Ausgabe 
2.6.1913
 
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Alte und neue Vivatbänder.

Don ®. G. Winkel, Regierungsrat, Königsberg (^r.).

JSer fünfte Februar, der Tag, an dem Aorck vor Hundert Jahren vrirch seine Ansprache im preußischen Landtage die Erhebung Preußens einleitete, brachte für Königsberg und für ganz Ost­preußen oie Wiederbelebung einer alten, schönen patriotischen Sitte: Das Vivatband feierte seine Wiedergeburt. In Königs­berg war am 5. Februar kaum noch jemand auf der Straße zu sehen, der nicht mit einem Bivatbandc geschmückt war, nicht mir bte Schüler und die Vereine, Schutzleute, Krieger und Veteranen trugen das Band, sondern auch die Herren Offiziere in Uniform' und ganz allgemein auch die Herren und Damen der besseren Stände. Man kann ruhig behaupten, daß das Vivatband die patriotische Begeisterung überall ausgelöst oder vertieft hat. Da lag es für mich nahe, die Sitte, deren Wiederbelebung mir in Königsberg mit so großem ^Erfolge gelungen war, auch nach Schlesien, das sich jetzt zu großen Feiern rüstet und nach dein ganzen Reich zu bringen. Uebcrall stehen ja dort außer den all­gemeinen Jahrhundertfeiern die Feste des Rcgierungsjubiläums unsres Kaisers und der Erinnerung an die Schlacht bei Leipzig bevor._

Die alten Vivatbänder sind lebendige Zeugnisse der Begeiste­rung ihrer Zeit, sie haben zugleich eine kulturhistorische Be­deutung, und es soll deshalb zunächst von ihnen hier ein geschicht­licher Abriß gegeben werden.

Als ich vor 25 Jahren erstmals über die Vivatbänder schrieb, wußte ich von Vivatbändern selbst noch sehr wenig, und dies Wenige war keineswegs wissenschaftlich vertieft. Ich habe das in der Zwischenzeit nachgcholt und meine eigene Sammlung von damals, nur 13 Stück, um genau 100 Bänder vermehrt, so daß sie nunmehr mit 113 Stück die weitaus größte aller Vivatbünder- sammlungen ist.

Die ältesten Vivatbänder sind die von Roßhach und Lcuthcn. Sie waren sehr einfach gehalten und wurden ellenweise verkauft. Der gekrönte Namenszug des Königs F. R., das Vivat, gelegent­lich in Lorbeerkränzen, wechselten miteinander ab. Später wurden die Bänder durch zeichnerischen Schmuck reicher ausgestaltet. Er bestand in den Brustbildern Friedrichs des Großen, des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, in Wappen, Fahnen, Namens­zügen und kürzeren Versen. Die Verse auf den Bändern waren durchaus volkstümlich gehalten, etwa nach dem Charakter der Gleinischen Verse in den Kriegsliedcnr eines preußischen Grena­diers. Nach der Schlacht bei Lenthen tauchte damals der Vers auf:

Es lebe durch des Höchsten Gnade Der König, der uns schützen kann! So schlägt er mit der Wächtparade Noch mehrmals Achtzigtausend Mann!"

. Ein Band von der Schlacht von Zorndorf hat die Uebcrschrift: Zittre, Falle Beuge dich für dem großen Friederich! Tann heißt es weiter:

Ihr redlichen Preußen: Singt, jauchzet und lobet!

Barbaren, die sonsten unmenschlich gelobet, Kalmücken, Kossacken, ein gransanies Heer, Die liegen verstummet, sie wüten nicht mehr!"

Ein besonders schönes Band von Breslau hat die Büsten von Maria Theresia und von Friedrich dem Großen. Dazu die Gleim- schen Verse:Nun beschließe Deinen Krieg, Kaiser-Königin! Gib Dir selbst den schönsten Sieg, Werde Siegerin!" usw.

Neben den Siegen Friedrichs des Großen wurden dann auch seine Geburtstage und sein Einzug in Breslau und Berlin gefeiert. Ebenso feierte man ans den Vivatbändern andere freudige Ereignisse der Königlichen Familie, wie z. B. die Geburtstage von Prinzen und Prinzessinnen. Die Mehrzahl der Vivatbänder bezieht sich aber auf den Friedensschluß von Hubertsburg. Dieser Fried« muß überall im ganzen damaligen Königreich auf das großartigste gefeiert worden sein, denn wir haben Vivatbänder auch ans den allerkleinsten Städten, z. B. aus Tangermünde, Osterwiek a. Harz, Jacobshlagen i. Pommern, Frankenhausen, Blankenburg Und Saal­feld in Thüringen.

Eines der bekanntesten Bänder ist ein Friedensband, dessen Hauptfigur ciu Herkules bildet, der sich ermattet von der Arbeit auf seine Keule stützt, zu seinen Füßen liegen die Wappen der Feinde Friedrichs des Großen. Auf einem anderen Hubertsburger Friedcnsbandc stehen die Verse:

Nach soviel schweren sauren Wochen, Nach soviel Not und Ungemach, Folgt der erwünschte beste Tag, Der allerwürdigste auf Erden

Mit buntem Band geschmückt zu werden."

Auch, in Breslau gibt es ein Friedensband,bey Gelegenheit der Königl. Ankunft und Celebrierung des Friedensfestes von den getreuen Bürgern und der Schützengesellschast". Der bildliche Schmuck ist sehr einfach: ein Strahlenviereck, darin das Wort Friede, dazu die Wappen von Preußen, Oesterreich und Sachsen in Palmen und Lorbeerzweigen.

Die große Zahl der Braunschweiger Bänder verdankt ihr Entstehen vielleicht dem besonderen Umstande, daß damals Braun­schweigs einen Künstler hatte, der sich mit besonderer Liebe der Vlvatbänder annahm, Es war dies der braunschweigische Kupfer-

stccher Bock, der mehrere der dort herausgcgebenen Vivatbänder selbst in Küpser gestochen hat.

Wenn ich dann noch erwähne, daß cs auch ein Vivatbaud auf die goldene Hochzeit Friedrichs des Großen gibt, so ist damit die Reshe der eigentlichen echten Vivatbttnder in der Hauptsache er­schöpft, die .Aodc der Vivatbänder fing an zu verblassen. Es Iai? ?te .)eS Niederganges, cs kam Jena. Die Schlachten au^> oen Befreiungskriegen haben wunderbarerweise wenig Vivat- vander gezeitigt, nur die Feier des Pariser Friedens hat hier und oa. ein paar Friedeusbändcr hervorgebracht. Einige von diesen Friedensoanocrn aus meiner Sammlung waren auf der Jahr­hundertausstellung in Königsberg und werden auch in der Bres­lauer Jahrhundert-Ausstellung zu sehen sein.

r., dlls ich s. Zt. anfing, Vivatbänder zu sammeln, wußte eigent­lich kein Mensch etwas von diesen Bändern. In der Litera- nir waren sie nur an wenigen Stellen und ganz kurz erwähnt. Da galt es nun, das überall zerstreute Klein-Material zu sammeln und vor allen Dingen alle Zeitungen aus der Zeit des Sieben- fahrigen Krieges Blatt für Blatt durchzusehen. Was dort nicht zu slndeu war, das mußte aus den Bändern selbst hervorgehen, me ich jd int Laufe der Zeit sämtlich fernten lernte, wenn ich ste auch nicht alle erwerben tonnte. Was sie mir sagten, wurde dann durch dieF a m i l i c n b ä n d e r" ergänzt, die als Nachklang der eigentlichen alten Bivatbänder Ereignisse privater r J - au$ ^M^Echen Familien, Geburtstage, Hochzeiten, festlich Merten. Wie wir aus den Siegesbändern lesen:Dies Band soll unsere Stirn gleich Siegespalnien schmücken, Denn Kfriedrich _ wehret Wien, Sie in sein Joch zu drücken." Oder Wer dieses Band nicht trägt und seinen König liebt, der ist kein braver Mann und treuer Untertan." OderDer ist kein Pa­triot, dem es die Brust nicht ziert": so lesen wir auf den Fa- milienbändern:Holdes Mädchen, heiße Liebe widmet Ties Bändchen dir zum Busenschmuck". Und:Teures Mädchen, nun so halte. Deinen lieben Arm still, Daß ich es zur Schleife walte, weil ich ihn umwinden will!" Das sind also doch deutliche Bciege dafür, wie man sich in jenen Zeiten mit bett Vivatbändern und ihren Nachfolgern, bett Familienbänbern geschmückt fyat.

Daneben lassen uns auch die Zeitungen hier nicht int Stich. Wir lesen beispielsweise von ber Friedensfeier von Tanger­münde, daß sich der Magistrat bei der Feier des Hubertsburger Friedens in Corpore der Bürgerschaft gegenüber am Rathause aiifgestellt hat und daß sowohl die Magistratsmitglieder tote die Offizianten der Stadt mit u in n g e n d e n V i v a t b ä n d e r n geschmückt waren, auch daß die Bivatbänder an Schulkinder ausgeteilt wurden. In Jakobs Hagen in Pommern fand in des Bürgermeisters Wohnung ein Festmahl statt, wozu alle Vor­nehmen dieses Ortes, auch Auswärtige, zugezogen wurden und alle mit Vivatbändern erschienen.

Außer den gedruckten Bivatbändern gab es auch Bänder in Handstickerei, und zwar wahrscheinlich in großer Anzahl, breite, schwere, mit Perlen und Flittern besetzt«, doppelt ge­fütterte Seitenbänder. Wunderbarerweise sind jedoch von diesen schwuren Bändern, die an und für sich viel widerstandsfähiger waren als die leichten bedruckten Bänder, nur sehr wenige erhalten geblieben. Eins davon hat das Hvhenzollern-Museum und eins habe ich. Mehr solcher Bänder sind bisher nicht bekannt ge­worden.

Bei den bevorstehenden Jahrhundertfeiern gilt es nun, diese alte schöne Mode der Bivatbänder wieder zu beleben. Daß dieses möglich ist, das hat ber 5. Februar in Königsberg gezeigt, wo sich alle Welt in patriotischer Begeisterung das ostpreußische Vivatband an Brust und Schulter heftete.

Angeregt durch bte Schulvorstände und bie Lehrerschaft, werden Hunderttausende von Schulkindern die schmucken Bänder gelegent­lich der diesjährigen Schulfeiern, erstmals am Regierungsjubi- läum des Kaisers,in alle Häuser hineintrageu und überall dort, wo vaterländisches Empfinden eine Stätte hat, werden die im Gegensatz zn den vielfach üblichen, fabrikmäßig hergestellten Festschleifen und billigen Festmedaillen von Künstlerhand geschaffenen Bivatbänder freudig begrüßt werden. Damit wird die alte, schöne Sitte, die die Festesfreude in der ihr eigenen Weise vertieft, zu neuem Leben erweckt sein.

Alt und jung wird sich gemeinsam an bett bevorstehenden Festtagen mit bett Bändern schmücken, bie von der Erinnerung an die Befreiung des Vaterlandes zu dem bevorstehenden Re- gierungsjnbilänm hinüberleiten.

Das ersterschienene Vaud dieses Jahres ist das Ost- preußische Vivatband. Nächst dem Kaiser und Friedrich Wilhelm III., die auf allen neueren Bäuderu wiederkehren, feiert cs den General Borck und die beiden Schöpfer der Landwehr, bett Grasen Dohna und den Oberbürgermeister Heidemami mit folgenden .Worten:

Ostpreußen sah vor hundert Jahren Zuerst ber Freiheit Morgenrot, Als Norck mit seinen tapfern Scharen Dem Feind bie Eisenstirne bot.

Graf Dohnah Ausruf dringt ins Weite In Massen rückt bie Landwehr an,.