Ausgabe 
3.4.1913
 
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greift man leicht, daß dadurch, sowie durch die Ausdünstungen und Entleerungen der lebenden Wesen die Luft stinkend und wahrhaft verpestet wird, umsomehr als man, um Holz zu sparen, sorg­fältig jede Luftveränderung zu verhüten sucht. Die Treppen der Häuser sind gewöhnlich finster, schmalspurig und schnecken­förmig," und, so fügen wir hinzu: hühnerleiterartig.Die Ofen dienen gewöhnlich gleichzeitig als Kochherde, und man findet deshalb in allen solchen Wohnungen eine unerträgliche Hitze." Diese alten Oefen, deren letzte erst vor wenig Jahren abgerissen wurden, weil sie zu viel Platz beanspruchten und zu viel Heizung erforderten, wurden von außen geheizt und ragten weit in das Zimmer hinein. Sic waren auf der Friedrichshütte gegossen und zeigten an den drei ZimMerseiten biblische Darstellungen, z. B. den reichen Mann und armen Lazarus, die Hochzeit von Kana, das immerfließende Oelkrüglein der Witwe. Spätere Oefen zeigen weltliche Darstellungen, meist aus die Landwirtschaft bezüglich, z. B. den Pflüger mit dem Ochsen, den Pflüger mit dem Pferd. Tie Stallungen," so fährt Dr. Köhler fort,sind gewöhnlich nahe bei den Wohnungen der Menschen, oft unter einem! Dach mit ihnen. Von den Ausdünstungen des Viehs und des in engen Höfchen oder Gruben vor dein Haus aufgespeicherten Mistes haben die Bewohner viel zu leiden, man kann geradezu von Luftverunreinigung und Verderbnis reden." Ganz sind auch heute diese Zustände noch nicht geschwunden; es gibt noch heute Häuser, bei welchen beim Misten des Stalles der Mist durch den Hausgang hindurch mit dem Mistkrappen auf die Miststätte gezogen und das Vieh durch den Hausgang aus und in den Stall geführt werden muß.

Entsprechend der Wohnung war auch die Nahrung und Kleidung der Alt-Laubacher überaus bescheiden, ja ärmlich, denn es herrschte eine Armut, von der wir uns heute nur schwer eine Vorstellung machen. Nur besser stehende Bauern konnten ein Schwein schlachten, und man mästete damals noch nicht so schwer wie heute. Mit einem Schwein von 150 Pfund kam eine Familie aus. Sonntags gab es bann Solper- oder Dörrfleisch mit Sauerkraut oder sonst einem Gemüse, sonst die ganze Woche kein Fleisch, und mit der Wurst, die man bei der Schlachterei gemacht hatte, ging man sehr sparsam um, und nur hier und da gab cs kleine Stückchen davon. Auch kaufte man sich Sonntagsgrün" Fleisch. Aermere am liebsten, wenns zu haben war, Schaffleisch, das Pfund zu einem Groschen oder Batzen. Aber 1 Pfund mußte reichen, Scann, Frau und meist sieben Kinder teilten sich darein. An den anderen Tagen gab es Erbsensuppe, Bohnensuppe, Linsen­suppe, gebrannte Mehlsuppe oder sonst eine Suppe mit Kartoffek- stücken oder Brot hineingebrockt, oder Mehlklöße, vielfach von Schwarzmehl,schwoaze Klißt", von vielen als ein Leckerbissen angesehen, oder Pfannkuchen mit gedörrten Zwetschen. Auch Hirse­brei ward gegessen. In Laubachs Gemarkung selbst scheint aber nie die Hirse gebaut worden zu sein, wohl aber in den Dörfern der Umgegend. Abends gab es gequellte Kartoffeln, dazu viel­leicht ein wenig Fett oder ausgelassenen Speck, feiten ein wenig Wurst. Sonntag abends Kartoffelsalat, aber sonst nichts, nicht etwa Wurst dazu, selten wurde dazu Kaffee gegeben. Häufig bestand die Abendmahlzeit auch aus Tickmilch und Kartoffeln. Morgens früh trank mau Kaffee, in den schwarzes, trockenes Brot gebrockt wurde. Wecke gab es nur Sonntags oder zweimal in der Woche; letzteres noch bis vor etwa 30 Jahren. Noch früher gab es die Morgenfuppe, meist eine Mehlsuppe. Zum Frühstück gab es Schwarzbrot, meist selbstgebackenes, dazu, wenns gut ging, ein Kaffeekoppchen mit saurem Rahm, den man auf das Brot strich. Zum Nachmittagskaffee gab es, wenn möglich, Honig (von Obst gekocht) aufs Brot. Das Vespern war noch nicht allgemein, selten gab es da Brot mit ein wenig Branntwein. Butter wurde im eigenen Haushalt fast gar nicht verbraucht, sie wurde verkauft und bildete, neben den Eiern, oft die einzige Quelle, aus der die Hausfrau das Geld zum Ankauf von Oel, Salz ufw. nahm. Kuchen wurden nur an den hohen Festen gebacken. Dr. Köhler fchreibt sogar, daß es Haushaltungen gebe, wo im Verlauf eines ganzen Jahres kein gekochtes Fleisch auf den Tisch komme.^Dem­gemäß waren auch die Löhne gering; wenn vor 5060 Jahren eine Magd 30 fl. = etwa 55 Mk. bekam, so war es viel. Der Tagelohn mit Kost betrug damals 12 Kreuzer 35 Pfg., dafür mußte man aber frühmorgens pünktlich um 5 Uhr antreten und arbeiten bis abends um 7i/2 Uhr. 1

Einfach war auch die Kleidung. Im Sommer trugen die Männer Wams und Beinkleider aus Leinen, felbstgesponnen und felbstgewirkt, naturgrau oder blaugefärbt. Darüber wurde bei Aus- gäitgen der blaue Kittel gezogen, der bei Regenwetter den Regen­mantel vertrat. Für die rauhere Jahreszeit trug man einen gestrickten wollenen Wams und Hosen aus Beiderwolle, einen Stoss aus Wolle und Seinen gemischt. Dazu ganz niedrige Schuhe und Gamaschen, als Kopfbedeckung eine Kappe, noch sruher('einen Hut, Dreimaster. Die Weiber trugen int Sommer leinene oder baumwollene, im Winter wollene Röcke und Leibchen, den Kopf zierte gewöhnlich eine Haube aus Pique ober Kallieout, unter welcher das lange Haar in Zöpfe geflochten ober in die Höhe ge­bunden, verborgen war. Im Sommer gingen die Frauen viel­fach in Hemdsärmeln' Und barfuß. Aber Dr. Köhler, dem wir diese Notizen tierbanren, klagt schon vor 90 Jahren darüber, daß auch die Bürgermädchen, namentlich, welche in der Stadt gewesen sind, die Unsinnige modische Kleidung der sogenannten besseren Stände, die CoiWre und Löckchen, das Korsett und das' Kleid aus dünnem!

Stoff, den ausgeschnittenem Hals und bergt, mitzum'achen an- faugen.

Vergnügungen gibt es nur wenig," berichtet Dr. Köhler, und deshalb auch keine großen Nachteile davon, berat der arme Landmann erübrigt kaum soviel, um feine gewöhnlichen W gab en und die nothdürftigsten Lebensbedürfnisse zu bestreiten. Tauz- vergnügungen kommen wenig vor, was umso weniger zu bedauern ist, als der beliebteste und gebräuchlichste Tanz auch hier den tolle und übermäßig erhitzende Walzer ist. Der bessere Bürger Pflegt Sonntags ober auch Werktags abends zur Schenke zu gehen, um dort nach überftanbenen Strapazen einige Ruhe und im Genuß des Branntweins Stärkung zu suchen. Sehr beklagt aber Dr. Köhler die Untugend des Tabakrauchens, der schon jeder Junge gleich nach der Konfirmatioit huldige, und erzählt uns, daß unter den Weibern das Tabakschnupsen überhand genommen habe.

Tie Beschäftigung der W-Laubacher war int wesentlichen wie die der heutigen Bewohner. Sie waren meist Handwerker, die daneben auch Ackerbau trieben, oder reine. Bauern u*b Bäuerchen. Manche Handwerke, die früher vertreten waren, such' jetzt erloschen, so z. B. die Leineweberei, die früher ungemein stark betrieben wurde, und die Gerberei.

Den Glanzpunkt Laubachs aber bildete der Gräfliche Höf. Er brachte viel Leben und viel Verdienst und Geld in die Stadt, und die Hofhaltung war viel größer und glänzender als heute, namentlich unter beut Grafen Christian August, der Ludwig XIV. im kleinen nachahmte. Er regierte 173884. Pfarrer und Konsistorialrat Heusinger hat im Jahr 1767 ein Seelenregister angelegt und zu Anfang desselben ein Verzeichnis der zum Gräf­lichen Hof gehörenden Personen gefetzt. Da finden wir.zwei adlige Hofdamen, 1 adligen Hofmeister, 1 Kanzleidirektor, 3 Justizräte, 1 Regierungsrat, 2 Amtmänner und Räte, 1 Rat und Leibmedi- küs, 1 Kammerrat, 1 Forstmeister, 1 Oberförster, 1 Hauptmann, 3 Leutnants, 1 Leutnant a. D., 3 Kammersekretäre, 1 Archi- varius, 1 Sekretär, 2 Rentmeister, 1 Kammerschreiber, 1 Kon­zertmeister, 2 Hofverwalter, 1 Hosfourier, 2 Küchenschreiber, 1 Hof­gärtner, 1 Gartenjungeii, 1 Hausmeisterin, 4 Jungfern, 2 Be­schließerinnen (davon eine eine Pfarrerswitwe war), 1 Haushof­meister, 3 Köche, 1 Büchfenspanner, 2 Jagdlaquayen, 7 Laqaiyen, 1 Perrückier, 3 Fischer und Vogler, 1 Kanzlerboten, 1 Kammer­boten, 2 Kutscher, 3 Vorreitem 3 Reitknechtes, 2 Schweizer, 1 Feuer- schürer, 1 Bierbrauer, 1 Kuhhirten, 1 Silbermagd, 1 Küchenmagd,- 2 Waschmägde, int ganzen 82 Personen. Viele, wohl die meisten von diesen waren verheiratet und hatten Familie; wir sehen also, wie wichtig und wertvoll für Laubach der! Gräfliche Hof war.

So war Att-Laubach und seine Bewohüer. Die Zeiten sind anders geworden und besser. Wie armselig war dochisrützer alles! Wahrhaftig, wir habens heute viel besser und könnten uns in den engen und ärmlichen Verhältnissen von früher nicht,mehr wohl fühlen. Welch eilt Umschwung in allen Verhältnissen, in der ganzen Lebenshaltung, ja oft ein übertriebener Lurus und Genuß­sucht! Und wie es in Laubach war, so sah es allenthalben aus. Der Mick auf die Vergangenheit will uns dankbar machen für das, was wir in her Gegenwart haben und zufrieden mit dem, was sie uns bietet. Und beides besonders', wenn wir bedenken, daß die Menschen, die in so engen Verhältnissen und so ärmlich lebten1, nicht etwa unzufrieden ober schwächlich ober untüchtig waren, nein, 'es war ein kräftiges, zufriedenes, tüchtiges Geschlecht, und bas namentlich, weil es ein gottesfürchtiges, gottvertrauenbes Ge­schlecht war, aus das stolz herabzublicken wir keine Ursache haben. Unsere Zeit aber, die so stolz auf ihre Fortschritte und Ärrungen- fchaften ist und so große Ansprüche an das Leben stellt, soll aus der Betrachtuitg der Vergangenheit lernen, daß wahre Tüchtigkeit und wahres Glück nicht an den äußeren Verhältnissen hängt, sondern daß die Bedingungen zu beiden wesentlich im Menschen felbst liegen, _______________

5esenheim.

Zum hundertsten Todestage der Friederike Brion 3. April. Von W i l h e l in' Scheuerma n U, Berlin.

Tie liebliche Idylle, die Goethe als Straßburger Student in dem unterelsässischen Torfe Sesenhcim erlebte, und die er mit so unvergleichlichen Reizen int' dritten Teil von 'Dichtung Und Wahrheit geschildert hat, hat eine Reihe späterer Lichter zu eigener Gestaltung des Stoffes begeistert. Aber keins der Werke ist mit der wundervollen Jugendwärme vergleichbar, die aus Goethes eigener Schilderung strömt. Turch sie ist SeseuhÄms Name welt­berühmt geworden, und schon nach dem ersten Erscheinen von Goethes Autobiographie sind Fremde andachtsvoll nach dem kleinen Torfe an der Moder gewallsährtet. Sie fanden bereits damals alles verändert. Friederike lebte im Badischen, in dem Dörfchen Meisenheim, wo heute ihr schlichter Grabstein steht. Tie alte» Brions waren tot und von der Familie niemand mehr am Orte. Was hier zwei junge- Herzen bewegt hatte, die dann auf ganz verschiedenen Lebenswegen fern voneinander getrieben worden waren, das schien den nächsten Miierlebenden unwichtig genug.

Heute ist Sesenheim, das unmittelbar alt der sogenannten Riedbahn zwischen Straßburg und Lauterburg liegt, ganz mühelos zu erreichen. Wem es aber Freude niacht und wer gut zu Fuß ist, für den ist es lohnend, beit Weg zu wandern, den Goethe z«