Ausgabe 
2.6.1913
 
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Ker:Laßt uns gehen! Es wird eine Hütte sich finden, is anfnimmt, und es wird ein Stück Brot sich finden, das uns Vvr dem Hunger schützt!" Alle starrten den alten Freiherrn an, und Werner rief bestürzt:Was ist dir, Baler? Was sollen diese schrecklichen Worte?"

Ohne Sorge, mein Junge. Mein Verstand ist klar. Was ich eben sagte, ist die nackte Wahrheit. Dein Entschluß, mitzuziehen gegen den Korsen, macht uns ärmer als den geringsten Kätner im Dorfe, denn ich schwur, als ,ich meine Ehe entging, daß ich Schloß und allen Besitz im Augenblick an die Verwandten meiner hochseligen Frau ab­trete, in dem ich oder einer meines Geschlechts die Hand gegen Frankreich im Kampfe erhebt!"

Gisela erzitterte und Werner sah sinnend zit Boden. Man sah bett Kampf seiner Seele, und als er sprach, zit- t erteil Tränen in seinen Augen. Mit leiser Stimme, seinem Freunde Paul Wintzer abgewandt, als schäme er sich, sagte er:Es wäre grausam von mir und eines guten Sohnes und Bruders unwürdig, wollte ich meinen alten, kranken Väter und meine hilflose Schwester an den Bettelstab bringen. Ich bleibe!"

Und er trat zu Paul Wintzer, reichte ihm beide Hände und schüttelte sie.So ziehe allein, du Lieber, und sage unsern Mitbrüdern, sie sollen mich nicht verachten, oder mich gar einen Feigling schmähen. Mein Haß gegen den Korsen und meine Liebe für den König sind nicht minder groß als die ihrige, aber die Achtnng vor dem vierten Gebot zwingt mich, zurückzubleiben. Leb wohl!" Und er wandte sich zur Tür, die Tränen nur mühsam unterdrückend.

Aber Gisela hielt ihn zurück.Werner, du sollst, du kannst nicht bleiben. Die Heiligkeit des Krieges ist größer als der Kummer, der Familien geschlagen wird. Das Testa­ment der Mutter und der Schwur des Vaters mögen sich erfüllen. Wir ziehen noch heute aus dem Schloß!"

Das war ein Wort, Gisela, das soll gelten! Was soll uns alles Geld und Gut, wenn unsere Jungens draußen! schmachten und !vir ihnen nicht helfen können. Auf zum Auszug! Ein Bote reitet nach Wessel, um dem Notar, der die Vorteile der französischen Erben vertritt, unsern Ent­schluß zu melden, und Heinrich bereite sich vor, meinen Brief nach Prag zum Erbjunker zu bringen, damit Linthardt von unserer Armut Botschaft erhält. Ist der Junge noch der­selbe, wie er vor Jahren auszog zur alten Hochschule in der Moldaustadt, so wird er freudig teilnehmeii an unserem Opfer; er wird zum Säbel greifen und int Kampfestoben ferne Armut vergessen. Nun aber kommt, ein gastliches Dach zu suchen, wo ich meinen alten, siechen Leib'bis zum Enda ausruhen kann! Und hört, es wird nichts mitge­nommen, als was wir auf dem Leibe tragen! Sagt das allen Leuten vom Hofe! Mit nichts zog ich ein in dieses Haus, mit nichts will ich es verlassen. DaS kleine Erbe meines Vaters verschlangen die Häuslerbauten draußen UM Vorwerk, also gehört uns nichts. Aus, laßt uns ziehen!"

Wintzer trat zu dem Freiherrn und sagte bittend:Herr, nehmt fürlieb mit meinem Schulhause. Wohl ist es klein, aber die Liebe waltet darin, die Liebe meiner alten Mut­ter. Das Haus steht so von morgen ,an verwaist int Orte, und meine Mutter in ihrer Einsamkeit wäre glücklich, wollten Sie unter ihr Dach kommen. Und wenn Baroneß Gisela an meiner Stelle die verwaisten Kindlein des Dorfes betreuen wollte und sie täglich ein oder zwei Stunden Sprüchlein lehren wollte oder das Einmaleins, oder den Haß in der Jugend schüren wollte, den Haß gegen den frechen Räuber aus Westen, würde sie sich wohl einen Gotteslohn verdienen und meinen und der ganzen Gemeinde Dank!"

Man sagte kein Wort. Der Freiherr nickte nur und ließ sich dann von dem Diener hinausführen. Auf der Frei­treppe jedoch blieb der Freiherr wiederum steheu. Einen langen, traurigen Blick, der zum Abschied wie kosend über die Flur und das Haus glitt, warf er zurück. Dann rief er mit lauter Stimme:Verflucht sei, wer sich auch nur eine biadelspitze aneignet! Der heilige Krieg soll nns nicht zum Diebe machen!" Dann ließ er alles Gesinde und alle Hof­gänger und Tagelöhner herbeirufen, und als sie sich vor der Rampe des Alkans versammelt hatten, sprach der Alte mit bewegter Stimme:Ihr Lieben seid von nun cm herren­los. Ich bin jetzt ärmer denn ihr und besitze nichts, als meine Kinder und meinen alten guten Namen. Die Teil­nahme meines Sohnes am Kampfe macht mich zum Bettler. Ich will es so, und ein alter Schwur will es so. Für euch aber, wenigstens für die wehrhaften Männer, sorgt der

Krieg. Für die Frauen aber und Mädchen wird es im Dorfe genug zu tun geben. Lebt wohl!"

Das Gesinde stand wie vom Donner gerührt, und Elan, der alte Schirrmeister, der nun 27 Jahre auf dem Hofe war, trat zum Herrn.Erlaubt mir ein Wort, gnädiger Herr.^ Ich denke, so, wie ich jetzt sage, meinen es alle, dis hier stehen: Wir werden nnserm Herrn nie untreu. Muß der Herr vom Hofe, itutt, so gehen wir auch, und wenn der neue Herr von Heidehorst etwa ein Franzmann von drüben tft, kann er lange warten, bis ihm jemand einen Handgriff tut. Ich aber, trotz meiner 57 Jahre, greife mit zur Flinte und ziehe mit meinem jungen Herrn in ben Kampf!"

Ich danke für dieses Wort, Glan. Und die Katen, dis ich vor zehn Jahren von meinem eignen Gelds erbauen ließ, die schenke ich euch. Sie bleiben euer Eigentum und vererben auf eure Kinder. Lebt wohl!" Und sie schritten, wahrlich ein seltsamer Zug, durch Hof und Park ins Dorf: Der Schloßherr mit seinen Kindern, dach- und heimatlos, unter den Armen des Dorfes die Aermsten.

Bald hatte sich in Heidehorst die Kunde verbreitet, daß der Freiherr um des Krieges willen Schloß und Gut ver­lassen müsse. An der Dorfstraße standen sie, die Dörfler, und mancher ging still hinweg, zu weinen. Andere eiltet blößtcu ihr Haupt und ließen den Zug still vorüberziehen. Am Dorsplatz kam ihnen der Pfarrer Friedrich Tempel entgegen, ein alter Mann von riesiger Gestalt, mit einem mächtigen Löwenhaupt. Kein Name hätte besser für ihn gepaßt, als der, den er trug. Er war ein Tempel der Reinheit und Liebe, ein echter, rechter Hirte seiner Gemeinde und herrschte im Dorfe als ein gerechter, milder König.

Er umfing jetzt seinen alten, kranken Herrn mit seinen gewaltigen Armen, und mit vor Bewegung zitternder Stimme sagte er:Lassen Sie mir die Ehre, gnädiger Herr, mein kleines, bescheidenes Haus Ihnen als Wohnstatt anzubieten. Sie wissen, die Psarrin wird Sie hegen und pflegen, und die Baroneß Gisela wird ihr wie eine Schwester sein!"

Wein lieber Tempel, es kann nicht sein. Euer Haus ist schon zu klein für Euch, und es wäre ein Raub an Eueru fünf Kindlein, wollte ich sie int Raume noch mehr beschrän­ken. Das Schulhaus, das von morgen, an verwaist und verlassen stehen wird, nimmt uns auf, und Mutter Wintzer wird in Sorge um mich und Gisela ihren Gram um ihren Jungen, der doch im Felde stehen ioirb, vergessen!"

Da trat der Pfarrherr zurück und reichte dem jupgeu Lehrer die Hand und sagte:Sv sei es denn. Sorgen Sie und Ihre Mutter für Statt und Dach, so wollen wir, mein Weib und ich, redlich für des Leibes Nahrung und Notdurft sorgen!"

Und zwanzig Schritt weiter kamen fünf Mädchen, von 12 bis 6 Jahren, wie liebliche Blumen anzuschauen, des Pfarrers Kinder, der sich erst spät ein Weib genommen hatte. Und sie begrüßten den Schloßherrn, und eine jede reichte ihm ein schlichtes Wiesensträußchen, Schlüsselblumen und Aitemonen und Maßliebchen, und aus ihren Augen strahlte ein Himmel kindlichen Glücks, daß sie dem gütigen Schloßherrn diesen Frühlingsgruß überreichen konnten.

Und wieder zwanzig Schritte weiter kam der Schreiner Fürchtegott Etzinger augestelzt. Er blieb vor dem Freiherrn stehen, nahm seine Fellmütze ab und polterte dann in biederer Treuherzigkeit heraus:Wenn dem gnädigen Herrn mein Haus nicht zu einfach ist: er ist willkommen. Mein Junge zieht morgen in den Kampf, und seine Kammer steht leer, und für das gnädige Fräulein will ich schon eine Bettstatt zimmern bis zur Nacht!"

Da wandte sich der alte Schloßherr zu den Seinen und rief:Ich sagte vorhin: bettelarm verlasse ich mein Haus. Das war ein schlechtes, ein falsches Wort. Ich bin reicher denn je, denn viele treugoldene Herzen besitze ich, die ich erst jetzt, in höchster Not so recht ereknne. 'Und Ihr, bester Etzinger, nehmt herzlichen Dank für Eure Worte: und Euer Anerbieten. Und wenn ich es abschlagen muK so verübelt es mir nicht. Der Schulmeister hat mich schon aufgenommen. Aber wenn ich sonst Euch brauche, ver­laßt Euch drauf, ich komme zu Euch-!" Und er drückte dem ehrlichen Invaliden die Hand und grüßte hierhin und dorthin, denn überall sah er trübe Gesichter, die in Siebe und Teilnahme feinem Auszug nachsahen. Und so zog er einem besiegten König gleich, aber keineswegs kleinmütig, durch das Dorf ins Schulhaus ein. (Fortsetzung folgt.).