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Pferde genommen bat, wenn er nach SesenheiM eilte. Bis zu bem' großen 'Dorfe Manzenan, wo die Jll, der Hmipifluß des Elsaß, in den Rhein mündet, sind zwei gleich gute und gleich nahe Straßen möglich, nämlich durch das Steintor über die Brauerei- und Jndustrieorte Schiltigheim-Bischheim und Hönheim, »der durch den Straßburger Vorort Ruprechtsau. Welchen von beiden Goethe gewählt hat, wird man kaum feststellen kömren. Die ttiteit Postwagen fuhren über beide. Ruprechtsau ist die Vorstadt, in der die Straßburger Gärtner wohnen. Man durchschreitet cnxeu sehr wohlhabenden Ort von weitläufiger Anlage, wo der typisch- vleniannische Charakter der Gehöfte in die Augen fällt. Alljährlich wird hier das Fest des Schutzheiligen der Gärtner, St. Fiacrins, durch einen Umzug gefeiert, bei dem die schönsten Ernteerzeugnisi e der Felder und die prächtigsten Früchte der Garten zur Schau getragen werden. Inzwischen sind viele städtische Landhäuser zwischeu die alten Gärten gebaut wordeu, uub auch die Industrie ist eingezogen. Die Ruprechtsauer Papierfabrik fertigt, dank dem' guten reinen Jllwasser, das ihr zur Verfügung steht, ein weit über die Grenzen -Deutschlands in den Kreisen der Buchdrucker und Bücherverleger sehr hochgeschätztes Papier an. Die folgenden Ortschaften Wanzenan, Killstett, Gumbsheim und Herlisherm sind dnrchiveg wohlhabende Bauerndörfer, in denen Man die Eigenart der elsässischen Landwirtschaft beobachten kann. Rechts und links von der Straße oder von der Eisenbahn fallen die umfangreichen Hopfenstücke auf, teils alte Staugenfelder, vielfach neuzeitliche Drahtanlagen. IM Spätjahr hängen unter den überragenden Dächern der Häuser die Tabakblätter und Maiskolben. Gainbsheim, «in alter Wallfahrtsort, ist die Heimat zahlreicher Fischer, die nur im Winter unter ihrem Dach wohnen, während sie in der guten Jahreszeit ihr Weg auf den in Straßburg mündenden Wasserstraßen oft weit in die Ferne führt. Von Gumbsheim kreuzt man eine alte Völkerstraße; von hier führt eine Chaussee über den Rhein nach Ncn-Freistett über eine Schiffsbrücke, die nächste Verbiirdnng zwi- schen dem Elsaß und Baden nördlich von,Straßburg. In Trnsen- heim, das der Ueberlieferung nach seinen Namen von dem römischen Feldherrn Drusus haben soll, der hier ein Kastell angelegt hat, sind wir bereits in dem von Goethe ausdrücklich beschriebenen Gebiet. Hier war der Gastwirtssohn George Klein zu Hause, dessen Kleider sich Goethe lieh, als er nach der ersten Begegnung mit Friederike sich des ärmlichen Theologengewandes schäme, in dem er sich von seinem Freunde W'eyland in das Pfarrhaus von Sesen- heim halte einführen lassen. Von hier ist er den Weg über die Wiesen längs der Moder manches Mal nach dem Dörfchen gewandert, das „sein süßes Mädchen besaß".
Schon der erste Eindruck, den Goethe von Friederikes Wohnhaus empfing, war der, daß sich alles „in dem Zustande des Verfalles gerade auf dem Punkte befand, wo man unschlüssig, zwischen Erhalten und Neuaufrichten zweifelhaft, das eine unterläßt, ohne zu dem anderen gelangen zu können". Aber gerade das gefiel.ihm wohl, denn er sand es malerisch, und es erinnert ihn an das, was ihn „in der niederländischen Kunst so zauberisch angesprochen hatte". Sein nüchterner Freund Weyland ivar anderer Meinung. Er verglich die Pfarrei mit einem alten und schlechten Bauernhause. Auch der alte Vater Brion fühlte sich höchst unbehaglich in den unzureichenden und altertümlichei: Räumen, während die übrigen Familienmitglieder einem Neubau weniger geneigt waren. Sie fürchteten, daß die Einfachheit und Trautheit des alten Heimes nicht in das neue mit einziehen würde, und daß dort die selbstverständliche Gastfreiheit, welche die Brionsche Familie auszeichnet, sich schwerer int anspruchsvolleren Rahmen werde erfüllen lassen. Goethe schildert die Wauschmerzen, mit denen der Pfarrherr alle Gäste langweilte, recht anschauliche Ihm selbst waren sie willkommen, denn er gewann sich die Zuneigung des Vaters, als ler'sich erbot, auf Grund der Mit dem Torfschnlmeister vorgenommenen Platzabmessung Entwürfe zu einem Neubau zu zeichnen und hatte damit einen schicklichen Vorwand, um öfter in Friederikens Nähe, zu kommen.
Dieses Pfarrhaus ist denn auch gefallen, Und, allerdings -erft unter des alten Brions zweitem Amtsnachfolger durch einen behäbigeren Bau ersetzt worden. Von dem, was Goethe sah, steht Nichts Mehr als die alte Fachwerkscheune, in der Goethe die wacklige Kutsche der Familie auf Bitten desPfarrers mit Blumen bemalte. Dabei geschah das kleine Unglück; daßiman einen Firnis verwendete, der durchaus nicht trocknen wollte, so daß es mehr Mühe Machte, die Farben wieder abzureiben, als vorher sie auf- 8umalen. Tie „Jasminlaube" wird zwar heute noch den Durchreisenden gezeigt, aber es ist nicht Mehr die alte, sondern sie ist neu augepflanzt und noch dazu an einer anderen Stelle als die verschwundene Zeugin heißer Dichterküsse. Tie Kirche, in welcher der alte Brion predigte, Hatte schon vor etwa zivei Jahrzehnten bei.-einer Reparatur ihr kennzeichnendes Zwiebelturmdach verloren, weil die Zimmerleute die Fertigkeit nicht mehr besaßen, jenes eigenartige zopfige Profil nachzubilden. Nun ist die ganze alte Kirche verschwunden und hat einem der Seelenzahl der Gemeinde entsprechenden, größeren Gotteshause Platz'machen müssen. Aber der alte Pfarrstuhl, tn dem Goethe „an der Seite Friederikens eine etwas trockene Predigt nicht zu lang erschien", ist wieder eingebaut worden. Auf dem- Kirchhof stehen die Grabsteine vom
Vater (gestorben 14. Oktober 1787) und Mutter (gestorben 3. Avril 1786) Brion. Der Hügel, auf dem die Bank mit der AüsschrU „'Friederikens Ruh" stand, von der -Goethe spricht, und auf bei er an der Seite des schönen Mädchens nach! manchem Ausflug in die Umgebung, die Ereignisse des Tages träumend an sich voriiberglellen ließ, war längst nicht mehr bewaldet, sondern W Ackerland umgewandelt, als ihn im Jahre 1880 ein Kreis vost Goethe-Verehrern erwarb' und der Gemeinde als Eigentum übergab. Es hat sich herausgestM, daß dieser Hügel eine vorgeschichtliche Begräbnisstätte war. Das Straßburger Museum besitzt die wertvollen Funde, die er enthielt und an die Goethe, 'der eifriges Altertumssammler, ganz gewiß nicht gedacht hat, als er ihnest täglich so nahe war.
. Schon einer der Amtsnachfolger des alten Brion, der SeseN- Heimer Pfarrer Ferdinand Lneius, (der Vater des späteren nam- haften Straßburger Universitätsprofessors) hat es sich angelegen' fetn lassen, die SesenheiMer Erinnerungen an die Goethezeit zst sammeln; doch hatte er mehr Glück mit mündlichen Ueberliefe- rungen, als mit Gegenständen, an die sich bestimmte kleine Züge hatten knüpfen können. Immerhin ist einiges davon im Pfarr- Hanse geblieben. Später hat ein deutscher Schriftsteller, ein begeisterter Verehrer Goethes, den Versuch geMächt, ein, Ortsmusenm anzulegen. Tie im Besitz eines Wirtes befindlichen Sachen zeigest wenigstens, wie gut die Absicht gewesen ist, und wie freundlich di? Einwohner sich dessen annahmen, was den Ruhm ihres Ortes ausmacht.
Wer aber mit derselben guten 'Absicht ausgezogen ist, wie Goethe, der den von feinem- Universitätslehrer den Studenten vor dem Ferienbeginn erteilten Rat befolgte, das schöne Land zu durchwandern, nm neue Eindrücke und angenehine Erinnerungen zu sammeln, der wird auch jetzt noch wohl auf seine Rechnung komineu. All die Ortschaften, die in ihrer anspruchslosen Traulichkeit Goethe, entzücken, sind vom Strome der Zeit noch fast unberührt. Diesseits und jenseits des Rheines harren ländliche Schönheiten ihres Entdeckers, und die alte kleine Festung Fort Louis träumt, jetzt ganz in die Erinnerung eingesponnen von der Zeit,, da noch Soldaten in den heute verfallenen Wallgräben exerzierten wie in Goethes Tagen, als die Grenzfestung in bet Niederung zwischen Moder und Rhein noch einige Bedeutung hatte. Und iMmer noch schlängelt sich die stille Moder durch den lieblichen Wiesengrund, der bei jedem Tritt und Blick neue Bilder öffneip eingerahmt von den Nachtigallenbüschen, aus deren jedem int Frühjahr Jubellieder erklingen, als sängen die Lenzesboten die Romanze von dem größten 'Dichter der Deutschen, der hier sein Jugend- glück gesucht und für eine kurze Zeit gefunden hat.
humoristisches.
* Wahrscheinlich. Bahnhofsinspektor (zu einem auf bem Bahnsteig stehenden Bekannten): „Na, Herr Rat, warten auch auf Beförderung?"
* Eine Musterwirtschaft. Hausfrau: „Luise, bringen Sie 'mal aus dem Speiseschrank die Petroleumflasche mit der Aufschrift: „Essig". Es muß Himbeersaft d'rin sein . . . a6ei riechen Sie erst d'ran!"
Schach-Ausgabe.
Von' S. Loyd.
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Weiß.
g h
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Schwarz, d e
Weiß setzt'mit bem dritten Zuge Matt, Auflösung in nächster Nuinmer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Ohr, Uhr.
Kedaktwn: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckereh R. Lange, Gießet


