Ausgabe 
3.2.1913
 
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nacht von Gravel Zanger mit mir zurück, oder High Conibe be­kommt einen neuen Herrn."

Innerhalb einer Viertelstunde waren wir bereits draußen aus der Landstraße und folgten wie zwei Reiter aus alten Zeiten der Spur dieser unglücklichen Frau. Lord Darre wohnte in der Nähe von Tavistok, und an jedem Haus und Zolltor auf unserem Weg hörten wir die Neuigkeit von demi flüchtigen Wagen por uns; es konnte also kein Zweifel sein, wo sie hin waren. Als wir zusammen hinterher ritten, entwarf mir Lord Ruston ein Bild Von dem Mann, den wir verfolgten. Sein Name schien in ganz England als der Inbegriff alles Schlechten bekannt zu sein. Wein, Weiber, Würfel, Karten, Rennen in allen Leiden­schaften hatte er sich berüchtigt gemacht. (St stammte aus einer alten,, angesehenen 'Familie, uitb man hatte gehofft, daß. er sich die Hörner abgestoßen und seine wilden Neigungen abgelegt habe, als er die schöne Lady Jane Ruston heiratete. Ein paar Monate hatte er wirklich gut getan, dann hatte er aber ihr Ge­fühl an der empfindlichsten Stelle verletzt, indem er eine sehr unwürdige Liaison einging. Sie war von ihm geflohen und hatte bei ihrem Bruder Zuflucht gesucht, ausi dessen Obhut sie nun mit Gewalt entführt worden war. Können Sie sich nun einen ritterlicheren Auftrag denken als unseren, meS amis? *

"Dort liegt Gravel Hanger," rief Rufton mir endlich! zu und deutete mit der Reitpeitschte auf einen grünen Hügel, an dem sich ein altes Gebäude aus Holz und Stein erhob, .so schön wie nur ein englischer Herrensitz sein kann.Am Eingang zum Park ist eine Wirtschaft, wo wir unsere Pferde lassen werden," fügte er hinzu.

Mir persönlich schien es bei unserer gerechten Sache am besten, stolz an sein Tor zn retten und ihn.aufzufordern, die Dame freizugeben. Denn das einzige, was jeder Engländer fürchtet, sind die Gesetze. Er macht sie selbst, und wann er sie 'mal ge­macht hat, sind sie für ihn ein schrecklicher Tyrann, dem sich auch der Tapferste unterwirft. Er lacht dazu, wenn er den Hals bricht, aber er erblaßt, wenn er das Gesetz verletzt, und nach dem, was ich von Lord Rufton hörte, als wir durch beit Park schritten, handelten wir in dieser Sache ungesetzlich, während Lord Taere das Recht hatte, seine Frau zu holen, weil sie ihm gehörte; wir be­fanden uns also auf gleicher Stufe mit'Einbrechern und Räubern. Als solche durften wir nicht den Vordereingang benutzen. Wir konnten die Dame durch List oder Gewalt mitnehmen, aber das Gesetz war nicht auf unserer Seite. Diese Ansicht äußerte mein Freund, als wir in eine Remise krochen, die an den Fenstern des Wohnhauses stand. Bon hier konnten wir die Festung in.Augen­schein nehmen, sehen, ob wir eindringen konnten, und, vor allen Dingen, eine Verbindung mit der schönen Gefangenen drin her- zuslellen versuchen.

Da stunden wir nun in der Wagenhalle, Lord Rufton und ich, jeder mit der Pistole in der Tasche und fest entschlossen, nicht ohne die Dame zurückzukehren. Eifrig spähten wir nach den ver­schiedenen Fenstern des weiten Gebäudes. Wir konnten weder von der Gefangenen noch von sonst jemandem eine Spur entdecken; aber ans dem Kiesweg, der nach dem Haupteingang führte, sahen wir noch die tiefen Einschnitte der Wagenräder. Zweifels­ohne waren sie also angekommen. Wir schlichen uns unter die Lorbeerbüsche und hielten leise einen Kriegsrat, aber durch einen eigenartigen Zwischenfall wurde er jählings unterbrochen.

Aus dem Haus kam ein blondhaariger Mann heraus, eine Gestalt, wie man sie zum Flügelmann bei einer Kompagnie Grenadiere anssucht. Als er uns sein braunes Gesicht und seine blauen Augen znkehrte, erkannte ich in ihm den Lord Daere. Er schritt auf dem Sandweg direkt auf Unser Versteck zu.

Komm nur vor, Red!" rief er laut:sonst schießt dir der Parkwächter womöglich eine Ladung Schrote in den Leib. Kommen Sie 'raus, Mann Und verstecken Sie sich nicht unter den Buschen!"

Wir befanden uns in einer nicht gerade sehr heroischen Situation. Mein armer Freund stand mit rotem Kopf auf. Jch fprang ebenfalls in die Höhe und machte eine möglichst würde­volle Verbeugung.

.Halloh! es ist der Franzose, wahrhaftig!" sagte er, ohne meine Verbeugung zu erwidern.Mit dem hab' ich so schon ein Hühnchen zu rupfen. Was dich betrifft, Ned, so wußte ich, daß du rasch auf dem Posten sein würdest, und deshalb sah ich mich nach dir um. Ich sah euch durch den Park kommen und in die Remise gehen. Kommtrein, wir wollen brin weiter ver­handeln."

Er schien Herr der Situation zu fein, dieser hübsche Riese von einem Mann, der gemächlich auf seinem Grund und Boden stand, während wir aus unserem Versteck hervorkrochen. Lord Rufton hatte noch kein Wort erwidert, aber ich merkte an feiner Stirn und seinen Augen, .daß sich ein .Gewitter zusammenzog. Lord Dacre ging uns ins Haus voran, und wir folgten ihm ans den Fersen. Er sührte uns in ein Empfangszimmer und schloß die Türe hinter uns zu. Dann musterte er mich mit,frechen Blicken von Kopf bis zu Fuß.

Nun, Ned," sagte er, ,e8 gab eine Zeit, wo eine eng­lische Familie ihre Angelegenheiten unter sich ordnete, wie's beliebte. Was hat dieser sremde Kerl hier mit deiner Schwester Und meiner Fran zn schaffen?"

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Mein Herr," sagte ich,gestatten Sie, baß ich Sie darauf aufmerksam mache, daß. es sich in diesem Fall nicht allein um Schwester und Frau handelt, daß ich mit der Dame befreundet bin und das Recht habe, das jedem Ehrenmann zusteht, ein Weid gegen Brutalität zu beschützen. Ich kann nur durch eine Handgreiflichkeit zu verstehen geben, waS ich von Ihnen halte." Ich hatte meinen Reithandschuh in der Hand, und schlug ihn damit ins Gesicht. Er bog sich bitter lächelnd zurück, und feine Augen blickten hart wie Stein.

Du hast also einen Eisenfresser mitgebracht, Ned?" sagte or zu seinem Schwager.Du hättest wenigstens den Kampf selbst ausnehmeu können, wenn's durchaus dazu kommen muß."

Das werde ich auch," schrie Lord Rufton.Gleich hier auf dieser Stelle.-" ,

Sobald ich diesem großsprecherischen Franzosen das Maul gestopft habe," antwortete Lord Dacre. Er ging an einen Seiten­tisch und öffnete eine Schublade.Bei Gott," sagte er dann, entweder kommt dieser Mann lebendig aus diesem. Zimmer heraus oder ich. Ich meinte 's gut mit dir, Ned; wahrhastig, aber ich will deinen Wortführer hier totschießen, so wahr ich George Dacre heiße." Er wandte sich zu mir:Wählen Sie eine von diesen Pistolen, und schießen Sie über den Tisch. Zielen Sie aber gut und töten Sie mich-, wenn Sie können, denn, bei Gott, wenn Sie's nicht tun, ist's um Sie geschehen."

(Fortsetzung folgt.)

Die freiwilligen Zager von 1813.

(3um 3. Februar.)

Am 3. Februar 1813 erschien zu Breslau die berühmteBe­kanntmachung in Betreff der zu errichtenden Jäger-Detachements" von Schariihorst, die die gebildeten Stände hineinsügte in die große Organisation des Freiheitskampses ober, wie sich ihr Schöpfer einmal ausdrückt,das Interesse aller Familien an den Krieg kettete".

Nur unter großen Schwierigkeiten war es Scharnhorst ge­lungen, den König zu dieser Aenderung der vaterländischen Wehrverfassung zu bestimmen, die er seit Jahren herbeisehnte, für die er seit Jahren stritt. Friedrich Wilhelm glaubte gär nicht daran, .daß sich bei einem Ausruf auch wirklich Frei­willige einstellen würden. Wie Marwitz erzählt, soll er auf das Drängen Scharnhorst's hin gesagt haben:Freiwillige aufrufen, ganz gute Idee; aber feiner kommen!" Scharnhorst wurde durch dieses Schwanken so zur /Verzweiflung gebracht, daß er, wie Boyeu berichtet, den Gedanken faßte, ans dem Dienst zu treten. Durch einen glücklichen Zufall hatte ich diese Stimmung von Scharnhorst (der sonst in solchen Dingen selbst gegen seine Freunde verschlossen war) selbst erfahren, und so wurde es mir möglich, dem Staatskanzler davon Nachricht zu geben, der durch seine Vorstellungen den König von da an zu einer anderen Auf­fassung zu Bringen vermochte." Tas von HardenBerg unter­zeichnete Manifest wendete sich andiejenigen Classen, der Staats­bürger, welche nach den bisherigen Cantou-Gesetzen vom Dienste befreit und wohlhabend genug sind, um sich selbst Bekleiden und Beritten machen zu können". Die tiefe Kluft, die noch immer die GeBildeten vom Soldateustande trennte, sollte nunmehr über- Brückt werden. Der Gedanke der allgemeinen Wehrpflicht, für den Scharnhorst einen so langen vergeblichen Kamps geführt hatte, er siegte nun, doch machte der Organisator des preußischen Heeres seinen Gegnern das Zugeständnis, daß er nur sür die Dauer des Krieges gelten sollte. Der freiesten und ungeBunden- sten Truppengattung sollten die Freiwilligen angehören; sie durften sich den Truppenteil aussuchen. Bei dein sie dienen wollten; in ihren grünen Uniformen dienen sie zum Detachieren, werden als leichte Truppen verwendet. Jedes Infanterie-Bataillon und lebeg Kavallerie-Regiment sollte um ein solches Jäger-Detachement vermehrt werden. Von einem wundervollen Idealismus und feinstem Taktgefühl ist die Instruktion erfüllt, in der Scharn­horst sich über Behandlung und Ausbildung dieser jungen Leute ausspricht.Aus eine liebreiche und väterliche Art" soll jeder Tadel bei Unwissenheit und Unbeholfenheit im Dienst geschehen. Derheilige Frühling" der Nation weiht sich hier zum Opfer fürs Vaterland, deshalb liegt seine Schonung im Interesse der Armee. So ist den' freiwilligen Jägern eine Ausnahmestellung zugcwieseu, und als besonderer Lohn wird ihnen verheißen, daß hinfort kein junger Mann zwischen dem 17. und 24. Lebens­jahre zu irgend einer Stellung, Würde oder Auszeichnung ge­langen soll, wenn er nicht ein Jahr bei den aktiven Truppen ober den Jäger-Detachements gebient hat. Der gute Wille ber Bürger würbe hier für ben Daseinskampf bes Staates auf« gerufen, aber zugleich wurde auch! dem Heere, zugeinutet,Stuben­hocker und Ideologen" als Kameraden zu behandeln und aus­zubilden. Manch alter Offizier ist denDunkelgrünen" mit schweren Bedenken entgegengekommen, aberniemals hat sich eine Gemeinschaft rascher mit einer Neuerung befreundet, als das preußische Heer mit den freiwilligen Jägern." Sie haben, wie Scharnhorst schreibt,nicht allein den Geist des Militärs auf- gefrischt, sondern stehen jetzt bereit, die rohen Materialien im