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lobet jung, ob er ein reservierter Gentleman der alten Scknke ober ein moderner Kavalier war, der die Freuben des Ledens suchte. Einen Augenblick lang war er auch versucht gewesen, ihn für einen hochmütigen Flegel zu halten. Das' war, als er auf die schriftliche Bitte, feinem eigenen Werke einen Besuch ab» statten zu dürfen, das kurz gehaltene Telegramm erhielt, das von einer auch nur maßvoll höflichen Einladung recht weit entfernt war. Aber diese Regung begreiflicher Empfindlichkeit mußte dann doch wieder weichen, als er an die durchaus vornehme Art dachte, in der sich der unbekannte Gönner einst ihin gegenüber benommen hatte. Nicht nur, daß er ihn damals durch den Kauf des Bildes aus einer beginnenden Misere gerettet hatte, indem er ihn fürstlich honorierte. Sondern er hatte auch seiner Geldsendung einen Brief heige'fügt, der dem Künstler dankte für seine herrliche Schöpfung und ihn beinahe um Verzeihung bat, daß er sie ihm entführte. Danach freilich waren Käufer und Bild für den Maler gleichsam verschollen. Aber er segnete diese Zurückhaltung im Vergleich mit jenem lärmenden Mäeenatentum, das sich nach Erwerbung einer Studie berechtigt fühlt, in den Ateliers herumzuschnüffeln und die Opfer seiner Gunst mit Ratschlägen zu füttern, die mancher arme Teufel knirschend herunterwürgen muß. Er hatte auch diese Sorte kennen gelernt. Die kam natürlich erst nach seinem ersten Erfolge, als sie das „Verkauft" unter jenem Gemälde gelesen hatten. Auch anständige Wnehmer fanden sich. Die ernsthafte Kritik nahm sich feiner bald mit Wärme an. Aber wenn er heute ein großes Atelier mit einem kleinen, gut eingerichteten Hanfs daran besaß,, so dantte er das doch mittelbar dem Grafen Ostheim. Vielleicht wäre das alles ja auch ohne den Grafen Ostheim gekommen, früher oder später einmal; wahrscheinlich aber später, vielleicht zu spät.
Es war aber nicht nur die Dankbarkeit gegen einen großs- herzigen Förderer, die ihn, da er nun einmal eines Auftrages halber in Hessen weilte, auch noch die Bahnfahrt nach dem norddeutschen Schlosse machen ließ. Die Sehnsucht, sein Bild wiederzusehen, war am Ende doch noch stärker. Nicht nur, weil dies Bild sein Glück gemacht hatte, sondern mehr noch, weil es ihm oft war, als ob das Bild einen Teil seiner Seele mit fortgenommen hatte. Obgleich er seitdem Vollendeteres geschaffen hatte, träumte er doch zuweilen von jener verlorenen Stimmung, wie andere von ihrer Kindheit träumen. Er gehörte zu jenen nicht häufigen Künstlern, denen die Stimmung nicht Mittel zum Zweck ist und die deshalb, statt zu triumphieren, von einer wahren Verzweiflung gepackt werden können, wenn es ihnen gelang,en ist, sich durch eine künstlerische Tat innerlich von ihr zu befreien. Etwas in ,ihnen treibt sie an, daß sie schaffen müssen, treibt sie, das zu erfüllen, was ihnen vorschwebt. Aber die Erfüllung ist der Tod des Wunsches; und weil sie den Wunsch selbst geliebt haben, so leiden sie Unter der Erfüllung, die ihnen zugleich eine Zerstörung bedeutet. Für sie ist eine Sammlung von Kunstwerken ein Friedhof, von dem das Publikum nur die Blumen sieht, die aus den Gräbern wachsen ... Er wollte jetzt versuchen, seinem eigenen Werke gegenüber Publikum zu sein. Vielleicht gab ihm Has Bild zurück, was er ihm einst gegeben, vielleicht gab es auch hier eine Auferstehung?
Es war Abend geworden, als der Zug in Ostheim hielt. War es nicht seltsam, daß dies große Ungeheuer seine laute, gewaltsame Fahrt unterbrach und ganz zahM liegen blieb, bis der einzige Mensch, der nach Ostheim wollte, ausgestiegen war, bis man das Gepäck und einige Dutzend Milchkannen ausgeladen hatte, die dem Gute gehörten? ,
Er wunderte sich noch darüber, als ein Mann, mit einer Stalllaterne grüßend, an ihn herantrat und ihm sagte, die Wagenpferde seien krank, ob er entschuldigen wolle, wenn er den kurzen Weg zu Fuß machen müsse. Dann lud der Mann den kleinen Handkoffer und die leeren Milchkannen auf eine Schiebkarre, mit der ein Knecht hinter der Bahnsperre wartete, und fing an, mit dem schwankenden Licht dem Fremden unb dem Knecht voranzufchreiten. Zuweilen blieb er bei einer Pfütze stehen und beleuchtete sie gleicht» sam zur Warnung für die Nachfolgenden.
Der Weg war tatsächlich nicht weit, aber er schien lang, weil man so vorsichtig gehen mußte. Rechts und links tiefe Dunkelheit, aus der sich nur die nächstbeschienenen Gebüsche wie Kulissen! heraushoben, um schnell wieder zu verschwinden.
Dann plötzlich eine Wendung. Drei Helle Fenster durchbrachen die Finsternis. Sie strahlten aus einem dunklen, weitläuftigen Gebäude, von dessen Architektur aber beim Licht der Stallaterne nichts zn erkennen war als nur ein barockes Dor aus rotem Sandstein, durch das man in den Gutshof schritt.
An der toeit offenen Haustür stand ein älterer Mann, wohl der Hausmeister, der den Fremden empfing und beirt Diener eine kurze Anweisung gab, ihn: mit dem Koffer zu folgen. Dann gingen die drei Wer eine Breite weiße Treppe, die.in einem kreisrunden Treppenhause in bequemen Absätzen UitdWendungen aufwärts führte.
Weiß lackiert Wären auch die Türen und Paneele des Zimmers, in das der Gast geführt wurde. Die Tapete war zwar neu, aber ihr Muster wat in einem altmodischen Geschmack gehalten, der nicht ohne Anmut war.
Der Malet sah das alles mit wenigen Blicken, während er Awas Toilette mackste. Dann folgte er dem älteren Mann, der in einem Vor raum auf ihn wartete.
Merkwürdig: obgleich das Treppenhaus aus hochhängenden Armleuchtern mit einem seht milden und doch in alle Ecken dringenden Schein erleuchtet wat, überkam ihn xin Frösteln. Es wat vielleicht das Steifsein von der Reife, das noch in seinen Gliedern steckte.
Sie gingen eine Treppe hinunter und Bogen dann in einen ebenfalls weißen langen Korridor ein. An den Wänden hingen Bilder,, meist Porträts, die des Malers Auge im Vorbeigehen neugierig streifte: Männer und Frauen in den verschiedenen Maden des neunzehnten Jahrhunderts. Da war ein seht schönes junges Mädchen in der Tracht des ersten französischen Kaiserreichs, dann ein Mann, der auch im Anzüge den deutschen .FreiheitHheldenj markierte, .einige Damen in Krinolinen, dann ein Gruppenbild, auf den: Mutter und Töchter alle in denselben Stoff und mit denselben schottischen Earrsans gekleidet waten, ein Offizier in einer Uniform, die es nicht mehr gab, danach die neuen Moden, die er noch mit eigenen Augen und erlebt hatte: Leute in deutschen Renaifsancefesseln. Wie einem diese Menschen gleich alltäglich vorkommen, weil timen der Zauber einer lange vergangenen Epoche fehlte! Der Kunstwert der Gemälde wat seht ungleich. Wie schreiend und efsekthaschetig die Fatbendisfonanz des letzten war! Ein scharfviolettes Damenkleid, ein schillernder exotischer Bogel, eüt paar faustdicke, brandrote Dahlien. Tas blasse Gesicht matt kenntlich, wie durch Nebel gemalt.
Et blieb unwillkürlich stehen: dies Gesicht, jetzt sah er es deutlicher, hatte eine Aehnlichkeit mit einem Mädchen, von dem er seit Iahten nichts mehr gehört hatte. Hastig wandte et sich ab und ging weiter. Es wat auch wahrhaftig kein angenehmes Omen, daß dies vermaledeite Porträt zufällig Züge trug, die eine verhaßte Erinnerung in ihm wecken mußten. Eine Erinnerung, deren Anlaß um ein gutes Jahr weiter zurücklag als der Ankauf seines Gemäldes durch den Grafen Ostheim. Spätere Eindrücke hatten Se in den Hintergrund geschoben. Aber sie Hatte eine unausstehlichr rt, plötzlich wieder lebendig zu werden, wenn er es! am wenigsten erwartete. Heute aber mußte er sie abfchütteln.
Sein Begleiter öffnete endlich den Flügel einet Tür.
Der Maler trat ein und stand nun in einem mittelgroßen,- aber sehr hohen Saal, in dem niemand war. Die Einrichtung wat nicht künstlerisch schön. Wer sie hatte die eigentümliche Kultur sehr alter Wohnstätten, die ihren Charakter nicht von einem Menschen erhalten haben, sondern bon Generationen, aber von Generationen eines und desselben seßhaften Geschlechtes, die alle das gleiche Leben gelebt hatten, seit dieses Haus stand.
Hier wohnte der Graf Ostheim. Durch jene Portierentür würde er vielleicht gleich kommen. Schritte wurden hörbar. Eine Hand schob den schweren Vorhang zur Seite, und eine Dame trat herein.
Der Malet starrte sie an und hatte vergessen, wo er war, „Das Hattest du nicht erwartet ?" fragte sie lächelnd.
„Nein," stammelte er.
Den Äbendgtuß vergaßen sie beide.
„Du wußtest wirklich nicht, daß ich hier War?"
„Wüte ich gekommen, wenn ich es gewußt hätte?"
„Wer jetzt hast du wohl mein Bild draußen im Gange erkannt?"
„Nein. Ich hielt es für eine zufällige Aehnlichkeit."
„So. Und du bist gekommen, um dein Werk zu besuchen?"
„Und den Grafen Ostheim, dem ich zu so tiefem Dank verpflichtet bin."
.„Ach, wie komisch, daß du auch nicht weißt, daß er tot ist,"
„Tot? Nein, wie sollte ich das erfahren haben?"
„Ja, er ist tot. Und er war mein Schwager. Er hatte meine ältere Schwester geheiratet. Das wußtest du gewiß auch nicht. Ich dachte es mir wohl, als ich das Telegramm an dich aufgab."
Der Maler sah düster vor sich hin: „Ich möchte am liebsten mein Bild sehen und dann Logis im Orte suchen."
„Das Bild — morgen. Und es braucht dich nicht zu drücken, daß du hier Gast bist. Du bist nicht mein Gast, sondern der des jetzigen Gutsherrn."
„Der jüngere Graf Ostheim. Aber der ist 'verreist."
Dann fuhr sie mit überredender Stimme fort: „Kannst du nicht diesen Wend mit meiner Schwester und mir zubringen?. Es toäre so nett, von alten Zeiten zu reden."
Ihre Liebenswürdigkeit bedrückte und entwaffnete ihn zugleich.
Stumm Und ein wenig verlegen darüber, daß fie so viel mehr über der Situation stand als er, folgte er ihr in den Eß^ saal. Dort erwartete ihn die Schwester, die er nie zuvor gesehen hatte. Sie trug noch Trauer.
Das Tischgespräch war zunächst schleppend. ,
„Wie ist der Graf eigentlich darauf gekommen, ment Bild zu kaufen?" fragte er endlich, um irgendetwas zu sagen.
„Der Graf? Ja, das heißt, darauf gekommen war eigentlich ich." Wie eilt Triumph leuchtete es aus ihren schönen lebhaften Augen, die von einer ganz anderen Gemütsverfassung sprachen, als der traurige müde Blick ihrer Schwester.
Der. Maler sah sie erst an, als hätte er nicht recht gehört.


