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1913 - Nr. t
Donnerstag, den 2. Januar
Von Frühling zu Frühling.
Roman von Erich Eben st ein.
(Nachdruck verboten.)
1.
War es wirklich Frühling? Und war der Frühling so wundersam schön?
Verwirrt blickte Meta Lenzendorf über die lichtgrüne Wiese, auf welcher Margareten und Butterblumen leuchteten wie silberne und goldene Sterne, die eine verschwen- derische Hand darüber gestreut hatte.
Gegen den lichtblauen Wendhimmel standen schleiergleich ein Paar Birkenbäume, auf deren Stämme die letzten Sonnenstrahlen flammende Lichter malten. Nein — die ganze Welt strahlte in goldenem Licht!
Eine Zauberhand hatte sie berührt und die vordem noch graue nüchterne in ein Märchenreich verwandelt.
Meta drückte den schönen Kopf mit dem rotgolden flirrenden Haar an den Stamm einer Birke, und wahrend ihre dunklen Augen unverwandt auf der sinkenden Sonne ruhten, als wollten sie ihr Licht in sich trinken, blühte alles Gute in ihr auf, streckte sie unbewußt die Arme zum Himmel empor . . .
Braut — Braut —> Braut! Des Lebens Tore sprangen auf — es war doch so? Bon nun an gehörte sie zu den Auserwählten!
Süße, stolze — ach, so törichte Mädchengedanken brausten durch ihr Hirn: Wie die Freundinnen sie beneiden würden um den reichen Niki Petermann! Den Millionär! Und die Eltern ■— wie stolz sie sein würden. Und Niti war so verliebt — ordentlich verlegen wurde sie vorher unter seinen feurigen Blicken und den noch feurigeren Worten.
Sie empfand gerührte Dankbarkeit dabei. Etwas Demütiges fast, dessen sie sich jetzt beinahe schämte. Sie wollte ihm auch immer eine gute liebende Frau sein. —
Nun brauchte sie nicht mehr daran zu denken, ob sie dereinst Gouvernante werden oder heimlich Teller malen sollte, um sich „selbständig" zu machen. Wie eine Prinzessin würde sie das stille Elternhaus verlassen, blieb nicht „sitzen" — das Schreckgespenst, welches sie manchmal verfolgt hatte. Brauchte nicht mehr mit den Stiefgeschwistern spazieren zu gehen. Zwar waren sie alle gut mit ihr — auch die Stiefmutter — und es war sonst ein ganz behagliches Heim . . .
Dennoch . . . dennoch: eine eigene Frau werden! Eine reiche Frau! ...
Meta raffte sich auf, ließ die Arme sinken und blinzelte der Sonne, die nur mehr ein paar verlorene speergleichie Strahlen über die Wiese warf, lächelnd zu.
„Ich muß es ihnen doch sagen," dachte sie und ging dem Hause zu. Wie auf Wolken ging sie. Beinahe schwebend . . .
Sie saßen alle auf der Veranda. Papa Lenzendorf in seiner ganzen Professorenwürde vor einem Wörterbuch. Mama daneben mit dem unvermeidlichen Kinderstrumpf, der gestopft werden mußte. — „Ich werde niemals Strümpfe stopfen brauchen," dachte Meta befriedigt — dann die zehnjährige Elfriede Und Otto, der Gymnasiast.
Als Meta eintrat, blickten alle auf. Und alle sahen so verwundert auf ihr strahlendes Gesicht, daß Meta plötzlich zu lachen begann.
„Ei, Ihr seht mich wohl heute zum allerersten Mal?"
„So vergnügt beinahe!" brummte Otto. „Sonst machst du ja immer ein Gesicht wie die alte Liese draußen, wenn ihr ein Pudding mißglückt ist." •
Mamas Gesicht nahm einen unruhig forschenden Ausdruck an.
„Kam nicht vorhin Herr Petermann aus der Stadt geritten, Meta?"
„Jawohl, Mama."
„Und ... und warum hast du ihn nicht mitgebracht? Es schickt sich nicht, das; du ihn so allein —"
„Er ist riicht allein im Park. Er ritt soeben wieder fort, Mama, und läßt sich euch allen bestens empfehlen."
„Wie? Er titt fort, ohne uns zu..."
„Ja — denn er kam nur zu mir allein!"
Jetzt blickte auch der Professor auf. Fragend, erstaunt.
Da fiel ihm Meta um den Hals und streichelte übermütig die schmalen Wangen, um die sich der angegraute Bart rahmte. Ein brauner Vollbart, von vielen Silberfäden durchzogen.
Und sie küßte die guten, blauen, zerstreuten Augen und den schmalen Mund.
„Papa — Papatschi — merkst du's denn nicht? Angehalten hat er um mich und ich habe „ja" gesagt, und nun bin ich seine Braut und in längstens vier Wochen wollen wir heiraten!"
Die Wirkung war noch größer, als Meta sie sich gedacht. Sie blieben vor'Ueberraschüng alle mäuschenstill und starrten Meta an wie ein neues Wesen.
Endlich faßte sich die Mama. Sie schüttelte leise den Kopf, als könne sie es noch nicht fassen, und ihre schönen braunen Augen ruhten unverwandt auf Metas regelmäßigen Zügen.
„Petermann," sagte sie langsam, „Niki Petermann.. und hast du ihn denn lieb, Meta?"
Meta nickte ein wenig/ ungeduldig.
„Gott — ja! Natürlich! Er ist.so elegant... er hat mir immer gefallen und ich ihm auch. Weißt du, was er zu mir gesagt hat? Er war immer ein bißchen ehescheu, aber die Wien wollen durchaus, daß er endlich heirate; da sah er sich denn um und: „wenn ich schon zu Kreuze kriechen soll, dann soll's wenigstens bei der schönsten Frau der Stadt sein!" sagte er. „Und so schön wie du, Meta, ist keine mehr! Vom ersten Moment hast du mir's angetan mit deinen roten Haaren und den schwarzen Augen!" Das


