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tttzt ein Künstler; fragen Sie den, ob ich Recht habe." Er deutete dabei auf Völker.
Dieser nickte beistimmend und sagte zu Ellen über den Tisch hinüber: „Der Assessor trifft den Nagel auf den Kopf. 'Ich glaube, daß außer mir hier nicht einer an der Tafel ■$, der, wenn er einen Baum betrachtet, ihn wirklich so sieht, wie er ist." t„
„Und wie sehen wir denn den Baum?" fragte die Hausfrau. „Erklären Sie näher, Herr Professor."
„Sie sehen ihn grün," erwiderte dieser, „vielleicht auch hier und da ein wenig bräunlich oder gelblich, wenn das Laub schon vom Hauche des Herbstes getroffen ist. Wenn Sie ihn malen sollten, so würden Sie lauter grüne oder auch einige bräunliche oder gelbliche Blätter malen."
„Und was sieht der Künstler?"
„Er sieht, weil er die Gabe hat, das Wesentliche zn erkennen, auch weiße, auch blaue Blätter und malt sie, und der Laie, der vor dem Bilde steht, merkt das nicht einmal."
Der Pfarrer schüttelt ungläubig den Kopf und brummt: „Ihr Wort in Ehren, Herr Völker — aber auch weiße und blaue Blätter?"
„Gewiß, Herr Pfarrer. Ein Blatt, auf dem die flimmernde Mittagssonne liegt, erscheint dem Künstlerauge, dem unmittelbar blickenden und durch kein Schema betrogenen, azs weiß, und ein feuchtes Blakt, in dem sich die Luft spiegelt, erscheint ihni blau, und so malt auch der Künstler ein weißes oder ein blaues Blatt und erreicht damit die wunderbar? Wirkung, daß der Beschauer doch nur einen grünen Baum sieht, aber einen so natürlichen, als wenn er leibhaftig und wesenhaft mit seinen Aesten und Zweigen aus bet Leinwand herauswüchse."
In Ellen dämmert ein Verständnis und sie nickt mit dem hübsch gesormten Kopfe; doch plötzlich nimmt ihr Gesichtchen einen furchtsamen Ausdruck an und sie raunt fragend deni Nachbar zu: „Sehen Sie denn auch als Künstler?"
„Wieso, mein gnädiges Fräulein?"
„Nun, dann müßte ja jede Dame vor Ihren Blicken auf der Hut sein; Sie würden jede Runzel und Falte entdecken."
„Dieser Gefahr sind Ihre achtzehn Lenze noch nicht ausgesetzt."
„O bitte, neunzehn."
„Gut, wenn Sie befehlen: Ihre neunzehn Lenze. Gott sei Dank, ich bin aber kein Künstler, sondern ein sehr prosaischer Aktenmensch."
„Wäre es nicht schön, wenn man auch Künstlerblut in den Adern hätte?"
„Der Weise muß zufrieden sein mit dem, was ihm Gottes Güte heschieden hat. Ein Künstler ist init allen seinen Organen in erhöhtem Grade dem Schmerze preisgegeben, rinüm empfindlicheren und tiefer bohrenden Schmerze, als Mr übrigen ihn je erfahren."
„Dann müßte man ja jeden Künstler bedauern."
„Er wird entschädigt durch die Götterlust des Schassens und vielleicht auch durch das, was für alle Menschenkinder die große Pgnacee ist."
„Was ist das?"
„Die Liebe, mein gnädiges Fräulein."
Ellen erwiderte nichts. Sie blickt stumm auf ihren Teller
nieder, auf den sie sich, fast nur mechanisch, ein paar Rosinen Mit Schalmandeln des Nachtisches gelegt hat. Eine etwas tiefere Röte überfliegt den Pfirsichflaum ihrer Wange, und um die verlegene Pause auszufüllen, kracht sie eine der Mandelschalen mit ihren zarten Fingern entzwei und zwei dicht aneinander geschmiegte Körner fallen auf den Teller.
„Ein Vielliebchen!" sagt Tell, der ihr Tun schweigend beobachtet hat. „Wollen wir es auf J’y pense essen?"
„Da! es soll gelten!" Das Fräulein hat die beiden Mandeln auf ihren Handteller gelegt und bietet sie dem Assessor an.
Dieser nimmt einen der kleinen süßlichen Kerpe mit den Worten: „J’y pense” und steckt ihn in hen Mund.
Nun verspeist auch Ellen die andere Frucht und droht lachend: „Ne.hmen Sie sich in acht, Herr Assessör! Ich habe ein gutes Gedächtnis."
Der Hausherr fordert die Gäste auf, ihre Spitzgläser auszutrinken, damit man noch eine Havanna rauchen könne. Die Gesellschaft erhebt sich. Der Assessor nimmt mit einem geflüsterten „J’y pense ‘ Ellens Arm und führt sie in die öftene Gartentür. Es ist tri dtzr achten Abendstunde; das silberne Horn des wachsenden Mondes steht über dem See
und erzeugt auf deut leicht bewegten Wasser einen langhin zitternden, flimmernden Lichtstreifen; ein weicher, laulicher West trägt den Heliotropduft von den Blumenbeeten herüber.
„Welch ein Göttcrabend!" sagt Tell, in tiefem Atemzuge die Brust weitend, „wenn man doch diese Luft mittrehmen könnte nach der stickigen, staubigen Stadt!"
„So lassen Sie uns noch einen Gang am See entlang machen. Aber halt! erst Ihre Zigarre!"
Schon ist Ellen davongehuscht, um gleich darauf mit einem brennenden Licht und einer geöffneten Zigarrenkiste zurückzukehren.
„Sie verwöhnen mich über die Maßen, mein gnädiges Fräulein; aber einer so liebenswürdigen Versuchung kann ich nicht widerstehen."
Er greift nach einer der köstlichen Importen, schneidet sie mit dem vom Leuchterfuß genommenen Messerchen ab und zündet sie an.
„Die anderen Herren sind richtig nach dem Stalle ge- gegangen!" sagt Ellen schmollend, „nun, wir können sie ja entbehren."
„Auch Völker und der Pfarrer?"
„Der Pfarrer? Nein! Der hat jetzt meine Mama ins Gebet genommen; sicherlich handelt es sich um eine Kollekte — Sie wissen ja, diese Herren haben immer ein Anliegen. Aber der Professor? Nun, der bekommt es am Ende fertig, seine Nase auch in einen Pferdestall zu stecken — er wittert überall Motive."
Sie schreiten nebeneinander über den knirschenden Kies der Wege und nähern sich dem See, der den Garten begrenzt, am Ufer des Sees, zur Linken, dehnt sich der Park aus, der mit dem Garten in unmittelbarer Verbindung steht.
Der Assessor genießt die Weihe der friedlichen Abendstunde, die träumerische Stille, in der sich die Nachtruhe vorbereitet; gleichzeitig schwelgt er in dem Bewußtsein, zur Seite dieses jungen, liebreizenden Mädchens zu wandeln, deren duftiges Kleid ab und zu seine pendelnde Haitd streift. Ist es nicht eine Tollheit, sich dem Zauber dieses durch keinen Dritten gestörten Beisammenseins hinzugeben? so fragt er sich im geheimen, während er die Rauchwölkchen seiner Zigarre in die Luft bläst. Wozu soll es denn führen, wenn er sich mehr und mehr in die Reize dieses liebenswürdigen Kindes verstrickt? Er, ein unvermögender bürgerlicher Beamter, und sie, die verwöhnte Tochter eines reichen Laudedelmannes, ein Freifräulein von märkischem Vollblut! Aber sie ist doch so freundlich, so zutraulich gegeit ihn; wenn ihn seine Eitelkeit nicht zu einem voreiligen Schlüsse verführt, so may sie ihn gern; seiner Werbung würde sie vielleicht keinen Widerstand entgegensetzen. So sucht er sich wieder Mut zu machen und die Zweifel und Unsicherheit aus seiner Seele zn scheuchen. Doch schon ruft ihm eine andere innere Stimnte zu: Sei kein Tor! Und wenn sie dich zehnmal liebte, würdest du den moralischen Mut finden, als Freiwerber vor ihren Vater hinzutreten? Würdest du die Selbsterniedrigung soweit treiben können, daß du ihm gewissermaßen bätest, dein dunkles Herkommen gütigst übersehen zu wollen? War dein Vater nicht ein Gaukler, der in Jahrmarktsbuden seine Kunststücke gemacht hat? Und hat deine Mutter wahrscheinlich nicht unzählige Male an der Kasse sitzen und mit ihrer Schönheit der Köder sein müssen, der einen hohen Adel und ein verehrungswürdiges Publikum in die Schaubude hineinlockte? Er baut die Fäuste in ohnntächtigem Groll über sein Schicksal; die Liebesgedanken muß er sich aus dem Sinn schlagen.
(Fortsetzung folgt.)
Die Nüche im Oktober
Mn A. Burg.
Der Oktober ist der letzte Erntemonat, das letzte Sommerobst und die wichtigen Kartoffeln werden geerntet. Auch von den letzten Achseln wird gewünscht, daß sie bis zum 16., dem St. Eallustag, unter Dach und Fach sind, dem alten Bguernspruch getreu:
„Am St. Gallustag
Muß jeder Apfel in seinen Fach."
Wie man schon hier und dort hört, ist der Ertrag der Apfelernte in diesem Kahre hinter dem des vergangenen zurückgeblieben. Bäume, die 1912 reich mit Früchten beladen waren, haben nur sehr mäßig oder fast gar nicht geiragen. Daran ist natürlich das ungünstige Wetter zur Blütezeit schuld gewesen. Wie schon zu Ende des vorigen Winters bemerkbar war, wird dem Apfel in der uralten Form dös Bratapfels wieder ein Platz auf dem Nachtisch eingeraumt. So wird der unmoderne Bratapfel


