I« Frohwinkel herrschte nvch die Sitte, daß die Taufpaten ihren flügge gewordenen Patenkindern am Schluß der Feier, vor der Kirche, neben den billigen mündlichen Glückwünschen auch noch reellere Beweise ihrer Zuneigung widmeten.
Erich Sanner, so hieß der kleine, helläugige Konsir- mande, erwartete nur ein altes, verhozeltes Weiblem, ferne Mutter, sowie eiu sehr vornehnr tuender Herr, der ferner Pflicht, seinem Taufkinde die übliche Gratulation entgegenzubringen, ersichtlich unwillig nachkam.
Erichs Vater besaß einst ein sehr gut gehendes Eisen- Warengeschäft. Zu große Vertrauensseligkeit und unpraktischer, lvenig kaufmännischer Sinn hätten es dahin gebracht, daß das alte, ererbte Geschäft unter Vater Sanners Leitung immer mehr zurückging. Dazu kamen große Verluste durch gutmütig übernommene Bürgschaften für „gute" Freunde, für die Sanner aufznkommen hatte. Sanner mußte zuletzt seine Zuflucht zum alten Hernrann, dem Stifter der Marmorgruppe in der Kreuzkirche, nehmen. Hermann, half, half oft und so gründlich, daß Sanner eines Tages nichts mehr gehörte. Das Geschäft mit dem stattlichen Haus, der groß« Garten vor der Stadt, in dem das beste Obst von Frohwinkel wuchs, das von der Frau eingebrachte Vermögen, alles war dahin. An dem Tage, wo der alte Hernrann von Haus und Geschäft Sanners Besitz ergriff, fantr man den Unglücke lichen tot in dem kleinen See vor der Stadt. Jetzt ruhte er in dem von Efeu umwucherten Grab im Selbstnrörderwinkel der Kreuzkirche.
Nun war Frau Sanner, eine kleine, schwächliche Frau, mst ihrem sechsjährigen Buben ganz allein auf der Welt. iÄemand war da, der ihr geholfen hätte, denn die Familie des Selbstmörders wurde von allen gemieden, am meisten von den wohlhabenden Verwandten. Nur mit Mühe erreichte Pastor Töpfer es, daß einige gutmütige Familien seiner Gemeinde die arme Frau mit kleinen Arbeiten beschäftigten. Frau Sanner ging zu den Leuten ins Haus, reparierte die Wunden, welche das Leben den Hofen nnd Jacken der männlichen Jugend geschlagen, steckte den Hausfranen die Gardinen auf, wozu sie eure hervorragende Befähigung besaß, uno half im Herbst bei der Bereitung des Eingenrachten. So brachte sickstFrau Sanner kümmerlich, aber ehrlich durch.
Der vornehme Pate Erichs war Herr Rose, der erste Kaufmann des Städtchens. Er hatte in das Geschäft „eingeheiratet", denn bevor er die pockennarbige Tochter seines .Chefs zu seiner Gattin machte, war er nur ein armseliger Kommis, der für geringen Gehalt mit den einkaufenden Dienstmädchen geistreiche Scherze machen mußte.
Salbungsvoll sagte Herr Rose jetzt zu dem kleinen Erich, der mit seinen braunen Augen treuherzig zu dem Paten emporbltckte: „Mein Sohn, du trittst heute in das Leben ein. Sei immer treu und ehrlich, dann wirst dn den Menschen lieb sein. Ich wünsche dir von Herzen Glück, mehr Glück, als dein Vater es hatte, und einen festeren Cha- rakter!"
Der kleine Erich zuckte schmerzlich zusammen, als, er seinen Vater in wenig liebevoller Weise bei einer so feierlichen Gelegenheit erwähnen hörte, die Tränen stiegen ihm in die Augen. Doch tapfer unterdrückte er ein aus seiner Brust hervorquellendes Schluchzen, als er seiner Mutter ins' Auge gesehen hatte, die bleich geworden war und UM deren Mundwinkel ein nervöses Zucken ging.
Der vornehme, reiche Pate achtete nicht äuf diese kleinen Aeußerungen empfindsamer Seelen, Und in dem deutlich! sichtbaren Drange, einer lästigen Pflicht so schnell toie möglich enthoben zu sein, fuhr er fort: „Ich hätte dich gern in mein Geschäft genommen, mein Junge, aber das Lehrgeld --es ging nicht, meine Verhältnisse gestatten es
mir leider nicht, einen Lehrling ohne Lehrgeld aufzunehmen. Dir hast doch wohl schon einen Lehrherrn gefunden?"
„Er kommt in den Goldenen Schwan", warf Frau Sanner bescheiden ein. „Herr Pastor Töpfer war so gütig---
Doch Herr Rose fiel ihr ungeduldig ins Wort: „IN den Goldenen Schwan. Na, dann viel Glück, Junge. Werde einmal ein tüchtiger und ehrlicher Kellner, denn, siehst du, Ehrlichkeit ist die Hauptsache. Sei uur recht bescheiden, du hast Ursache dazu, Junge, denn dein Vater,--doch lassen
wir das, du kannst ja nichts dafür."
Gleichgültig suchte Herr Rose in den Taschen seines Uelstrtockcs, und brachte ein kleines Paketchen zum Vor
schein, das er Erich in die Hand drückte: „Hier, mein Sohn, habe ich dir auch ein kleines Andenken an den heutigen Tag mitgebracht. Es ist nur eine Kleinigkeit, bei den schlechten Zeiten muß man sparen, die Familie wird größer, die Konkurrenz rührt sich aller Ecken und da bleibt für solche Zwecke leider nur wenig Geld übrig."
Ein verlegenes Lächeln huschte bei diesen Worten über das rnnde, wohlgenährte Gesicht des wackeren Paten., Er fuhr sich hastig mit dem buntseidenen Tuch über die Stiru, tätschelte Erich flüchtig über die etwas schmale Wange und sagte mit einem Blick zur Seite: „Nun Gott befohlen, mein Junge, mache deine Sache gut! Adieu Frau Sanner--"
und noch ehe die überraschte Frau die geplante Einladung! zu ihrem bescheidenen Mittagsmahl anbringen konnte, war Herr Rose schon verschwunden.
Erich blickte dem enteilenden Paten verblüfft nach. Er hatte sich seit Monaten darauf gefreut, in dessen Gegenwart sich dem so überaus seltenen Genuß eines wirklichen und! nahrhaften Festbratens hingcben zu können, dessen Anschaffung die Mutter durch doppelte Sparsamkeit ermöglicht hatte. Da fühlte er das kleine Paketchen, das der Pate in seiner Hand zurückgelassen und für welches Erich in seiner Freude nicht einmal gedankt hatte. Darüber schämte sich Erich jetzt, doch bald lächelte er wieder glückselig sein Eigentum an.
Ganz verschämt machte er das Paketchen auf. Eiu großer Siegelring blitzte ihm aus dem Kästchen entgegen, den der harmlose Junge mit hellem Entzücken betrachtete. Doch über Frau Sanners Gesicht flog ein bitterer Zug, als sie? den Ring sah. Es war ein „goldner" Ring, wie man sie in jedem billigen Bazar für drei Mark ersteht. Der reiche, vornehme Pate hatte sich kolossal in Unkosten gestürzk Frau Sanner sagte jedoch nichts, um ihrem Buben die Freude! an dem schönen Ring nicht zu verderben, und dieser steckte das blitzende Kleinod sofort an den Zeigefinger, an dem er leider Gottes apch. noch hin und her baumelte. Das freundliche Gesicht des Knaben wurde trübe, er hätte den Ring für sein Leben gern getragen. Doch schnell verklärte ein zufriedenes Lächeln das eben noch verkümmerte Antlitz. Erich hatte einen Ausweg entdeckt. Zu Hause würde er den Ring an seiner unteren Hälfte mit gelbem Zwirn umwickeln, dann würde er passen, wenigstens am Zeigefinger. Und kreuzvergnügt schritt Erich am Arm der Mutter den heimischen Penaten zu.
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Das schöne Osterfest war vorüber. Im „Goldenen Schwan", dem ersten Restaurant und einzigsten Hotel des Städtchens, hatte das bedeutsame Ereignis des Eintrittes eines neuen Pikkolos nicht die mindeste Veränderung mit sich gebracht. Alles ging seinen gewohnten Gang, nur Erich lebte noch wie im Traum. Nun war es vorbei mit dem ungebundenen Leben draußen vor den letzten Häusern Frohwinkels. Mit Wehmut sah er auf die Straßen hinaus, tue früher sein eigenstes Gebiet wären, und die er jetzt nur noch verstohlen, gewissermaßen im Flug sah. Seine neue Würde als wohlbestallter Pikkolo drückte ihn vorerst noch.
Es war dem alten, ehrwürdigen Pastor Töpfer schwer geworden, Erich im „Schwan" unterzubringen. Herr Wenzel, der Besitzer des Hotels, wollte lieber einen Lehrling haben, dessen Eltern für das von dem Pikkolo zerbrochene Geschirr mit ihrem eigenen Geldbeutel aufzukömmen vermochten. Doch der Pastor hatte dem Hotelier so lange ins Gewissen geredet, bis dieser den Jungen, den seiner Kleinheit und Schwächlichkeit wegen kein anderer Meister der Stadt haben wollte, auch vhne die „Bruchklausel" in die Lehre nahm: Erich mußte sich dafür auf 4 Jahre verpflichten, während andere Pikkolos des „Schwan" ihre Würde, die den Jungen allerdings mehr „Bürde" schien, nur 3 Jähre trugen.
Gleich beim Eintritt erwartete den Buben eine herbe Enttäuschung. Er mußte seinen Stolz, den „goldenen" Siegelring, der mit Hilfe des' gelben Zwirnsfaden immer noch aw Zeigefinger der rechten Hand blitzte, äblegen, da ein solcher sich dem! Ausspruch des neuen Herrn Und Meisters zufolge für einen Pikkolo nicht schickte. Das war schmerzlich und trug nicht dazu bei, den armen Jungen den Verlust der goldenen Freiheit weniger empfinden zu lassen.
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