chatten und der heutigen Hessen lange Zeit nicht unbestritten geblieben — ein deutlicher Beweis, wie weit man davon entfernt war und noch ist, die eigentliche Quelle des Namens erschlossen zu haben.
Die heutige Form des Namens erscheint bereits vor mehr als 1000 Jahren, in der Zeit der Karolinger, und zwar muh der Selbstlaut in der Mitte zwischen e Und a gelegen haben; daher die latinisierten Formen H e s s i (Hessii) und Hasst (Hassii). Daneben begegnen Hazzoarii und H a t o a r i i, gleichwie der .Personenname Hatto neben Hasso und Hesse auftritt.
Diese mittelalterlichen Formen Hazzoarii und Hatoarii (Fuldaer Annalen z. I. 715) lassen sich, was die Wortbildung anbelangt, unmöglich von den Hetwaren des Beowulfliedes und den Chatuarii, Attuarii (Belleius), Chasuarii (Tacitus) oder Ka- suarii (Ptolemäus) der alten Schriftsteller scheiden.
Alle diese offenbar nur mundartlich verschiedenen oder durch die Willkür der an keine bestimmte Schreibweise gebundenen; römischen und griechischen Schriftsteller unterschiedenen Formen enthalten als zweites Wortglied den urdeutschen Ausdruck War d. i. schriftdeutsch Wehr, eine auch in zahlreichen anderen Völkernamen auftretende Bezeichnung der Leute eines Stammes (vgl. Teutonoarii, Anglowarii, Angriwarii, Rätowarii, Falcho- warii, Baiowarii usw.), die sowohl zur Benennung einer Gesamtheit itrie eines Einzelwesens diente.
, In .Westfalen und Niedersachsen bedeutete das Wort ehedem soviel wie Gemeinde, Mark (d. t. offenbar nach außen durch feste Begrenzung „gewahrtes" oder „gewehrtes" Land), und auch anderwärts war Wer, W e r e oder War eine sehr verbreitete Benennung der Mark und dann auch der Markberechtigung. Danach hießen denn die Markgenossen selbst Meter, Weren, Werntannen oder Werleute, oder waraftige, gewarte Mannen, gewarde Erven, Bauern ober Kötter (v. Maurer, Gesch. der Markenverfassung,
So wurde das Wort dann auch zur Bezeichnung einer eine Markgemeinde darstellenden Stadtgemeinde gebraucht. In diesem Sinue erscheint bereits im Angelsächsischen statt London die Zusammensetzung L u n d e n w a r u, statt Rom der Ausdruck Rom- W a r u, und noch heute begegnet das Wort in diesem Sinne in den Namen der ungarischen, auf deutsche Gründungen zurückzu- sührenden.Städte Temeswar, Földvar, Kaposvar, Kapuvar u. a. m.
Zu diesen auf die gleiche Weise gebildeten Namen gehört nun auch der der englischen Stadt Canterbury; denn früher hieß sie Cant warab ur h , Ea ntw ar b y rig. So aber wurde sie genannt als „Burg" d. i. im älteren Sinne des Wortes als >,Zufluchtstätte" der Wehrgemeinde der Kent, von den Römern Cantinm geheißenen Landschaft.
Nun kann kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser Wort- keil Cant, der sich als selbständiger Name in dem englischen Kent erhalten hat, zusanimentrifft mit dem bestimmenden Chat-, Chatt-, Att-, Chas- <^Kas-) in den römischen und "dem Hat-, Hazz-, Het- in den mittelalterlichen Namen, daß also die Kent- waren oder Cantwaren mit den Chattwaren usw. gleichbedeutend Ursprünglich ganz allgemein die Wehrmannen einer „Kent, Cant"' genannten Landschaft oder Völkerschaft bezeichnet haben; denn ne Unterdrückung eines Nasals vor einem Zahn- oder Zischlaute ■ st in den nordwestdeutschen Mundarten eine sehr bekannte Er- cheinung. So geht der Name Sauerland auf Suerland, Sutherland und dies auf Sunderland — Südland zurück, und wird das Wort Gans in den Küstenmundarten wie Gös, in den westfälischen und englischen aber tote Gas gesprochen. Genau ebenso ist die Aussprache Chattwaren aus Chantwaren und die Namensform Chatten aus der ursprünglichen Chanten oder Kanten hervorgegangen. Die Aspirierung ist eine Eigentümlichkeit nord- westdeutscher, insbesondere niederländischer Und ftämischer Mundarten. Noch heute wird im Holländischen jedes anlautende G wie GH gesprochen.
Was aber bedeutet nun diese älteste Wortform Kant, Kent, die sich als Eigenname auf englischem Boden bis heute erhalteu hat? Nichts ist sicher als die Antwort auf diese Frage.
Kant, Kent ist ein Und dasselbe Wort wie das fchrift- deutsche Kind, das noch jetzt im Niederländischen Kend ober Ment und in Uranchen flämischen Mundarten Kant lautet und früher die allgemeine Bedeutung Nachkommenschaft, Vormundschaft, Rasse, Zucht, Stamm batte. So versteht man auch den Namen der flandrischen Stadt Gent, den die Flamen wie Ghent sprechen, der früher auch Gande, Ganda, Canda, Gint und S'ent geschrieben Und dem entsprechend gesprochen wurde.
Mer auch der Ursprung des Namens der Nachbarstadt A it t- werpen (i. I. 694 Antwerpa) enthüllt sich uns. Er geht aut Gani'wehrbann (Ghantwehrbann) zurück und bezeichnet Ursprungliw die Gant- oder Stammeswehr. Wegen des Abfalls des Slnlauts vgl. die F. Attuarii neben Chattuarii.
Die ältere Bedeutung Stämin, Völkerschaft zeigt das dem deutschen Worte Kind uächstverwandte lateinische gens, Stamm gent. In der Mehrheit bezeichnet gcntes = französisch les gens auch Leute. Davon haben die Römer die Hundertzahl gebildet (vgl. centum, Pl. — eenti und — genti) und auch die Zehner (vgl. tai — ginta usw.) haben sie danach benannt.
Im Deutschen entspricht Hundert, in älterer Sprache „Hund". Es ist somit Hund = Chatte,^ Hesse. Daher heißen die Hessen tn älterer Zeit auch Hundehessen — eilte tautologische, das ist aus zwei sinngleichen Gliedern zusammengesetzte Wortfügung, die wohl ursprünglich als Anrede der versammelten Gesamtheit einer Völkerschaft oder, was dasselbe ist, Hundertschaft galt. Im Latein entspricht euncti, ältere Form concti (aus eon-ceti, con-centi), eine Bezeichnung der Gesamtheit. Vgl. die altdeutschen Ausdrücke: das ganze Kirchspiel, der ganze Hübner, der ganze Bürger, was soviel wie die gesamte Bürgerschaft usw. bedeutet.
Als man den uralten Ausdruck Hundehessen = lateinisch euncti, nicht mehr verstand, neckte man die Hessen als die „blinden Hundehessen" oder kurzweg „als die blinden Hessen". Ebenso ließ man, als die wahre Bedeutung des Wortes Hund, altdeutsch H u u n o, d. i. Vorsteher einer Hundschaft, sich dem Verständnisse entzogen hatte, in dem Hungerichte, das im Blieskasteler Amte noch im 16. Jahrhundert gehalten worden ist, den Hun- oder Gemeindevorsteher dreimal bellen, als wenn er ein Hund wäre. Vgl. den vor. Aufsatz „Tie blinden Hessen" (Nr. 103 des „Gieß. Anzeigers, 1912).
Die Stämme, Völker oder Geschlechter — so nannte man die aus dein altheimischen Chattenlande, dem heutigen Niederhessen über die Till (vgl. die Siedelung Katzenfurt an der Dill — Furt der Katzen, d. i. Chatten, Hessen) und die Lahn vor- dringenden, Neuland und Beute suchenden und die Sueben zw- rückdrängenden Chatten, und weil sie zu Markgenossenschaften zu-, sammengeschlossene Wehrgemeinden bildeten, nannte man sie Kantwaren, Chatt waren ustv., das ist Stamm es- vder V o l k s w e h r e n. So hießen sie zu den Zeiten bet Römer, so mögen sie sich selbst, worauf verschiedene Anzeichen hindeuten!,- schon in Urzeiten benannt haben. Das ist der Sinn und der Ursprung des Hessen- oder C h a t t e n n a m e n s.
Wegen des auf den gleichen Begriff „Stamm, Volk, Baues? schäft" zurückführendeu Namens der Burgunder (Burgon- den, Bürgenden, vgl. Burgendaholm, jetzt Bornholm), sich den vor. Aufsatz „Tie Hundsrück-Berge der blinden „Hundehessen" in Nr. 125 dieses Anzeigers (1912).
wenn die letzten Aehren fallen...
„Schwer herein Schwankt der Wagen, Kornbeladcn;
Bunt von Farben Auf den Garben Liegt der Kranz, Und das jnnge Volk der Schnittes Fliegt zum Tanz." .
In diesen Versen von Schillers „Glocke", in denen das nun wieder hvrangenahte Erntefest so unnachahinlich knapp geschildert ist, spiegelt sich zugleich eine JngenderinneSung des großen Drch^ ters, der als Knabe die schwäbische Feier der „Sicheltzenket wohl oft initgemacht haben mag. Wie dieser patriarchalische Brauch zu Schillers Zeiten begangen wurde, ist Uns aüs einem Bericht des '„Württcmbergischen Hofkalenders" ausbewahrt. Wenn bte Schnitter ihre Sicheln an der Zimmerwand aufgMngt Hattech begann der Schmaus, bei dem- der Amtmann und der Pfarrer^ der Bauer mit seiner Frau obenan saßen. Da wurde reich getafelt; die Burschen legten den Mädchen vor und tranken mtt ihnen aus demselben Zinnbecher. Dem' Essen folgte Spiel und Tanz Und schließlich die Abrechnung des Hausvaters Mit den Schnittern, die den Rest der Mahlzeit mit nach Hause nehnieN durften und noch aus der Ferne manches Hoch erschallen ließen.
Der Erntekranz aus Aehren und bunten Feldblumen, wohl auch „Erntekrone" genannt, der fröhliche Erntetanz, sie stnd der heitere Lohü nach der harten schweren Arbeit, -„wenn die letzten Aehren fallen". In manchen Gegenden wird dieser Kranz aus der letzten bis dahin ausgesparten Garbe des Winterkorns gewunden, und damit ist bereits die tiefere Bedeutung gekennzeichnet, die nian in allen Erntebräuchen den letzten Mehren, der letzten Garbe, dem letzten Fuder beimißt. Mit den letzten Halmen, die in der Heidenzeit dankbar "dem Wodan geopfert wurden, ist im allemannischen Bolksglauben noch heute ein besonderer Segen verbunden. „Glückhämpfelt" heißen sie in der Schweiz, und diese Handvoll Aehren wird von dem jüngsten Schnitter in drei Zügen, im Namen des dreieinigen Gottes, abgeschnitten. DaS Glückhämpfelt steht Beim Erntefest auf dem Tisch; seine Körner mischt man unter die neue Aussaat, um den Segen der alten Ernte der jungen zu erhalten. Mn der Weser läßt man die letzte Handvoll vom Roggen stehen, steckt einen 'buntgeschmückten Stock hinein;unb bindet die Aehrm daran fest. Das ist der „W a u l r o g g c n", um den die Schnitter hesum- tanzen, dabei „Waul, Mold oder Mode" rufen, bte Mutzen hoch in die Luft werfen nnb den Gutsherrn hochleben lassen. Auch


