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Neben der teuren Heimat) der Dichtung und seiner Fa- tnilie bildete die Musik die große Liebe dieses Dichterlebens, das sie von frühen Kindheitstagen an bis ins patriarchalische Greisenalter hinein begleitet hat. Sehr zeitig hat Storm mit der Pflege und Ausübung des Gedankens begonnen; schon als Lü- heücr Gymnasiast ließ er im Hause des Konsuls Nölting, wo eine heitere und schöne Gastlichkeit geübt wurde, gern seinen Tenor erklingen, zu dem Geibels weicher Bariton einen hübschen Gegensatz bildete. Kehrte er daun als Student zu den Ferien ins Vaterhaus heim, so konnte man, wie des Dichters Tochter Gertrud in dem schonen, bei Karl Curtius in Berlin erschienenen Lebensbilde ihres Vaters erzählt, daran sogleich erkennen, daß Theodor wieder daheim war, daß bann dem in die Haustüre tretenden Besucher alsbald Gesang und Spiel entgegen« tönte. In den Ferien unterrichtete er seine Schwester Helene und ihre Freundinnen im Gesänge und übte mit ihneir Duette und Terzette ein. Er war ein strenger Lehrer und nahm den Unterricht sehr genau, und es geschah manchmal, daß seine Schülerinnen, worunter sich auch feine spätere zweite Frau befand, erzürnt, mit heißen Gesichtern aus den Zimmern stürmten.
Nun war Theodor Storm ein selbständiger Mann geworden und hatte sich in der Vaterstadt Husum als Wvokat niedergelassen. Alsbald begann er in das Musikleben der „grauen Stadt am Meere" organisierend einzugreifen- und begründete 1843 einen Gesangverein, der noch im selben Jahre sein erstes Konzert veranstalten konnte. 1844 hatte er mit der Geistlichkeit des Ortes einen Kamps darum zu führen, ob die Veranstaltung eines geistlichen Konzertes in einer Kirche statthaft fei, und er hat in dieser Angelegenheit an die zuständigen Geistlichen als „Direktor des Singvereines" einen offenen Brief gerichtet. Ein Mitglied des Vereins hat eine Charakteristik von Storm als dessen Leiter gegeben, die Gertrud Storm mitteilt. -„Er dirigierte mit Feuer und Flamme. Bei den Hebungen konnte er sehr heftig werden. Hauptsächlich seine Schwester Helene, die ihn in der Leitung unterstützte, tvurde oft vor den Herren und Damen gescholten. Wenn nicht zu seiner Zufriedenheit gefiingen wurde, so zog er die Stirn in düstere Falten und bann zitterten wir. War der letzte Ton verhallt, so schloß Storm stumm das Klavier, fuhr eilig in seinem Mantel und stürmte hinaus. Die verblüfften Sänger, die noch Tee trinken und Konfekt essen, vielleicht auch noch tanzen wollten, verschworen sich, nicht wiederzukommen. Zur nächsten Singübung sanden sich doch alle wieder zusammen. Die gemeinsame Freude war zu groß-." Erst als Storm sich seiner Koustanze, die übrigens eine weiche, volle Altstimme besaß, als Gefährtin fürs Leben versichert hatte, wurde er als Bräutigam ein liebenswürdigerer Dirigent.
Als Storm nach den bitteren Jahren der Berbamrung in Heiligenstadt wieder ein Amt und eine zweite Heimat gesunden hatte, in der er sich so wohl fühlte, wie er es eben außerhalb Schleswig-Holsteins konnte, da nahm er sich alsbald wiederum des Musiklebens am Orte mit Eifer und Liebe an. 1857 gründete er in Heiligenstadt einen Gesangverein, dessen Chor von 14 nach und nach auf 70 Mitglieder anwuchs. Storm dirigierte, wobei er zwar bis zur Peinlichkeit genau, aber doch viel liebenswürdiger war, als in den Husumer Tagen. Er hatte ein feines musikalisches Gehör und hielt besonders auf Genauigkeit der Ein- fä£e. Der Chor konnte selbst Werke wie den Paulus von Mendelssohn aufführen, wobei Storm die Partie des Stephanus mit echter Künstlerschaft fang. Der Verein gab schließlich seiner Dankbarkeit gegen seinen Gründer und Leiter dadurch Ausdruck, daß er ihm in feierlichster Form eine große Ehrung darbrachte, und ihm als Huldigungsgeschenk das Marxfche Werk über Beethoven überreichte. Im Nachlasse Storms hat sich eine launige Schilderung dieser Huldigungsfeier vorgefunden. Noch kurz, bevor er Heiligenstadt wieder mit dem geliebten Husum vertauschte, hielt er sein letztes Konzert. Es war die „Zerstörung Jerusalems", woran sie fünf Vierteljahre geübt hatten. Storm erzählt: „Als ich zuletzt den vollen, prächtigen Chor von über 50 Sängern, den ich gestiftet hatte, dirigierte, als so aller Blicke an meinem Stäbchen hingen und die Tonwellen nun zum letztenmal ans begeisterter Menschenbrust brausend Hervorströmten, da mußte ich mein Herz in beide Hände fassen, um nicht in Tränen auszubrechen. Auch ich sang noch und sang aus meinem bewegten Herzen mit mächtiger «stimmt „Du wirst ja dran gedenken, denn meine Seele sagt es mir." Es war eine lautlose Stille. So, nachdem eben der volle Chor ausgebraust hat, zu fingen und so gehört zu werden, ist einer der glückseligsten Momente des Menschenlebens. Es war für mich zum letztenmal."
Aber der Musik blieb er auch weiterhin treu. Hub sie ihm. Sie tröstete ihn in schweren Stunden. Als er feine Konstanze verloren hatte, saß er, vom Kirchhofe in das leere Haus heimgekehrt, stundenlang am Klavier und suchte sein verwundetes Gemüt durch die Macht der Töne zu besänftigen. Die Hebungen feines? Husumer Gesangvereines setzte er nach Konstanzes Tode nicht einmal aus, denn er wußte, wie wohltuend gerade diese Betätigung im Schmerze für ihn war. Erst als er 1880 von feiner Vaterstadt Abschied nahm, um sich ins Altersheim nach Hademarschen zurückzuziehen, legte er auch die Leitung seines Ber- kines hiebet, und als er zum letzten Male dirigierte, da überreichten ihm die Mitglieder ein Notenpult u,nb einen Taktstock,
als Zeichen der Dankbarkeit und zur dauernden Erinnerung.. Da waren denn die schönen Zeiten, wo er des brausenden Chorgesanges sich hatte erfreuen können, vorüber, aber seine musikalisch« Betätigung endete eigentlich erst mit seinem Leben. In Hade- marlchen hat er seine jüngste Tochter Dodo jm Gesänge unterrichtet; täglich übte, er eine Stunde mit ihr und hatte die innigste tfteube an ihren Fortschritten. Mitunter fangen auch Vater und Tochter Duette zusammen, und wenn in den Ferien Sohn Karl eintraf, auf den Storms Liebe und Begabung zur Musik umgegangen war, und der selbst Musikant geworden ist, da mußte er ihn beim Unterrichte unterstützen. So hat auch das stille Dichterhaus zu Hademarschen die Musik geweiht, so hat sie den Dichter bis zu feiner letzten Ruhestatt treulich begleitete
,Lried§ erster Hase."
Ein wahres Erlebnis von Hans Schadenfroh.
Frieb wär so recht, was man einen „guten Kerl" neunen konnte, ein eingefleischter Junggeselle, der „keine Ofenschraubeir abbeißt, auch keine kleinen Kinder in den Kaffee tunkt", ein Mensch friedlicher und stillvergnügter Gemütsart, hatte auch für alles andere mehr Interesse, als für die Jagd, — sie war ihm zu „blutig". Doch böse Gesellschaften verderben gute Sitten. Tie ewigen Neckereien am Stammtisch wegen seiner Blutscheu ■— man sagte ihm sogar nach, «er habe in feinem elterlichen Garten die Blutbuchen entfernen lassen — ließen in ihm schließlich den mannhaften Entschluß reifen, auch einmal einen „jagdlichen Mord" zu begehen. Ein Hekto Bier war der Preis des ersten „Hasen". Gleich der geschäftsfreie Sedanstag sollte die Entscheidung bringen. Fried wurde in Jagdkostüm gesteckt; ein jeder „lieh" etwas dazu lund man konnte sich kaum des Lachens erwehrenp. als Fried in stolzer Haltung als die reine Maskerade, am Bahnhof erschien. Während bet Bahnfahrt bekam er die letzten Vorlesungen gehalten und nach 1/2 Stunde war man schon im Revier. Stieb, den man aus Vorsicht, hur mit einem Dyorteun Passe bewaffnet hatte, sollte abwechselnd ein Gewehr geliehen; bekommen, damit er nicht außer Aussicht kam. Patronen ■—■. extra gute — bekam er in die Tasche. Nun mußte er zunächst eine Treff probe bestehen; allein, sie fiel schlecht aus. Aus dem aufgesteckten Stück Papier befand sich nach 3 Schüssen fein einziges Schrot. Fried mußte also zu aufgeregt fein; er glaubte es schließlich selbst, so daß ausgemacht wurde, daß Fried erst nach- dem; Frühstück auf Wild schießen dürfe, doch es miag hier gleich verraten sein, daß Frieds Patronen überhaupt „schrotlos" waren; es war dies nur ein Akt „vorbeugender Notwehr" gegen den in der Tat jetzt ganz nervösen Menschen.
Bald ging alles zum Frühstück ins Tors und nun wurde der eigentliche „schwarze Plan" ins Werk gesetzt. Der 12jährige Junge des Wirts wurde mit einem Riesen^tallhasen nach ei nein vorher genau bezeichneten Kleeacker gesandt, mit dem Auftrage, dort den Hasen „auszusetzen" und ihn aus sicherem Verstecke zu beobachten. Bald schon nahten die Jäger. Es bemächtigte sich ihrer auf einmal eine „Mordsaufregung", als sie ganz „unerwartet" diesen Riesenhafen sahen. Es gab fast eine Zänkerei, denn jeder wollte einen so kapitalen Kerl selbst schießen. Aber der Jagdleiter hielt strenges Regiment. Fried sollte oer glückliche „Hafentöter" fein. Nun mußte er „anpürschen". Einer der Teilnehmer pürschte ihm „vor". Auf allen Bieren ging es die Furche entlang; Frieds Bewegungen waren ganz unglaublich; alles barst fast vor Lachen. Endlich konnte der ganz aus bem Häuschen geratene Fried „funkeureißen". Allein; Freund Lampe zeigte wenig Respekt davor; er hörte kaum mit seiner kostbaren Aesung auf. Fried eröffnete das reine Schnellfeuer; im 9hi hatte er 9 Patronen verknallt und noch, immer war „bet kugelfeste Hase fast auf demselben Fleck. Tas war noch nicht dagewesen; Fried transpiriert aus allen Knopflöchern vor Aufregung. Der „Borpürscher" meinte schließlich, der Hase müßte ja fast tot sein; nur um zu versuchen, ob man dem furchtbaren Tier nahen könne, warf er mit einer Erdscholle nach ihm, aber er traf zu gut. Der arme Stallhase^ fuhr a teinpo über den Kopf und begann nach allen Regeln der Kunst M „schlegeln"., so daß, mau kaum schnell genug in Frieds Gewehr eine „wirkliche" Patrone laden konnte, mit bem er dem Furchtbaren Tier" nun auf 10 Schritte beit Fangschuß gab. Stolz wie ein Spanier schleppte Fried den ganz zerschossenen Lampe selbst im Rucksack nach Hause. Alle Stammtischgenossen wurden zur Hasenfeier geladen, aber dazu war ein zweiter Betrug erforderlich, denn es sollte auch niemand mehr den „vormals! Stallhasen" feststellen können. Statt Braten gab es _ „Has int Tops". Zwei Schoppen Bocksblut und doppelte Portionen Gewürz genügten, um die Abeudspeise nach allem anderen, nur nicht nach „Has" schmecken zu lassen. Ein paar Hände voll Schrot wurden noch in die Schüssel geworfen, denn nur so konnten Frieds „9 Treffer" nachgewiesen werden. Fried war ganz selig, als er bann nach Tisch noch feierlich zum! Jager ausgerufen wurde, noch seliger aber war er, als er beim Morgengrauen „heim- pürschte"; da ging es manchmal auch auf „allen Vieren".
Eine zweite Wette war übrigen» bei bem Essen auch gegen; einen Stammtischgenossen geroo.nn.cn froo.rbenz. dadurch daß er mitafj)


