Ausgabe 
2.7.1913
 
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wußte um die Liebe des Mädchens. Die Tränen Giselas sagten es ihr, und das' eine, das letzte Wort ihres Jungen, als er an jenem Morgen in bent Flur des Hauses von ihr Abschied nahm, sagte es ihr, das Wort: Betreu nur Baroneß Gisela, Mutter, bewahre sie vor allem Schaden! Diese stille, unausgesprochene Liebe, die Gisela zu Paul Wintzer hatte, setzte das Mädchen bei der Mutter in Tochterrechte. Und Gisela, die seit langen, langen Jahren der Mutterliebe entbehrte, griff mit vollen Händen nach dieser zweiten Mutter und öffnete ihr das Herz.

Gisela wanderte noch immer allabendlich nach dem Schloßpark, vom alten Etzinger begleitet. Sie wußte, daß sowohl Frau von Bourgee mit Toinette, als auch ihr Bruder Linthardt noch im Schlosse weilten. Gar zu gern hätte sie Linthardt noch einmal gesprochen, aber sie fürcht tetc, Toinette zu treffen. Sie gedachte des Versprechens, das she Werner auf dem Sterbelager gegeben hatte: Toinette eine, Schwester zu sein, und sie wußte nun nicht, wie sie sich zu Toinette stellen sollte, falls sie sic im Schlosse treffen würde.

Seit einigen Tagen waren die letzten Verwundeten aus dem Schloß fortgeschafft worden, und der alte, prächtige Ban ließ kaum noch etwas von dem ahnen, was sich vor wenigen Wochen dort zugetragen hatte. Nur sechs große Hügel im Parke, spärlich mit Gras überzogen, bezeugten, daß der Tod hier zu Gaste gewesen und mit reicher Beute ab­gezogen war. Linthardt führte das Leben eines Gefangenen. Seit er seinen Diener Anatot fortgeschickt hatte, waren zu seinem Unfrieden und bent Zwiespalt feiner Seele noch körperliche Qualen gekommen: ber Hunger. Sein Bargeld war ausgegeben, bie wenigen Vorräte, die Anatol noch für ihn besorgt hatte, waren in kurzer Zeit zur Neige gegangen, und so hatte er in den Tagen, als das Schloß noch Lazarett war, sich von Brot und Krankensuppe genährt, die er den Krankenpflegern und Gehilfen gegen Geschenke: Waffen, Schmncksachen, Silberzeug oder Wein, von dem in Massen im Keller lag, abgekauft oder mehr abgebettelt hätte. Das war nun auch vorbei. Das letzte Mehl, das er gegen einen goldven Ring einem Kranken koch abgetauscht, und das er, mit Wasser verrührt, täglich gegessen, war nun auch zu Ende. Was sollte er nun tun? Sich! selbst ausmachen, uM des Nachts in das übernächste Dorf zu schleichen, wo ihn niemand kannte, und dort Speise kaufen?!, kaufen! Zum Kaufeit gehört Geld, und davon besaß er nicht einen Heller mehr, tirtb den Rest seines Schmuckes wollte er nicht ver­äußern, um ein elendes Leben zu fristen. Er verließ fein Zimmer, schlich die Dicnertreppe hinab und trat in den Park.

Toinette von Bourgee oder deren Mutter hatte er seit jenent 'Abend, da matt ihm seinen toten Bruder brachte, nicht wiedergesehen, lind darum trug er Leid. In Toinette hatte er etwas gefunden, etwas Starkes, Zwingendes, das seiner Seele fehlte, seiner wankenden, kranken Seele. Ja, totenn er so wäre wie Toinette, da fiele ihm wähl sein Werk, Schloß und Besitz für sich und seinen Stamm zu retten und zu halten, leicht. Er prüfte sich ttnd fand, daß er sich freuen würde, wenn er Toinette öfter um sich hätte; er fand, daß sie ihm eine Freundin und Ratgeberin sein könne, wenn sie nicht zur Sippe seiner Widersacher gehörte. Er fand, daß er in all den vergangenen Wochen viel, viel öfter an Toinette gedacht hatte, als ihm bewußt geworden war.

Er stand jetzt am Weiher und lehnte sich an eine Birke und schaute in das Wasser. Da sah er, wie gebückt seine Gestalt war, wie sein Gesicht alt und verfallen ihm ent­gegenschaute. Er blickte an sich hinunter und sah seine verschmutzte, vernachlässigte Kleidnng, und er schämte sich vor sich selbst und kniete ain Stamme nieder und schlug die Hände vor sein Antlitz und weinte. Er, der Welt- weise und Weltbürger, der einem machtvollen nationalen Gedanken: Befreiung von dem Tyrannen, trotzen wollte, er weinte jetzt über sich selbst und über das Herbe seines selbsterwählten Schicksals.

Und über das weiche Moos eines Buschsaums schritt nachdenklich Toinette. Sie sah den weinenden Mann und verstand seinen Schmerz. Und als er sich erhobt und schlaff nach bent Schlosse zuschritt, ohne sie zu bemerken, sah! sie seine verlotterte Gestalt unb sein hageres, hungriges Ant­litz. Sie gebuchte ber Tage, ba er, ein seiner Weltmann voll blendenden Geistes, voll Vornehmheit, in ihrem Hause weilte in der französischen Heimat, und sie gedachte der Stunde, ha sie sich selbst in ihrer einsamen Mäbchenkammer im Lanöhause Mälmaison ihre Liebe bent deutschen Erb- sunker gestanden hatte. Diese Liebe war nicht erloschen, sie

lebte noch, zwar ein verbotenes, armseliges Leben, jetzt gepaart mit Mitleid.

Toinette schritt nun ebenfalls in das Schloß und sprach mit der Mutter.

Frau von Bourgee lebte wie eine Einsiedlerin. Seit bent Tage, wo wildes Kriegsgetümmel ums Schloß getobt hatte und die eisernen Stücke in Park und Hof und Dach des Schlosses krachend barsten, da man Sterbende in das Haus und Tote hinaustrug, war sie von einer krankhaften Erregt­heit, von einer Furcht befallen worden, die sie zittern machte, sobald sie ihr Zimmer verließ. Dazu kam nun noch die Sorge um ihren Sohn, von dem sie auch seit Monatsfrist keine Nachricht erhalten hatte. Ihr Rechts­beistand, der Notar, war seit Besitzergreifung der Kreisstadt durch die Deutschen und Verjagung der französischen Be­amten ein ungetreuer Helfer geworden. Die nicht zu sanfte Faust preußischer Gernadiere schien ihm doch bei weitem mehr zu bewirken, als das Gold der französischen Herr­schaft draußen auf Heidehorst.

Wiederholt, zuletzt fast täglich, schickte Frau von,Bour­gee ihren Diener nach ber Stadt zum Notar, ihn aufzufor- dern, Erkundigungen über ihren Sohn, den Leutnant Emile von Bourgee, einzuziehen. Aber der Notar Winter vermochte beiden jetzigen, gänzlich daniederliegenden Postverhältnissen und der verwickelten Lage nichts weiter festzustellen, als daß die Leibhartschiere einen äußerst blntigen Kampf gegen eine fast uneinnehmbare preußische Artilleriestellung gehabt hatten. Eine Verlnstliste sei nicht zu bekommen, auch wisse man nicht, wo die Verwundeten alle untergebracht worden wären. Nach seiner Ansicht könne Leutnant von Bourgee entweder nur tot ober gefangen sein, sonst hätte er doch sicher bei den ihm zustehenden Geldmitteln unb ber Ver- binbung mit den höchsten Offizieren und Hofämtern einen Weg gefunden, Nachricht an die Mutter gelangen zu lassen.

Tot ober gefangen! Ihr Emile tot er, für beit sie bte ganze Mühe ber Reise aus ber schönen, sichern Heimat, aus bent Glanze des napoleonischen Hofes unternommen hatte, nach dem öden Heidehorst, nach jener barbarischen Gegend, unter Menschen, die sie wie den Tod haßten. Nein, sagte sie sich, er ist nicht tot, er kann nicht tot sein! Die Willensstärke Frau zwang beit Gedanken nieder und ließ durch ihren eisernen Willen nur einen Gedanken entstehen; er lebt, er wird eines Tages kommen, mit Ruhm bedeckt, und aus ihrer Hand den königlichen Besitz entgegennehmen. So verzichtete sie ferner auf weitere Erkundigungen Doktor Winters, weil sie, wie sie ihrer Seele. vortäuschte, vom Leben Emiles überzeugt war, in Wirklichkeit aber, weil sie sich den süßen Gedanken: Emile kommt wieder! nicht rauben lassen wollte durch eine sichere, aber schreckliche Nachricht, weil sie die Wahrheit fürchtete.

Täglich saß sie stundenlang vor ihrem kleinen Schreib­tisch, hatte Gutspläne unb Feld- und Flurkarten vor sich liegen, ordnete hier durch Randbemerkungen an und be­stimmte dort etwas, nahm Einsicht von den Geldern, die der frühere Besitzer aus dem Gute herausgewirtschaftet und auf sichern, meist ausländischen Banken angelegt hatte, verteilte auf. bent Papier die großen Geldsummen für den Verkauf von Vieh, Geräten, Samen, las landwirtschaftliche Bücher; kürz, sie fühlte sich als ihres Sohnes Vermögensverwalter unb als seinen Beistand, und sie wußte, baß er bei seiner Rückkehr alles in'tadellosem Zustande vorfinden würde. Heute schrieb sie an ein Pariser Bankhaus, nm ihm die Summe von etlichen Hundert Dukaten, die sie von der fran­zösischen Heeresverwaltung für bas kurz nach ihrer Ankunft im Schloß verkaufte Vieh erhalten hatte, gleich überweisen zu lassen.

Toinette trat zur Mütter.Wo wärst, mein Kind? Ich sah dich vorhin durch den Park gehen und muß ge­stehen, daß ich diese Unvorsichtigkeit nicht begreife. Du bist nicht in dem Parke von Mälmaison. Du bist in einem Barbarenlande, wo allerhand Volk herumlungert, das seine ohnehin nicht zarten Sitten im Kriege nicht gerade ver­feinert hat. Du scheinst dir der Gefahr, wenn du allein in den Park gehst, gar nicht bewußt zu sein. Außerdem könntest du dem Menschen von drüben begegnen!"

Toinette zuckte zusammen. Unter demMenschen von drüben" meinte die Mutter stets den Erbjunker Linthardt. Die alte Dame verabscheute den Neffen jetzt. Wäre er in ihre Macht gegeben, sie hätte ihn kaltblütig! umbringeü können. (Fortsetzung folst.1 !