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seine Helfershelfer auch noch nicht angegeben hatte, so Ware Ihre Mitwirkung bei beut Einbrüche schon noch durch den Umstand sattsam erwiesen, daß Sie einen an Sie gerichteten Bries unterm Fenster des geraubten Zimmers verloren haben und daß Sie von Fräulein von Brank gesehen und erkannt worden sind, als Sie Ihren durch den Sturmwind entführten Hut wieder dingfest zu machen suchten,"
Er hielt inne und beobachtete beit Einbruch bett seine Worte gemacht hatten. Wenn überhaupt noch ein Zweifel an Peters Mitschulb möglich gewesen wäre, bas Bild, bas ber Neberführte jetzt barbot, würbe jeben Zweifel endgültig beseitigt haben. Die Stirn finster gefaltet, bie Hände tote tn ohnmächtiger Reue geballt, den Odem hörbar und in besryleu- nigtem Maße durch die Nüstern ziehend und ausstoßeNd, so saß er am Tische: endlich aber richtete er sich energisch auf, schüttelte die.Lähmung von sich und sagte: „Wohl denn, Herr ßuft! Da Sie so viel schon wissen, so sollen Sie auch alles erfahren "
Und nun schilderte er seine Beziehungen zn Carvalho, wie ihn dieser umgarnt und zur Teilnahme an etnem Werk verführt hatte, das er anfänglich als beit Bankerott seiner Ehre aus tiefstem Herzensgrunbe verabscheut hatte. Aber ^ust sollte nur nicht benken, baß er, Peter, sich in eigennütziger Absicht an frembem Gelbe vergriffen hätte; pfui, Teufel, nein! Dazu säßen ihm bie ehrenfesten Grundsätze des beut» Handwerkers denn doch noch zu fest im Blute; nicht emen Pfennig hätte er von dem Gelde bekommen, das auf Befehl eines unbekannten Ausschusses der „Mäuuer der Tat" nut Beschlag belegt worden sei, um den Zwecken des Anarchismus zu dienen."
„Oder den Privatzwecken des Herrn Carvalho , warf Just spöttisch dazwischen. „Glaubeit Sie nur ja nicht, daß sich solch ein Gauner für andere die Finger verbrennen würde; das tut nur ein gutgläubiger, gern getäuschter, deutscher Schwärmer, wie Sie einer sind. Uebrigens freut es mich, daß ich recht gehabt habe; ich sagte gleich dem Herrn Staatsanwalt, eines gemeinen Diebstahls ist Herr Peter Dechner gar nicht fähig, die Sache, müßte doch anders zusammenhängen; und der Herr Staatsanwalt stimmte mir sofort bei."
„Der Staatsanwalt Teil stimmte Ihnen bei? Mein Stiefbruder, der mich haßt und fürchtet? Sagen Sie, Herr Just, seit wann weiß er denn von meiner Mitschulb?"
„Schon seit jenem Tage, ba er draußen in Giesdorf war und Ihren Brief gefunden hat."
„Nnd er hat sich nicht beeilt, gegen mich einzuschreiten?'
„Er sträubte sich immer noch dagegen, er wollte und konnte nicht glauben, daß Sie ein Verbrecher wären,"
Neber Peters Antlitz flog ein Schein heller Freude. „Das hätte ich vom meinem Herrn Stiefbruder gar nicht vermutet! Will er mich denn auch ferner noch schonen?"
Diese Frage brachte Just auf beit eigentlichen Zweck seines Kommens zurück; wenn er auch ohne Wissen Teils hierher geeilt war, so hoffte er boch mit bem, was er zu tun beabsichtigte, Tells innersten Herzenswünschen zu entsprechen, t „Die Zeit ber Schonung hat leiber schon mörgen früh ein Ende, weil bereits aubere von Ihrer Mitschuld wissen. Dechuer, warten Sie es nicht ab, bis Sie verhaftet werben! Fliehen Sie! Reisen Sie sofort ab! Wenn Sie Gelb zur Reise brauchen, ich bin beauftragt, es Ihnen zur Verfügung zu stellen." v ,,
Er hatte sein Notizbuch hervorgelangt und entnahm ihm ein paar größere Kassenscheine.
„Wer bietet mir dies Geld zur Flucht an? Auch metn Stiefbruder?" _ ,
„Nehmen Sie nur, das ist die Hauptsache. Sie brauchen nicht zu wissen, aus welcher Quelle dieses Geld stießt." Daß er es selber war, der nur im Interesse Tells dieses Opfe'r bringen wollte, konnte er doch nicht verraten.
Aber seine ausweichende Antwort schien dem anderen nur recht zu geben. Peter hob sich, machte eine abwehrende Handbewegung und sagte: „Stecken Sie das Geld ein! Bringen Sie-meinem Bruder William meinen herzlichsten Gruß und Dank! Er soll mir vergeben, wenn ich ihm manchen Kummer bereitet habe; ich bin nicht schuld gewesen, sondern diese ungesunde Welt, bereu Opfer er ja auch ist, denn auch er ist nicht glücklich. Grüßen Sie William und auch Aböls meinen rechten Bruder. Dem wird es nicht fehlen."
Er griff in seine Brusttasche und langte ein Schriftstück hervor: „Dies bringen Sie William, es ist eine genaue, wahrheitsgetreue Darstellung des ganzen Vorganges in ber unseligen Nacht, lieber bie brüte Persönlichkeit, bie bei ber Sache beteiligt war, vermag ich näheres nicht anzugebeu; es
war unverkennbar ein noch jüngerer Mensch, er wurde Fritz genannt; er hat an ber Sübwestecke bes Schlosses Schildwacht gestanden. Er war aber kurz vorher als Hausierer tut Schlosse gewesen, wo ihn der Freiherr selber gesehen haben muß. Da nehmen Sie! Und nun lassen Sie mich auch noch Ihnen Dank sagen, daß Sie sich noch in so später Nacht hierher bemüht haben. Wenn Sie sich durch meine Hand nicht zu beschmutzen glauben, daun möchte ich wohl die Ihre drücken.
„Hier, Herr Dechuer, hier ist meine Hand! Wer so aufrichtig bereut, den habe ich nicht zu richten. Mag Gott Ihnen beistehen uudMhueu nach so viel Sturm und Schiffbruch auch wieder Frieden in einem Hafen schenken! Was haben Sie vor?"
„Ich werde verreisen. Sehen Sie, hier mache ich eilt Päckchen Geld zurecht für meinen Wirt da br innen; es ist meine Miete für den Monat. Ich lege ihm das Päckchen nachher auf den Nachttisch. Der alte Mann — er heißt Gebauer — ist eine ehrliche Haut, arm wie eine Kirchenmaus; ich empfehle ihn Ihrem Wohlwollen und der Schonung des Staatsanwaltes, denn er hat auf mein Bitten meine polizeiliche Anmeldung unterlassen."
7 „Ich werde dieses Mannes gedenken, Herr Dechuer. Wo reifen Sie aber hin? Ins Ausland? Haben Sie auch die erforderlichen Papiere? Doch ich will mich nicht aufdräugen."
„Ich habe alles, dessen ich bedarf, und bin sicher, daß man mich nicht finden wird." m
Er warf noch einen Blick rund durch den Raum und fuhr mit einer Stimme, die nunmehr fast gänzlich unverständlich geworden war, fort: „Wenn es Ihnen recht ist, dann wollen wir aufbrecheu. _
„Binden Sie erst noch dieses Tuch um Ihren Hals. Sie sind stark erkältet, Sie müssen vorsichtig sein."
Ein trübes Lächeln irrte um Peters Lippen: „Danke, Herr Inst, ich bedars Ihres Tuches wirklich nicht. Morgen früh bin ich in Sicherheit, und b'tt wird auch meine Erkaltung kuriert sein." '.
Peter hatte die brennende Lampe tn bte Hand genommen und lud den anderen durch eine Kopfbewegung ein, ihm zu folgen. Sie betraten das Vorderzimmer, wo Gebauer int tiefsten Schlaf lag. Peter gab die Lampe au Just ab, schlich au Gebauers Bett und legte auf das Tischchen neben bem» selben bas Päckchen mit bem Gelbe. „Möge es bir gut ergehen, bu alte, ehrliche Seele." Es war ein heiser gcmm* melier Abschiebsgruß. Nun nahm er tuieber bie Lampe an sich unb verließ mit Just bas Zimmer.
Oben int Hausflur setzte er bie Lampe auf ben Fuß- boben, schloß bie. Tür auf, pustete bann erst bie Lampe aus unb trat, nun mit Just ins Freie. Nachdem er die Tür von . draußen wieder abgeschlossen hatte, bot er Just die Hand und sagte: „Sie wohnen immer noch Genthinerstraße?"
Der andere nickte. „
„Dann trennen sich hier schon unsere Wege, ich muß mich norvwärts wenden."
„Gott sei mit Ihnen, Sie Unglückseliger!" Justs Stimme zitterte lebhaft.
Peter wandte sich und schritt eilig von bannen.
Just staub eine Weile still unb schaute bem Davonge- henben nach; er wußte, sie würben sich beide in biesein Leben nicht mehr Wiedersehen.
Peter, uachdeui er aus bem Sehbereich Justs gekommen war, verlangsainte seine Schritte unb ließ sich, ohne jebes bestimmte Ziel, vom bloßen Zufall weiterführen. Er wollte aushören, zu leben, bas staub bei ihm fest. Er schritt toeitetf unb weiter wie im Traume und kam eublich in bie Nahe der Schloßbrücke. Scheu sah er sich um: eine Schutzmäuuer-Pa- trouille war in seiner Nähe vorübergegangen, und sie gemahnte ihn, daß er das, was er vorhatte, schnell ausführen mußte, wenn ihn der nahende Morgen nicht daran verhindern sollte.
Er schritt-aus die Schloßbrücke zu. In ihrer Nähe führen in die Uferböschung gemauerte Stufen zum Wasser hernieder. Auf diefer Treppe verschwand er.
Bald darauf tönte ein Schuß unb dann das Ausschlagen eines ins Wasser fallenden Körpers.
Der Schisser aus einem der in der Nähe verankerten Spreekähne hatte den Schuß gehört; er kroch aus ben Federn unb guckte aus seiner Koje in bie Dämmerung hinaus. Da er nichts Besonderes gewahr wurde, zog er sich gähnend zurück und suchte wieder sein Lager auf.
Eine Stunde später erschieiten zwei Polizeibeamte beim alten Gebauer unb forschten vergeblich nach Peter Dechner;


