3
mochte es hier nur .geschneit haben? In tiefem Winter hatten wir noch keinen Tanz der Flocken gesehen. Als wir nach dem „Roten Vorwerk" die Himmelsleiter betraten, stiegen wir gleich wie aus einem lichten stockigen Gewölk empor, das vor 'uns nach dem Gipfel des Berges zu in die blendende Welt des Himmels einzumünden schiel). Man konnte sich leicht dieser Täuschung hingeben. Links und rechts des Weges blieben kleine junge Tannen in Reih und Glied üns zur Seite und bisweilen spielte ein kleiner Zauber darüber hin, der das Auge seltsam berührte, dann war es dem Sinn, als wanderten sie mit, alle in Reih und Glied neben der Leiter her, durch Traum und Stille dem, Himmel entgegen. Plötzlich tauchte gerade vor uns ein Ding aus, das lvir für den Schlüssel des Petrus hielten; es ragte hart über dem Grat des Berges aus der Bläue des Aethers hervor. Mit jedem Schritte wurde es größer, blieb aber unbeweglich an demselben Fleck. Doch dann kam unversehens der Augenblick, wo die ganze Täuschung mit einem Male zerstört wurde. Das war, als der Gibel des Unter« kunftshauses als ein allzu deutliches Bild des Irdischen über den Berg herauf schob. Oben an der Spitze war der Schlüssel des Petrus befestigt. . .
Der Weiberfeind.
Aus dem Bergplateau fuhr ein vornehmer Knabe sein prächtig weißgekleidetes liebliches Schwesterchen in einem großen groben Hörnerschlitten kreuz und quer spazieren.. Den Schiläufern waren die Schneeverhältnisse nicht günstig. Ein Sturm hatte fleckenweise die flockigen Massen zu kleinen Hügeln gehäuft. Dazwischen zogen sich Streifen des bloßen Erdbodens hin, nur mit einem leichten Flaum des Schnees übertupft. In einem Schneehügel vor der Tür des Nnterkuuftshauses steckten drei Paar Schneeschuhe mit den Spitzen zuni Himmel aufgerichtet. Ein Winkel der Hausdiele beherbergte mehrere Gruppen von Schneeschuhen, die an den Wänden lehnten, als seien sie müde und möchten ihren Schlaf halten. . t ,
Wir gingen in den Restaurationsraum und nahmen ut der „Leipziger Ecke" Platz. Eine fünsköpfige Familie hatte sich am Nebentisch gruppiert. Drei junge Mädchen, hübsche blühende Geschöpfe, wirkten durch Anmut und Frohsinn magnetisch aus bte Gesellschaft der männlichen Gäste. Man rückte mit den Stühlen, schwere Schuhe knirschten nitf dem Fußboden. Ein Herr, groß, kräftig, aber nicht ganz jung mehr, trat heran. Der Papa erhob sich vom Tische und begrüßte ihn. Er wurde den übrigen vorgestellt; und schon saß er mit am Tische. Gleich folgte ein zweiter Herr. Der Papa erhob sich, stellte seine Familie vor, man setzte sich. Aber schon war ein dritter Her herangetreten. Der Papa erhob sich abermals, stellte vor, man setzte sich. Ein vierter, fünfter rind sechster Herr erschienen nacheinander. Jedes Mal erhob sich der Papa, stellte vor, uslv. usw. Der eine Flügel des Tisches wurde von den Herren beherrscht. Sie zogen die Jacken aus, wie das so bei Wiutersportlern Sitte ist. Einer aß gleich drei Suppen und erklärte, daß das für einen Schiläufer nicht zu viel sei. Andere zündeten Pfeifen an. x „
Der erste Herr aber führte allein dre Unterhaltung. Die Mädchen hingen an seinen Lippen. Er Ivar der Weiberfeind. Er brauchte gewissermaßen diese Feindschaft, um Freundschaften zu schließen. Je mehr er.gegen die Frau sprach, um so lieblicher lächelten die Mädchen ihm zu, und sein Ausspruch, daß mit der Frau im allgenieinen absolut nichts zu unternehmen sei, nahm sie ganz für ihn gefangen. Der Redesinn war bei diesem Weiberfeind folgender: Binde ich mich an eine Frau, so verdirbt sie mir den schönen freien Wintersport ganz und gar. Beim Schiläufen muß ich sie mit mir herumschleppen, sie hängt sich an.mich, sie rutscht aus, ich muß sie wieder aufheben, sie versinkt in ein Schneeloch, ich muß sie wieder Herausziehen. Sie lernt nie, wie man die Füße setzen muß, und immer wünscht sie, ich soll es sie lehren. Damit geht die schönste Zeit verloren. Bon diesem Standpunkt aus betrachtete er jedes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Sie, die Frau, verdirbt dir den Sport, folglich ist überhaupt nichts mit ihr anzufangen. . .
Wie zwei Mädchen das 'Schiläufen 'probierten.
Wir ließen unsere Sachen im Fichtelberghaus, da wir oben die Nacht verbringen wollten und stiegen bei zwei Grad Wärme gegen Oberwiesenthal ins Tal hinab. Man wollte die Temperatur fast als Schwüle empfinden, die unter dem klaren Himmel lagerte, und doch blieb das winterliche Bild selbst int blendenden Sonnenschein unverändert. Am Sporthotel unten int Tal zeigte das Thermometer 15 Grad C. Wir schwitzten in unfern dicken Winterkleidern. Wo wir hinhorchten, jammerte man über die Wärme. Man rückte an den Pelzsachen, öffnete die Mäntel, wischte mit Taschentüchern über die Stirn, saß oder stand nachmssig matt an Körper und Geist. Um 4 Uhr verschwand dre Sonncnkugel hinter dem Berge, ein langer breiter Schatten fiel ins Tal, oben auf dem Höhengrat zog sich ein leuchtender Streifen hm. _
Zu dieser Zeit saßen wir im Sporthotel an einem Fenster bemi Kaffee. Ein kleines Sporttreiben spielte in dem großen Schatten am Berge. Oben auf dem Grat trat plötzlich die Gestalt eines Mannes silhouettenhaft in das Leuchten der Sonne. Dann erregten zwei junge Mädchen unsere Austnerksamkeit, die weiter nach rechts auf einem Schneefelde das Schiläufen probierten. Es war ein Probieren ganz eigener .Art. Die Beiden standen unter dem Bann einer launigen.Rhythmik. Ein unfreiwilliger Tanz, der
die Beine dem Wollen und Wünschen entgegen in Bewegung brachte, verursachte einen Konflikt zwischen Ober- und Unterkörper. Daraus dlgte ein fast gleichmäßiges Aufstehen und Wiederhinsetzen, Hin« etzen und Wiederaufstehen in raschem Wechsel. War eine wie zufällig ein Stück weit aufrecht stehend geglitten, so verwunderte ie sich plötzlich darüber. Da kam eine Ahnung, daß sie vielleicht über den Horizont hinabsliegen könnte, und in der Verwirrung der Gefühle und Gedanken suchte ein Teil des Körpers schnell die Berührung mit der Erde. Dies unsreitvillige Experimentieren machte den Eindruck, als sei jede Bewegung, vor allem aber das Hinsetzen recht sorgsältig eingeübt worden, denn alles ging ordentlich. Es wurde kein Purzelbaum geschlagen. Die Schneeschuhe husten nicht int Bogen durch die Luft, die Röcke flogen nicht.
Der Gitarrenspieler.
Als der Vollmond sein Licht angezündet hatte, verließen wir das komfortable Sporthotel und gingen nach Oberwiesenthal hinüber, um einige Kleinigkeiten zu kaufen. Es ist 'dies ein Schritt von einer Kultur in die andere. Man will es nicht begreifen^ daß der Wintersport hier in seinem elementaren Vordringen mit allem, was er aus den Städten mitbringt und in die Natur hineinträgt, an dem Ort selbst wenig, ja gar nichts hat wandeln können, weder zum Schlechten noch zum Guten., Ich zögerte lange bei einem Briefkasten einzuwerfen, denn niemals, dachte ich, wird ein Bote an ihn herantreten, den Inhalt zu holen. Der Schutt des vor Jahren niedergebrannten Rathauses lag noch unberührt auf seinem Platze. Der ganze Ort dämmerte, ohne Trieb, ohne Frische und kräftiges Vorwärtsstreben. Als ich vor etwa zehn Jahren hinkam, war alles genau so wie heute.
Ohne uns länger aufznhalteii, schritten mir eilig wieder ins Freie, die Straße zum „Neuen Haus" hinaus, die auch nach Gottesgab führt. Die Partie hat im Mondlicht etwas Märchenhaftes, um einen gewohnten Ausdruck zu gebrauchen. Die Felsmassen linker Hand ragten, von einem unendlichen ruhigen Schimmer umflossen, gewaltig auf, in die Abgründe wob ein silberner Glanz suchend hinab. Voraus dehnten sich die Schneefelder blendend und still, und verloren in der Ferne die Umrisse der Formen, gleich bleichen Schatten, die die Grenze des Ewigen erreicht haben. Einige Schiläufer, drei vier hintereinander, fausten in rasendem Lauf an uns vorbei. Bald kam auf zwei Rodelschlitten ein dickes Ehepaar, das sich mühsam hinabquälte., Ein paar größere Schlitten mit schellenläutendem Pferd voran glitten über den Schnee. Dann begegnete uns bis znm Unter« knnftshans nichts mehr als der Wind, der von Zeit zu Zeit an den Tannen hinschlüpfte.
Auch oben war es ganz ruhig geworden. Im Restaurationsraum fanden wir drei, vier Gäste, die auch über Nacht blieben, und nun bereits in Filzpantoffeln verstreut an den Tischen hockten, ohne zu reden. Da tönten die Klänge einer Gitarre aus einem Nebenraum zu uns herüber. Eine tiefe rauhe Stimme fing an zu singen. Wie ein Bulle, lautete unsere Kritik. Wir sahen den Manu nicht, wollten ihn auch nicht sehen. Wir dachten, es sei ein Berggeist, ein Freund des crzgebirgischen Volksdichters, Anton Günther. Die Stimme klang wie aus einer Tiefe herauf, als ein echter unverfälschter Naturlaut, aus dem lautere Stimmung sprudelt. Eine kurze Pfeife gehörte dazu, eine gemütliche Ofenecke, ein paar Volksgestalten. Ein Lied der Heimat hörten wir:
Trante Lieder hör ich wieder, Hamlich en dr Mettersproch, On tief brcnita en da Wälder Klengt dos alta Rauschen noch. Grüß dich Gott, ,o du mei Arzgeberch, ,
Zwei interessante Waldbewohner.
Das Entzücken jedes naturliebenden Jägers und Tierfreundes ist das kleine sibirische Erd eichyörnchen (Tamias striatus). Ueberall in ben Zirbelwäldern sieht man es wie einen kleinen grauen Ball über das Moos hüpfen, dann einige Meter an den Stämmen emporhuschen, wieder herabgleiten oder auf den Keulen fifeenb niedliche Männchen machen und an den Zirbelnüßen nagen, indem es, ganz nach Eichhörnchenart, die Misse mit den Vorder-
2?as Eichhörnchen, von den Russen Burunduk genannt, ist bei weitem kleiner als das gewöhnliche Eichhörnchen, gelblichgrau gefärbt, mit vier bis fünf schwarzbraunen Längsstrerfen auf dem Rücken Tie Ohren besitzen keine Haarbüschel wie beim gewöhnlichen Eichhörnchen, auch ist der verhältnismäßig kürzere Schwanz weniger dicht und buschig behaart ,
Unter den Wurzeln der Zirbelkiefern und Tannen baut sich das Tierchen förmliche Wohnungen, die aus zwei Röhren und einem Kessel bestehen, mit einer richtigen Vorratskammer, in der erhebliche Mengen von Zirbelnüssen aufgespeichert werden, um für den Winter als Kost zu dienen. Sowie die ersten strengen Fröste eintreten, bezieht das Erdhörnchen seinen Ban, um dann einen unterbrochenen Winterschlaf zu halten. Sm ©egenfaft M anderen winterschlafenden Tieren, tote z. B. dem Baren, nimmt das Erdhörnchen hin und wieder Nahrung zu sich und ist peinlich bedacht, seine Ausleerungen aus dem Bau herauszu-


