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3.3.1913
 
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Frauenliebe.

Roman von Horst Bodemer^ (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

viertes Kapital.

Graf Norderoog war in Berlin angekommen und- im 'Kaiserhof abgestiegen, denn der liegt in der Nähe des' Auswärtigen Amtes. 'Der Diplomat hatte Befehl erhalten, sich zur Abreise nach Argentinien bereit zu halten; noch vor Nerrjahr sollte er beit Gesandtenposten in Buenos Aires übernehmen. Eine dankbare Aufgabe, denn das Deutsche Reich steht mit der südamerikanischen Republik in regem Warenaustausch. Sie empfängt von uns in erster Linie Maschinen und Chemikalien und liefert dem Reiche Weizen und Felle. Biele Deutsche sind in oer Hauptstadt ansässig vder besitzen in dem fruchtbaren Lande große Güter. Ge­ordnete Zustände herrschen dort seit längerer Zeit, die Be­ziehungen der Republik zum Deutschen Reiche haben sich von Fahr zu Jahr freundlicher gestaltet; von Bremen und Hamburg fahren Dampfer hinüber. So gut ist die Ver­bindung, daß ein Nordamerikaner von New Jork schneller 'nach Buenos Aires kommt, wenn er über Bremen fährt, als direkt die amerikanische Küste entlang nach Süden. Er muß dort schlechte Schiffe benutzen und bleibt oft in den vielen Zwischenhäfen liegen.

Der sechsunddreißigjährige Diplomat wäre wahrschein­lich wunschlos gli'Micy gewesen gewiß ein seltener Zu­stand im Menschenleben, wenn nicht Eva Relendorff in Baden-Baden, wo er seinen Urlaub verbrachte, seine Pfade gekreuzt hätte. Bis dahin hatte er nicht geglaubt, daß ein weibliches Wesen so große Macht über ihn gemimten könne. Er war der Meinung gewesen, er sei eine kühle Natur, deren höchstes Ziel sich in dein Wunsche ausdrückte, schnell zu Macht und Ansehen zu gelangen. Ehrgeiz besaß er in des Wortes guter Bedeutung, der, verbau den mit Pflicht­treue und BaterlandKliebe, ihn schnell aufwärts tragen sollte zu jenen Höhen, die die Mitwelt mit Bewunderung Uder Neid erfüllt. Ein Hagestolz hat er gewiß nicht für immer bleiben wollen, aber bis vor kurzem stellte er sich eine etwaige Eheschließung nüchterner vor. Paßte alles zusammen, Geld, Namen, Schönheit, nun so würde er eben -zugreisen. Welches junge Mädchen würde den vermögenden, zu den schönsten Hoffnungen berechtigten, eleganten Grafen Norderoog ausschlagen? Er schätzte wahrlich die Frauen nicht allzu hoch ein. Und nun hatte er im Handumdrehen sein Herz verloren, wie es nur ein Mamr variieren kann), an dem die Liebe dreieinhalb Jahrzehnts ziemlich spurlos borübergegangen ist. Gewiße er hatte feine kleinen Erleb- iMjfe gehabt, hatte geflirtet wie jeder cutdere, aber dadurch war seine Hochachtung vor den Frauen wahrlich nicht ge­wachsen. Gerade in Diplomatenkreisen, wo die Gattin mehr

der Oeffentlichkeit als in anderen Berufen angehört, hatte er das ja gesehen. Wenn sie annmtig zu plaudern, elegante Toilette zu machen und gute Diners zu geben verstanden', so hielten die meisten dieser Damen ihre wesentlichsten Pflichten für erfüllt.

Auf einmal hatte Graf Norderoog seine Ansichten einer gründlichen Revision unterziehen müssen. Und er Ivar seines Sieges durchaus nicht sicher.

Bei einem Junggesellenessen hatte er einmal gesagt: Ich begreife gar nicht, wie sich ein Mann einen Korb holen kann. Wer ernstlich siegen will aus' unseren Kreisen,- wird erhört!"

Alle hatten zugestimmt, bis auf einen, dem schon das Haar ergraute. Der sah nachdenklich vor sich hin und-i schwieg. Aufgefvrdert, zu reden, erwiderte er nur:Das stimmt nicht!"

Er mar der erste, der den fidelen Kreis verließ. Ein junger Attache von der Botschaft in St. Petersburg meinte, nachdem sich die Tür hinter dem Gehenden geschlossen: Es hat ihm eben an Energie gefehlt. Deshalb ist er auch in seiner Karriere auf keinen grünen Zweig ge­kommen."

Diese Episode fiel Norderoog unwillkürlich ein. Er fuhr sich mit den langen, schmalen Händen übenden Kopf, dessen braunes Haupthaar sich schon zu lichten begann.! Sinnend blickten seine braunen Augen hinaus auf ddnj Wilhelmsvlatz, mit Ungeduld erwartete er Nachricht aus Glossow, oer Graf war immer sehr liebenswürdig gewesen, das ließ ihn hoffen. Sein schmales Gesicht, das durch den spitz Angeschnittenen Vollbart noch länger erschient nahm einen energischen Ausdruck an. Eva Neleudorff mußte feine Frau werden, koste es, was es wolle! Wenn ihm nun der Graf abschrieb? Ach was!. aus welchen Gründen wollte er das wohl tun.

Da klopfte es an die Tür. Der Page brachte die Morgenpost. Einen Stoß Zeitungen und drei Briefe.

Norderoog prüfte die Poststempel. Graf Nelendorsf hatte geschrieben. So hatte er sich die Hand des alten Herrn vorgestellt, sorgsame, große Buchstaben, die Schön­heitssinn und Akkuratesse verrieten, und das Ende eines jeden Wortes, auch den Haarstrich, dick, ein Zeichen von Energie. Er riß, den Nmschlag auf und wunderte sich nicht wenig über die Länge des Briefes sechzehn Seiten^ das sah ja wie eine Absage aus.

Je weiter er las, desto mphr legte sich seine hohe Stirn in Falten. Die Flügel der recht großen, aber schön geformten Nase zuckten nervös. Das hätte er wahrschein­lich nicht erwartet: Eva von Neleudorff hatte ihr Herz, wie der Graf schrieb- an einen Lumpen, der nicht einmal etwas von ihr wissen wollte, vergeben!

Sofort faßte er den Entschluß- morgen nach Glossow! zu reisen. Auf acht Tage war er noch abkömmlich.

Er «ahm ein Telegrammformular und ein Kursbuch zur Hand.