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Weiß es noch ganz genau, an der Königstraße selbst einmal in Has Wägelchen und sagte lachend:Beim Himmel, das wird einmal eine Schönheit!" and er schenkte mir ent Goldstück."

Sehen (Sie, Jules, und ich habe Sie doch immer gern gehabt. Würden Sie mir einen großen Wunsch. erfüllen?"

Mer zehn für einen, Fräuleinchen!"

Toinette sprach leise ans! ihn ein und bat ihn, allabends, wenn die Nacht sich senkt, eine Schüssel mit Essen auf das Fensterbrett von Linthardts Zimmer zu setzen, unbemerkt und unerkannt. Der Erbjunker sei am Verhungern. Lint- hardt möge denken, daß ihm eine mitleidige Seele aus dem Torfe, vielleicht seine Schwester, das Essen bringe. Erst weigerte sich Jules, weil er den Zorn von Frau von Bourgee fiirchtete, als aber Toinette herzlich und fast flehentlich bat, versprach er es. Hub als der Abend seine ersten Schatten durch die Büsche flocht und die Schwalben zirpend heimwärts strichen, schlich einer mit dampfender Schüssel am Steinsims entlang und reckte sich unter einem matt erleuchteten Fenster auf die Zehen. Er konnte den Sims wirklich erreichen, obgleich das Zimmer im ersten Stocke sich befand; denn der Boden des Parkes machte hier eine merkliche Steigerung, und die Fenster des Erd- geschosses lagen zur Hälfte kellerartig in dem Garten. Jules stellte also die Schüssel auf den steinernen Außenraub und schlich wieder davon.

Das 'Niedersetzen des Gefäßes schien ein leises Geräusch gemacht zu haben. Das Fenster tat sich auf, und müde, mit einer gewissen Furcht, schaute Linthardt in den Park. Da sah er die Schüssel. Er zögerte eine Weite, dann nahm er sie in das Zimmer. Als er das köstliche Gericht erblickte, erwachte der Mensch in ihm. Tie Qualen der letzten junger» tage ließen ihm das Mahl doppelt verlockend erscheinen. Wer mochte der Engel sein, der also seine Not kannte und ihn retten wollte? Nur zwei fand er: Gisela und Toinette. Die letztere schied Ober bei genauer Ueberlegung, aus. Sie war ja seine natürliche Feindin, sie mußte es ja sein, und sie zürnte ihm außerdem wohl noch von jenem Wend her, aM man seinen toten Bruder zu ihm trug'-. Oben ein stand sie so vollständig im Banne ihrer Mütter, die, wie er ja wüßte, ihn haßte. Also von dieser Seite konnte unmöglich die Atzung herrühren.

Gisela? Ein Lächeln glitt über seine schlaffen Züge. Das gute Ding! Sie verachtete seine Handlungsweise, weil fie zu jung und unerfahren war, ihn zu verstehen. Anßer- 0-em stand sie ja unter dem Einfluß des Vaters, wie Toinette unter dem ihrer Mutter, aber sie war ein Weib und seine Schwester. Sie ahnte wohl seine Not, und ihr weiblicher Sinn, Liebe, Sorge und Mitlied, schien alles andere zu über­treffen, nur ein Gebot achtend: Hilf ihm! Schon als Kind War sie wandelnde Barmherzigkeit gewesen. Wo sie in einer Kate oder in einer Hofgängerwohnung Not witterte, da half sie mit ihren geringen oder bei größerer Not mit ihres Vaters reichen Mitteln.

Er setzte sich zu Tische, und Wollte essen. Da sah er das vorzügliche Fleisch und die französische Zubereitung, wie er fte auf seiner Reise durch Frankreich kennen gelernt hatte, und dann das kostbare Porzellangeschirr! Ta faßte ihn ein schrecklicher Gedanke. Nein, Gisela war nicht die Spen­derin, konnte es nicht sein. Sie lebten ja, wie et wußte, in ärmlichen, kümmerlichen Verhältnissen, beinahe von Al­mosen des Torfes. Woher sollten sie jetzt, in den Zeiten des Mangels und der Teuerung, da der Krieg alles fraß, große Stücke Fleisch bekommen, sie, die mit ihrem alten Diener und der Witwe Wintzer teilen mußten? Und wer hätte int Schulhause die verfeinerte Zubereitung verstan­den und ihnen das kostbare Porzellan geliehen, denn aus dem Schloß, das Wußte Linthardt, war "tatsächlich nicht ein Stück mitgenommen worben!

Mit schmerzlicher Enttäuschung trat der Erbjunker von ber, Schüssel zurück.Frau von Bourgee hat mir das Fleisch gesandt, keine andre. Tas Fleisch ist vergiftet. Sie will dem Drama ein Ende machen und mich klanglos aus der Welt schaffen! Daß ich int Torfe weder vermißt noch be­trauert Werde, weiß sie recht gut!" So dachte Linthardt, und mit scheuem Griff packte er die Schüssel und schüttete ihren Inhalt weg.

Am nächsten Abend stand wieder eine Schüssel bestduf- tenden Essens auf dem Sims, und! wiederum wanderte dieses den gleichen Weg. Am dritten Tage, um die gleiche

Zeit, lauschte Linthardt hinter dem Vorhang, bis der Bote kam. Kaum ertönte das leise Geräusch des Nieder setzens der Schüssel, als Linthardt blitzschnell das Fenster aufriß. und hinausschaute. Da sah er Jules erschrocken' unter dem Sims.Hast du mir gestern und vorgestern auch das Essen gebracht?" fragte der Junker laut und barsch.

Um Gottes willen, nicht so laut, gnädiger Herr. Wenn uns Frau von Bourgee hört, oder gar erfährt, daß ich Ihnen Essen bringe, jagt sie mich zum Teufel!"

Ha, sehr gut, wie ihr Theater spielen könnt! Um jeden Verdacht von meiner gnädigen Frau Tante wegzuwen-! den, mußt du tun, als Wüßte sie gar nichts von diesen geheimen Atzung. Wer befahl dir bann, mich mit Speise zu versorgen, wenn es deine Herrin nicht tat?"

Jules zögerte.

Nun, Antwort!"

Ach Herr, zürnen Sie nicht und verraten Sie mich nicht! Tas Fräulein hat mir das Versprechen abgenommen, es Ihnen auf keinen Fall zu: sagen!"

Wer bereitete das Essen?"

Ach, gnädiger Herr, lassen Sie mich doch gehen und machen Sie einen alten Mann nicht wortbrüchig!"

Da stieg in Linthardt wieder der furchtbare Verdacht auf: Sie wollen dich vergiften! Das machte ihn rasend, Hund, elender! Sind deine alten Knochen nicht schpu mürbe genug, als daß du sie noch zum Giftträger her­gibst?!" Und er sprang nach dem Bette, über dem ein paar Pistolen hingen, und riß eine herunter und War mit einem Satze wieder am Fenster. Aber Jules war längst im Tunkelü verschwunden.

Linthardt, noch die Pistole in der Hand, sank im Sessel am Fenster zusammen. Ein schönes Bild, das sich stift und heimlich in seiner Seele gebaut hatte, brach nieder und wurde ein elendes Zerrbild: Toinette, seiner Widersacherin Kind, wollte ihn töten, wollte ihn morden um schnöden Ge­winns willen. In diesem Augenblick erst wurde ihm bewußt, Wie lieb er sie gehabt hatte. Er verlor den Rest seiner Hälf­tung und schluchzte. Nun War auch bas letzte dahin.

So sand ihn Toinette. Sie hatte Jjules Rückkehr ab- gewartet, und als er ihr bebend erzählte, wie Linthardt ihn ertappt und daß er die Speisung als Mordversuch auf- gefaßt hatte, da überwand sie die weibliche Zurückhaltung. Etwas in ihrem Innern sagte ilft, daß sie zu ihm müsse, um ihn vor einem letzten Schritt, vor der Verzweiflung zu retten. Sie eilte durch die langen, öden, finstern Gänge, in denen ihr Schritt schaurig widerklang, tastete sich dann bis an Linthardts Zimmertür, klopfte und öffnete. Als fie ihn vornübergebeugt sitzen sah, die Pistole, die feinen Hän­den entglitten war, zu seinen Füßen, meinte sie, schon zu spät gekommen zu sein. Sie schrie auf und stürzte vor Linthardt nieder und umschlang ihn und nahm seinen Kops in ihre Hände und hob ihn empor.

Als sie in seine lebenden, tränenschweren Augen sah, zog ein Jubel durch ihre Seele, und sie rief:Tu lebst, Linthardt? Tu lebst?" Sie tastete an seinem Körper und suchte nach einer Wunde. Dann rief fie wieder:Du lebst und bist unverletzt!" und lüßte ihn mit rasender, lang zurückgedämmter Leidenschaft. Und der Erbjunker, der nicht wußte, wie ihm geschah, der den Zusammenhang nicht ver­stand, umschlang auch sie, und dann kniete sie zu. seinen Füßen nieder. Ta öffnete sich die Tür und es trat einer ein, den sie hier nicht vermuteten und erwarteten: Pfarrer Tempel.

(Fortsetzung folgt.)

Theodor Storm und die Musik.

Erinnerungen zu Storms 25. Todestag, 4. Juli.

Wer Storms Gedichte fo lieft, wie man Gedichte lesen muß! mit den Ohren und nicht nur mit den Augen, der empfindet, wie tief fie in einem seinen und schonen musikalischen Gefühle wur­zeln. Es find echte Lieder, gesungene Lieder, nicht lyrische Ar­tefakten. Und wer den Dichter je vorlesen hörte, der empfand auch darin wieder feine musikalische Natur, denn es War, wie Fontane einmal sehr hübsch sich ausgedrückt hat, als ob er Bei seiner Vorlesung immer von einer Violine begleitet würde. Aber erst, Wenn man Storm fingen hörte, konnte man sich bewußt werden, wie innig sein ganzes Wesen mit der Musik verwoben. Wie tief es von ihr erfüllt War. Storm War im Besitze eines schönen Tenors, und wenige Männerstimmen Erschienen und wirkten: nach dem Urtftle von Ludwig Pietsch so unmittelbar als der Ius,- druck einer phantasteersüllteil Seele, wie Storms Tenors