Ausgabe 
2.7.1913
 
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gemeinhin annimmt und daß gewisse, aus den ersten Blick recht vernünftig" erscheinende Aeußernngen des Instinktes einer ge­naueren Prüfung keineswegs standhalten. Auf Grund lang­jähriger Beobachtungen, die der Gelehrte in Algier (wo die Ameisen sehr zahlreich und in verschiedenen Arten Vorkommen) angestellt hat, gelangte er zu der Ueberzeugung, das; es auch mit der gerühmten Sparsamkeit der fingen kleinen Tiere bedenklich hapert. Ter Forscher stellte zunächst genau fest, unter welchen Bedingungen diese Insekten während der guten Jahreszeit in ihren Magazinen die Vorräte für den Winter anhänfen. Von zehn Ameisen, die sich mit der Verproviantierung befaßten, brachten durchschnittlich nur drei zweckentsprechende Gegenstände herbei; zwei leisteten überhaupt nichts, und die übrigen fünf schadeten mehr, als sie nutzten, indem sie allerhand Sacheir heran- schleppten, die unverwendbar waren und von den besser instrn- iertenArbeiterinnen" wieder aus dem Nest hinausbefördert werden mußten. DieErziehung" der letztgenannten sieben Hilfs­kräfte war deinuach noch recht mangelhaft. Was sodann die Sparsamkeit" unter dem kleinen Völkchen angeht, so teilt der Gelehrte das Ergebnis eines bei den verschiedensten Arten von Ameisen angestellten Experimentes mit, beut man eine gewisse Beweiskraft nicht abfprechen kann. Nachdem die Tiere acht Tage lang eine Menge Getreidekörner, die man in die Nähe ihres Banes geschüttet, in die Borratskamntern geschleppt hatten, be­obachtete man am nennten Tage, daß sich um das Nest herum viele kleine Häuschen von Körnern befanden, welche die Tiere, aus dem Bau tvieber hinausgeworfen haben mußten; die Körner waren zerbissen und bis zu einem guten Drittel ihres Umfanges ab- geknappert. Dabei handelte es sich um durchaus gute Vorräte, was sich sofort ergab, wenn man sie in die Nähe eines anderen Nestes legte, dessen Bewohner noch iticht genügend verproviantiert waren; diese stürzten sich alsbald über die willkommene Atzung her und behielten sie auch später in ihren Vorratsräuinen. Ter Forscher gelangt ztt dein Schlüsse, daß die Bewohner des ersten Baues, so bald sie in den ungewohnt schitelleit Besitz eines beftinmüen Vor­rates gekommen waren, mit diesemVermögen" nicht hcrnszichaUen vermochten, sondern einGelage" veranstalteten und es sorglos verschivendeten.

VsL'MZschtes.

ff. Haben di e Römer geraucht? Jüngst sind in der Nähe von Sevilla, in einer altrömischen Niederlassung, die bis ins Jahr 205 v. Chr. zurückreicht, durch den Archäologen der Universität in Madrid, Professor de Los Rios, pseiseimrtige Ge­bilde gefunden worden, die ganz den Heute gebräuchlichen kleinen Tabakspfeifen gleichen. Damit ist die Frage, ob die alten Römer bereits geraucht haben, neuerdings lvieder lebendig geworden. ,Es handelt sich dabei nicht etwa nm einen Scherz, sondern um! eine ,ernste wissenschaftliche Frage. Es sind bereits vor Jahren in römischen Gräbern und Ruinen typische Raucherpfeifen gesunden Morden, z. B. in Neufville-le-Pollet, in Seincinfsrieur in Frank­reich, am Hadrianswall, im Berner Jura, in Northumberland, in Schottland, Irland, der Schweiz, Holland und in Rom selbst. Gs unterliegt keinem Zweifel, daß. man es wirklich mit einem Gerät, das seinerzeit zum Rauchen gebraucht worden war, zu tun hat. Es braucht nicht gerade der Tabak eines der Pier Beschenke der neuen Welt gewesen zu sein; es werden ja auch Heutzutage noch, wie jeder Rauchkundige von seinen ersten Ber- fuchen berichten kann, gelegentlich noch Rauch- und Brandopfer aus anderen Kräutern dargebracht. Die alten Skythen z. B. haben Hanf geraucht. IM frühen Mittelalter war Lavendel als Rauchstoff verbreitet. Der Dichter Jaime Febrer schrieb im Jahre 1276 in seinem epischen Gesang über die Eroberung von Valencia ziemlich eingehend über das Lavendelrauchen. Es ver­scheuche den Schlaf und gäbe Ausdauer und Kraft, weil es die Feuchtigkeit des Gehirns austrockne. Professor de Los Rios Und mit ihm ein anderer Archäologe, Mr. Camille Pitollet, Neigen zu der Ansicht, daß das Lavendelrauchen bereits den Römern bekannt war. Es ist nämlich auf einer der soeben bei Walencia gefundenen Pfeifen, die übrigens aus einem meer- schaumähnlichen Stoff besteht, eine kleine Pflanze eingraviert, die die genannten Professoren als Lavendelkraut gedeutet haben. Natürlich könnte es sich' auch Um Opium gehandelt haben, das römische Legionäre auf ihren Streifzügcn im Orient kennen ge­lernt und nach Westen gebracht haben könnten. Dem widerspricht aber, daß sich in den aufgefundenen Rauchpfeifen kein Nieder­schlag, wie er beim Opiumrauchen aufzutreten pflegt, gefunden worden ist. Jener vlämische Maler, der seinerzeit den Odysseus mit einer großen Pfeife im Munde dargestellt hat, hat also viel­leicht keinen allzugroßen Fehler begangen.

* Erzwungene Heimkehr.Jetzt um 3 Uhr kommst du nach Hause?"-Was soll ich machen? Es sind ja alle Gasthäuser jetzt geschlossen!"

* Das Lied v o m braven Mann. Lehrer:Wir wollen heute ein Gedicht kennen lernen, das voll einem braven Mann handelt." Fritzchen:Ach, Herr Lehrer, das kenne ich schon von meinem Vater."So? Na, das ist hübsch von deinem

Vaker> daß er dir solche Gedichte vorliest. Weißt du auch noch, wie es anfängt?"Ja: Wer niemals einen Rausch gehabt/ der rst kein braver Mann!"

Sprschicke der Allgemeinen Deutschen Sprachverein;.

* Born Trinken. In scherzhasten Ausdrücken nnb Neve» Wendungen, die sich auf das Trinken, besonders auf ein lieber« maß darin beziehen, ist unser von jeher allzu trinffröhliches Volk unerschöpflich. Man nennt diese Seite sprachlichen Hliulors nach dein Titel eines darauf bezüglichen Werkes von Joh. Fischart nud) bie Trünke n litanei. Zunächst gibt es für bas Trinken selbst allerlei volkstümliche Ausdrücke. Der eine hebt einen, ein zweiter g e n e h m i g t ihn, ein dritter gießt ihn hinter die Binde, ein vierter pfeift, tutet ober schmettert ihn gar, und ein fünfter ruft habet ans:Nun bncke bich, liebe Seele, es kommt ein P l a tz r e g e n, oder :Setz dich auf eine Rippe, liebe Seele, es kommt ein Wolkenbr u ch." Auch bie Trinklust finbet mannig­fache Bezeichnungen. Einer hat eine trockene Leder, ein anderer ein gutes (Befall c, und wieder ein anderer kann einen 9 e h ö eigen Hieb ober Stiefel vertragen; er trinkt wie ein B ü rste n b i u b e r, letzteres eine scherzhafte Anlehnung an mittellateinisches duroa, deutsch Bursch (mundartlich Burscht, so bei I- P- Hebelh was zunächst ein Haus bedeutete, in dem Studenten zusammen wohnten, dann diese selbst (ugl. Frauenzimmer). Wer einem guten Trunk etwas allzu reichlich zugesprochen hat, bekundet das auch in seinem Gange: er kann den Strich nicht halte n, er hat schief oder schwer geladen, er gleicht also einem überladenen Erntewagen u. dgl. m. llederhaupt beziehen sich auf die nicht immer angenehmen Folgen dcs Trinkens, abgesehen von den dafür üblichen Tierbezeichnungen, wie Spitz, Bock, 21 ffe, Kater eine Unmenge von Redewendungen, wie: Er hat s i ch die N a s e b e g o s s e n, z u st a r k e i n g e h e i z t, bat einen i e b weg, sieht den Fimmel für eine Baßgeige an, ist bla u, hat ein Oelköpschen oder Del am Hut, ist knüll, kanonenvoll ober gar sternhagelvoll. Von anderen 2lu§brücfen, die uns noch eine Stufe tiefer führen (gerbe n, Ulr i ch rufe n u. dgl.) reden wir hier lieber nicht.

------------ I m m e (Essen)

Vücherttsch.

Deut f ch c M eiste r p rosa. Ein Lesebuch von Eduard Engel. Mit dem Bilde Lessings und 8 handschriftlichen Lese­stücken. Verlag von George Westermann in Braunschweig und Berlin. In seinem SammelwerkeDeutsche Meisterprosa" hat sich Eduard Engel von derselben Strenge leiten lassen, die er in derDeutschen Stilkunst" verteidigt hat. Nicht ein beliebiges deutsches Lesebuch wird in derDeutschen Meisterprosa" geboten, sondern hier haben wir ein deutsches Meister- und Musterlgse- buch mit der strengen Durchführung der zwei allen wahrhaft guten Stil beherrschenden Grundsätze: sehr wertvoller Inhalt und künst­lerische Form. Eduard Engel hat mit Finderglück und Geschick das inhaltlich Wertvollste und künstlerisch Vollendetste aus allen Jahrhunderten deutscher Prosaliteratur ausgewählt, sich dabei aber keineswegs gehalten an die allbekannten, durch den Abdruck in unzähligen Lesebüchern einigermaßen abgedroschenen Prosastücke, sondern er hat eine Fülle herrlichen neuen Stoffes zusammen­getragen, Woran der Leser, auch abgesehen von der Freude an der künstlerischen Form, reichen Jiihaltsgenuß gewinnen wird. Keinen äußeren Schmuck nur, sondern eine unmittelbare kostbare Bereiche­rung des Inhaltes selbst stellen die beigegebenen Handschriften unserer größten Prosameister bar. Ganze lange überaus wertvolle Meisterstücke von Goethe, Schiller. Kleist, Jakob Grimm, Ms- Marck, Moltke, Marie von Ebner-Eschenbach sind in schöner Faksi­mile-Wiedergabe in dem Bande enthalten, nicht ihres Wertes als Autographen wegen, sondern eben als Bestandteile des Inhaltes selbst. So ist u. a. der berühmte erste Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe aus dem Sommer 1794 in zwei langen Briefen von zusammen 11 Seiten nach der Handschrift abgedruckt; ferner ein Stück aus Heinrich von Kleist's nicht sehr bekanntem großartigem Katechismus der Deutschen"; ein 4 Seiten langer geschichtlich wertvoller Brief Bismarcks, und die Krone dieser erlauchten Hand- schriftensammlnng: die letzten Aufzeichnungen Moltkes in feinem 91. Lebensjahre, die in der edelsten Sprache und künstlerischsten Form die Weltanschauung des großen Menschen und Feldherrn enthalten.

Logogriph.

Bald bin in Büchern ich, häng' an den Wanden bald;

Mit einem andern Kopfe leb' ich in dem Wald.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Diamant-Rätsels in voriger Nummert

Tilly (x a 1 i 1 e i

Sulla Ger i

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«