206
15. Kapitel.
Die Taufe wurde nur im kleinen Steife gefeiert; als Waten fungierten Frau Agathe van Moreth, @raf Relendorff Und Oberst von Seinshetm.
Der war im Frühjahr mit der Führung einer Kaval- leriebrigade in Posen beauftragt worden und stand nun hickst vor seiner Ernennung zum Generalmajor. Mit Freuden war er herbeigeeilt, um das Fest initzufeiern. Dann und wann Hatte er ait Hans-Wilhelm geschrieben; dessen Antworten machten ihn froh. Des jungen Moreth Schicksal hatte auf des Messers Schneide gestanden, jetzt schien er hinein gelaufen zu sein in den Hafen der Zufriedenheit.
Und als nun Frau von Moreth während der heiligen Handlung zwischen den beiden Männern stand, die vor mehr als dreißig Jahren um die Hand der jungen Witwe gewor- ben, beschlich den Sohn ein sonderbares Gefühl. Allein hatte die Mütter den Weg fortgesetzt, keiner von ihnen konnte ihr Ersatz bieten, für jenen, der dort mit siegessrohÄM Lächeln, in der Blüte der Jahre, aus dem Rahmen herausschaute, unter dem der Pfarrer mit dem Taufbecken stand, die ärgsten Stürme des Lebens hatten sie nie wankend gewacht in ihrer Ueberzeuaung: mein Leben liegt abgeschlossen hinter mir, ich lebe nun der Erinnerung und Hans-Wilhelms Erziehung!
Schlicht und würdig war sie ihre Pfade gewandelt, Wie es Frguenliebe gebeut.
. Und Eva hatte dieselben Gedanken!
Als die heilige Handlung vorüber war, küßten die Kinder der Mutter Stirn und die fühlte, in dem stummen Druck der Lippen lag mehr, als tausend Worte zu sagen vermögen, ,
Eva blühte auf; Haus-Wilhelm war fast den ganzen Fgg auf den Feldern. Kam er abgespannt heim, last er
t,$3ie du siehst."
, Ja, ja, der Klapperstvrch tut Wunder!"
Da liest Moreth 6en Spötter stehen.
Die Freunde aus dem Herrenhanse fugten zü Kelen dorff: .
„Ein famoser Mensch, Ihr Schwiegerfohu — wrrk- lich!"
Und der Graf nickte stumm mit dem Kopfe Bejahung.
Wer sollte auch den großen, schön ausgewachsenen Moreth mit den blitzenden Augen, den regelmäßigen, gesunden Gesichtszügen, der wie verklärt durch die Zimmer schritt, an jeden ein freundliches Wort richtend, mit dem tadellosen Benehmen des Weltmannes, nicht auf den ersten Blick gern haben?
Relendorff sah ihm nach und dachte: „Ein schöner Apfel, in dem der Wurm' fitzt. Er fällt doch vor der Zeit vom Baume — und Eva ist feine Frau — und wird Mutter!"
Immer wieder gab ihm der letzte Gedanke einen Stich ins Herz.-----
Und als das neue Jahr mit Schneegestöber ins Land kam, steckte man die Fahne in Moreth heraus'.
Aber eilte Enttäuschung war's doch für Haus-Wilhelm, als seine Mutter ihm mitteilte:
„Du bist Vater eines Mädchens geworden."
Erst hatte er die Mütter nach den Aufregungen der letzten Tage mit großen Augen angesehen.
„Ern Mädchen?" fragte er dann.
„Nun, Hans-Wilhelm, ist das ein Unglück?"
„Gott bewahre, aber 'nen Jungen will ich auch noch haben!"
Da hatte die Mutter gelacht.
„Last mich zu Eva!"
„Warte noch — in einer Stunde! — Reite rüber nach Wossow unterdessen!"
Sein Brauner mußte laufen, was'die Knochen hergaben.
„Papa, ein Mädchen! Mutter und Kind Wohl!" rief er dem Grasen entgegen.
Relendorff war bei der frohen Kunde ganz ruhig ge- blieben; er sagte ernst:
„Hans-Wilhelm, ich Weist, Du hast eineu Jungen erwartet. Alle Wünsche erfüllt Gott keinem. Das Kind bindet Euch fester zusammen als je. Sei ihm ein guter Vater,, dann werden die letzten Verstimmungen auch zwischen uns schwill den!"
Die beiden Männer drückten sich die Hand; Hans- Wilhelm faßt fest zu, der Graf! entzieht ihm schnell dis feine.
glücklich mit den Seinen zusam'men. Er fragte nach de« Welt dransteu nichts mehr; mußte er nach der Kreisstadt^ so kehrte er, sobald es anging wieder zurück.
Düsedau und der gutmütige Püchkow schüttelten dis Köpfe.
„Jochen, der Hasts-Wilhelm ist ein rechter Trauerlappen geworden!"
„Pichelkow, ich sage dir, die Katze läßt das Mausen; nicht! Wetten wir — nächsten Winter ist er wieder ganz! vernünftig!"
Der setzte bedächtig das Glas auf den Tisch, nachdem! er es in einem Zuge leer getrunken.
„Nee, an dem ist Hopfen und Malz verloren! — Eigentlich schad: wir beide, der und Röpke, würden wahrhaftig ein niedliches Kleeblatt abgeben. Jetzt ist es hier zum! Totmopsen."
Das fand Jochen Düsedau auch. — — —
Graf Relendorff kam jetzt häufiger nach Moreth, seins Kinder verstanden sich immer besser mit ihm, wenn er auch gegen Hans-Wilhelm immer eine gewisse Reserve be- obachtste. Sr fragte er nie nach wirtschaftlichen Angelegenheiten und weil er es nie tat, holte sein Schwiegersohn auch keinen Rat; sie waren sehr liebenswürdig zuein- ander, schon um die Kluft äußerlich zu überbrücken, die in Wahrheit doch noch in beträchtlicher Tiefe zwischen ihnen gähnte.
Agathe von Moreth aber blieb vollkommen die Alte,^ unerschütterlich hielt sie aus in ihrer Position, sie blieb! kühl bis ans Herz hinan und ließ den Grafen oft schmerzlich fühlen, daß es Tage gegeben, an denen sie sich weit näher gestanden.
*
Im Spätsommer während der Manöver mußte Hans- Wilhelm bei seinem Regiment acht Wochen üben.
„Es ist ganz schön, wieder einmal ein bißchen Soldat spielen; nur schade, Eva, daß ich dich wegen der Kleinen nicht mitüehmen tarnt!"
„Aber, Mann, ich kann doch nicht mit dir von Ma-- növerquartier zu Manöverquartier ziehen!" hatte sie lachend erwidert.
„Vierzehn Tage sind wir mindestens noch in der Garnison. Auf Beerenburgs freue ich mich ganz mächtig, wir vier würden uns famos zusammen verstehen!"
„Geh' nur recht oft zu ihnen," sagte die Mutter, „es sind wirklich scharmante Menschen!"
Eva schlingt den Arm um ihren Manu.
„Sei mal ganz ehrlich, Hans-Wilhelm! Würdest du nicht gern wieder aktiv?" (
„Nee Schatz! Eine Zeitlang inacht so was Spaß, aber wenn man ein Gut hat, von den Vätern ererbt, gehört man auf die Klitsche! — Der alte Drewel ist sicherlich ein Prachtkerl, aber ewig macht er auch nicht mehr mit. Stirbt er, ruht die Last allein auf meinen Schultern. Selbst wenn ich einen sehr guten Oberinspektor wiederfinden würde, so schleiften doch die Zügel einige Zeit am Boden und das darff nicht sein. Moreth verträgts nicht. Deshalb muß ich mich völlig einarbeiten und dazu gebraucht matt Jahre, denn auch der Boden hat seine Mucken."
Die Mutter nickt stumm mit dem Kopfe, Eva sieht ihn glücklich lächelnd an.
„Jst's dir immer noch nicht zu einsam an meiner Seite geworden?"
Da küßt er fein Weib und sieht ihr freudestrahlend in die Augen.
(Fortsetzung folgt.)
Alt-Laubcrch und feine Bewohner.
Von Pfarrer Nebel zu Laubach.
(Schluß.)
lieber die Wöhnungsv erhältnisse der Alt-Laubacher äußert sich Dr. Köhler also: „Die Mehrzahl der Wohnungen sind sehr niedrig dunkle Stübchen mit einem oder zwei ((einen Fenslerchen, welche 'zwar die Heizbarkeit befördern, aber die wohlthütigen Sonnenstrahlen nur mühsam nnd spärlich ciitbringeit lassem Dienen solche Wohnstuben gleichzeitig als Schlafstuben, sind, wie dies häufig der Fall ist, die Insassen mit einem .Häuslein kleiner Kinder gesegnet, ist darin der iiothwendigste Hansrath nebst Gewerbegerätschaften, z. B. Webstühlen, untergebracht, Hausen darirt noch Tiere, wie Hunde, Katzen, Hühner, wird hier die Wäsche gewaschen, Kinderwindeln getrocknet, treibt in demselben Raum! der Hausvater fein ost die Luit verderbendes Handwerk, so he-


