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in dem herein für intellektuelle Hebung der Fragen der ärbeitenben Klassen. Ja, sie ist wirklich recht tüchtig."
„Und wie geht es Onkel Georg?"
„O danke, wie immer. Das Wetter ist freilich gerade ungünstig. Allerdings, jetzt, da bit mich danach fragst, fällt mir ein, ,er klagt letzte Zeit etwas. Das geht aber vorüber. — Herrgott, da schlägt cs eins. Adieu, Jungens. Kommt doch mal zum Abend gemütlich zu. uns." — — —
Da Fritz, der Kadett, eine stille Verehrung für die einige Jahre ältere Marga hegte, der er ohnehin nur während des kurzen Urlaubs frönen konnte, hatte. Ludwig, der Unterprimaner, natürlich aus brüderlicher Liebe nachgeben und bereits am folgenden Wend ein brennendes Verlangen bekunden müssen, Tante Leonie und Onkel Georg zu besuchen.
Zunächst trafen sie weder Tante Leonie noch Marga zu Hause, und so wurden sie erst in Onkel Georgs Zimmer geführt.
Ein stilles kleines Zimmer. Eine Lampe mit grünem Schirm land auf dem Tisch, und neben dein Tisch im tiefen Klubsessel atz der alte Oberst und hatte eine Zeitung in der Hand, die er edoch nicht zu lesen schien.
„Das ist recht, Jungens," rief er mit unerwartet lebhafter Stimme, als Ludwig und Fritz in den Lichtkreis traten.
„Tante Leonie hat uns eingeladen," sagte Fritz, der immer eines Vorwandes zu benötigen glaubte, wenn er Margas Elternhaus besuchte.
„Ich hoffe, ihr wäret auch ohne das 'mal rangckommen!" „Marga ist noch aus?" fragte Ludwig als der Unbefangenere. Der Oberst lachte: „Das braucht inan kaum zu sagen. Fort- sein ist ihr normales Verhältnis zum Hause." Er sprach ohne eine Spur von Bitterkeit. Aber wie er so da saß, von seinen rheumatischen Schmerzen geplagt, die noch ein Kriegsandenken waren, kam er Lndwig mit einem Mal entsetzlich einsam vor.
„Fritz, sei doch so gut, imb reich mir mal die Rangliste herüber," bat der Oberst. „Ich wollte bloß mal einen Namen nachschlagen. Aber das Ausstehen wird mir heute sauer. Ich hab' mich den ganzen Nachmittag dazu nicht überwinden können. Da trifft sich's ja gut, daß ich eure gesunden jungen Beine in Bewegung setzen kann."
„Wenn wir nun nicht gekommen wären!" mußte Ludwig denken. Fritz fand währenddessen den ihm wohlbekannten Band mit schnellem Griff auf dem Schreibtisch heraus und brachte ihn.
„Nun will ich euch gleich noch weiter ausnutzen," fuhr der Oberst fort, nachdem er den gesuchten Namen entdeckt hatte.
„Bitte, Fritz, stell das Buch wieder weg. So, danke schön! Und Ludwig ist wohl so gut, mir von dem Neuguineavortrag von gestern abend zu berichten."
„Aber da hat Marga natürlich schon das Wichtigste erzählt. Ich sah sie gestern von weitem."
„Rein, sie kam danach so müde nach Hause, daß ich sie gleich zu Bett geschickt habe."
„Und heute —"
„Heute habe ich sie noch nicht gesehen. Montags ißt sie immer im Frauenklub mit ein paar Freundinnen, weil sie gleich nach Tisch wieder ins Geschirr muß; da ist ihr der Weg hierher zu zeitraubend."
Ludwig berichtete über den Neuguineavortrag „Uebrigens steht schon ein Referat in der Zeitung," schloß er.
„So? Ich habe es noch nicht gelesen. Die Augen, weißt du, die werden nicht besser mit den Jahren. Marga sagt, ich muß unbedingt ein Glas tragen."
„Versteht sie denn nun auch noch etwas von Medizin?" fragte Fritz begeistert.
„Das nicht gerade. Aber sie sagt, es wäre ganz dasselbe Mit dem invaliden Dienstmann Noltemeyer gewesen, den sie neulich zu einem Kassenarzt begleitet hat. ®er hätte auch die Zeitung nicht mehr deutlich lesen können. Aber fürs erste scheue Ich den Gang zum Äugendoktor, bis Meine verdammten Schmerzen etwas Ruhe geben."
„Da ließe ich mir solange von Marga vorlesen," meinte Ludwig.
„Von der," lachte der Oberst. „Die schliefe beim ersten Absatz ein, so schachmatt ist sie immer, wenn sie nach Hause kommt, müde, matt, marode. Und ich bringe nicht übers Herz, sie auch noch in Anspruchs zu nehmen nach all der Arbeit. Irgendwo muß das Kind doch Ruhe haben. Wenn sie bloß nicht so dünn würde bei der ganzen Geschichte!"
„Will sie eigentlich einen Beruf daraus machen?" fragte Ludwig nachdenklich.
„Keine Rede!"
r,Warum tut sie es dann?"
>,Um sich nützlich zu machen."
Da flog die Tür auf, und zusammen mit der Zugluft, die gerade den Obersten traf, kamen Tante Leonie und Marga herein. Ludwig konnte es nicht lassen, die Tür ostentativ wieder zu schließen. Doch sie bemerkten es nicht einmal.
. „Nun, wie war es denn heute, mein Kind?" begrüßte der Oberst feine Tochter, und seine guten Augen leuchteten sie an. >,War dein Tag schön?"
„Natürlich, Papa. Am Vormittag hatte ich beim Verein Schreibarbeit. Und nach dem Essen im Klub — übrigens da war Ellen Schultz, und ihr Vater laßt dich grüßen." '
„Wie geht es ihm?"
„Sie haben eine Pflegerin für ihn."
„So schlimm?"
„Ra, Ellen sagt allerdings selber, halb und halb ist die Pflegerin auch zur Gesellschaft für jhn da. Er meint, er lang- went sich immer so die langen Nachmittage. Ellen ist doch nun ein großartiger Mensch. Jetzt will sie sich auch noch an den Fortbildungskursen für schulentlassene Mädchen beteiligen, wo sie doch schon mit der Versicherung so viel zu tun hat."
„Und was tatest du nach dem Essen?"
„Da war ich in dem Heiligengeisthospital für alte Männer." „Sie bringt überall Sonne hin," sagte die Mutter zärtlich. Fritz strahlte.
-„Und was hast du bei den alten Männern getan?" fragte Ludwig schnell.
„Ich habe ein halbes Dutzend nm mich versammelt und rhnen aus dem Volkskalender vorgelesen. Zwei Stunden lang. Der alte Milchmann Schmidt war auch da."
„Ter, den sie zweimal wegen Milchpanschens bestraft haben?" fragte Ludwig härmlos.
„Na ja doch!" entgegnete Marga etwas ungeduldig.
„Der ist auf beiden Ohren taub."
„So? Aber die andern können hören. Sie waren so rührend dankbar."
Sie lächelte wieder in der Erinnerung daran.
Mit ruhiger Zärtlichkeit lagen die gütigen Blicke ihres Vaters auf ihr. Aber sie bemerkte es nicht.
Die Wche im Mai.
Der Mai bringt eine ganze Reihe willkommener Gaben für die Küche. Zum Beispiel den Waldmeister, das echt deutsche Würzkraut für das bevorzugte Maigetränk und die beliebteste Psingstbowle. Ter Fisch- und Schaltiermarkt bringt zunächst Krebse. Teichkrabben gibt es ja auch im Winter, aber mit einem Flußkrebs (Oderkrcbs) halten sie doch keinen Vergleich aus, besonders wenn es sich uni das Verspeisen gekochter Krebse handelt. Zu Suppen und anderen mit Krebsfleisch oder mit Krebsbutter bereiteten Speisen sind die Teichkrebse ja sehr will- komMen.
Ein vorzügliches SoMmergericht, das man vorteilhaft als Abendessen in kleinerem Güstekreis, oder als Zwischengang eines Mittagessens geben kann, ist eine Reisspeise mit Krebsen. Reis paßt außerordentlich gut zu Krebsen. 30 Krebse, ^oder nach! Gefallen mehr, werden nach dem Kochen aus den Schalen gelöst, Schwänze und Schieren beiseite gestellt, während man aus den zerstoßenen Schalen mit etwas frischer Butter Krebsbutter herstellt. 200—250 Gramm gut gespülter, gebrühter und dann abgetropfter Reis werden mit einem halben Liter Wasser, etwas Brühe, einem halben Eßlöffel Butter und Salz gar und weich gekocht aber so, daß er noch körnig bleibt. Eine feuerfeste AuflaufforM oder Tonfchüssel streicht Man mit Butter aus, gibt eine Schicht Reis hinein, beträufelt sie mit etwas flüssig gemachter Krebs- butter, legt die Hälfte des Krebsfleisches darüber, läßt Reis, etwas Krebsbutter, Krebsfleisch und wieder Reisfolgen, der dann die oberste Sicht bildet. Man streut geriebene SemMel und träufelt Krebsbuttcr darüber, stellt die Form' in den Ofen und läßt die Speise in Mäßiger Hitze, 45 bis 50 Minuten backen. Sie wird sofort in der Form aufgetragen.
Als ein feines Saifongericht gilt auch Rührei mit nein» geschnittenem Krebsfleisch, ebenso wird mit weißer Gemüsesauce gekochter Brnchspargcl vielfach mit Krebssleisch gemischt.
Daß die sehr gut gereinigten Krebse sofort in siedendes Wasser fcu werfen find, ist selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich ist es, nur frische lebende Krebse zu verwenden. Zeigt ein Krebs vor oder nach dem' Kochen einen gestreckten Körper,, d. h. ist der Schwanz nicht nach innen gekrllMmt, so war er schon vor dsm Kochen tot und ist fortzuwerfen, da der Genuß eines toten Krebses gesundheitsschädlich! ist.
Der Mai bringt die Hochsaison des Spargels. Bekanntlich ist neben dem am höchsten bewerteten Braunschweiger Spargel auch der Märkische vielfach bekannt. Tie Preise für Spargel sind ganz verschieden, je nach der Ernte und beit Vorräten; sie pflegen aber dann immer auf einer ungefähr festen Höhe zu bleiben, da ungeheure Quantitäten für die Konserveufabrikation notwendig sind. Während der seine und mit reichen Mitteln beschickte Tisch int allgemeinen Stangenspargel Porzieht, .wird die bürgerliche Hausfrau es vielfach lieber mit Gemüsespargel halten, d. h., mit dünnerem, in fingerlange Stücke geschnittenem, in Sälzwasser gekochtem', der Mit -einer gelben Holländischen, ober einer weißen, Mit Petersilie gewürzten Gemusesauce vermischt wird. Diese Spargelgerichte kann Man mit Zwieback- oder Griesklößchen „verlängern". Man gibt zu Griesklößen in dreiviertel Liter heiße Milch 200 GraMm groben Gries' und eine Spur Salz, läßt Unter fleißigem! Rühren den Gries gar und steif kochen und dann die Masse aus- kühlen. Rach vollständigem Erkalten gibt man 1—2 ganze Eier und soviel geriebene Semmel dazu, daß ein haltbarer Teig entsteht. Von diesem sticht man mit einem in heißes Wasser getauchten Löffel längliche Klöße ab, gibt sie in siedendes .Salz? wasser und läßt sie aarkochen. Die Kochdauer stellt man durch


