6r war, wie der bestürzte Alte versicherte, schon in der Nacht abgereist.
Die wl Laufe dieses Tages in der Nähe der Weidendammbrücke aufgefischte Leiche eines Unbekannten war nach dem Leichenschauhause gebracht worden; dort wurde sie erst durch Vermittlung der Staatsanwaltschaft als die Leiche des Maurermeisters Peter Dechner erkannt und dem Bruder des Verstorbenen, dem Instrumentenmacher AdolfDechner, zur Beerdigung überantwortet.
(Fortsetzung folgt.)
ToZiale Arbeit als Erwerbsberuf.
Von Dr. Alice Salomon.
Neben der ehrenamtlich geübten sozialen Arbeit, die eine stets wachsende Zahl von Frauen beschäftigt und gebraucht, ist die soziale Arbeit in den letzten Jahren auch in beträchtlichem Umfang als jErwerbsarbeit ausgeübt worden. Die Aussichten dieses neuen Berufs sind noch schwer zu übersehen, und in weiten Kreisen herrscht Unklarheit über die Anforderungen, die dieser Beruf stellt, und die Möglichkeiten, die er eröffnet.
Zwei Ausbildungsmöglichkeiten kommen dafür in Frage: der Besuch einer Sozialen Ausbildungsanstalt oder das Universitätsstudium der Nationalökonomie oder Jura, an das aber praktische soziale Arbeit als Teil der Ausbildung anküüpfen muß. Gute theoretische Kenntnisse der Sozialpolitik, des Fürsorgewesens, der gesellschaftlichen Verfassung sowie Hebung utti> Erfahrung in der praktischen Fürsorgetätigkeit werden bon den Bewerberinnen jint soziale Posten verlangt. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß auf diesem Gebiet Frauen mit nichts als „Lebenserfahrung" — ohne besondere Fachkenntnisse — leicht ein Unterkommen finden können.
Die Stellungen, die von sozial vvrgebildeten Frauen ausgefüllt werden können, sind sehr verschiedener Art. Sie liegen teils auf dem Gebiet sozialer Hygiene. Es kommen da Wohnungsin- spektorinncn, Säuglingsfürsvrgeschwestern, Trinkerfürsorgeriunen, Beamtinnen an Mütterberatungsstellen, Schulschwestern in Betracht. Ferner liegen sie auf dem Gebiet der Bolkserziehung, ans dem Schulpslegeriuneu, Jugendpflegerinnen, Leiterinnen von Erziehungs- und Rettungshäusern, Landpflegerinnen usw. gebraucht werden. Weiter reiht sich das Gebiet des öffentlichen Verwaltungsdienstes mit Gewerbcinspektoriunen, Waisenpflegerinnen, Helferinnen an Jugendgerichten, Berufsvormünderinnen usw. an. Schließlich das große Gebiet der in Vereinen organisierten Für- sorgetätigkeit, auf dem Geschäftsführerinnen und dergl. gebraucht werden, Leiterinnen und Angestellte von Auskunftsstellen für Rechtsfragen, Berufsberatung für kirchliche oder humanitäre Wohlfahrtspflege. Schließlich werden in der Arbeiterinnenfürsorge Beamtinnen an Arbeitsnachweisen, Arbeiterinnenvereinen, Leiterinnen von Arbeiterinnenheimen, Fabrikpflegerinnen und Sozialsekretärinnen gebraucht. Man hat versucht, unter diesen Stellungen eine Gruppierung vorzunehmen, die einerseits die für akademische Vorbildung geeigneten zusammenfaßt, andrerseits alle die, für die eine Ausbildung durch soziale Frauenschulen oder Seminare besser erscheint. Dabei ist aber bisher keine allgcinein anerkannte Unterscheidung gefunden worden. Die bisherige Praxis scheint einen anderen Weg zu gehen. Es totoben für eine Fürsorge-, tätigkeit im eigentlichen Sinne die vorwiegend praktisch ausgebildeten Kväfte aus Sozialen Schulen und Seminaren anscheinend bevorzugt, während für leitende Stellungen, die eine mehr wissenschaftliche, organisatorische Arbeit, mehr Beobachtung, Berichterstattung, theoretische Durcharbeitung sozialer Probleme verlangen die Akademikerinnen herangezogcn werden.
Der Mannigfaltigkeit der Arbeitsfelder und -Zweige entspricht die Zahl der Stellungen noch nicht. In einzelnen Landesteilen (z. B. im Rheinland und Hessen) ist die Zahl der in der Säuglingssürsorge stehenden Berufsarbeiterinnen relativ groß. In anderen Laudesteilen ist die Nachfrage nach Beamtinnen für die Fürsorge an der verwahrlosten Jugend lebhafter. Es ist aus diesen: Grunde nötig, die Vorbildung aller sozialen Berufsarbeiter auf eine breite theorische Grundlage auszubauen und auch die praktische Ausbildung so zu regeln, daß sie genügend Erfahrungen sammeln, uut sich nicht nur auf einem eng umgrenzten Arbeitsgebiet zurecht finden zu können. Einige Ausbildungs- änstalten haben daher auch die Dauer ihrer Kürse auf 2—3 Jahre festgelegt. Es ist weilerhin auch notwendig, daß die soziale Berufsarbeiterin, die einen guten Posten sucht, der Arbeit dorthin nachgeht, wo sie zu finden ist.
Der soziale Beruf fordert wie jeder andere — und mehr noch als die meisten anderen —• eine volle Lebenskraft, den Einsatz der ganzen Persönlichkeit. Er kann nicht nebenher, neben einem Leben, in dem Familienaufgaben oder gesellige Pflichten die Hauptrolle spielen, im „Nebenamt", in einigen Stunden täglich abgemacht werden.
Wo aber diese Voraussetzungen erfüllt werden, gestalten sich die Aussichten des Berufs erfreulich. Jede tüchtige Kraft findet zunächst jedenfalls leicht Verwendung. Obj das sich dauernd so erhalten wird, ist allerdings nicht vorauszusehen. Doch liegt bei der Entwicklung der sozialen.Fürsorge für gut vorgebildete Kräfte
für lange Zeit hinaus die Gefahr eines Mangels an Arbeitsgelegenheit nicht vor.
Sind somit die Aussichten auf Anstellung günstige, so können dre. Gehaltsverhältnisse nicht ohne weiteres mit diesem Wort charak- tertfiert werden. Nirgends schwanken die Gehälter mehr als auf diesem noch so neuen Berufsgebiet, auf dem für die Besoldung noch keine Tradition vorhanden ist, und auf dem häufig aus einer ehrenamtlichen Tätigkeit heraus erst das besoldete Amt gebildet Nnrd. Im ganzen wird man unterscheiden können zwischen Aiv- stcllungen in privaten Wohlfahrtseinrichtungen, Vereinen und dergl. und kommunalen oder staatlichen Stellungen, und es wird in der Regel zutrefsen, daß die ersteren schlechter bezahlt sind. Das liegt vor allem daran, daß die meisten Vereine zu großes Sparsamkeit genötigt sind. Anfangsstellungen bringen int Durchs schnitt 1200—1500 Mk. Jahresgehalt; Halbtagsstellungen entsprechend weniger. Ebenso stellt sich das Gehalt in den Fällen niedriger, in denen •—; wie bei Anstaltsdienst ■— Wohnung und Verpflegung gewährt wird. Eines aber erhöht die Aussichten, daß nämlich die Gestaltung des Arbeitsverhältnisses und damit auch des Gehalles in sehr starkem Maße von der Persönlichkeit selbst abhängt. Die wirklich tüchtige Kraft schafft sich ihre Stel- liiiig selbst. Wenn sie etwas aus der Aufgabe macht, die man ihr anvertraut hat, so pflegt auch das Gehalt entsprechend zu wachsen.
Es gibt solche Stellungen, die mit 3000—5000 Mark bezahlt werden und die zum Teil aus bescheidenen Aufgaben mit geringer Entlohnung entwickelt worden sind. Die Stadt Berlin hat das Gehalt für die von ihr anzustellenden zwei WohnungZ- insvektorimieit einschließlich des Wohnungsgeldes auf 3100 Mk.,- das der drei Wohnungspflegerinnen auf 2100 Mk. normiert. Und diese Stellungen haben Persönlichkeiten, die seit Jahren in wiftenschaftlicher und sozialer Berufsarbeit stehen, angezogen. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß die Mehrzahl der Mädchen, die sich einem sozialen Beruf zuwenden, ihre Arbeit nicht ausschließlich int Hinblick auf den Erwerb ■ ergreifen, sondern um der sozialen Aufgabe willen, die sie anzieht. Wer sich ein leichtes Leben wünscht, wer für möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld ver- bietten will, oder wer überhaupt in einem möglichst hohen Erwerb sein Ideal sieht, der ist für den sozialen Beruf unbrauchbar^ Denn es liegt im Wesen des sozialen Berufs, daß nur der etwas, darin verdienen kann, der zu dienen bereit ist.
Nie e'us iiene Menschenrasse entsteht.
Von Dr. A. L a n i ck.
kos. Tie Völkerfamilien unserer Tage sind etwas Gegebenes, etwas Vollendetes, denn ihre Entwicklung haben mir nicht mit erleben können. Um so wertvoller ist es für daS heutige Ge- schlecht, das; lieb ihm die Gelegenheit bietet, die Entstehung einer neuen Menschenrasse zu beobachten. Es ist das erste Mal seit Bestehen der Menschheit überhaupt, daß mir mit Bewußtsein diesen hochinteressanten Vorgang verfolgen können, lind an diesem An- fäNgertum liegt es, daß noch sehr viele Punkte des ganzen Vorganges in Tunkei gehüllt sind, daß vor allem über die Ursachen noch so gut rnie nichts Bestimmtes verlautet. Wir mosten deshalb nur einen kurzen Blick auf die Tatsachen metsen. Jedem von uns wird es aufgefasten sein, daß man den Nordamerikaner sofort als solchen erkennt, ganz abgesehen von seiner Kleidung und Bartlracht Der Nordamerikaner ist eine Rasse für sich. Die Entstehung dieser besonderen Art führte man zunächst zurück auf die Verinischung der verschiedenen Rassen der Einwanderer; aber es hat sich herausgestellt, daß diese Vermischung, meint sie vielleicht auch mitqemirft hat, doch jedenfalls nicht der einzige Faktor zur Herausbildung einer neuen Rasse gemesen ist. Die Nachkommen der Einwandererfamilien zeigen selbst dann merkliche Rassenver- änderungen, wenn eine Vermischung mit fremdem Blut nicht eingetreten ist.
Im Auftrag der Einwanderungskommission der Vereinigten Staaten hat Professor Franz Boas von der Kolumbia-Universität Untersuchungen der typischen Merkmale der Eimvanderer vorgenommen. Wegen der verfügbaren kurzen Zeit befchräukte sich der Gelehrte darauf, die Verhältnisse der Stadt New Port zu untersuchen. Es kamen in Betracht Böhmen, Slovaken, Pommern, Polen, Juden, Sizilier, Neapolitaner, Italiener und Schotten. Bei allen mit Ausnahme der Schotten zeigten sich bemerkeusiverte Veränderungen, die freilich nicht alle nach derselben Richtung gingen. Tie Breite des Gesichts nahm bei asten Typen ab, mit Ausnahme der Schotten. Bei den in Amerika geborenen Böhmen, Slovaken, Ungarn und Polen ist die Köcperlänge größer als bei ihren in Europa geborenen Brüdern. Länge und Breite des Kopfes itehmen dagegen ab, die Gesichlsbreite sogar sehr stark. Bei den Juden ist ebenfalls eine Zunahme der Körperlänge und der Kopflänge zu beobachten, bei den Süditalienern dagegen nimmt die Körperläuge ab und die Kopfbreite und der Kopfindex nehmen zu. Nur bei den Schotten treten fast keine Veränderungen auf. Daß ein Einfluß der geographischen Umwelt dabei mitwirkend ist, unterliegt keinem Zweifel, wie weit er aber ausschlaggebend wirkt, entzieht sich noch vollständig unserer Kenntnis. Bemerkenswett ist, daß die schon vor Jahrhunderten eingeführten Neger ihre Rasiceigen- schaften rein erhalten haben, daß sich also ein Einfluß durch die Ueberpflanzung nach Amerika nur bei den weißen Rassen bemerk-


