Ausgabe 
2.8.1913
 
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Ein Führer aus dem Ort der Spängler-Tom." .

'Der Toni?" Schrill kam es von ihren Lippen, und ihre Hände krallten sich, einen Halt suchend, in die Arme der ihr Zunächststehenden; sie Märe sonst zu Boden gesunken Be­stürzt umringten sie die Menschen. Mein Gott, was hatte deu.il das zu bedeuten?

Da war Bessow, der sie hatte ivanken sehen, mit ewent Sprunge bei ihr und nahm die Besinnungslose in seinen Arm. Als er von der Schreckenskunde vernahm, klärte er so­fort den Umstehenden die höchst peinliche Situation auf:

Die Dame hat gestern erst mit dem Verunglückten den Ortler bestiegen!"

Ab so du freilich! Und bedauernd half man ihm, die Bemitleidenswerte ins Hotel zu führen.

Gottliebe ruhte regungslos aus der Chaiselongue, auf die man sie gelegt hatte. Frau Morell machte sich, selber im höchsten Grade aufgeregt, uervös meinend um sie zu schaffen. Das kam alles von diesem verrückten Rumlaufen auf den Bergen! Wie leicht hätte das Gottliebe selbst passieren können! , , _

Gottliebe hörte nicht, was die alte Dame sprach. Den Kops in die Linke gestützt, starrte sie unbeweglich vor sich hin. Klarheit muhte sie haben, Klarheit! Ein Gedanke ließ sie nicht mehr los ein furchtbarer Gedanke: Da stand er immer wieder vor ihr, wie gestern beim Abschied mit jenem stillen, todestraurigen Blick, und wieder klang ihr sein zitterndes Lebewohl im Ohr--der Toni hatte gestern

schon gewußt, daß er heute nicht mehr leben würde!

Aber, wenn dem so Mar, daun barmherziger Gott! Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn, und ihr ward so trocken im Hals.

Auf sprang sie plötzlich. Ja, Klarheit mußte sie haben, wenn sie nicht ersticken sollte!

Mit fliegenden Händen griff sie nach Mutze und

Wo willst du denn hin?"

Entsetzt rief die Tante sie an, die ohne jeden Bluts­tropfen im Gesicht, mit tief umschatteten Augen vor ihr ^^stJüs Dorf ich muß Näheres wissen!" Und schon war sie an der Tür. t

Gottliebe! Du bist ja nicht bei Srnnen du fieberst!" Sie wollte sie halten, aber da war sie bereits hinaus.

Nun stand Gottliebe wieder vor dem alten, düsteren Hause. Schon im Dämmern lag es da, aber ganz unerleuch­tet; kein schimmerndes Fenster grüßte traulich hinaus in den Abeno.

Einen Augenblick lehnte sich Gottliebe mit ihrer fiebern- den Stirn gegen die harte Wand. Eitt Grausen packte sie, wenn sie an die nächste Minute dachte. Doch dann riß sie sich empor: Gewißheit, koste es, was es wolle! Und nach wenigen Schritten klopfte sie vom finsteren Flur aus an die Eingangstür.

Jetzt wär's ihr, als klänge von drinnen ein leises Schluchzen, und nun nahten sich Schritte. Das älteste Mäd­chen stand int tiefen Halbdunkel des Küchenraums vor ihr.

Noch einmal mußte Gvttliebe eine Schwäche nieder^ kämpfen. Der stille Jammer der Geschwister, die hier im Dunklen weinend beieinander hockten, schnitt ihr ins Herz.

Wo ist deine Mütter?" Liebkosend, stumm tröstend, legte sie unwillkürlich dem Mädchen die Hand aufs Haupt, während sie es leise, mit stockender Stimme fragte.

Drinnen!" Mit unterdrücktem Schluchzen wies das Kind auf die Tür zum Nebenzimmer.

Mit dem letzten Rest ihrer Kraft schritt Gottliebe dort­hin und trat ein. Es war wohl das Wohn- und- Schlaf- zimmer der Mütter; es lag im tiefen Dämmer, nur zwei Weihkerzen gossen ein feierliches, mildes Licht über das Bett dort am Fenster. Daraus lag eine Gestalt, mit weißem Linnen zugedeckt, nur der Kopf und die gefalteten Hände freigelaften. Daneben stand das Tischchen mit den Kerzen und zwischen ihnen ein Kruzifix. Vor diesem ärmlichen, schlichten Altar kniete am Lager des Sohnes die Mutter. IN ihrem verstörten, runzelreichen Gesicht, auf dem das Licht seine tiefen Schatten warf, bewegten sich nur in dumpfem, monotonem Murmeln die Lippen. So las sie aus einem Gebetbuche Sprüche des Trostes.

Ein Geräusch hinter ihr machte sie aufstehen. Da sah jie die Fremde. Gleichgültig, ohne Erstaunen und- obne er­

neuten Schmerzensausbruch nahm sie die Erscheinung wahr. Der furchtbare Schlag hatte in ihr ertötet, was damals der ähnliche Tod ihres Mannes noch an Weichheit in ihr übrig gelassen hatte. In stumpfer Slpathie ließ sie nun alles weitere über sich ergehen.

Langsam trat Gottliebe näher, den Blick wie gebannt auf das Antlitz des Toten heftend. Der Anblick bot nichts Grausiges, die Verletzungen mußten hauptsächlich innerer Art gewesen sein. Der Ausdruck der Züge war im schwachen Lichtschein nicht erkenntlich. Von seinem Antlitz glitt nun ihr Blick hinab zu seinen Händen. Da sah sie es plötzlich golden aufglitzern zwischen den Fingern seiner Rechten mit bebenden Knien trat sie näher herzu und beugte sich! weit vor: ihr Kettenarmband!

Mit krampfhaft gekrümmten Fingern klammerte sie sich am Bettp soften an.

Hat hat der Totti die Kette da hat man sie tn seiner °Hand gefunden?"

Die Fbau war schwerfällig anfgestanden. Langsam nickte sie. , . ,

Jo, Fräula. Es ist wohl die Ihre? I hab mrr's denkt. Tie Leut' hab'n mir ja erzählt, er toär noch amol z'ruckgangen, was Verlorenes suchen, 's ist g'wiß das Kett- lein da g'west gelt, das Jhna verlöret: gangen ist? I hab's ihm g'lassen, weil er's gar so fest mit seiner Hand g'halten hat. Aber nun, da Sie kimma" sie wandte sich dem Lager zu, um ihr ihr Eigentum wiederzugeben; aber da fühlte sie sich gepackt: r,

Nein, nein! Lassen Sie ihm die Kette; geben Ste fte ihm mit ins Grab!"

Dann hörte sie die Fremde plötzltch aufschluchzctt, die Hände krampfhaft ineinander gepreßt.

Um mich um mich!"

Die Frau konnte die Worte der Dame wohl verstehen. Beim Suchen ihres Eigentunts war der Toni verunglückt; es war, wie sie es sich schon gedacht hatte.

(Fortsetzung folgt.)

Das bild.

Skizze von M. Lüning (Hannover).

Er legte das Kursbuch aus der Hatid und fing wieder an, aus dem Fettster zu sehen. Seit der letzten Station toar er allein im Kupee, allein mit dem ruhelosen Lied ocr Rader und Schienen, das durch den Fußboden herausdraug und in den hölzernen Wänden des^ Raumes zu pulsieren schten, tote tn den müden Schläfen des Fahrenden.

Und immer noch derselbe graue Himmel, der kctn Enda nahm, obgleich der Zug sich ununterbrochen sortbewegke. Es! hatte ausgehört zu regucn, aber auf den Feldwegen stand noch das Wasser in spiegelnden Pfützen Y

Er fühlte, tote eine seine, scharfe Zugluft durchs die Tur- ritzen kam und wunderte sich über die großen schwarz- und! weißgefleckten Kühe draußxn, die ruhig in dm schwammigen Wiesen standen und fraßen, als ob die Witterung sie nichts anginge. Und es war auch wohl eigentlich nicht die Witterung, die so auf ihm lastete. Es toar die eigentümliche Schwermut des norddeutschen Flachlandes, die vom Einheimischen wie ein .Reiz genossen toird und den Fremden zermalmen kann.

Das toar nicht die Stimmung, die er sich für diese Reife erträumt hatte. Als wollte er sie dennoch herbeiztoingen, zog er ein unzählige Male gelesenes Telegramm aus der Tasche und las noch einmal:Sie werden Donnerstag auf Ostheim er­wartet." Es hätte jetzt auch etwas ganz anderes auf dem zer­knitterten Depcschenpapier stehen können, er würde es gar nicht bemerkt haben. So sehr hatten sich diese Worte seiner Seele cm» geprägt, daß er sie überall, von jeder leeren Wand ablas', kaum wissend, daß seine eigenen Augen die Buchstaben mit sich trugen, wohin sie auch schauten.

Trotz aller Anstrengung konnte er sich keinen rechten Begnff von Ostheim machm. So lange er daheim gewesen war, hatte er sich's hell und heiter gedacht, etwa wie ein Rokokoschlößchen. Wer nun, in diesem trostlosen Lande, War es gewiß nur ein langer, niedriger Kasten, ein halbklösterliches' Herrenhaus, löte er deren auf Bildern gesehen hatte. So ein.Edelsitz, zu dem mittelalterliche Glasmalereien mit gemarteten Heiligm und steife, dunkle Ritterbilder au meterbieten Mauern gehörten. Und es wurde ihm schwer, sich auszudenken, tote sich in einer solchen Umgebung ein Werk aus ganz anderem, sonnigem Himmelsstnch ausnehmen mußte, sein Werk, ein farbensprühendes Gemälde, das vor langen Jahren der Graf Ostheim angekaust hatte, als der Maler noch ein von keiner anerkannten Größe empfohlener

Anfänger toar.

Seltsam, bett Grasen Ostheim konnte er sich noch weniger vorstellen, als sein Schloß. Er wußte nicht, vb dieser Mann alt