Ausgabe 
2.4.1913
 
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Wenn ein Kind krank war, glaubte man, böse Geister saugten Mut Mark und Blut ouS und gebrauchte dagegen folgendes! i,Gesan":Elme «an Melme, wo willde dann he? Ei, ich will zu bdmi und dem sein Kind. Elme ^ean Melme, woas' willde dort du? Ich will bem' seine Kind Mark ean Blut sauge aus. Mute «an Melme, des dersste net du. Olver »do ean dem Woald weit an die Stelle angeben) da stiht en Baam', deut sollste Mark «an Blut sauge aus." Tas dreimal gesprochen, dabei geblasen und Unzugefügt:Im Namen des Vaters usm." Wenn auch das erste dieser zwei Gesane von einem Weickartshainer und das Zweite von einem Ruppertsburger, die in Laubach heimisch ge­worden sind, überliefert ist, so werden doch dieselben oder ähnliche Formeln auch von eingeborenen Laubacheru gebraucht worden sein.

Auch über den Weizen machte man ein Oesim, daß die Spatzen nicht drangingen, auch daß, er nicht brandig wurde. Tabei ging man init drei selbstgesponnenen Fäden um! den ganzen Ucker und schlug sie uni die Frucht. Tort Mußten sie drei Tage Unberührt bleiben, dann konnte man sie wieder abnehmen.

Ter Hexenglaube war stark verbreitet, und alte Frauen kamen leicht in den Geruch, Hexen zu sein. Noch heute werden ,die Namen von alten Frauen genannt, deren sich ältere Einwohner noch gut erinnern, unb die allgemein als Hexen galten. Im Grünen Meer lag ein Kind krank, des Abends' strich eine schwarze Katze um das Haus, das war die Hexe. Man warf nach der Katze und traf sie ans Bein, und am anderen Tag hinkte die betreffende Frau. Im Gespräch mit Hexen mußte man sehr vor­sichtig fein, und namentlich vermeiden, in kürzerem Zwischen­raum dreimal ja zu sagen, denn sonst konnte die Hexe einem etwas antun. Ein Mann erzählte, daß er als mutwilliger junger Bursche seiner Mutter großes Entsetzen einflößte, weil er int Gespräch mit einer Hexe absichtlich kurz hiittereinander dreimal ja sagte.

Eine merkwürdige Sache war es auch mit demErbschlüssel". Wenn ein Kind oder ein Stück Vieh verhext oder etwas gestohlen war, ging man zu der Frau, diekonnte". \ Diese nahm den Erbschlüssel, d. h. den Schlüssel von einem1 alten!vererbten Möbel­stück, Hing ihn nu einen Faden, den sie 'in die Hand nahm, schlug die alte Bibel oder das Gebetbuch auf, machte!ihr Gesan, worauf der Betroffene die Namen der Verdächtigen nennen mußte. Beim richtigen Namen zuckte der Schlüssel und verriet den Schuldigen. Einen Erbschlüssel bei sich zu tragen, schasst Glück, nameittlich beim Würfeln. Wenn beim Bretzelwürfeln in der Neujahrsnacht einer ungewöhnliches Glück hatte, sagte man:Der hot en Erb- schlissel bei sich". , Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahr­hunderts erzählte ein Schüler des Gymnasiums aus Laubach Herrn Professor Dr. Röschen, als er zu Neujahr zum' Bretzel-Würfeln üusgegangen fei, habe ihm fein Onkel einen alten Schlüssel in die Tasche gesteckt, damit er Glück habe. Dieselbe Eigenschaft wurde damals und wird vielleicht hier und da heute noch den Regensburger Groschen und Kreuzern, sogenannten Schlüssel- Broschen und -Kreuzern, zugeschrieben, die zwei gekreuzte Schlüssel als Prägung hätten. Diese Münzen galten und gelten vielleicht noch als sogenannte Heckmünzen, und manche hielten sich davon stets in ihrer Kasse, denn dann hat män immer Geld, und dieses Mehrt sich rasch.

Als aber die Leute aufgeklärter wurden, verloren sie all­mählich den Glauben an all diese Dinge, und die alten Gesane hälfen nicht mehr. So mußte ein Mann, dessen Kuh eine Warze am Hals hatte, und der eine Fran, die konnte, gerufen hätte, daß sie die Warze vertrieb, die Beobachtung Machen, daß die Warze nur immer 'größer wurde und er der Hexe den Laib Brot äls Lohn umsonst gegeben habe. Und ein Knabe, dem die Groß- Untier den Grindbart vertreiben wollte, und dem sie pisperudi Mit der Hand Aber den Bart hin- und herfuhr, mußte über dieses Tun laut lachen, worauf er . mit ein paar kräftigen Ohrfeigen! hon der entrüsteten alten Frau zur Türe hinanÄgeworfeu wurde.

Nach dieser Abschweifung müfseu wir aber von den Alt- ^anbachern noch einmal zu Alt-Äaubach zurückkehren, um ein Weiteres wichtiges Gebäude kennen zu lernen, das Brauhaus'. Vs stand zuletzt außerhalb der Stadt, ungefähr da, wo jetzt das Daus des Herrn K. EmMelins steht. Es gab einen städtischen Braumeister, deut man Malz und Hopfen stellte, und der dem Bürger davon fein Bier braute. An das Brauhaus unb das Brauen erinnern sich Uoch alte Leute. Früher gab es ein Brau- Haus innerhalb der Stadt,, und zwar war es der Anbau am Rathaus, und es wird sich da wohl jeder Bürger selbst fein Bier gebraut haben, so gut oder schlecht er es vermochte. Den Hopfen 'zog man selbst; wir finden in alten Flurbüchern unb Gräflichen Rentereyrechmingm den Hopfengarten am. Rams'berg und die alten und die neuen Hoppenstücker, die scheints an der Wetter- gasse gelegen haben. Auch das Malz hat män sich wohl selbst bereitet, finden wir doch auf beut' alten Stadtplan des städtischen Archivdie Malzdarr", die sich beim Bürgerturm befand. Das so gebraute Bier, das den Haustrunk bildete, scheint nicht berühmt gewesen zu sein, wurde aber nach den vor etwa 90, Jahren gemachten Auszeichnungen des Dr. Köhler, die im Besitz seiner Nachkommen sich befinden, in ziemlichen Mengen getrunken, zumal im' Sommer.Leider," so sagt er,wird das Bier zu früh verzapft, jo daß es noch nicht hinlänglich auSaegoPm hat. Zuweilen ist «s auch nicht gar gekocht und erregt so ost Koliken." Wein wird

Wenig ober gar nicht getrunken, verrät uns ferner Dr. Köhler, da er zu teuer ist. Bloß die Begütertsten wagen zuweilen, sich durch dessen Genuß Kopfweh, Uebelkeiten, Säure im Magen zu holen, da der gewöhnliche Zapfwein äußerst selten rein gehalten ist. In früheren Jahrhunderten wurde übrigens auch in Laubach Weinbau getrieben, finden wir doch in Gräflichen Rentereyrech- nungen denWeingarten am Ramsberg".Apfelwein wird sehr wenig gemacht und scheint überhaupt kein Lieblingsgetränk dec Laubacher zu sein," fährt Dr. Köhler fort, klagt aber dann über die Zunahme des Branntweingenusfes:schott früh werden kleine Kinder daran gewöhnt, indem' ihnen von den Eltern sogenanntes Brandeweinbrodchen (etwas Brandewein aufs Brod getröpfelt) gereicht wird. Es gibt hier unzählige Säufer: diese Brand«- Weinsucht herrscht nicht nur unter den Männern, sondekn auch unter den Weibern."

Von anderen Gebäuden Alt-Lanbächs ist nochdie Färb" zu nennen, ich denke, baß es damit ähnlich wie mit dem Brauhaus war, wo die Bürger das' aus selbstgezogenem Flachs' oder Wolle selbstgesponnene, und vielfach auch selbstgewobene Tuch blau färben konnten. Zu diesem' ganzen Betrieb gehörte auch ein Brechhaus, ja es gab bereit zwei, das Ober- unb bas' Uitter-Brechhaus, ersteres vor dem Obertor gelegen, in dein jetzigen Heynemannschen Garten, bas andere vor dein Untertor, ungefähr da, wo jetzt bas StiÄjre» denkmäl steht. Aeltere Leute erinnern sich ihrer noch, es' waren lange, schmäle Schuppen. Sonntag nachmittags' ober sonst abenbs sammelten sich bort gern bie jungen Burschen, um heimlich ein Pfeifchen zu rauchen, denn sich öffentlich rauchend zu zeigen wie heute jeder kaum konfirmierte Junge, durfte man damals' nicht wagen. Respekt vor Alt-Laubach aber müssen wir bekommen, wenn wir hören, daß es ein Schlachthaus gab, das uns' der erwäUtte Stadtplanauf der Planke" zeigt.

Wie die Häuser in Alt-Laub ach aussahen unb wie sie ein­gerichtet waren, bebarf nicht langer Beschreibung, haben wir hoch noch 'eine Menge alter Häuser, bie im! Innern alle bieselbe Ein­richtung zeigen: int Erdgeschoß meist Ställe, einige Stufen hinaus links oder rechts eine Stube, oft mit Kammer, bann der Oberstock. Tiefe Stube in halber Höhe möchte ich gerabezu das den Lanbacher Hausbau auszeichnenbe Merkmal nennen. Tie Alt-Lanbacher Häuser zeichnen sich burch ihren tiefen, oft weit in bie Straße hi item ober bis unter bas Nachbarhaus sich erstreckenden Keller, der oft nicht ansgeMauert, sondern einfach in den festen Lehm eingebaiten ist, ans', sowie durch die riesigen eichenen Balken. Dr. Köhler klagt, daß. jetzt vielfach! statt Eichen- Tannenholz ver­wendet werde, lobend aber weih er zu berichten, daß die stroh- hedeckten und mit Schindeln beschlagenen Häuser von Tag zu 'Tag verschwinden. Es gibt sehr stattliche alte Käufer, aber auch diese haben nur wenig Platz iM Innern, da sie winkelig Unb verbaut sind. Auch kleinere Häuser gab' es unb gibt es noch, baneben aber auch armselige Hütten, bie, soweit sie noch stehen, jetzt als Ställe ober Werkstätten bienen. Laubach zählt nach der neuesten Volkszählung gegen 1900 Einwohner, Dr. Köhler gibt vor jetzt 90 Jahren ihre Zahl auf 2098 an. Wie eng zusammen­gepfercht müssen ba die Leute gewohnt haben, denn außer der sogenannten Vorstadt, die von etwa 170Ö an entstand, gab es damals noch keine 'Häuser außerhalb der Mauern. Dazu hingen die Häuser vielfach rtnentanber unb erstreckten sich Meist bis dicht an bie Stabtmäuer, so daß der Pfad, der innen um die Brauer lief; Meist so schmal war, daß nur gerade ein Mann hinbukchkonnte.

(Schluß folgt.)

Die Mche im April.

Von A. B u r g.

Ein launenhafter Herr, der April! Scheint die Sonne um die Mitte des Monats schon schön war, so tauchen, zu­nächst aus dem Süden unb Westen Deutschlands gesendet, die ersten im Freien gestochenen Spargel auf; versteckt sie sich mehr hinter Wolken, ober gibt es viel Regen und Kälte, so zögert auch diesesköstliche" Frühlingsgemüse mit dem Kommen. Wie mit den Spargeln, ist es auch mit ben Erstlings-Pilzen des Frühlings, mit ben Morcheln. Wohin im Walbe die Sonne scheint, ba wachsen auf bem feuchten Sanbboben bie beliebten Pilze. Die ftischeu Morcheln sinb ein Genußpilz ersten Ranges, doch ist bei der Zubereitung die größte Vorsicht geboten. Ein einziges, mit der kleinsten Fäulnisstelle behaftetes Exemplar kann nach dem Genuß Vergiftungserscheinimgen Hervorrufen. Auch Müssen Morcheln sehr oft Unb gründlich gewaschen werden, damit aller Sand unb bie kleinen Steinchen, die sich in ben Falten festgesetzt, abgespült werben. Sobann unb bas ist bie Haupt­sache müssen bie Morcheln mit kaltem Wasser aufgesetzt werben, bieses läßt man 10 Minuten grünblich kochen, gießt es bann durch ein Sieb ab, drückt die Pilze mit der großen Kelle ein wenig, unb setzt sie bann mit neuem, heißem Wasser auf, um sie nach Belieben zu Gemüse ober bergl. zuzubereiten.

Als echtes Frühlingsgemüse gilt bekanntlich bie Zusammen­stellung von Schnittspargel, Karotten und Morcheln; man kann vorteilhaft auch Spargelkonserven dazu verwenden. Nicht all­bekannt dürste auch Morchelsauee sein, die mau sowohl hell zu Kalbfleisch ober Geflügel, ober dunkel zu Rindfleisch ober Ham­melfleisch bereiten kann. Zu heller Sauce werden bie abge-