Ausgabe 
3.9.1913
 
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Vom Pikkolo zum Millionär.

Heitere Erzählung von Harry Nitsch.

(Nachdruck verboten.)

Es war Sonntag Palmarum. Der Himmel strahlte in Feiertagskleidung. Er hatte ein tiefblaues, fleckenloses Ge­wand angezogen, dem tanzende, funkelnde Sonnenstrahlen einen besonderen Glanz verliehen. Die Bogel suchten den festlichen Klang der beiden Glocken Frohwinkels zu über­tönen und sangen aus voller Kehle ein Loblied auf den Herrn. Die bewaldeten Berge rings um die Stadt, die man fast von jeder Straße aus erblickte, schimmerten im jugend­lichen Grün, in den Gärten duftete und blühte es, als wäre die ganze Natur in einem Wettstreit befangen, wer die Welt wohl am schönsten machen könne.

Das kleine, fast in ländlicher Abgeschiedenheit liegende Frohwinkel schmiegte sich in ein idyllisches, rings von be­waldeten Bergen umaürtetes grünes Tal ein, das ein Flüß­chen einem Silberfaden gleich durchzog. Fabrikschornsteine gab es nicht, die Industrie, welche das gesegnete Sachsen­land mit ihren gewaltigen Armen so fest und sicher um­spannt, hatte sich noch nicht bis hierher verirrt. Die Froh­winkler nährten sich schlecht und recht als Handwerker und Gewerbetreibende, viele von ihnen bauten sogar noch nach Altväterweise ihren Kohl und nannten sich vornehmOeko- nomen".

In der Barfüßerkirche stand eine stattliche Schar Jung- fränlein und Jungherren vor dem kleinen, bescheidenen Altar aus heimischem Sandstein, der an den Elbufern zwi­schen Pirna und Schandau in hunderten von Brüchen ge­wonnen wird. Dem Altar suchte ein darüberhängendes Ge­mälde, mit gutem Willen wohl aber geringem Erfolg, einen höheren Glanz zu verleihen. Das Bild sollte eine Grab­legung darstellen; da der Maler des Bildes, dessen Namen niemand mehr kannte, schon' längst das Zeitliche gesegnet hatte, war es auch nicht mehr möglich, festzustellen, ob die Annahme der Frohwinkler wirklich richtig war, oder ob der Maler-Meister" sich nicht etwas ganz anderes unter seinem Werk vorgestellt hatte.

Die Söhne und Töchter der Gemeinde störte dies aber nicht im geringsten. Böse Menschen behaupteten sogar, daß in der Barfüßerkirche, vor dem häßlichen Altarbild, mehr wirkliche Andacht zu finden sei als in der Kreuzkirche mit ihrer prunkvollen Marmorgruppe über dem Altar. Diese von einem Künstler geschaffene Marmorgruppe, eine Kreuz­tragung, hatte ihre romantische Geschichte. Ein reicher Froh­winkler stiftete sie einst. Er wollte sich damit die ewige Seligkeit erkanfen, die er durch allerlei schlimme Sachen wahrscheinlich verwirkt hatte.

Der feierliche Gottesdienst war zu Ende, die jungen Christen verließen mit langsamen Schritten die kleine Kirche. Draußen mußten sie die mehr oder weniger herzlichen und gut gemeinten Glückwünsche der Paten, Berwandten,

Freunde und Gönner des väterlichen Hauses über sich er­gehen lassen, was viele von ihnen mit unnachahmlicher Grazie verstanden. Denn sie zählten ja jetzt zu den Erwachse­nen, sie mußten daher auch zeigen, daß sie deren Würde, und Anstand sich zu eigen gemacht hatten.

Nach und nach löste sich die Menge in einzelne Gruppen auf, einige verschwanden auch langsam in den Seitenstraßen. Die jungen Dainen in langen schwarzen Kleidern hatten Mühe, nicht aus der Rolle zu fallen, denn die Praxis bewies, daß ein langes Kleid anhaben und es tragen doch zwei himmelweit von einander verschiedene Dinge sind. So kam es denn, daß gar manches dieser jungen Mädchen bei dem ersten Schritt in das wirkliche Leben strauchelte.

Die jungen Herren fanden sich schon besser in die neue Lebensstellung. Mir waren das gestärkte Oberhemd und der hohe Kragen ihnen ein ivenig ungewohnt, und zwangen sie dazu, einen steifen Nacken zu machen, was einigen der jungen Herren ein nicht recht zu der feierlichen Stundo passendes komisches Aussehen gab.

Als letzter war auch der allgemein beliebte ehrwürdige Pastor Töpfer mit zwei älteren Mitgliedern der Barfüßer- geineinde aus der Kirche getreten, und beobachtete nun, freundlich plaudernd, die jungen Schäfchen, welche heute seiner sorgenden Obhut entschlüpften. Lächelnd machte er auf ein etwas gespreiztes Bürschchen aufmerksam, das wohl ein wenig geckenhafte Neigungen hatte und dessen kurzer Hals mit dem stolz gewählten sehr hohen Kragen nicht recht harmonierte. Das Gesicht des Jünglings zeigte ein köst­liches Geinisch von Erhabenheit und stiller Qual, der rote Kopf saß auf dem weißen Kragen wie eine voll erblühte Rose auf schwankendem Stengel.

Ein steifnackiger Bursche," sagte Herr Werner, der Steuereinnehmer Frohwinkels, lachend zum Pastor.Nur schade, daß die Steifuackigkeit nicht echt ist. Erborgter Glanz."

Mild lächelnd versetzte der Pastor:Ein steifer Nacken ist in unserer Zeit etwas, was man nicht genug schätzen kann. Es wäre besser, wenn sich die Menschen nicht so schnell an die gestärkten Oberhemden und hohen Kragen gewöhnen wollten. Denn ein wenig Steifnackigkeit ist im Leben" oft, sehr oft von Nöten. Ich wünschte, das Anlegen hoher Kragen würde von der Obrigkeit befohlen, damit manche Männer zwangsweise daran erinnert werden, daß sie einen Nacken haben."

Unter den männlichen Konfirmanden befand sich ein kleiner Knirps, dessen lebhafte Augen in einem frischen, ehr­lichen Gesicht wohltuend auffielen. Jetzt machte der kleine Kerl allerdings ein trauriges Gesicht, in dem einen mun­teren Auge glänzte sogar eine heimliche Träne. Ob sie über die rührende Abschiedsrede des alten, ehrwürdigen Pastors geflossen war, oder ob sie dem Kummer über die Wenigen Gratulanten ihren Ursprung verdankte, die dem hell­äugigen Jungen ihre Glückwünsche und üblichen Geschenke , darbrachten? Erich Sanner wußte dies wohl selbst nicht.