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Die Msmmenzrichen rsuchen.
Roman ans dem Jahre 1813
Von SJlaig Karl Böttcher--Chemnitz.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Zwei Stille, die isich noch vor Stunden Zerfleischen lvollten, lagen jetzt i)o dicht nebeneinander, daß des einen Arm dem andern »auf der Brnst ruhte. Seine tote schwere Hand drückte dem andern das 'bunte Tuch auf die Wunde, daß das Mutbächlein, was daraus hervorsickerte, versiegte. Der eine, der -Feine, der vorhin beim Ansturm auf den! Kanonenhügel vor Kampfeslust den Pallasch int Kreise schwang ,bewegte sich!jetzt ein wenig. Die Ohnmacht wich von ihm, und er schlug die Augen auf, und seine Lippen flüsterten: „Ma mere!" (Meine Mutter.) Er wandte sich, und des andern, Paul Wintzers, Arm rutschte von seiner Brust. Das mußte ihm, Wintzer, Schmerzen machen, denn ein Schütteln überlief ihn und ließ ihn erwachen, Und er verstand ein Wort, das ihm wie süße Musik in den Ohren klang, ein Wort, das ihm traute Heimatsbilder mit einem Schlage vor die Seele stellte. Hatte er recht gehört?
Er erhob sich mit dem Rest seiner Kraft und neigte sein Ohr dem Todwunden zu. Da, dessen Lippen bewegten sich wieder, und fetzt hörte Wintzer ganz deutlich das Wort ^Heidehorst". Da raffte er sich auf und faßte mit der Rechten die Säbelklinge, die er ihm selbst in den Schädek geschlagen hatte, und mit einem Ruck zog er sie . heraus und warf sie klirrend von sich und goß dann das Wasser seiner Labeflasche über den heftig blutenden Kopf und stopfte sein Tuch in die Wunde. Den Rest seines Wassers in der Flasche schüttete er dem Verwundeten in den Mund. Nun waren seine Kräfte zu Ende. Er fiel hinüber und lag wieder still. —
Am Abend kamen die Krankenträger, um Verwundete zu suchen. Sie fanden auch Paul Wintzer und brachten ihn mit andern Verwundeten zum Feldarzt. Dieser stellte fest, daß Wintzers Nase zertrümmert war, und daß er einen Schuß durch die Wade erhalten hatte.
9. Teil.
Wochen waren vergangen. Die Heide begann sich leise M Röten, die Finken nisteten, und der Storch schritt über das Moor. Weite, öde, drückende Stille lag über dem Heidedorf. Dort, wo die Sonne am wärmsten brannte, draußen am Bruch, da saß und hockte in diesen Tagen eine eigne Gesellschaft — ein Haufen Krüppel. Dem einen fehlte ein Bein, dem andern ein Arm, dem dritten eine Hand und so fort. Aber eines hatten sie alle: Heiße, glühende Augen und -ein fröhliches Herz. Hei, wie sie erzählen konnten aus der Schlacht!
Alle hatten sie mitgefochten, mitgesiegt! — Nein, mit- tzesiegt nickt alle, etliche waren darunter, die hatten müssen
mit zurückweichen, die am 2. Mai bei Großgörschen und am 20. Mai bei Bautzen mitgekämpft hatten. Aber die andern ließen sie das nicht entgelten, sie waren ihnen gleichwertige Kriegskameraden. Und fast alle schmückte das schlichte Kreuz von Eisen die Brust. Und wi,e trugen sie diese eherne Aus-« zeichnung! Kein andrer Schmuck wäre ihnen gleichwertig gewesen.
Woche um Woche tvaren aus den verschiedensten Teilen deutscher Lande Halbgeheilte, Verwundete, die aus den überfüllten Lazaretten entlassen worden waren, in Heidehorst eingetroffen, von den Ihren jubelnd empfangen, heil- gepflegt, um dann stolpernd und hinkend morgens mit hinauszukraxeln nach dem Bruch, wo die Jnvaliden-i zusammenkunft stattsand. Sonst Stille int Dorfe.
Am stillsten war es im Schulhause. Noch lebte der alte Freiherr, aber seit dem Tage, wo er zwei Söhne auf ein-, mal verlor — der eine vom Tode geraubt, der andre von der Schande ihm gestohlen — seit jenem Tage sprach er fast kein Wort mehr. Er zürnte Gisela und dem Pfarrep und all den andern, die um das schändliche Tun.Linthardts gewußt hatten, nicht. Er tvar zu lauge unter den Menschen gewesen, um verstehen zu können, daß die Lieben ihn schotten wollten, als sie ihm seines Sohnes Verrat verheimlichten, aber eilt leises Mißtrauen gegen alles, was um ihn vor-, ging, hatte sich doch in sein Herz geschlichen. Ein Verzagtsein am Guten und Edeln der Welt und ein grenzenloses Er-i staunen saß in seiner Seele, die sich bis in dies hohe Alter kindliche Reinheit bewahrt hatte, ein Erstaunen, ein Nicht- begreifen, daß ein Sproß von seinem Fleische solches tun konnte, wie Linthardt tat.
Schreiner Etzinger hatte dem alten Herrn einen Rollstuhl gezimmert, und nun ließ sich der Freiherr täglich um die Mittagsstunde in das Schulgärtchen rollen. Unter einem Birnbaum, der ihm Schatten spendete, saß er und blickte in die blaue Ferne. Aber kein Blick galt dem alten Schloß, keine Frage nach Linthardt kam über seine Lippen. Jeden Somitagmorgen brachte ihn sein alter Diener nach dem Friedhof, und Gisela schritt an seiner Seite. Dann saßen sie schweigend wohl eine Stunde lang vor der Erbgrust, jn der Werner den letzten Schlaf schlief.
Noch eine stille, schweigende Person ivär int Schulhause: Mutter Wintzer. Sie kannte nur einen Gang des Tages: nach dem Schultheißenamt. Wenn sie zurückkehrte, stand ein blasses Menschenkind mit großen, traurigen Augen am Zaune, und sie fragte nicht Mutter Wintzer, und diese sagte nichts. Zwei Frauen, die ihre große, heilige Liebe fest int Schrein des Herzens verschlossen hielten, die Liebe zu einem Menschen, der mit draußen im Felde stand oder int Kampfe für das Vaterland gefallen oder gefangen fortgeführt ivor- den war in welsches Land. Seit Wochen warteten sie auf Nachricht von Paul Wintzer. Es kam keine.
Wenn die alte Mutter in den Garten trat, umschlang das junge Mädchen mit den großen traurigen Augen mit beiden Armen das Mütterlein und meinte leise. Die Alt«


