Donnerstag, -en 2. Oktober
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„ Lauernblut.
SiPJnan von Gerhart v. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Unbefangen sieht ihm die Tochter des Hauses ins Angesicht uitb erwidert: „Gewiß, Herr von Tollen, was meinen Wte dazu? Darf man die Frage aufwerfen, ob ein Mädchen, dem ent Antrag gestellt wird, Ja sagen werde?"
„Warum nicht?"
„Weil es doch darauf änkomint, wer den Antrag stellt." ,,v>ch glaube, das ist ganz egal," versichert Tollen in Ktitet- neckischen Weise: „wenn der Bewerber nicht geradezu ein Quasnnodo oder ein Idiot ist, dann wird er genommen."
„Pfui, Herr von Tollen!" ruft Ellen in komischem Abscheu. „Sie setzen also voraus, daß jedes Mädchen sich nach den Ehefesseln sehnt, gleichviel, wer sie ihr auferlegen will?"
„Das tst vollkommen meine Ansicht: jedes normale Mädchen will durchaus heiraten, und kann sie Herrn A., den sie vielleicht bevorzugen würde, nicht bekommen, dann tröstet sie sich schnell mit Herrn B. oder C."
„Das sind ja recht erbauliche Ansichten, die Sie vom weiblichen Geschlecht haben!" bemerkt freundlich drohend Frau Klara, die mit den anderen Herren nun auch näher kommt; „jetzt begreife ich Ihre hartnäckige Jnnggesellen- schaft, Herr von Tollen; aber Sie irren sich; es gibt manche junge Dame, die ledig bleibt, nicht lveil sie nicht begehrt wurde, sondern weil sie anderseits nach der Ergänzung durch das „stärkere" Geschlecht kein Verlangen trägt."
„Mit Verlaub, meine gnädigste Frau," wendet Tollen unbeirrt em, „das stimmt nicht ganz. Sie kennen doch die Geschichte von den Windbeuteln? Nicht? Nun, dann hören Sie. Ein reeller Heiratskandidat forderte in den Zeitungen diejenige junge Dame, die auf sein Gesuch reflektieren sollte, auf, in einer bestimmten Konditorei zu einer bestimmten Stunde erscheinen zu wollen. Das Erkennungszeichen für ihn sollte die junge Dame durch das Verspeisen eines Windbeutels geben. Was geschah? Zur festgesetzten Stunde waren die Säle der Konditorei von Dämchen aller Altersstufen überfüllt und jedes dieser Dämchen verzehrte einen Windbeutel, so daß der schlaue Konditor, der das Heiratsgesuch selbst verfaßt hatte, alle seine in den letzten Tagen altbacken gewordenen Windbeutel zum vollen Preise glücklich an den Mann, richtiger an das Mädchen, brachte. Was sagen Sie dazu, gnädige Frau? Ist das nicht schlagend?" Und er kichert höchst belustigt über seinen eigenen Scherz.
„Sollte das Alter dieser Geschichte nicht das der Windbeutel haben?" fragte der Maler und er kniff boshaft sein finkes Auge ein wenig zu. „Nichts für ungut, Herr von Tollen; Sie haben uns sonst immer viel neuere Anekdoten zum Besten gegeben."
„Sie unverbesserlicher Spötter und Hagestolz!" rief der Hausherr und klopfte dem Oberleutnant auf die Schulter.
„Geben Sie meiner Frau den Arm und führen Sie sie zu, Tische. Wir müssen zeitiger als sonst zu Abend essen, weny Ihr Herren durchaus schon wieder um neun Uhr an der Bahn sein wollt."
An der Tafel herrschte, wie immer in diesem Kreise, eine zwanglose und sehr fröhliche Stimmung. Der Assessor saß zur Rechten der Hausfrau, und hatte seinerseits Fräulein Ellen zu Tische geführt. Brank saß seiner Gattin gegenüber, zwischen dem Pfarrer, der das Tischgebet gesprochen hatte, und dem Maler, der hier in Giesdorf hartnäckig das Prädikat „Professor" erhielt. Die beiden jüngeren Ulaneuoffiziere flankierten den beiden Brankschen Nachbarn. Es wurde deutscher Schaumwein getrunken; die Damen liebten diesen Wein und Tollen erklärte ihn für das allzeit angemessene Tafelgetränk, da man, wie er sich ausdrückte, von diesem Zeuge die unglaublichsten Mengen ohne jeden Nachteil für seine Repräsentationsfähigkeit vertilgen könnte.
Brank berichtete dem Herrn von Gotenberg, der als großer Pferdekenner und Pferdearzt galt, daß seine „Betty", die er erst vor vier Wochen im Tattersall gekauft hätte, schon auf drei Beinen stünde; es schiene ihm leider eine unheilbare Buglähme.
„Werde mir nachher das Tierchen ansehen," erklärte Gotenberg, „will nicht hoffen, daß Sie so 'reingefallen sind."
„Aber Kurt," schmollte die Hausfrau, „Du wirst mir meine Gäste doch nicht in den Stall entführen? Mein Mann ist unverbesserlich," wandte sie sich an den Assessor: „sobald er Herrn von Gotenberg nur erwischt, wird das Thema der Pferde verhandelt."
„Nur zu erklärlich," erwidert Tell, „denn Herr von G.o- tenberg sieht die Pferde als Künstler."
„Als Reitkünstler?" fragt Ellen, die diese Bemerkung gehört hat.
„Wenn Sie es so verstehen wollen, auch als Reitkünstler exochen
„Was heißt daS? Ich bin keine Griechin."
„Als ganz besonderer, vorzugsweiser, recht eigentlicher Reitkünstler."
„Herr Assessor, die Reitkunst des Herrn von Gotenberg in allen Ehren, ich glanbe aber, daß mein Papa kein schlechterer Reiter ist; er ist als solcher weit und breit berühmt." „Ich habe auch keine Vergleiche anstellen wollen. Wenn ich sage, Herr von Gotenberg sehe die Pferde als Künstler, so meine ich, daß er an ihnen sofort das Wesentliche herauskennt."
„Und das soll eine Stunft fein?"
„Gewiß, mein gnädiges Fräulein; jeder, der an einem Dinge aus den ersten Blick das Wesentliche sieht, hat das Ange des Künstlers; die anderen Sterblichen sehen alles nur nach einem Schema, wir sehen es halb, flüchtig, unvollkommen, und ergänzen das Uebersehene unwillkürlich nnd unbewußt aus dem Vorräte allgemeiner Erkennungszeichen, den wir in unserer Erinnerung aufgestapelt haben. Dort


