Ausgabe 
3.7.1913
 
Einzelbild herunterladen

Donnerstag, den 5. Aull

W

W

Sie Flammenzrichrn rauchen.

Roman aus den: Jahre 1813

von Mäsx Karl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Toinette trat an 'das Fenster, nahm eine Zeitung zur Hand intb schaute, ohne zu lesen, hinein. Wie schrecklich! öde, wie geradezu herzerkältend war es hier. Allein mit der harten Mutter im großen, weite» Schloß, nm sich niemand als den Diener! 'Draußen lachender Sonnenschein, blühende Natur und buntes Leben. Und das letzte, den täglichen Gärig durch den schönen deutschen Frühsommer, untersagte ihr bi'e Mutter nun guch noch. Sie warf eilten Blick nach der Mutter, die hastig schrieb, bald hier in ein großes Geschäfts­buch schaute, bald auf einem Blättchen etwas znsammen- rechnete und dann wieder schrieb. Was war ans dieser Mutter geworden, seitdem die unselige Nachricht von Notar Winter in Mälmaison eintraf, daß Heidehorst, vertrags­gemäß! ihnen zugefallen sei! Früher diese feinsinnige Frau voller Kunstgefühl, voller Abscheu vor allem Kleinlichen, vor Men Krämereien des Lebens, und jetzt? Eine kalte Rechnerin, die der so schnell zugekommene Riesenbesitz zum habgierigen Weibe gemacht hatte, das nur noch Sinn und Zeit für diesen Besitz fand und das alles in lauter ab­göttischer Liebe zu ihrem Sohne!

Ein Gefühl des Ekels kroch in Toinette empor. Eine Sehnsucht nach einem warmen, fühlenden Herzen, dent sie die Not ihrer 'Seele ausschütten konnte und von dem sie Trost erwarten konnte, packte sie an. Die Sehnsucht erweckte Erinnerungen an die Heimat, an ihr kleines, freundliches Landhaus in Mälmaison, an ihre Freundinnen und an das ruhige, manchmal bescheidene Leben, das doch so schön war. Und diese Sehnsucht und diese Erinnerungen verdichteten sich zu tiefem Heimweh, das sie plötzlich mit Wucht packte und schüttelte. Sie brach in Tränen aus, in heißes Schluchzen.

Frau von Bourgee, in ihrer Rechnerei unangenehm ge­stört, trat zu ihr.Was hast du vor, Kind? Was wi'llst du? Fehlt dir etwasZ So sprich doch!"

, Toinette erwiderte:Ich will heim, Mütter, hier er- frrert mir das Herz!"

Mit einem Schlage war alles mütterliche Gefühl für die Tochter erlöscht.Tn redest Unsinn, Toinette, du redest tote em ttnreifes Kind! Jetzt, wo wir das schlimmste hmter uns haben, sollten wir das Feld räumen, jetzt, wo sich an Napoleons Fersen der Sieg wieder heftet denk doch an die Schlacht bei Bautzen am 20. Mai wo nun ticr Krieg bald ein Ende nehmen und unser Bonaparte den aufsässigen Deutschen neuen Frieden vorschreiben wird, an dem die Barbaren sicher ein Jahrhundert zu kauen haben! Und bann. Toinette, bann stehen wir da: fran-

zvsifche Btlbungsträger inmitten der eroberten Lande h geworden durch unser Ausharren, erworben durch die b<» wunderswerte Entschlossenheit, mit der ich meine Hand auf den Besitz legte. Gestützt werden wir durch Napoleons! göttliche Macht und belohnt durch Emiles, meines Sohnes und deines Bruders, Liebe und Dankbarkeit!" Sie war geradezu in Verzückung geraten, als sie ihre Gedanken rn diese Zukunftsbilder zwang. Nichts regte sich in der stolzen Frau für die Gefühle und Wünsche ihrer Tochter, höchstens Verwunderung und grenzenloses Erstaunen, daß sie Sehnsucht und Heimweh nach Früherm haben konnte.

Toinette schob die Mütter von sich.Mit dir ist nicht zu reden, Mutter. Du bist verblendet, du hast dich in den Gedankeii^ von Emiles Leben und Wiederkehr und von uusers Kaisers Sieg verbissen, das; dich eine Enttäuschung, die uns werden,kann, grausam treffeu muß, Doch was kann ich tun? Aber eins verlange ich, Mutter. Ich sah vorhin im Park den Erbjunker Linthardt!"

Schweig! Schweig!" unterbrach Frau von Bourgee ihre Tochter,ich erkenne, wie recht ich hatte, als ich dir verbot, noch in den Park zu gehen. Dabei bleibt es!" Sie wandte sich wieder ihrem Schreibtisch zu, aber Toinette hielt sie zurück und sagte:Höre mich erst, Mutter, du mußt mich hören : Linthardt ist am Verhungern. Ich sah ihn im! Garten, wie er dahinschlich. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst!"

Mag er verhungern, das ist das Los der Schwärmer und Trotzer!"

Mutter!"

Nun ja, es klingt hart, aber verdient er es anders? Ist er nicht ein Verräter an den Seinen?"

Mutter, verhülle mir gegenüber nicht deine Gefühle! Nicht, daß er nicht mit in den Kampf zieht, erbost dich!« sondern daß er dir deinen Besitz streitig macht, odlr besser, daß er seinen Besitz verteidigt, macht ihn Dir zum Feind!"

Wenn du es weißt, warum soll ich es verhehlen? -7 Also nichts mehr davon!"

Doch, Mutter, er ist der Sohn deiner Schwester, und wir leben jetzt von seinem Eigentum. Ich verlange, daß er mit uns speist und daß Jules, unser Diener, ihn auch int übrigen mit versorgt!"

Frau von Bourgee lachte schrill auf und setzte sich an ihren Tisch. Das war die Antwort. Da wußte Toinette. daß von ihrer Mutter für Linthardt nichts zu hoffen sei. Sie verließ das Zimmstr und ging zur Küche, in der Jules schaffte.

Der Diener war ein Alseskönner und ein Juwel von Lakai.Jules, kommen Sie, bitte, her!"

Fräulein Toinettchen?"

Jules, Sie kennen mich nun schon seit 15 oder 16 Jähren, nicht wahr?"

Als ganz kleines Dingelchen habe ich Sie über die Straßen von Paris gefahren, und alle Welt war entzückt, und Napoleon, der damals noch Konsul toar, schaute, ich