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Laufe des Krieges zu führen und das Militär zu einer hohen I @tufc KU €K^cb‘CIt//. , I
Ungeheuer war die Begeisterung, die durch das Manifest unter den gebildeten Ständen ausgelöst wurde. Das erste, das erlösende Wort sprach ein Professor, der Breslauer Naturphilosoph Steffens. Noch war Preußen offiziell Frankreichs Verbündeter, als sich der Gelehrte, der bon_ dem Erscheinen des Ausrufes gehört hatte, um die Mittagsstunde des 3. Februar an seine Zuhörer wandte und in flammenden Worten sie zum Dienst fürs Vaterland aufforderte. „Was ich sagte, Ivar die stille Rede Mer, und sie machte eben deswegen, wie ein Echo aus der eigenen Seele eines Jeden, einen tiefen Eindruck." Als ihm Scharnhorst dann zurief: „Steffens, ich wünsche Ihnen Gluck! Sie wissen nicht, was Sie getan haben!", war das sein „schönster Ruhm". „Ich sah es ein, daß ich, ein vierzigjähriger, still grübelnder Gelehrter, ein ungeschickter Stieget sein würde: aber mitgehen mußte ich." Es war ja nicht nur die Jugend von 17—24 Jahren, die kam, sondern auch ältere Bürger und Beamte strömten zu den Waffen. Jnr Rn waren 8500 neue Streiter dem König gewonnen. „Söhne von Fürsten," jubelte damals Gneisenan, „Kinder der.reichsten Familien strömen herbei und nehmen als Gemeine Dienste; es ist rührend, alle die söhne des Wel- und höheren Bürger-Standes von der feinsten Bildung als Gemeine in den zahlreichen Jäger-Kompagnien eingestellt zu sehen." Steffens wurde „den ganzen Tag von Studierenden bestürmt, nicht allein .von Breslauern, sondern auch von Berlinern, ja von .Gymnasiasten und Jünglingen jedes Standes". „Wo Friedrich Wilhelm III. sich blicken ließ," meldete Holtei, „sei. es allein, oder begleitet von, blühenden Kindern, überall empfing Ihn das Jubelgetön Seiner Getreuen: ans allen Provinzen fanden sich rüstige Kämpfer vom Mut und Treue in Breslau ein: jeder Tag brachte frische Kräfte, neue Kunde, steigende Begeisterung." Und Graf Henckel erzählt: „Der König ließ sich die jungen Freiwilligen jedesmal vorstellen, sprach fast mit einem jeden sagte ihm gewöhnlich am Ende der Vorstellung einige freundliche Worte. Und überall in preußischen Landen entzündete das Freiwilligenmanifest die Flammen des Patriotismus. Ans . Berlin schreibt. Niebuhr: „Tas Gedränge der Freiwilligen, die sich einschreiben lassen, ist heute so groß auf dem Nathause, wie bei Teuerung vor einem Bäckerladen. Erst seit drei Tagen ist die Bekanntinachimg deshalb erschienen, und heute fährt die Post schon mit neun Beiwagen voll derselben ab, außer denen, die zu Friß gehen, oder mit anderen Gelegenheiten reisen. Es gehen jrmge Leute aus allen Ständen: Studenten, Gymnasiasten, Primaner, Handlungskommis, Apotheker, Handwerker aus allen Zünften, gereiste Männer von Amt und Stand, Familienväter nsw."
Aus denr Gymnasium vom Grauen Kloster gingen damals Mein 134 Schüler als Freiwillige zum Heere, von den 45 Primanern 39, 32 Sekundaner, 18 Großtertianer und 13 Kleintertianer. Die Jugend folgte einmütig dem an sie ergangenen Ruf, ___________
vermischtes.
kf. Leute, d i e das große Los gewonnen haben. Es ist eine überraschende, aber durch die Statistik iestgestellte Tatsache. daß Fortuna nicht wahllos ihre Gaben verstreut, und daß insbesondere das große Los fast stets seinen Weg zu den Bedür'tigen gefunden hat. So war es auch vor kurzem der Fall in Svanien und so ist es jetzt in Italien. Nach einer vorliegenden sranzösischen Statistik waren die Hauptgewinner in Frankreich in den letzten Jahren Straßenhändler, Bäcker, Barbiere, Schienenleger, §ttf- schmiede, Bergleute nsw. Ter Gewinn des großen Loses birgt für jeden eine Ueberrakchung, der sich im ersten Augenblicke nur die wenigsten gewachsen zeigen. Ta komnit es zu den seltsamsten Szenen, ja, es geschieht sogar, daß den Glücklichen vor Freude der Schlag rührt. Ein Gewinner des französischen Hauptgewinnes, der Friseur Pontet, hat versucht, später seine Eindriicke zu analysieren. Er erzählt, daß er zunächst außerordentlich verwirrt war und daß allerlei widersprechende Gesühle in ihm um den Vorrang kämpften, Besorgnis, Schrecken, Unruhe und Freude. „Alles in allem war es nicht sehr angenehm, aber für das nächste Mal, hoffe ich, bin ich abgehärtet." Das war sein Endurteil. Ganz das Gegenteil bezeugt ein airderer Glücklicher, ein kleiner Angestellter tn Marseille, dem eine halbe Million zugefallen ivar. Mit der grünten Gelassenheit fügte er sich, wie er sägte, in das unvermeidliche Schicksal, tnib zu seinen Freunden, die nunmehr wie Pilze aus der Erde schossen, meinte er gleichmütig: „Es mußte kommen. Jin Lotteriespiel habe ich immer Chanceii gehabt." Ihm nicht unähnlich an Gleichmut ivar ein kleiner französischer Staatsbeamter. Als ihm seine Kollegen, nachdem ihm der Hauptgewinn zugefallen war, den Rat erteilten, sein Beamtenhabit an den Nagel zu hängen und sich von den Anstrenglingen zii erholen, da meinte er mit schöner Offenheit: „Ach Gott! Hier aus dem Amte arbeitet man ja doch so wenig. Da bleib ich schon lieber da' Zwei Bergarbeiter in Lille ließen ihre Kameradschast an ihrem Glücke teilnehmen. Es gab einen regelrechten. Festzug, die Teilnehmer — 180 an der Zahl — zogen unter Führung der beiden Glücklichen
in geschlossenem Aufmarsch unter den Klängen einer Musikkapelle durch die Stadt. Tann gings in den größten Festsaal hinein, und dort gab es ein Bankett, auf dem den Teilnehmern Genüsse geboten wurden, die, wie der eine Gewinner sagte, „sie bisher nur dem Gerüche nach kannten". Setten hat es wohl solch ein lustiges Arbeitshaus gegeben wie das zu Evora in Portugal, nachdem die tausend Insassen da? große Los gewonnen hatten. Es braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß alle Pensionäre bald auszogen, denn trotz der großen Zahl entfielen auf jeden noch iminer 800 bis 1000 Mark. Als einem Herrn Gazel im Jahre 1905 der Hauptgewinn der französischen Lotterie in den Schoß siel, da soll er geäußert haben: „Gott sei Dank, daß ich das habe! Jetzt werde ich wenigstens meine Töchter los!" Es war sein sehnlichster Wunsch, und — er ging in Erfüllung.
kf. Die Opfer des N e w P o r k e r Verkehrs. Man hat das Aussterben des Fußgängers in den amerikanischen Städten prophezeit und nach den jetzt veröffentlichten Statistiken scheint dieser Tag wirklich nicht mehr allzu fern zu sein. In Neiv Port allein weist das Jahr 1912 eine Unfallzunahme von 23 Prozent im Vergleiche zum Vorjahre auf. 582 Menschen fielen dem Verkehr zum Opter: unter ihnen 230 Kinder. Die Automobile fegten 221 Personen hinweg, die Straßenbahnen töteten 38 Kinder und So Erwachsene; andere Gefährte 85 Kinder und 92 Erwachsene. Hinzu kommt die große Zahl der Verletzten, wobei bemerkt werden muß, daß nur die Schwerverletzten bei der Statistik in Betracht gezogen worden sind. Durch Alltomobile erlitten 1342 Leute Verletzungen ; die Straßenbahnen verwundeten 704 Personen und durch andere Gefährte zogen sich 317 Personen Verletzungen zu. Aber so aanz sang- rmd klanglos soll der Fiibgänger doch nicht abgetan iverdeii. Vielmehr beschäftigt sich die Verwaltung des Staates New Pork augenblicklich angelegentlich damit, ihm das Leven zu sichern. Besonders den rasenden Automobilfahrern soll das Hand- iverk gelegt iverden, und es ist schon ein Gesetz eingebracht worden, daß die leichtsinnigen Chauffeure, die der Menscheiileben nicht achten, mit den schwersten Strafen belegt.
Vlichertisch.
— Wintersport in den Deutschen Gebirgeu. Auch die Januar-Nummer der illustrierten Zeitschrift „Deutschland" führt ihre Leser in die winterlichen Landschaften der Deutschen Gebirge. Besonders das Titelbild „Verschneites Bauernhaus im Sauerland" und die ganzseitigen Motive über die Änraum-Gebilde des Riesengebirges von Dr. Kuhfahl, die Wintersportbilder ans Vogesen, Württemberg, Harz und Eifel, wie auch das charakteristische Motiv aus dem Siebengebirge sind hervorragende Leistungen der Photographiekunst und der künstlerischen Drucktechnik. Der Schilderung unserer Wintersportgebiete sind diesmal drei Beiträge mehr unterhaltenden Inhalts bci- gefügt: „Frühling im Winter", eine Geschichte aus dem Siebengebirge von Arthur Rehbein: „Winterlick>e Morgenwanderung", Motiv aus dem Bergischen Lande von Paul Zech, und „Ski- Flügel", ein Stimmungsbild aus Norwegen von Niels Hoyer. — Aus dem weiteren Inhalt des interessanten „Deutschland"-Heftes sind noch zu erwähnen: Luitpold von Bayern f, eine persönliche Skizze, von Professor Dr. Ludwig Fränkel: Ein Nachwort zum Tode des Herrn von Kiderlen Wächters, von Dr. jnr. Rennert? Zum 80. Geburtstage des Geheimrats Servaes: Die Goslarer Kunstuhr: Vom Niederrhein und vom Backsteinbau, von Dr, Richard Klapheck: Eine Winterfahrt des Verkehrs-Vereins Leipzig nach Oberwiesenthal am 5. und 6. Januar 1913.
— Mode. Tas soeben erschienene neue Heft der bekannten „Deutschen Modcn-Zeitung" trägt den Sondertitel „Konfirmation", da sein M o d e t c i l diesmal hauptsächlich der gesamten Kleidung der Konfirmandin und Kommunikantin gewidmet ist. Dieses frühzeitige Erscheinen ausgezeichneter Vorlagen ermöglicht, zusammen mit den gegebenen sorgfältig ausgeprobten Schnitten, jeder Mutter das Selbstherstellen von Wäsche und Kleidung für die junge Konfirmandin oder Kommunikantin. Die „Deutsche Moden-Zeitung", Leipzig, erscheint monatlich zweimal. — Im gleichen Verlag erschien auch das Album sür Konfirmationsund Kommunionskleider.
Rätsel.
Maas — Loire — Main — Gera — Saale — Weichsel — Oder Donan — Rhein.
Zu jedem der oben genannten Flüsse ist der Namen einer Stadt zu suchen, welche an dem bclteffenben Flusse liegt. Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Städleuamen sollen zusammen den Titel einer Oper ergeben, die Endbuchstaben jedoch der Reihe nach folgende sein: h, s, u, t, g, z, r, t, d.
Auflösung in nächster Nummer..
Auflösung des Städterätsels in voriger Nummer: Bubnpeft — Kreuznach — Wien — Arnsberg — Iserlohn — Wiesbaden — Frankfurt: Breslau.
Redaktion: K. Ne « rath. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»


